Der Fliegenpalast
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Der Fliegenpalast

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Der Fliegenpalast

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Zehn Tage im Leben Hugo von Hofmannsthals: Ein alternder Schriftsteller kehrt an einen Ort seiner Kindheit zurück.August 1924: mehr aus Verlegenheit kehrt der alternde Schriftsteller H. an einen Ort seiner Kindheit zurück - Fusch, ein Kurbad in den Salzburger Bergen, wo er mit seinen Eltern als Heranwachsender Jahr für Jahr lange Sommerwochen verbracht hat. Inzwischen hat sich viel verändert: Freunde sind abhanden gekommen, sein Ruhm liegt Jahre zurück, sein Schaffen ist bedroht von seiner labilen Gesundheit und den leisesten Störungen. Auch im abgelegenen Bad Fusch hat die neue Zeit nach dem Krieg Einzug gehalten, an der er nur mehr als Beobachter teilnimmt, der sich selbst zunehmend fremd geworden ist. Bei einem Spaziergang wird H. ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, lernt er den jungen Doktor Krakauer kennen, den Privatarzt einer Baronin - auch er ist ein Rückkehrer in einer fremden Welt. H. sucht seine Freundschaft, doch da ist die Baronin - und da ist die Einsamkeit, der er nicht entkommt. Walter Kappacher erzählt von einem Leben, das die Zeit überholt hat: mit fesselnder Intensität und luzidem Einfühlungsvermögen, so souverän wie virtuos. Er bestätigt damit seine Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart: "ein Seltener" (Peter Handke)

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Information

AN EINEM der ersten Tage hatte er überlegt, ob er womöglich zu alt geworden war, für diesen Ort, mit dem ihn seit Kindertagen zwiespältige Gefühle verbanden. Hatte die Erinnerung an die glücklichen Tage und Wochen hier, vor so vielen Jahren, ihm einen furchtbaren Streich gespielt?
Was sich in Bad Fusch jetzt Grandhotel nannte, war in Wirklichkeit ein Hotel dritter Klasse, oder ein besserer Gasthof. Damals freilich, in den neunziger Jahren, noch um die Jahrhundertwende, war seine Familie, waren selbst verwöhntere Gäste in den Sommerfrischen der Monarchie nicht so anspruchsvoll gewesen wie heutzutage. Oft logierte man in den Schlafzimmern von Bauersleuten, welche den Sommer über auf den Dachböden schliefen.
Jetzt habe ich hier den halbvollen Nachttopf un-term Bett, kam ihm in den Sinn, und es gibt keine Klingel, schon gar kein Telefon, um die Vroni oder die Kreszenz zu rufen. Warum bin ich nicht in Lenzerheide geblieben, bei dem guten Carl? Das Zimmer war in Ordnung gewesen, das Essen erstklassig. Schweizerisch eben: dort hatte nicht der unselige Krieg alles ruiniert. Anders, als er sich in Lenzerheide vorgestellt hatte, konnte er jedoch in der Fusch ebenso wenig arbeiten wie in der Schweiz. Es war ihm hier bis jetzt nicht möglich gewesen, aus der Ungestörtheit für seine Arbeit Nutzen zu ziehen.
Das Beste hier in der Fusch war ja im Gegenteil tatsächlich die Bekanntschaft mit dem Doktor Krakauer, und er hoffte sehr, daß sie jetzt nicht abriß – es wäre eine zu arge Strafe für seinen Fauxpas. Seit drei Tagen war Krakauer nun wie vom Erdboden verschluckt – andererseits war er selber zuletzt die meiste Zeit in seinem Zimmer an dem Tischchen am Fenster gesessen und hatte es nicht glauben können, daß seine Phantasie, sein Assoziationsvermögen ihn wieder einmal völlig im Stich ließen.
Tatsächlich, überlegte er, verdanke ich es meinem Kreislaufkollaps, daß ich Krakauer begegnet bin – dem wunderbaren Zufall, daß er gerade vorbeikam!
UNVERGESSEN DER Blick in das feine Geäst, die strahlende Krone der … Buche wahrscheinlich … Äderchen, die Linien des Lebens … oder Ahorn? Wie die Blätter leuchteten, manche golden, die meisten grün. Was ist mir in dem Moment alles durch den Kopf gewischt? Fünf Tage ist das nun her – oder vier?
»Mir scheint, Sie könnten sich aufsetzen, wollen Sie es versuchen? Wenn Sie erlauben, helfe ich Ihnen.«
Ein junger Mann, graugrünes Lodenjackett, hielt meine Hand … zählte offenbar die Pulsschläge. Mit der anderen legte er einen Hut, meinen Hut mir in den Schoß. Vor ein paar Jahren lag ich schon einmal so … vor einer Gartentür. In Altaussee, vor der Villa der Baronin … Lhotsky.
»Ist Ihnen schwindlig?«
Der Stock, den der junge Herr hielt, war meiner. Was war geschehen?
»Atmen«, sagte er, »ruhig atmen.«
Ein älteres Paar in Trachtenkleidung, das neben dem Mann gestanden war, entfernte sich jetzt.
Gesehen hatte er sein Gesicht schon einmal. War es am Vortag gewesen? Wenn er sich richtig erinnerte, in Begleitung … einer älteren Dame, vielleicht seiner Mutter, mit einem weit ausladenden Hut. Aus einiger Entfernung war das Motorengeräusch eines Postautobusses zu hören, der sich hochtourig die Bergstraße heraufquälte.
»Ihr Puls … Gestatten Sie.«
Der junge Mann senkte seine Stimme.
»Herr von Hofmannsthal, nicht? Mein Name ist Krakauer, ich bin Arzt. Also Ihr Puls scheint sich normalisiert zu haben. Ich sah, wie Sie nach dem Zauntritt dort vorne umgekippt sind. Wir haben Sie zu der Bank hierher gebracht. Die Herrschaften haben geholfen … In meinem Hotelzimmer hätte ich ein Blutdruck-Meßgerät … Es ist ja kein Wunder! Man konnte auf dem Höhenweg den Föhnsturz förmlich beobachten. In der Früh war das nicht zu erkennen. Bleiben Sie noch einen Moment sitzen. Klopfen Sie, wenn ich helfen kann, im Hotel Post einfach an meine Tür, Zimmer zweiundzwanzig.
Meinen Sie, Sie schaffen es allein bis in den Ort? Es ist ja nicht mehr weit. Lassen Sie sich Zeit, bleiben Sie noch eine Weile sitzen, Herr von Hofmannsthal. Die Baronin ist vorausgegangen, wir wollen uns umziehen und Tee trinken.
Sie verehrt Sie übrigens. Sie beide haben auch eine gemeinsame Bekannte – die Fürstin Marie von Thurn und Taxis.«
Warum war er in diesem Moment beinah zusammengezuckt? War es die Verbindung der Fürstin mit Rilke, von der jedermann wußte?
»Gestern haben wir Sie beim Magenbrünnl gesehen, die Baronin hat Sie sogleich erkannt.«
War das am Montag gewesen? Abends jedenfalls hatte er mit Appetit gegessen.
EIN AUTOMOBIL, der Motor auf hoher Drehzahl laufend, der Auspuff qualmend, näherte sich im Schrittempo dem Vorplatz des Hotels. H. hielt auf der Eingangstreppe einen Moment inne, schaute auf den mächtigen Wagen, den Chauffeur mit der Kapitänsmütze; das Verdeck des Wagens war zurückgeschoben.
Er wich aus, machte Platz für zwei Herrschaften in langen Mänteln, Lederhauben auf dem Kopf, welche das Hotel verließen. Zum Carl hatte er unlängst gesagt: »In dieser Autofahrermontur, schon gar mit aufgesetzten Brillen, würde ich ja meine besten Freunde nicht erkennen.«
Als er endlich das Foyer des Hotels betreten wollte, mußte er noch einmal Platz machen, für den Lohndiener Leo, der zwei Koffer trug, zwei weitere, kleinere, unter die Arme geklemmt hatte und »Guten Morgen, Herr von Hof …« rief, ja beinahe krähte. Rechtzeitig erinnerte sich der Gute, worum H. ihn vor anderthalb Stunden zum zweiten Mal gebeten hatte, als sie einander draußen auf der durch den Ort führenden Straße begegnet waren. Mit einer Sichel hatte der Leo Unkraut an der Mauer des Wintergartens entfernt und hatte laut … – der konnte halt nicht anders; und vielleicht hatte er nur vergessen, daß sie sich heute schon einmal begegnet waren. Aber was für ein Charakterkopf! Undenkbar, daß dieser Mensch sich verstellen könnte. Bloß daß sein Falsett nicht zu diesem klobigen Schädel paßte. H. erinnerte sich, wie freundlich sein Vater sich Bedienten gegenüber stets verhalten hatte, und wie er, der Sohn, dies hier in den Bergen übertrieben gefunden und dann später doch übernommen hatte. Er hatte bemerkt, wie auf der anderen Seite der Straße ein kleines Mädchen in Lumpenkleidung, einen Finger in der Nase, sie beide beobachtete; offensichtlich das Kind irgendeiner Zimmerfrau oder Köchin. Es stand vor dem Eingang des neuen Hotels, dessen Namen er schon wieder vergessen hatte.
Während er auf die Rezeption zuging, fiel ihm ein, daß die Post frühestens gegen Mittag eintreffen würde. Einige Kurgäste schienen abzureisen. Bei der Sitzgarnitur in der Halle stand ein großer Strohkoffer, auf dem zwei Regenschirme lagen.
Wie alt mochte der Leo sein? Als H. mit dem Postautobus in Bad Fusch angekommen war – zum ersten Mal nicht mit einem Ochsengespann oder mit der Postkutsche –, hatte es ihn beeindruckt, ja berührt, als das mürrische Gesicht vom Leo, der die beiden großen Koffer von der Poststation ins Haus schleppte, plötzlich unmäßig zu strahlen begann, nachdem er ihn vor dem Hotel wiedererkannt hatte. H. hatte darauf bestanden, die Reisetasche selber zu tragen.
»Jö, gibt’s denn dös, der Herr Doktor.«
Gott sei Dank hatte der Leo sich in diesem Moment nicht an den Namen erinnern können. Wahrscheinlich, überlegte er, hat es mich deshalb so beeindruckt, weil der Hausdiener mich ja nicht als einen berühmten Schriftsteller kennt, sondern nur als einen langjährigen Sommergast, von Jugendjahren an. Allerdings lag sein letzter Aufenthalt hier viele Jahre zurück. Während er die Stufen zu seinem Zimmer hinaufstieg, überlegte er: Jener Sommer, als der Papa nach dem Tod der Mama durchaus nicht zu bewegen gewesen war, Wien zu verlassen? Nein … neunzehnhundertacht war er zuletzt in der Fusch gewesen, in jenem verregneten Juli, die Berggipfel schneebedeckt, als er hier, von Frau und Kindern getrennt, zurückgezogen am Florindo gearbeitet hatte.
Wie alt mochte der Leo jetzt sein? Jedenfalls hatte er sich sehr geplagt, als er die Koffer zu dem Zimmer in den dritten Stock hinaufgeschleppt hatte. Dabei hatte er ihn sehr an die ungelenken Bauern- und Holzfällerfiguren von Alfons Walde und Albin Egger-Lienz erinnert.
JETZT HÄTTE er Lust gehabt, in den Briefen des Alexander von Villers über Bad Fusch nachzulesen, über Sankt Wolfgang, wie der Ort damals geheißen hatte. Aber der erste Band der Ausgabe, welchen er auf die Reise mitgenommen hatte, war bei Carl geblieben, der dem Reiz dieser Briefe sofort verfallen war. Der Villers, fiel ihm ein, hatte ja über Fusch eher gelästert, seine Sommer lieber in Ferleiten verbracht, im Gasthof Lukashansl, und war anscheinend einmal im Jahr oder vielleicht auch öfter nach Fusch heraufgewandert, um den Kurbetrieb für ein paar Stunden zu erleben und sich dann in Ferleiten umso wohler zu fühlen. Auch er selbst hatte in Ferleiten vor fünf Jahren eine gute Zeit gehabt. Warum hatte er nicht an Ferleiten gedacht, als er es in der Schweiz nicht mehr aushielt, als er überlegt hatte, wo er in der ersten Augusthälfte würde bleiben können, ehe er dann mit dem Schreiben in Altaussee bei der Familie fortfahren würde?
Neunzehnhundertneunzehn, als er so krank gewesen war, als halb Wien an der Grippe gelitten hatte, hatte er sich nach Ferleiten am Fuße des Großglockners zurückgezogen, war als der einzige Gast mit den Wirtsleuten in der Küche gesessen, drei Wochen lang. Ob er sich eine Wanderung auf dem Fürstenweg nach Ferleiten zutrauen konnte? Eine Strecke höchstens, bis zu dem Steilstück mit den Felsenstufen. Unmöglich würde Ferleiten sich in den letzten Jahren so verändert haben wie Bad Fusch. Nur schwer konnte er sich zurückhalten, seiner Frau zu schreiben, ihr zu berichten, wie sehr sich Bad Fusch verändert hatte, so daß er sich beim ersten Spaziergang kaum zurechtgefunden hatte zwischen all den neu errichteten Gebäuden und Hütten. Beinah hatte er danach in seinem Zimmer vor Enttäuschung zu weinen begonnen, schrieb es dann der Erschöpfung nach der anstrengenden Reise zu. Nein, die Gerty würde sich bloß Sorgen machen um ihn, würde womöglich die Christiane herschikken, um nach ihm zu sehen. Die Gerty war ja selig, in Aussee endlich einmal alle ihre Kinder um sich zu haben, die beiden Buben vor allem, die sich ohnehin in Kürze wieder in alle Welt davonmachen würden.
Ich will mich an all die Veränderungen gewöhnen, nahm er sich vor. Die etwas breiter gewordene und, wie ihm schien, noch staubigere Dorfstraße zog sich in der Form eines S durch den winzigen Ort, der jetzt bloß dichter, Haus an Haus beinah, verbaut war, Hotels, Kurhaus, Dependancen, Postamt, das kleine Geschäft; am Ortsausgang sogar eine kaisergelbfarbene Villa. Mitten im Ort, bergseitig, etwas erhöht auf einem Plateau, unverändert die kleine Kirche, hinter der ein etwas verbreiterter Pfad hinaufführte zum Schwimmteich und zur Fürstenquelle. Der früher dicht bewaldete Hang hinter dem Grandhotel war jetzt im unteren Bereich völlig kahl. Der steile Waldweg im Norden lag offen da; das Wandern zum Kreuzköpfl hinauf war, der Sonne dermaßen ausgesetzt, sicherlich beschwerlich.
MEIN GUTES Engerl, der Portier hat mir gerade den dicken Packen mit all der Post überreicht, den Du mir nachgeschickt hast. Ich sitz im Lesesaal mit ein paar Zeitungen und warte, bis ich mich in den Speisesaal begeben kann. Dein Telegramm haben sie gestern beim Abendessen auf meinen Platz gelegt … Ich hab mich riesig gefreut, daß Ihr wohl und vergnügt seid. Wenn es sogar hier heroben so heiß ist wie heute und die Bremsen stechen und die Leute rund um den Schwimmteich liegen, so denk ich an Euch, daß Ihr in Altaussee auch am Strand liegt und schwimmt …
In Lenzerheide war’s sehr schön, der gute Carl rührend um mich besorgt – wie ein Irrenwärter, kam mir einmal in den Sinn … Meine Karten von dort wirst Du inzwischen bekommen haben. Verzeih, daß ich zu einem Brief nicht fähig war. In ganz Graubünden ist im Juli jede Dachkammer seit Monaten vorausbestellt. Dort möchte man Wirt sein! Die Saison dauert acht Wochen, dann haben sie genug verdient und reisen nach Paris oder nach Cannes. Sie haben mir als Schreibzimmer noch eine Dachkammer ausgeräumt, einen Tisch und einen großen Fauteuil hineingestellt und einen hübschen Teppich aus ihrer eigenen Wohnung gebracht. Immerfort fragten sie, ob das Essen mir zusagt – kurz, solche Wirtsleute gibt’s bei uns nicht. Das Stubenmädchen ist sehr hübsch und hat gute Manieren. Und im Gang draußen gibt’s ein Bügelkammerl, da hat eine Glätterin alle Staubflecken aus meinem grauen Anzug herausgeputzt.
Seltsam, daß ich mit Dir nie in die Fusch heraufgekommen bin. Wahrscheinlich wollte ich es – in Erinnerung an meine eigenen Kindertage hier heroben – den Kindern nicht antun. Auch hätte Dir der gewohnte Komfort gefehlt.
Mit welcher Freude denke ich immer wieder an unsere schöne Italienreise im Mai, besonders an Syrakus. Ich hab Dir nicht gesagt, was ich mir beim Arethusa-Brunnen vorgestellt hab: Mir jetzt hier ein Zimmer mieten und den ganzen Sommer bleiben und am Timon arbeiten. Du hättest mir halt meine Mappen und alles, was ich sonst brauch, hinschicken müssen …
Wie der Isepp bei dem Tempel von Segesta gesagt hat: Findet ihr nicht auch, daß er aus der Entfernung, wie wir herauf gewandert sind, schöner ausgesehen hat? Graziös. Und jetzt diese massigen, monumentalen Säulen … Wie er uns erinnert hat an das zierliche Modell des ionischen Tempels im Museum in Palermo …
Ja, die Nähe, hatte er in Segesta gedacht. Und: Welcher Gott sollte denn hier wesen? Es ist doch alles über unserem Vorstellungsvermögen, jedenfalls über jedes Menschenmaß hinaus, und hatte sich umgesehen, wo die Gerty blieb …
Heute aber hab ich daran gedacht, den Aufenthalt hier in der Fusch demnächst abzubrechen und zu Euch nach Aussee zu kommen. Ein Telegramm hab ich überlegt dir zu schicken, ob die Zimmer in unserem Häusl noch alle belegt sind …
Nein, dachte er, das kann ich ihr nicht antun. Endlich einmal sind alle drei Kinder beisammen; der Raimund fährt ohnehin in zehn Tagen nach Berlin. Solang muß ich halt jetzt aushalten hier. Ein, zwei Tage, damit er die Buben noch sah, würde er auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer in der Hütte schlafen …
Obwohl der Carl geraten hatte abzuwarten, es brauche halt seine Zeit, bis der Organismus sich an die Seehöhe von Lenzerheide gewöhnt habe, hatte er schließlich ein Telegramm ans Grandhotel in Bad Fusch geschickt.
Halb neun, er schaltete die Tischlampe ein. Ich muß, fiel ihm ein, der Gerty schreiben, daß sie auch hier in den Hotels das elektrische Licht eingeleitet haben. Daß das schmiedeeiserne Gitter in der Kirche meistens verschlossen ist, weil im letzten Jahr eine barocke Marienstatue gestohlen wurde. Und daß die Spazierwege von früher teilweise von Gras oder Gesträuch überwuchert sind. Dafür haben sie den Weg zum Schwimmteich verbreitert, und jenen zur Adolphinenquelle.
Er zog das Brillenetui aus der Rocktasche und öffnete die Schreibmappe. Etwas mußte er ja doch getan haben in Lenzerheide, überlegte er, als er das Tintenglas gegen die Lampe hielt. Er musste es schräg halten, damit seine Feder Tinte aufnehmen konnte. Er hatte vor der Abreise in seinem Wiener Papiergeschäft keine Pelikan-Tinte bekommen können. Die Bleistifte … Er hatte sich dort schon öfter beschwert, daß die Qualität der Bleistifte seit dem Krieg nicht mehr die gleiche war; manchmal sei das Geschriebene nach ein paar Monaten beinah unleserlich.
MIT DEM Taschentuch fuhr er über die Lehne der hinfälligen Bank. Zwischen den Brettern Spinnweben, er wischte mit dem Tuch über die Sitzbretter, ehe er die Schreibmappe ablegte. Ihm war in den ersten Tagen s...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Inhalt