Norbert Copray, An WidersprĂŒchen wachsen
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Norbert Copray, An WidersprĂŒchen wachsen

Im Zwiespalt von Geld und Liebe, Moral und Ethik, Kommunikation und Internet, Geist und Ungeist

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Norbert Copray, An WidersprĂŒchen wachsen

Im Zwiespalt von Geld und Liebe, Moral und Ethik, Kommunikation und Internet, Geist und Ungeist

About this book

Geht es Ihnen auch so: Sie spĂŒren fast tĂ€glich Ihre eigenen WidersprĂŒche. Und die von anderen, die uns nahe sind oder die wir durch Medien beobachten. Wir sind paradox: Wir wollen FlĂŒchtlinge in unser Land lassen - doch nicht zu nah. Wir wollen die Energiewende - aber ohne WindrĂ€der und Stromleitungen vor der HaustĂŒr. Wir treten fĂŒr Offenheit und Kritik ein - wollen selbst aber davon verschont bleiben...Doch: Kein Grund zur Resignation! In diesem Buch geht es um einen produktiven Umgang mit eigenen und fremden WidersprĂŒchen in zentralen Feldern unseres Lebens: wie wir unsere ZwiespĂ€ltigkeit nutzen können, um VerĂ€nderungen zum Besseren den Weg zu bahnen.

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Information

Publisher
Publik-Forum
Year
2015
Edition
1
eBook ISBN
9783880952904

Über dieses Buch

Geht es Ihnen auch so: Sie spĂŒren fast tĂ€glich Ihre eigenen WidersprĂŒche. Und die von anderen, die uns nahe sind oder die wir durch Medien beobachten. Wir sind paradox: Wir wollen FlĂŒchtlinge in unser Land lassen – doch nicht zu nah. Wir wollen die Energiewende – aber ohne Wind­rĂ€der und Stromleitungen vor der HaustĂŒr. Wir treten fĂŒr Offenheit und Kritik ein – wollen selbst aber davon verschont bleiben ...
Doch: Kein Grund zur Resigna­tion! In diesem Buch geht es um einen produktiven Umgang mit eigenen und fremden WidersprĂŒchen in zentralen Feldern unseres Lebens: wie wir unsere ZwiespĂ€ltigkeit nutzen können, um Ver­Ànderungen zum Besseren den Weg zu bahnen.

Hinweis zum Autor

Norbert Copray studierte 1972 bis 1980 Philosophie, Sozialwissenschaften, Psychologie und Theologie in TĂŒbingen und Frankfurt am Main mit den AbschlĂŒssen B.A. phil., M.A. phil., Dipl.-Theol. und Dr. phil. Zusatzausbildungen in Psychotherapie, Gruppendynamik, Meditation und Publizistik. LangjĂ€hrige freiberufliche TĂ€tigkeit als Journalist und Redakteur (u. a. im HR, von »LayReport« und »Chefposition«), als Berater, Therapeut, Seminarleiter und Coach, Autor und Herausgeber zahlreicher BĂŒcher. 1980 Aufbau eines Netzwerks fĂŒr Coaching, Training und Consulting zur Begleitung von FĂŒhrungskrĂ€ften und Management. 2000 GrĂŒndung der Fairness-Stiftung gemeinnĂŒtzige GmbH. Zahlreiche VortrĂ€ge, Seminare und Trainings. Seit 1977 freiberufliche Leitung des Rezensionswesens der Zeitschrift Publik-Forum, fĂŒr die er auch im Auftrag der Leserinitiative Publik e. V. als ehrenamtlicher Herausgeber und Gesellschafter tĂ€tig ist.

Vorwort

Ich hĂ€nge mit drin. Sie hĂ€ngen mit drin. Wir alle hĂ€ngen mit drin – in einer regionalen, europĂ€ischen und globalen Gesellschaft und Wirtschaft. In diesen ZusammenhĂ€ngen werden wir selbst zu einem BĂŒndel aus WidersprĂŒchen, aus AnsprĂŒchen und ZusprĂŒchen, aus Anforderungen und Herausforderungen, die auch mit dem besten Willen nicht auf einen Nenner zu bringen sind, schon gar nicht in einer Person. Das strapaziert uns: unsere Gesundheit, die Natur, Tiere und Mitmenschen, SozialitĂ€t und Politik, unsere SpiritualitĂ€t, unsere Moral, unsere Orientierung und unsere tĂ€gliche Praxis. Manche belastet es so sehr, dass sie daran zu leiden beginnen, mitunter Burnout, Depression oder gar schizoide Verhaltensweisen entwickeln. Das eigene Leben gestalten mĂŒssen und dabei neben sich stehen: Das passiert öfter, als viele glauben. Die Medien verstehen das zu nutzen und dringen in uns ein: mit ihrem Dauergrundrauschen, mit ihrer zusĂ€tzlichen Widerspruchsvermehrung, mit ihren Ersatzhandlungen fĂŒr unsere SouverĂ€nitĂ€t etwa durch Votings und Feedbacks. Sie besetzen Felder, die unsere ureigenen sind: unser Denken, FĂŒhlen und Handeln. Sie wissen durch die digitale RealitĂ€t von Algorithmen, was wir zu tun gedenken, unterlassen werden. Sie wollen es zumindest und behaupten es.
In WidersprĂŒchen sind wir – ich und Sie – befangen:
  • Unser Land soll FlĂŒchtlinge aufnehmen – aber bitte nicht vor unserer HaustĂŒr!
  • Unser Land soll aus Atom und Kohle aussteigen – aber gefĂ€lligst ohne WindmĂŒhlen und Stromleitungen in unserer NĂ€he!
  • Wir wollen sozial erzeugte Textilien ohne Ausbeutung – aber selbstverstĂ€ndlich zu gĂŒnstigsten Preisen!
  • Wir wollen gesunde Lebensmittel und eine natur- und tiervertrĂ€gliche Landwirtschaft – aber keine steigenden Kosten!
  • Wir wollen eine stressreduzierte MobilitĂ€t – aber möglichst rasch von A nach B gelangen.
  • Wir verstehen uns als sozialökologisch Orientierte – sind aber zugleich gefangen in den wechselseitigen AbhĂ€ngigkeiten des Finanzmarktes.
  • Wir wollen stets erreichbar sein – ĂŒberfordern aber andere mit dem gleichen Anspruch und schließlich uns selbst.
  • Wir treten fĂŒr Offenheit und Kritik ein – möchten aber selbst davon verschont bleiben.
  • Wir nutzen die Leistungen des Internets – treten aber gegen die allseitige Vernetzung ein.
Die Liste ließe sich noch seitenlang weiterfĂŒhren und individuell spezifizieren.
Es ist höchste Zeit, dass wir uns Klarheit verschaffen ĂŒber
  • die Art und Weise unserer Verstrickung in WidersprĂŒche und wie damit umzugehen sei;
  • die WidersprĂŒche unserer Moral und Ethik sowie unsere Suche nach freier Selbstbestimmung und nach SouverĂ€nitĂ€t;
  • die WidersprĂŒche zwischen unserer Kommunika­tion und Internetnutzung;
  • den Geist und Ungeist von Menschen und Organisationen, zumal wenn sie mit sozialem, ethischem oder christlichem Anspruch unterwegs sind;
  • die WidersprĂŒche einer oftmals unkritisch praktizierten, mitunter verzweckten SpiritualitĂ€t und ihre Bedeutung fĂŒr unsere Gesundheit, unsere Ethik, unser MitgefĂŒhl und eine faire Praxis.
Ich lade Sie ein, mich bei meinem Gang durch markante WidersprĂŒche unserer Zeit, ihre Dimensionen und Dynamiken zu begleiten. Um herauszufinden, wie es um uns bestellt ist und was wir den Ambivalenzen, in und mit denen wir leben, konstruktiv abgewinnen können. Das vorliegende Buch verdankt sich in einigen Passagen VortrĂ€gen und Statements und ist teilweise eine Antwort auf Reaktionen dazu. Der Stil freier Rede wurde so weit wie möglich bewahrt, um den Versuch anzuzeigen, die eigenen Erfahrungen mit WidersprĂŒchen und die Gedanken dazu in Sprache zu bringen.
So können Sie mit mir entdecken, wie unsere mehrfache ZwiespĂ€ltigkeit zum Antrieb, zur Herausforderung und zur Quelle einer immerwĂ€hrenden Umkehr oder zu einem steten Neubeginn eines Lebens mit WidersprĂŒchen und durch WidersprĂŒche hindurch werden kann. Die Dialektik unserer WidersprĂŒche ist der Stoff, aus dem Neues zu werden vermag. Immer wieder. Ohne Unterlass. So wie das Universum stĂ€ndig neue Sterne gebiert.
Ich wĂŒnsche Ihnen eine anregende und bisweilen aufregende LektĂŒre
Norbert Copray

I. Geld und Liebe

Nahezu neunzig Prozent der Bevölkerung in Deutschland forderten 2010 eine »andere Wirtschaftsordnung«. Der Kapitalismus sorge weder fĂŒr einen »sozialen Ausgleich in der Gesellschaft« noch fĂŒr den »Schutz der Umwelt« oder einen »sorgfĂ€ltigen Umgang mit den Ressourcen«, hieß es. Dies hatte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung herausgefunden. Das war vor fĂŒnf Jahren – noch inmitten der fĂŒr alle wahrnehmbaren Finanz- und Wirtschaftskrise.
Und heute?
Wachstum und Geld waren den Deutschen 2010 nicht so wichtig. Die Umwelt und sozialer Ausgleich umso mehr. Wenn sich acht von zehn BundesbĂŒrgern angesichts der europaweiten Finanz- und Wirtschaftskrise eine neue Wirtschaftsordnung wĂŒnschten, warum ist dann diesbezĂŒglich so wenig geschehen. Warum sind es oftmals nur kleine Minderheiten, die sich fĂŒr eine andere, eine sozialere, ökologische und fairere Wirtschaftsordnung einsetzen oder dafĂŒr demonstrieren?
Immerhin misstrauten zwei von drei Befragten seinerzeit bei der Lösung der Probleme den SelbstheilungskrÀften der MÀrkte. Vier Jahre spÀter dann zeigen sich 49 Prozent mit der sogenannten »sozialen Marktwirtschaft«, also der bundesrepublikanischen Spielart des Kapitalismus, zufrieden.
Seinerzeit sagte Aart Jan De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, das Volk sei gar nicht so stark an kurzfristigen Zielen interessiert: »Nachhaltigkeit, Umwelt und Soziales liegt vielen BĂŒrgern mehr am Herzen, als Politiker glauben.« Zwei Drittel der Befragten glaubten nicht mehr daran, dass Wirtschaftswachstum die eigene LebensqualitĂ€t steigere.
Die von der Euro-Krise ausgelösten Sorgen der Deutschen werden inzwischen durch andere Ängste verdrĂ€ngt. Das belegen Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW. WĂ€hrend sich 2009 noch 49 Prozent der BĂŒrger vor instabilen MĂ€rkten fĂŒrchteten, waren es im vergangenen Jahr nur noch dreißig Prozent. »Man darf nicht vergessen, dass die breite Bevölkerung sich seit einigen Jahren an die Krise gewöhnt hat und auch die hohe Erwartung an stabile FinanzmĂ€rkte gesunken ist«, sagte JĂŒrgen Schupp, Leiter der SOEP-Forschergruppe.
In einer Rangfolge der persönlich wichtigen Dinge stehen fĂŒr immer mehr Befragte postmaterielle Ziele auf den ersten PlĂ€tzen: »Gesundheit« liegt auf dem Spitzenplatz, gefolgt von »Zufriedenheit mit der persönlichen Lebenssituation« und dem »Schutz der Umwelt«. Erst als Letztes wĂŒnschen sich die Deutschen, »Geld und Besitz zu sichern und zu mehren«. Soll man das glauben?
Der Ökonom und Futurist Jeremy Rifkin sieht uns als »Zeugen der Endphase des Kapitalismus«. Er ist extrem skeptisch gegenĂŒber Vorstellungen von einer perfekten Welt, in der es keine Probleme gibt. »Das hat mit dem echten Leben nichts zu tun.« Und doch klingt das, was Rifkin – der unter anderem Angela Merkel, die EU und den chinesischen Premier berĂ€t – in seiner Keynote bei den CeBIT Global Conferences 2015 vorstellte, recht utopisch: Schon 2050 soll der Kapitalismus als vorherrschende Wirtschaftsform ausgedient haben. Das hatten andere vor ihm auch schon prophezeit. Es ist jedoch anders gekommen. Der Kapitalismus ist in einem stĂ€ndigen Wandel begriffen und verwandelt dabei die Welt selbst mit: Aus Welt wird Ware.
Rifkin sieht eine Perspektive in der Share-Economy (Gemeinnutzen-Wirtschaft durch Teilen), die auf der gemeinschaftlichen Produktion, Verteilung und Nutzung von GĂŒtern basiert. Gewissermaßen ein globales WG-Modell.
Im Blick auf Wikipedia, Blogs, Twitter, Facebook und Creative Commons, die Open-Source-Bewegung oder den 3D-Druck werden wir alle zu »Prosumenten«: Wir konsumieren nicht nur, sondern produzieren auch, stellen also selbst Material, Wissen, Informationen, Meinungen, Urteile und FĂ€higkeiten zur VerfĂŒgung. Auf diese Weise werden immer mehr GĂŒter zu einem immer niedrigeren Preis verfĂŒgbar. Wir steigern die Discount-Gesellschaft, auch durch das sogenannte »Internet der Dinge«. Eine These, die Rifkin – und nicht er allein – auch schon frĂŒher vertrat. Derzeit tragen bereits 60 Millionen KĂ€ufer Armband-Spione (sogenannte Self-Tracker) zu Pulsschlag, Herzfrequenz, Stimmung und Atmung, und es wird prognostiziert, dass bis zum Jahr 2020 26 Milliarden GerĂ€te ans Internet angeschlossen sein werden. Das bedeutet: Milliarden Dinge und Konsumentenprofile, Trillionen Informationen, Billionen Dollar.
Machen wir uns einmal bewusst, was Firmen wie Ikea, Edeka, Rewe, Aldi, McDonald’s oder Kaufhof ­allein in Deutschland an Tageseinnahmen haben: Es sind ­jeweils zwei-, dreistellige Millionensummen. 2014 machten die LebensmittelhĂ€ndler einen Jahresumsatz von 165 Milliarden Euro; das sind rund 743 Millionen werktĂ€glich, davon 79 Prozent in bar an den Kassen der GeschĂ€fte. Nur ein Teil davon wird fĂŒr neue EinkĂ€ufe, fĂŒr GehĂ€lter, fĂŒr Nebenkosten benötigt. Wohin also mit dem Rest? Überlegen wir einmal, wie gewaltig die Summen sind, die sich bei Versicherungen ansammeln, weil Menschen fĂŒr ihr Alter vorsorgen. Oder bei Pensionskassen, die die betriebliche Altersvorsorge fĂŒr ihre Mitarbeiter sichern sollen. Es geht um Milliardensummen. Diese mĂŒssen so verwaltet werden, dass die Rendite gesteigert und das Vermögen vermehrt wird. Denn alle wollen mehr ausbezahlt bekommen, als sie einbezahlt haben. Doch das ist derzeit schwierig und oft mit Spekulation und Ri­siko verbunden.
Und nicht nur das: An dem Vorgang wollen viele Menschen mitverdienen – FachkrĂ€fte, FĂŒhrungskrĂ€fte, Verwaltungs- und AufsichtsrĂ€te, Beteiligungsgesellschaften. Schließlich entstehen durch Konkurrenz, Ehrgeiz, Risikovorsorge, Gier und ÜbernahmeĂ€ngste bei solchen Unternehmen zusĂ€tzliche Antreiber, die einen höheren Zugewinn bei der Verwaltung und Vermehrung verlangen. Schnell ist niemand mehr mit einem, zwei oder fĂŒnf Prozent Zugewinn zufrieden. Es mĂŒssen mehr sein: zehn, fĂŒnfundzwanzig, sechzig oder gar hundert Prozent, wie sie etwa bei Hedgefonds und Private Equity möglich sind.
Mit normalen IndustriegĂŒtern und Dienstleistungen lassen sich solche Renditen nicht erzielen, auch wenn bei bestimmten Produkten mittlerweile Gewinnspannen von mehr als hundert Prozent vorkommen. Die Erhöhung der Gewinne ist am ehesten möglich, wenn man die Verwaltung von Geld und seine Vermehrung selbst zum Gegenstand des Wirtschaftens macht, abgekoppelt von der GĂŒterproduktion. In einer eigenen Welt mit vermeintlich eigenen Gesetzen. Diese von der Realwirtschaft abgekoppelte Finanzwirtschaft mit ihren Risiken, die 2008 tatsĂ€chlich eintraten, ist jener zentrale Wirtschaftss...

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  1. An WidersprĂŒchen wachsen

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