erster
teil
1
Ein Attentat auf die Madonna habe ich nie vorgehabt. Ausgerechnet mir eine solche Absicht zu unterstellen ist absurd. Entschuldigen Sie, Commissario, ich will Ihnen und Ihren Kollegen gegenĂŒber nicht respektlos sein. Aber mit diesem Verdacht sind Sie auf dem Holzweg.
Es stimmt, daĂ ich es verabsĂ€umt habe, den Ausstellungsraum rechtzeitig zu verlassen. DaĂ ich also eine Nacht mit der Madonna verbracht habe. VorsĂ€tzlich? â Nein. So wĂŒrde ich das nicht nennen. Es hat sich ergeben. In gewisser Hinsicht war es ein Ergebnis.
Ich habe das schon bei den Einvernahmen zu klĂ€ren versucht. Aber man hat mir nie richtig zugehört. Alle waren so fĂŒrchterlich aufgeregt. Angefangen von dem NachtwĂ€chter, der mich entdeckt hat.
Und erst die Carabinieri. Du lieber Himmel! Wie sie aufgetreten sind mit ihren kugelsicheren Westen! Wie sie mich in Schach gehalten haben mit ihren Maschinenpistolen! NatĂŒrlich hat mich diese Aufregung angesteckt.
Vielleicht habe ich allerdings nicht alles richtig verstanden. Oder ich habe mich nicht in allen Details verstĂ€ndlich machen können. Zwar hat sich in den fĂŒnf Wochen, die ich nun in Ihrem Land verbringe, mein Italienisch um einiges verbessert. Aber, so leid es mir tut, perfekt ist es noch lang nicht.
Ich will also alles in meiner eigenen Sprache aufschreiben. Im Vertrauen darauf, daĂ Sie es sorgfĂ€ltig ĂŒbersetzen lassen. DaĂ Sie meinem Wunsch nach Papier und Filzstiften nachgekommen sind, deute ich als Schritt zur VerstĂ€ndigung. Oder brauchen Sie nur Schriftproben fĂŒr den Graphologen?
Wie dem auch sei, ich will die Gelegenheit nutzen. Die Chance, mir Verschiedenes von der Seele zu schreiben. Die Ruhe dieser fast klösterlichen Zelle. â Wo sind wir ĂŒberhaupt, Commissario, wohin hat man mich gebracht? â Tut mir leid, ich bin nicht der groĂe Fang, fĂŒr den Sie mich halten. Mit den Delikten, die Sie mir anhĂ€ngen wollen, kann ich nicht dienen. Aber wer weiĂ, vielleicht finden sich ein paar andere. Ich will versuchen, mich möglichst genau zu erinnern.
Also von Anfang an ⊠BloĂ: Wo ist der Anfang?
Wenn ich berichten will, wie ich das Auto entwendet und das MĂ€dchen entfĂŒhrt habe ⊠Wenn ich detailliert festhalten will, was seither alles geschehen ist ⊠Kann ich da einfach mit der Szene auf dem Schulparkplatz beginnen?
Nein, kann ich nicht. Alles hat sich schon frĂŒher angebahnt.
Jahre oder Monate frĂŒher. Zumindest Wochen frĂŒher.
Im ĂŒbrigen habe ich das MĂ€dchen gar nicht entfĂŒhrt.
Ich habe sie wiederholt gefragt, ob sie aussteigen will.
2
Vielleicht sollte ich mit meinem Besuch im Pflegeheim beginnen. Wahrscheinlich hĂ€tte ich das Feature ĂŒber die Alzheimerpatienten nie machen dĂŒrfen. Ich war Rundfunkmitarbeiter, Commissario, Mitarbeiter der Feature-Redaktion des Hörfunks. Ein Feature â ich weiĂ nicht, ob man dieses englische Wort auch hierzulande in diesem Sinn gebraucht â also ein Feature ist ein Hörbild.
Ich war freier Mitarbeiter, ich lieferte BeitrÀge aus kulturell und sozial interessanten Bereichen. Jedenfalls kamen sie mir und, wie ich jahrelang den Eindruck hatte, auch einigen anderen interessant vor. Kollegen respektierten mich, Hörer schrieben zustimmende Briefe, JÀger, der Chef der Abteilung, lud mich sogar manchmal zum Essen ein. Nicht einfach in die Kantine, sondern zum Griechen, wo man nicht nur gut essen und trinken, sondern auch recht entspannt plaudern konnte.
Frei schwebender Mitarbeiter â so nannte ich mich manchmal im Scherz. Im Rahmen des Sparprogramms, das die neue Regierung auf Gedeih und Verderb durchzuziehen entschlossen war, hatte die Intendanz die Absicht, solche wie mich auf den Boden der RealitĂ€t herunterzuholen. Die einen wĂŒrde man ganz oder teilweise anstellen, von den anderen wĂŒrde man sich leider trennen mĂŒssen. Was bevorstand, war so etwas wie die Scheidung der Böcke von den Schafen â biblische Assoziationen wie diese hĂ€ngen nicht zuletzt damit zusammen, daĂ ich auf dem Schulparkplatz ins Auto des Religionslehrers gestiegen und geraume Zeit damit gefahren bin.
Ein Auto, an dessen TĂŒr der SchlĂŒssel steckte. Wie der Zufall so spielt. Aber vielleicht war das alles kein Zufall. Jedenfalls habe ich damals natĂŒrlich nicht gewuĂt, in wessen Auto ich steige. Mein Sohn, den ich von der Schule abholen wollte, ist auf Wunsch seiner Mutter vom Religionsunterricht abgemeldet, der Religionslehrer war mir also weder vom Hörensagen noch persönlich bekannt.
Alles der Reihe nach â ich will versuchen, System ins Chaos zu bringen. Mein Besuch im Altenheim also, im Alzheimerheim. NatĂŒrlich heiĂt es nicht offiziell so, aber der Zustand der meisten Patienten dort entspricht diesem Krankheitsbild. Dem Bild, das man sich von dieser Krankheit macht â unscharf genug, aber beunruhigend.
DarĂŒber wollte ich ein Hörbild machen, vielleicht keine so gute Idee. FĂŒr einen wie mich, den ohnehin gewisse Ăngste plagten. Ich lieĂ mir nichts anmerken, versuchte, dem mehr oder minder ausgeglichenen Menschen zu Ă€hneln, der ich einmal gewesen war. Doch eine gewisse zunehmende Zerstreutheit, eine nach und nach irritierende VergeĂlichkeit machte mir zu schaffen.
Zu Hause verbrachte ich immer mehr Zeit damit, GegenstÀnde des tÀglichen Gebrauchs zu suchen, die ich verlegt hatte. Im Rundfunk traf ich immer hÀufiger Leute, die mich auf etwas Gemeinsames ansprachen, an das ich mich nicht erinnerte. HÀufig erinnerte ich mich nicht einmal an die Personen. Manchmal kamen sie mir zwar bekannt vor, aber nur selten und dann meist mit Verzögerung fielen mir die Namen ein.
Sicher hatte das auch mit StreĂ zu tun â die Reform und das zuvor erwĂ€hnte Ausleseverfahren hing ĂŒber unseren HĂ€uptern. Mit StreĂ und Ăberarbeitung â man muĂte zusehen, daĂ man sich qualifizierte. Bevor ich die Alzheimergeschichte anpackte, hatte ich drei Sendungen in einem Zeitraum geschafft, in dem ich sonst eine machte. Ich hatte fast pausenlos gearbeitet. Ich hatte wenig geschlafen.
Und dann eben dies: das Pflegeheim und die Interviews. Die Angehörigen berichteten ĂŒber Symptome, die ich von mir selbst zu kennen glaubte. Die Patienten waren nur zum Teil ansprechbar, manche waren schon völlig jenseits einer Grenze, die mich ebenso erschreckte wie faszinierte. Diese Faszination will ich nicht leugnen â hĂ€tte ich sie nicht von vornherein empfunden, so hĂ€tte ich die Alzheimersendung gar nicht vorgeschlagen.
Ab und zu kamen die Patienten aber kurz von jenseits der Grenze zurĂŒck. Dann gaben sie ĂŒberraschende SĂ€tze von sich. Diese SĂ€tze oder Satz fragmente klangen manchmal komisch, manchmal tragisch, manchmal surreal, manchmal jedoch wie grelle Erkenntnisblitze. Einige davon nahm ich auf â von dem, der mich am meisten beschĂ€ftigen sollte, wurde mir allerdings nur erzĂ€hlt.
Ein Ă€lterer Herr, selbst Arzt, allerdings nicht fĂŒr Psychiatrie, sondern fĂŒr innere Medizin, hatte seine Frau, die seit Jahren an Alzheimer litt, mit dem Auto spazierengefahren. Dabei gewesen sei eine Betreuerin sowie die Tochter der Kranken, die sich zu einem Interview bereit erklĂ€rte. Wer ist der gröĂte Feind des Menschen? habe der Vater angesichts des riskanten Ăberholmanövers eines anscheinend Betrunkenen rhetorisch gefragt (er war engagiertes Mitglied einer Abstinenzlervereinigung und erwartete die Antwort: der Alkohol). Bevor aber die Tochter oder die Betreuerin in diesem Sinne bestĂ€tigend antworten konnten, habe die ihr bewuĂtes Leben lang schwer katholische Mutter geantwortet: Gott!
Gott der gröĂte Feind des Menschen â dieser Satz und die kuriose Situation, in der er gesprochen worden war, ging mir nicht aus dem Kopf. Beim Ăberspielen der Interviews, beim Abhören und Schneiden der BĂ€nder, beim Notieren der Moderation kam er mir immer wieder in den Sinn. Ich konnte mich dieses Satzes nicht erwehren. Beim Notieren anderer SĂ€tze erwies er sich als ausgesprochen störend.
Dieser Satz hatte was. Vielleicht, dachte ich, sollte ich ihn als Titel fĂŒr die Sendung verwenden. Ich tippte ihn eine Seite lang immer wieder. Vielleicht ein Versuch, ihn zu bannen. Der Versuch miĂlang. Auf den Befehl, die Seite auszudrucken, lieferte mir der Drukker nichts als Hieroglyphen.
Das kam allerdings öfter vor. Ich hatte manchmal Probleme mit den GerĂ€ten. Lang hatte es gedauert, bis ich mich von der Schreibmaschine, auf der ich seit meiner Studentenzeit zu tippen gewohnt war, auf den PC umstellte. Mit dem Schneiden am Computer konnte ich mich ĂŒberhaupt nicht anfreunden. Es war mir nach wie vor lieber, Kassetten auf meine alte Tonbandmaschine zu ĂŒberspielen und auf klassische Weise mit Schere und KlebebĂ€ndern zu arbeiten. Beim Rundfunk war das belĂ€chelt, aber bislang toleriert worden. Wenn ich mir diese Arbeit zu Hause antat, statt einen Platz in der Redaktion zu blockieren, hatte das, ökonomisch betrachtet, sogar Vorteile. Nicht fĂŒr mich, aber das war meine Sache. Ich hatte halt eine gewisse Disposition zum Anachronisten.
Zum Anachronisten wohlgemerkt, nicht zum Anarchisten.
Entschuldigen Sie, Commissario, aber Ihr Verdacht ist zum Lachen.
Oder zum Weinen. Aber das können Sie noch nicht verstehen.
Nicht bevor Sie begreifen, was fĂŒr ein VerhĂ€ltnis ich zu dieser Madonna habe.
Im Ernst â mit Ihren Anarchisten, wie immer sie sich nennen, lasse ich mich nicht in Verbindung bringen. Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun. Eine gewisse Tendenz zum Anachronismus hingegen kann ich nicht leugnen. Sehen Sie, ich habe ja nicht einmal einen FĂŒhrerschein.
3
Ich habe zwei AnlĂ€ufe genommen, die FahrprĂŒfung zu machen. Den ersten, wie es sich gehört, gleich nach der Matura, als mir mein Vater einreden wollte, daĂ der Besitz eines FĂŒhrerscheins mindestens ebenso zum Erwachsensein gehöre wie der eines Reifezeugnisses. Den zweiten Anlauf nahm ich zehn Jahre spĂ€ter. Meine Frau, die einen Citroen 2 CV, eine sogenannte Ente, in unsere mehr oder minder alternative Ehe mitbrachte, hĂ€tte es praktisch gefunden, wenn auch ich hĂ€tte fahren können.
Das erste Mal hatte ich, ohne besonderes Interesse an der Materie, durchaus genug Theorie- und Praxisstunden hinter mich gebracht, um zu den PrĂŒfungen anzutreten, meldete mich dementsprechend auch an, ging aber nicht hin. Das zweite Mal, nun doch schon deutlich Ă€lter als das Gros der Kursteilnehmer, empfand ich, was die Theoriestunden betraf, eine simple Abneigung gegen die Schulsituation, in der Praxis aber ein...