Ausgelöschte Namen
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Ausgelöschte Namen

Die Opfer des Nationalsozialismus im und aus dem Gailtal

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Ausgelöschte Namen

Die Opfer des Nationalsozialismus im und aus dem Gailtal

About this book

70 Jahre herrschte eisernes Schweigen ĂŒber die Opfer des Nazi-Terrors im KĂ€rntner Gailtal. Dieses Tabu wurde durch die Arbeit des Vereins Erinnern Gailtal gebrochen. Das Gedenkjahr 2015 wird nun zum Anlass genommen, all jene vergessenen und verdrĂ€ngten NS-Opfer im und aus dem Tal zurĂŒck in die Erinnerung zu holen und ihnen einen Platz im kollektiven GedĂ€chtnis zu geben. 200 Biographien von NS-Opfern, unter ihnen KĂ€rntner Slowenen, Juden, Homosexuelle, Geistliche, politisch Verfolgte, WiderstandskĂ€mpfer und "Euthanasie"-Opfer, konnte das Team um Bernhard Gitschtaler in dreijĂ€hriger Forschungsarbeit ausfindig machen. Dass einige der Autoren ĂŒber NS-Opfer in der eigenen Familie und den familiĂ€ren Umgang mit der Geschichte der Ermordeten schreiben, ist nur eine der Facetten, welche dieses Buch so eindringlich und brandaktuell machen. Wer es liest wird sich aber auch die Frage stellen, wie es sein kann, dass eine Region konsequent seine ermordeten Söhne und Töchter, VĂ€ter und MĂŒtter, Großeltern und Enkelkinder, Nachbarn und Verwandte verdrĂ€ngen und vergessen konnte. Die Autoren erzĂ€hlen so nicht nur die Geschichte und den Umgang einer KĂ€rntner Region mit der eigenen dunklen Vergangenheit, sie erzĂ€hlen viel mehr: eine österreichische Geschichte.

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Information

Year
2015
Edition
1
eBook ISBN
9783701362349
Widerstand gegen das NS-Regime
Bernhard Gitschtaler & Daniel Jamritsch
Bisher gibt es keine Untersuchung, welche die unterschiedlichen Widerstandsformen gegen das NS-Regime im Gailtal wissenschaftlich fundiert kontextualisiert und zusammengefasst zugĂ€nglich macht. DafĂŒr gibt es unterschiedliche GrĂŒnde. Einerseits herrschte sowohl im Tal selbst als auch darĂŒber hinaus wenig Interesse daran, WiderstandskĂ€mpfer und deren Geschichten in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rĂŒcken. Diese Thematik ist nach wie vor von eklatanten Vorurteilen und Ressentiments geprĂ€gt. Damit steht in diesem Feld auch das Gailtal in der KĂ€rntner Geschichtstradition, denjenigen Personen, Familien und Orten, die sich am Widerstand gegen den NS-Terror beteiligten, grĂ¶ĂŸten Argwohn entgegenzubringen, ja diese oft sogar noch ĂŒber die Dauer des NS-Regimes hinaus wirtschaftlich zu benachteiligen und sie in die Ecke der vermeintlichen „HeimatverrĂ€ter“ zu stellen. Selbes galt und gilt in KĂ€rnten nach wie vor fĂŒr Deserteure aus der Wehrmacht und den SS-VerbĂ€nden.
Sowohl Desertion als auch bewaffneter Widerstand wurden im ersten Nachkriegsjahrzehnt ausfĂŒhrlich verhandelt, wobei in sich widersprĂŒchliche (Geschichts-)Bilder entstanden, die sich als Ă€ußerst zĂ€hlebig erweisen sollten. Die sich ergebenden WidersprĂŒche und die großen blinden Flecken – wo blieben die AnsprĂŒche von NS-Opfern in einem „Land der Opfer“, was bedeutet „Widerstand“ in einem solchen Setting und welche Anerkennung konnte es dafĂŒr geben? – wurden nie aufgelöst. Es wurde jedoch genau darauf Bedacht genommen, der absoluten Mehrheit stets zu versichern, dass der Dienst in der Deutschen Wehrmacht eine richtige und legitime Entscheidung war. SpĂ€testens ab 1955 stand moralisch wie legistisch die „PflichterfĂŒllung“ klar vor dem mit „Eidbruch“ verbundenen Widerstand. [
].244
Wie drastisch sich der traumatisierende Umgang – bis hin zur TĂ€ter-Opfer-Umkehr – mit jenen, die sich gegen das NS-Regime stellten, in der hiesigen Gesellschaft niederschlug und teilweise noch immer niederschlĂ€gt, ist in Maja Haderlaps preisgekröntem Werk Engel des Vergessens eindrucksvoll geschildert. Fest steht, dass KĂ€rnten sich auch heute noch schwer tut, die eigenen WiderstandskĂ€mpfer und Deserteure zu wĂŒrdigen und anzuerkennen, wĂ€hrend im Gegensatz dazu 2014 am Wiener Ballhausplatz – also im Zentrum der Stadt – sogar ein Denkmal fĂŒr die Deserteure aus Wehrmacht und SS-VerbĂ€nden unter Beisein des BundesprĂ€sidenten eingeweiht wurde.
Die Marschrichtung fĂŒr das deutschnationale KĂ€rnten nach 1945, in dem Widerstand gegen das NS-Regime als Verrat gehandelt wurde und noch immer wird und in dem jede Art der Weltoffenheit, die ĂŒber den devisenbringenden Sommer- und Wintertourismus hinausgeht, von vornherein verunmöglicht wurde, gab der einstige KĂ€rntner NSDAP-Gauleiter, SS-ObergruppenfĂŒhrer und Kriegsverbrecher Friedrich Rainer bei dessen RĂŒcktritt im Mai 1945 mit der Parole: „Paßt mir auf mein KĂ€rnten auf“, aus.245 In die verbale Tradition des NS-Verbrechers Rainer stellten sich 1991 auch Jörg Haider und 2012 Uwe Scheuch, als sie sich in pathetischer Anlehnung an Rainer dessen Zitat bei ihren Abschieden aus der Politik bedienten.246 Diese Botschaft hat in KĂ€rnten bisher immer ihre Adressaten gefunden.
Wenig zutrĂ€glich erwies sich in diesem Zusammenhang auch der nach 1945 aufkommende Kalte Krieg. Dieser fĂŒhrte u.a. dazu, dass die britische Verwaltung in KĂ€rnten nach 1945 die Zusammenarbeit mit belasteten NS-Sympathisanten, die ihre antikommunistische Haltung ja zur GenĂŒge bewiesen hatten, zumeist bevorzugte. Umgekehrt wurde vor allem die slowenischsprachige Bevölkerung KĂ€rntens aufgrund des kommunistisch orientierten Jugoslawiens in den Augen der britischen Verwaltung pauschal als mit dem Kommunismus sympathisierend gehandelt. „Linke“ Politik war in KĂ€rnten unter anderem vor dem Hintergrund des Blockkonfliktes nicht möglich, und tatsĂ€chliche Entnazifizierung konnte aus den genannten GrĂŒnden ebenfalls nicht stattfinden. Bestehende informelle NS-Strukturen, vor allem aber deutschnationale, rassistische und antislawische Vorurteile und Denkmuster konnten sich so wĂ€hrend der Jahre der britischen Verwaltung fortsetzen und die Politik im Lande KĂ€rnten und natĂŒrlich auch im Gailtal ĂŒber Jahrzehnte weiter bestimmen.247
Auch auf der familiĂ€ren Ebene fĂŒhrte diese Politik zu Spannungen und ZerwĂŒrfnissen die, so konnten wir in einigen GesprĂ€chen feststellen, oftmals noch heute nicht auf- und verarbeitet sind. Nicht selten meldete sich der eine Sohn zur SS, wĂ€hrend andere BrĂŒder oder Schwestern sich dem Widerstand anschlossen. Die unversöhnliche und kompromisslose deutschnationale Politik im NachkriegskĂ€rnten perpetuierte diese familiĂ€ren GrĂ€ben. Auf der anderen Seite konnte in persönlichen GesprĂ€chen in Erfahrung gebracht werden, dass in manchen Familien das Andenken an WiderstandskĂ€mpfer und Deserteure aus dem Verwandtenkreis hochgehalten wird – heimlich und abgeschirmt vor der oft bedrohlichen KĂ€rntner Außenwelt und den Nachbarn.
Im Folgenden soll ein Überblick ĂŒber die WiderstandstĂ€tigkeiten im Gailtal in den Jahren 1938 bis 1945 gegeben werden, um so zumindest einige Mythen, aber auch Vorurteile den damaligen WiderstĂ€ndigen gegenĂŒber aus dem Weg zu rĂ€umen. Das Gailtal wird dabei nicht isoliert, sondern im Rahmen der unterschiedlichen Widerstandsbewegungen im Alpen-Adria-Raum und dem KĂŒstenland betrachtet. Dies ist deshalb wichtig, da eine Untersuchung des antifaschistischen Widerstandes im Rahmen heutiger staatlicher Grenzen (Österreich, Italien, Slowenien) immer eine unvollstĂ€ndige Untersuchung bleiben mĂŒsste, welche es nicht vermag, die umfassenden Bestrebungen gegen das NS-Regime sowie lokale, regionale und transnationale Verankerung und Organisation der Widerstandsgruppen zu verstehen geschweige denn nachzeichnen zu können.248
Widerstandsformen im Gailtal
Zuallererst stellt sich natĂŒrlich die Frage, was Widerstand ist und wann ĂŒberhaupt von Widerstand gegen das NS-Regime gesprochen werden kann. Aktiver politischer Widerstand ist von weltanschaulicher Dissidenz oder (temporĂ€rer) gesellschaftlicher Verweigerung einem bestimmten Herrschafts regime gegenĂŒber zu unterscheiden. Dennoch wird versucht, möglichst alle Spektren des Handelns und Verweigerns in Bezug auf das NS-Regime im Gailtal im Folgenden zu thematisieren.
Einleitend kann, um die Ausgangslage der WiderstĂ€ndigen zu skizzieren, festgestellt werden, dass die Zustimmung zum Nationalsozialismus im Gailtal, wie in weiten Teilen KĂ€rntens ĂŒberhaupt, sehr hoch war.249 Nichtsdestotrotz sind wir im Zuge der Forschung auf WiderstandsaktivitĂ€ten gestoßen, die anschließend ErwĂ€hnung finden sollen. Denn die mir immer wieder vorgetragene Behauptung, wonach es im Gailtal gar keine Opposition gegeben habe, ist nicht haltbar.
Die eindeutigste Widerstandsform, von der hier die Rede sein kann, ist der organisierte, bewaffnete Widerstand. Dieser blieb im Gailtal allerdings die Ausnahme und entwickelte sich ab 1943 hauptsĂ€chlich im unteren Teil des Tales rund um Arnoldstein/PodkloĆĄter, wo sich eine Gruppe von Frauen und MĂ€nnern zu den sogenannten „SchĂŒtt-Partisanen“ zusammenschloss. SpĂ€ter mehr dazu.
Wie aus den Opferbiographien im Anschluss ersichtlich wird, kam es im Verlaufe des Krieges auch zu vereinzelten Sabotageakten vor allem entlang der Bahnstrecke im Gailtal, allerdings blieben auch diese die Ausnahme. Manche Gailtaler fĂŒhrte ihre berufliche TĂ€tigkeit aus dem Tal heraus und sie schlossen sich in den jeweiligen Orten kleineren oder grĂ¶ĂŸeren Widerstandsgruppen an. Dies ist eine Entwicklung, die im Rahmen der Opferbiographien besonders oft auffĂ€llt, was wiederum auf die Wichtigkeit des entsprechenden Umfeldes der Einzelpersonen verweist. Was im Gailtal oft nicht möglich schien, konnte in anderen Regionen sehr wohl zu handfesten Widerstandsakten fĂŒhren. Auf jeden Fall war ĂŒber alle Regionen hinweg die Eisenbahn (Reichsbahn) ein TĂ€tigkeitsfeld der aktiven politischen Opposition. Auch dies wird durch die Biographien im Anschluss deutlich.
Die von Peter Pirker hier verfasste Biographie von Rudolf Moser wiederum zeigt, dass auch der britische Geheimdienst „Special Operations Executive“ (SOE) darum bemĂŒht war, den antifaschistischen Widerstand im Gailtal zu organisieren. Dazu wurde mit Privatpersonen im oberen Gailtal, in Osttirol und Oberitalien zusammengearbeitet.250 Manche Aktivisten wurden verraten und in Konzentrationslager deportiert.251 Die BemĂŒhungen im Gailtal, einen breiten bewaffneten Widerstand auf die Beine zu stellen, sollten allerdings scheitern.
Offenkundig wurde in unserer Arbeit, dass im Laufe der NS-Herrschaft die Überwachung und damit auch die Denunziation von Nachbarn, Bekannten und Verwandten immer mehr zunahm. DarĂŒber hinaus sollten viele Gailtaler alleine aufgrund ihrer vormaligen Zugehörigkeit zur Kommunistischen oder Sozialistischen Partei zumindest zeitweise inhaftiert werden. (Siehe das Kapitel „Die NS-Aktion ‚Gitter‘ im Sommer 1944, S. 314).
Ein hĂ€ufiges Motiv fĂŒr die Übertretung von NS-Gesetzen war der religiöse Glaube, wenngleich diese Opposition in der Wirkung anders zu bewerten ist als die zuvor genannten bewaffneten und organisierten Formen. Besonders glaubenstreu erwiesen sich im Gailtal wie auch sonstwo die „Zeugen Jehovas“, was sie zu einer besonders stark verfolgten Gruppe machte. (Siehe das Kapitel „Jehovas Zeugen – Christliche Glaubensmenschen im Visier des NS-Regimes“, S. 185.)
Trotz strenger Vorgaben und Verbote unterschiedlicher christlicher Feiertage durch das NS-Regime ließen sich auch Zugehörige katholischer und evangelischer Glaubensgemeinschaften nicht immer davon abhalten, an Osterprozessionen oder Wallfahrten teilzunehmen. Die lokalen SS- und SD-Kollaborateure sorgten dann ihrerseits dafĂŒr, dass die Teilnehmer an die Parteileitung gemeldet, also denunziert wurden. Zeitzeugen berichteten uns, dass SS-FĂŒhrer im Tal immer wieder direkt vor den KircheneingĂ€ngen standen und die Kirchenbesucher notierten, um sie zu melden. Nach der Befreiung vom NS-Regime waren es nicht selten die Kolla bora teure und De...

Table of contents

  1. Deckblatt
  2. Titelseite
  3. Widmung
  4. Impressum
  5. Inhalt
  6. Vorwort des Herausgebers
  7. Die SS-Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im Jahre 1938
  8. Morden unter dem Deckmantel der Medizin: NS-„Euthanasie“ in KĂ€rnten/KoroĆĄka und dem Gailtal/Ziljska dolina
  9. Roma und Sinti als NS-Opfer
  10. Der Rosa Winkel – Homosexuelle als NS-Opfer
  11. Antisemitismus und Judenverfolgung im Gailtal „Nichts erinnert an die Opfer des Naziterrors“
  12. Gailtaler KĂ€rntner Slowenen als Opfer des NS-Regimes
  13. Geistliche NS-Opfer im und aus dem Gailtal – Kirche zwischen Kollaboration und Widerstand
  14. Jehovas Zeugen – Christliche Glaubensmenschen im Visier des NS-Regimes
  15. Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit wÀhrend des Nationalsozialismus im Gailtal
  16. Widerstand gegen das NS-Regime
  17. Die NS-Aktion „Gitter“ im Sommer 1944
  18. Die Rache des Regimes – Verfolgte Austrofaschisten aus dem Gailtal
  19. Kritik am NS-Regime – Aufgrund des „HeimtĂŒckegesetzes“ u.Ă€. verurteilte Gailtaler
  20. Der Ort der industriellen Vernichtung – Das Konzentrationslager
  21. Namen der vom NS-Regime getöteten Gailtalerinnen und Gailtaler
  22. Namen der ĂŒberlebenden NS-Opfer aus dem Gailtal
  23. NS-Opfer deren Verbleib ungeklÀrt bleibt
  24. AbkĂŒrzungsverzeichnis
  25. Anmerkungen
  26. Literaturverzeichnis
  27. Die Autorinnen und Autoren
  28. Der Verein Erinnern Gailtal
  29. Danksagung

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