Moi
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Roman

About this book

Einmal muss es sein. Das weiß Moi. Aber noch ist es nicht so weit. Im Altersheim besucht sie ihr ehemaliger Pflegesohn Federico und sie nimmt ihn mit auf eine Reise in die Vergangenheit: Moi erzählt von ihrem etwas unheimlichen Start in die Welt, von ihrer Neugier und ihrer Schuld von allem Anfang an, von den Sonnenseiten des Schattendaseins, von Lust und Verlust. Sie vertraut Federico ihre Geheimnisse an, die bisher unter Scham verschlossen waren oder überhaupt vergessen schienen, und sie erfährt endlich, warum Federico damals über Nacht verschwand.In einer poetisch dichten Sprache und mit viel leisem Humor kommen an Mois Totenbett Frühling, Sommer, Herbst und Himmel zusammen.

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Information

Eins zwei drei vier fünf sechs segen
Kinder Kälber Gräber pflegen
Brüder Briefe Feuer Flieder
Die Erde holt sich alles wieder

4.1

Vor meinem Verschwinden aus dem Tal hatte ich zu Moi gesagt, dass ich nicht mehr lange bleiben würde.
Der Hof hing mir zum Hals heraus.
Und nach der Musterung war endgültig klar: Nichts wie weg.
Wider Erwarten war ich tauglich. Immer gepflanzt wegen meines kurzen Körpers, war er scheint’s doch groß genug fürs Militär.
Ich streunte noch eine Weile in der Stadt herum, wollte nicht so schnell auf den Hof zurück. Irgendwann ging ich doch zum Postauto. Die Haltestelle war direkt vor dem Theater.
Da kam ein Herr aus dem Gebäude heraus und sprach mich an. Er wollte wissen, woher ich komme und was ich vorhätte. Ich erzählte ihm vom Hof und dass ich jetzt bald zum Militär müsse. Dass ich aber nicht wolle, weil mir schon die Musterung gereicht hätte.
Während ich ihm so erzählte, wuchs in mir der Entschluss: Das Militär wird geschwänzt!
Bergbauernkinder wurden dort gequält, so hatte man mir erzählt. Und angenommene Bergbauernkinder würden gefoltert. Es gab keinen Grund, dies nicht zu glauben.
Schon in der Schule hatte ich für alles herhalten müssen. Solange Jachim noch dort war, hatte ich so etwas wie einen großen Bruder. Er selber war inzwischen der Größte in der Schule, da traute sich niemand mehr, ihn zu bespotten. Er hielt seine Hand über mich.
Aber als Jachim nicht mehr da war, wurde ich gnadenlos ausgelacht, gedemütigt, verprügelt.
Davon erzählte ich nie auf dem Hof.
Moi war selber noch nicht ganz heimisch. Und ihre Antwort wäre sowieso gewesen: Bete zu deinem Schutzengel! Oder: Wenn dir einer auf die Wange schlägt, halte die andere auch hin. Oder sie hätte ihren Lieblingssatz vom Balken im eigenen Auge und dem Splitter im Auge des anderen wiederholt.
Auf dem Hof glaubte man sowieso: Man ist auf der Erde, um sich leidend den Himmel zu verdienen.
Ich erzählte niemandem von meinen Qualen in der Schule.
Auch nicht dem fremden großen Herrn mit dem eleganten Anzug und dem schütteren Haar.
Er ging mit mir zur nächsten Bank und wir setzten uns. Da musste ich nicht mehr so angestrengt zu ihm aufschauen.
Er erzählte mir, er sei Schauspieler und gerade hier bei einer Theateraufführung. In drei Tagen fahre er wieder heim. Wenn ich nicht zum Militär wolle, solle ich doch über die Grenze. Er habe ein großes Haus und ich könne dort wohnen. Arbeit würde ich genug finden.
Er würde sich freuen.
Er gab mir seine Adresse. Ein nobles Kärtchen mit seinem Namen. Er hieß Frank. Frank musste dann zurück ins Theater. Ich steckte das Kärtchen ein und ging zur Haltestelle.
Als ich Moi damals vom fremden Mann erzählte, glaubte sie mir nicht. Ich war es gewohnt, dass man mir nicht glaubte, und zog mit Wonne das noble Kärtchen aus dem Hosensack.
Sie sah es lange an und dann mich mit einem Blick, der Staunen, Neid, Bewunderung und Zweifel zugleich ausdrückte.
Als ich ihr heute erzählte, dass ich wirklich bei dem Herrn in der Großstadt gelandet sei und mehr als mein halbes Leben mit ihm verbracht hätte, staunte sie wieder. Kein Neid mehr und keine Zweifel. Keine Missbilligung. Nur fragend ihr Blick. Da erzählte ich ihr mehr von Frank.
Moi kam mir erleichtert vor, dass ich bei ihm ein Zuhause gefunden habe. Sie nahm meine Hand, als ich ihr sagte, dass Frank nicht mehr lebe.
Die Männer, warum sind sie alle gegangen, unsere Männer.
Moi gab mir ihr sauberes und gebügeltes Taschentuch.
Ich erzählte ihr, dass Frank während seines letzten wirklich großen Auftrittes erkrankt sei. Dass ich die große Wohnung sofort weitergegeben hätte, als Frank nicht mehr aus dem Krankenhaus zurückkam. Ich sei in eine kleine Wohnung gezogen und hätte unseren Kater mitgenommen.
Moi hörte zu.

4.2

Bei uns daheim war alles klein, nur das Eingangstor war groß.
Wir waren es gewohnt, eng zusammenzusitzen und zu mehreren in einem Bett zu schlafen. Wir hätten alle unter dem Eingangstor Platz gehabt. Die Eltern, sieben Kinder, die Ziege und die halbe Kuh.
Das Tor war groß und nie versperrt.
Wir wohnten unterhalb der Straße. Wenn man dort ausrutschte, kugelte man fast durch unser Haustor herein. Es kamen oft Leute, die aufs Klo mussten oder Hunger hatten oder eine Rast brauchten, etwas zu trinken oder eine Übernachtung. Krämer, Hausierer, Bettler, Landstreicher, Leute auf dem Weg ins Tal oder vom Tal auswärts.
Sie bekamen immer etwas zu trinken. Brot gab es auch meistens. Schlafen durften sie auf dem Stroh neben der Ziege, im Stall unterhalb der Stube. Die meisten waren zufrieden damit. Da war es warm und in der Früh bekamen sie den ersten warmen Schluck Milch. Dann zogen sie dankbar weiter.
Meistens war es so.
Einmal war es anders.
Einmal kam eine Frau aus einem entfernten Tal am anderen Ende des Landes. Sie sei bei der Option mit ihrem Mann ausgewandert und nun mit den vier Kindern zurück in ihr Tal, nachdem der Mann nicht mehr vom Krieg heimgekommen war. Sie sei auf die Güte guter Leute angewiesen. Sie sei im ganzen Land unterwegs, um zu betteln. Man gebe ihr überall etwas. Sie tat uns leid. Wir suchten etwas zusammen aus den fast leeren Schubladen.
Inzwischen war es Abend geworden. Ob sie bei uns schlafen dürfe.
Es war selten, dass eine Frau daherkam, und die schickte man nicht in den Stall. Wir rückten dann noch näher zusammen in unseren Betten, sodass sie eine Bettstatt für sich allein bekam. Wir redeten noch lange vor dem Einschlafen. Sie erzählte von ihrem Dorf und ihrer Familie und alles war spannend.
Die Frau hieß Afra.
Sie müsse am nächsten Morgen früh weg, sie wolle so schnell wie möglich zurück zu den Kindern.
Als wir am nächsten Tag aufstanden, war Afra weg und die Kastentür einen Spalt offen. Das war seltsam. Niemand hatte sie aufstehen und gehen gehört. Und der Kasten geöffnet? Wir hatten keine kostbaren Kleider, nichts, was uns stehlenswert vorgekommen wäre.
Außer meinem neuen, schönen Schultertuch. Ich hatte es mir mit meinem ersten Jahreslohn im Trachtengeschäft in der Stadt gekauft. Es war weg.
Mein erstes eigenes Kleidungsstück. Das Schultertuch für das Festtagsgewand.
Ich hatte es mir selber und mit schwer verdientem Geld gekauft. Mein Glanzstück war weg! Rosarote Seide, bestickt mit gelben und blauen Blumen mit grünen Ranken, der Rand mit einem feinen weißen weichen Fellstreifen eingefasst. Seit ich es gekauft habe, bin ich jeden Morgen und jeden Abend zu meinem Tuch, habe es an meine Wange gedrückt und an meine Nase gehalten, habe den Duft der Seide aufgesogen und mich auf den Tag gefreut, an dem ich es zum ersten Mal anziehen würde.
Vater war erst gestorben. Ein Jahr lang schwarze Kleider.
Das Jahr war fast um.
Und nun war das Prachtstück nicht mehr im Kasten.
Ich war fassungslos. Sprachlos. Ich weinte.
Die Geschwister waren ratlos.
Dann tröstete mich meine jüngere Schwester Brigitta: Das holen wir zurück! So viele Angaben haben wir, dass wir die Diebin ausfindig machen würden.
Ich glaubte es nicht. Wenn sie schon eine Diebin war, ist sie sicher auch eine Lügnerin und hat uns falsche Informationen gegeben. Wahrscheinlich hieß sie gar nicht Afra. Ich hatte den Namen noch nie gehört.
Aber meine Schwester ließ sich nicht abbringen von ihrer Idee.
Als Mutter ihre Entschlossenheit und meine Verzweiflung sah, beriet sie sich mit dem Heiligen Antonius: mindestens zwei Messen und eine ziemliche Summe fürs Antoniusbrot für die Armen. Auch für den Reiseproviant und für Übernachtungsmöglichkeiten müsse er sorgen, sie würden ja mehrere Tage unterwegs sein.
Unsere Mutter wollte die Schwester nicht allein losziehen lassen. Vinzenz sollte mit.
Wir hatten nur ein Fahrrad, jenes von Vater. Es brauchte ein zweites. Nur mit dem Fahrrad war es möglich, von Dorf zu Dorf zu fahren und Afra auszuforschen.
Vinzenz ging ins nächste Dorf zur Sonntagsmesse. Er wollte einen Freund fragen, ob er ihm das Fahrrad leihe. Er traf Paul nicht bei der Messe, also ging er zu seinem Hof hinauf. Eine Stunde steil nach oben. Paul war auch dort nicht. Er traf ihn dann beim Heimwärtsgehen. Paul sagte ihm, wo er das Rad finde und wo er den Schlüssel versteckt habe.
Montagfrüh ging ich wie immer in den Dienst und die beiden jüngeren Geschwister zogen los. Brigitta auf Pauls großem Rad, Vinzenz auf dem großen Rad von Vater. Ein Stück Brot und eine Schale mit Marmelade im Rucksack.
Montagabend kamen sie im ersten Dorf des Tales an. Sie klopften an ein Haus neben der Straße und brachten ihr Anliegen vor. Afra gebe es keine im Dorf und auch nicht im nächsten. Aber sie bekamen etwas zu essen und durften im Heu übernachten. Auch Frühstück gab es. Dann radelten sie weiter von Dorf zu Dorf. Sie gingen überall auf die Gemeinde, aber eine Afra, die mit vier Kindern nach der Auswanderung zurückgekommen ist, gab es nicht.
Da fiel meiner Schwester ein, dass Afra von einer jungen Frau in ihrem Dorf erzählt hatte, die mit einem Lastwagen herumfahre, sie hatte keine Freude an der Arbeit im Geschäft ihrer Eltern. Diese Information verhalf ihnen zum richtigen Ort. Dienstagabend kamen sie beim gesuchten Geschäft an. Es war noch offen. Man kannte die beschriebene Frau mit den vier Kindern und dem Muttermal am linken Nasenflügel. Aber sie hieß nicht Afra, sie war keine Rückwandererin, sie hatte keinen Mann im Krieg verloren und man wusste nicht, wo sie zurzeit sei. Aber sie hatte vier Kinder und man wusste von ihrer Sammelsucht. Landauf, landab gehe sie betteln und sammle Taschen voll Stoffe und Anziehsachen. Ihre Kinder waren auf den Höfen der Umgebung untergebracht. Eines davon in der Nähe. Brigitta und Vinzenz gingen hin, bekamen Übernachtung und Frühstück sowie Auskunft über den Aufenthaltsort von Afra, die Serafina hieß. Am Mittwochmorgen radelten sie zu Afras Aufenthaltsort. Sie hatten ihre Räder gerade abgestellt, da sahen sie sie auf der Straße entgegenkommen.
Sie konnte nicht mehr ausweichen.
Sie begann zu stottern, als sie meine Schwester sah. Sie wurde rot, als diese mein Tuch zurückforderte. Afra druckste noch eine Weile herum, zuerst leugnete sie, sie habe nichts gestohlen. Meine Schwester aber gab nicht nach, drohte mit den Carabinieri. Da gestand Afra: Das Tuch sei noch in der Tasche, die sie im Dorf unterhalb von uns daheim eingestellt habe. Meine Schwester benahm sich, als wäre sie von der Polizei und nicht erst sechzehn Jahre alt. Sie bestand darauf, dass Afra sie bis zum Dorf zurückbegleite. Sie wollte sich nicht noch einmal anlügen lassen. Sie lieh sich im Geschäft der Eltern der Lkw-Fahrerin das Geld für die Rückfahrkarte für sich, für Afra und das Herrenrad. Vinzenz fuhr mit dem Rad zurück.
Ich kann es heute noch nicht glauben, aber am Donnerstagabend kamen meine jüngeren Geschwister mit meinem Tuch zurück. Sie brachten noch weitere Sachen heim, die sie in der Tasche von Afra gefunden hatten...

Table of contents

  1. Cover
  2. Zum Buch
  3. Zum Autor
  4. Titel
  5. Inhalt
  6. Widmung
  7. Eins
  8. Zwei
  9. Drei
  10. Vier
  11. Fünf
  12. Sechs
  13. Sieben
  14. Dank
  15. Impressum

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