FuĂball im KZ, HĂ€ftlinge im Kino oder im Bordell, Blumenrabatten vor den Baracken ⊠Auch das gab es in den Vernichtungslagern, in denen der Tod tĂ€glich blutige Ernte hielt. Wir kennen zumeist nur diese Seite, das Leben hinter Stacheldraht war aber komplexer. Der Erlebnisbericht des jĂŒdischen HĂ€ftlingsarztes Dr. Fritz Lettow aus den Nazilagern Buchenwald bei Weimar, Struthof im Elsass, Sachsenhausen bei Berlin und aus der schrecklichsten aller Höllen auf deutschem Boden, dem Vernichtungslager Bergen-Belsen bei Celle in Niedersachsen, nimmt uns den Atem. Es sind Aufzeichnungen ĂŒber maĂlose Verbrechen, ĂŒber niedertrĂ€chtige Schurkereien, ĂŒber Spitzel und Denunzianten, aber auch ĂŒber Kameradschaft und Menschlichkeit in ihrer edelsten Form.Das Buch, in der allzu einseitig antifaschistischen DDR jahrzehntelang verhindert, teilt den Alltag eines Nazi-KZs mit, es verschweigt nichts, es beschönigt nicht, es ĂŒbertreibt nicht.Wenn die Aufsehen erregenden TagebĂŒcher des berĂŒhmten Philologen Victor Klemperer von einem in der Freiheit Gefangenen geschrieben sind und die nazideutsche Wirklichkeit aus ganz besonderer Sicht erhellen: Die Aufzeichnungen Dr. Fritz Lettows sind eine notwendige ErgĂ€nzung dazu. Sie vermitteln bisher nie gehörte Informationen eines in den Höllen zeitweise in relativer Freiheit existierenden Gefangenen, der, von keinem Gott verurteilt, die Apokalypse schon zu Lebzeiten durchleiden musste.

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HistoryKrieg
Als 1939 der Krieg ausbrach, fĂŒllte sich das Lager aufs neue mit Hunderten von politischen FunktionĂ€ren, die man aus »StaatssicherheitsgrĂŒnden« verhaftet hatte. Die HĂ€ftlinge aus dieser Aktion hieĂen im Lager allgemein die »AktionĂ€re«, und um sie besonders kenntlich zu machen, mussten sie nicht wie die anderen ihre Nummer unter dem Winkel tragen, sondern darĂŒber. Aus allen Gauen Deutschlands trafen sie ein, und es gab ein HĂ€ndeschĂŒtteln und Aussprechen von so vielen Bekannten.
FĂŒr diese »AktionĂ€re« wurde gesorgt. Die alten Politischen, die nun unbestritten die FĂŒhrung im Lager innehatten, vermittelten sie in gute Kommandos, in WerkstĂ€tten und Kammern. Man spĂŒrte die politische SolidaritĂ€t. DafĂŒr brachten aber die »AktionĂ€re« eine FĂŒlle von Anregungen in das Lager, sie ĂŒbermittelten Stimmungsbilder von drauĂen, sie sorgten fĂŒr politische AktivitĂ€t, einzelne richteten sogar politische Schulungen fĂŒr ihre Kameraden ein, was denen nach der langen Abgeschlossenheit sehr willkommen war. Und so hatten sich die Neuen schnell im Lager akklimatisiert. Viele von ihnen waren ja auch schon frĂŒher, wĂ€hrend der ersten Jahre des Nationalsozialismus in anderen Lagern gewesen, und sie wussten genug von den GrĂ€ueln in Sachsenburg und Hohenstein, am Neuberg und am Kuhberg und von Dachau zu berichten.
Einen Monat nach Kriegsbeginn fĂŒllte sich das Lager allmĂ€hlich mit einer neuen Kategorie von HĂ€ftlingen. Dreitausend Polen kamen an. Diese neuen Transporte waren sozusagen das einzige, woran man in Buchenwald den Krieg bemerkte. Denn wir erfuhren nur durch die Zeitungen und aus den Lautsprechern von seinem Ausbruch. Das Essen freilich wurde langsam schlechter, das Brot knapper, die Einkaufsmöglichkeiten reduzierten sich. Sonst aber sah Buchenwald nichts von den Kriegsereignissen, die drauĂen alle so in ihren Bann schlugen. Mit diesen Transporten erreichte die Kriegsfurie indirekt und in immer neuen Wellen das Lager. Man sperrte die Polen in ein besonders abgeteiltes Lager, das sogenannte Polenlager. Primitive Holzbaracken und drei Zelte ohne hygienische Einrichtungen. Man gab ihnen trotz des kalten Herbstes und des beginnenden Winters dĂŒnnes Drillichzeug, anfangs ĂŒberhaupt keine Decken und nur einen Bruchteil des normalen Lageressens. Hundertachtundsiebzig Polen hatte man in einen zusĂ€tzlichen kleinen Pferch gesperrt, das sogenannte »HeckenschĂŒtzenlager«. Niemand glaubte daran, dass die dem ĂŒbrigen Lager gegenĂŒber doppelt eingesperrten HĂ€ftlinge HeckenschĂŒtzen gewesen seien, die hĂ€tte man an Ort und Stelle und sofort erschossen. Die HeckenschĂŒtzen bekamen noch viel weniger zu essen als die ĂŒbrigen Polen.
Die Folgen der unmenschlichen Behandlung im Polenlager waren katastrophal. Und wenn man nicht nach acht Tagen einige hundert Jugendliche, die dort eingesperrt waren, und wenige andere ins normale Lager hinaus gelassen hĂ€tte, wĂ€re die Zahl der Umgekommenen noch gröĂer gewesen. Als Folge der KĂ€lte, der dĂŒnnen Kleidung, der Hungersuppen begannen unter den Polen bald Seuchen auszubrechen. Der Hunger und die Ruhr forderten immer mehr Opfer. Ărztliche Behandlung gab es nicht, das Polenlager war strengstens isoliert. Nur gelegentlich durfte ein SanitĂ€ter des Reviers einmal durchgehen. Die paar Medikamente, die er dann verteilte, bildeten einen Tropfen auf einen heiĂen Stein. Und nun starben sie in Massen, jeden Morgen lagen die Toten vor den Zelten, erst sechs, acht tĂ€glich, spĂ€ter zwanzig, dreiĂig, vierzig. Der Hunger war so groĂ, und so verzweifelt waren die MĂ€nner, dass die absonderlichsten Dinge passierten. Um zusĂ€tzlich die Rationen der Toten zu fassen, nahmen zwei Lebende einen Toten in ihre Mitte, zogen ihn zur Essenausgabe und fassten das Essen fĂŒr ihn. Ein anderer nahm einen Toten auf den RĂŒcken und fasste fĂŒr ihn Essen. »Die Toten fassen Essen«, so hieĂ es damals im Lager.
NatĂŒrlich war es die Absicht der SS, die Menschen eingehen zu lassen, denn mit einem Federstrich hĂ€tte man die ZustĂ€nde Ă€ndern können. Von den dreitausend ist binnen sechs Monaten die HĂ€lfte gestorben. Dann endlich kam fĂŒr sie die Erlösung: Sie wurden ins normale Lager ĂŒberfĂŒhrt. Diese »braunen Polen«, wie man sie wegen ihres braunen Winkels nannte, hatten es schlechter als die »roten Polen«, die spĂ€ter in groĂen Transporten kamen, einen roten Winkel trugen und gleich ins normale Lager kamen.
Von den »HeckenschĂŒtzen« im Pferch jedoch ist keiner am Leben geblieben. Ihre Essensrationen waren so minimal, dass nach wenigen Wochen alle verhungert waren. Verzweifelte Szenen mĂŒssen sich zwischen ihnen abgespielt haben. Man fand einige angenagte Oberschenkel, der erste Fall von Kannibalismus, von dem wir HĂ€ftlinge hörten. Damals wussten wir noch nicht, wie viel Kannibalismus wir spĂ€ter noch sehen sollten!
Den jugendlichen Polen jedoch ging es besser. Im normalen Lager kamen sie in einem besonderen Block zusammen, und bald wurde eine »Polenschule« errichtet. Ein polnischer Lehrer gab ihnen Unterricht, so brauchten sie nicht zu arbeiten und erholten sich. Es waren ja auch BĂŒrschchen von zwölf bis siebzehn Jahren unter ihnen. Sie waren intelligent, einige lernten eifrig deutsch. Und wie das so ist in den Lagern, wo jahrelange Abgeschlossenheit die harten MĂ€nner bedrĂŒckt: diese Kinder und Jugendlichen waren begĂŒnstigt. Die KĂŒche gab ihnen mehr Essen, die Kammern bessere Kleidung, einige Kapos und andere FunktionshĂ€ftlinge interessierten sich fĂŒr diesen oder jenen Jugendlichen. Die ersten Freundschaften wurden geschlossen. Vieles daran war mehr als harmlos.
Aber Eros, der Gott der Liebe, setzte deutlich seine ersten Zeichen. Das Lager hatte ein wachsames Auge auf diese Dinge. Tun und Treiben der meisten waren allgemein bekannt. Das ist so in einer MĂ€nnergemeinschaft, die jahrelang von Frauen ferngehalten wird. Es sind da immer einige, die durch ihre Triebe gewaltsam hingerissen werden. Bei vielen Ă€uĂert sich das in harmlosen, aber sehr festen Freundschaften. Aber auch regelrechte Eifersuchtsszenen kamen vor. Albert Trieglaff ging zum Beispiel monatelang geknickt herum, weil sein frĂŒherer Busenfreund Fritz nichts mehr von ihm wissen wollte. Und immer wieder sprach er mit diesem oder jenem, ob es nicht möglich sei, den Fritz wiederzugewinnen. Und als besagter Fritz auf Transport ging, ging Albert freiwillig mit.
Es gab auch einige, deren sexuelle VerhĂ€ltnisse mit Gleichgeschlechtlichen ĂŒber diese Harmlosigkeiten hinausgingen. Man hörte gelegentlich von derb körperlichen Handgreiflichkeiten. Und nicht umsonst wurden die kleinen BauhĂŒtten am Waldrand auf einem Kabarettabend als die »175 kleinen Buden am Wald« bezeichnet. Die RĂ€umlichkeiten der Arbeitsstatistik waren auch so eine leicht verrufene StĂ€tte. Dieser oder jener hatte dort etwas gehört. Konrad Brieg, einer der ganz ehrlichen MĂ€nner, den eine schwĂ€rmerische Freundschaft mit dem kleingewachsenen, jungen Norbert verband, sagte einmal: »Einen kleinen warmen Stich haben wir alle«. Und der rotblonde Helmut stimmte ihm zu. Das war wohl ĂŒbertrieben, aber fĂŒr einen Teil der HĂ€ftlinge traf das schon zu.
Wie in allen Haftanstalten und um so mehr unter den schwierigen und grausamen Bedingungen eines KZ gab es nicht selten UnfĂ€lle. Viele HĂ€ftlinge litten unter schwer heilenden Wunden oder hatten innere Erkrankungen. So war auch die SS gezwungen, allein schon zur Erhaltung der notwendigsten Arbeitskraft, eine StĂ€tte fĂŒr die gesundheitliche Behandlung dieser Kranken zu errichten. Diese Krankenstation, wie beim MilitĂ€r »Revier« genannt, stand zwar nominell unter ihrer Leitung, die Arbeit wurde dort aber â wie in allen Einrichtungen des Lagers â von den HĂ€ftlingen getan, sie hatten deshalb in diesem Bereich des Lagers eine ziemlich weitgehende SelbstĂ€ndigkeit erreicht.
Die SS-Ărzte und ihre Gehilfen aus der SS, die ScharfĂŒhrer und UnterscharfĂŒhrer, waren allein daran interessiert, dass der Ă€uĂere Ablauf funktionierte und ĂŒberall Sauberkeit und Ordnung herrschten. Es lag ihnen am Ă€uĂeren Schein, den sie ab und an demonstrieren wollten. Um das wirkliche Wohl und Wehe der Patienten kĂŒmmerten sie sich ĂŒberhaupt nicht, höchstens von weitem, wenn mal, selten genug, ein besonders interessanter Fall zu studieren war. Sie unterschrieben meist nur die tĂ€glichen Meldungen ĂŒber Aufnahmen, Entlassungen, Bestand, SterbefĂ€lle, Anforderungen an die Apotheke, Medikamente und Verbandsstoffe betreffend, und die nach drauĂen gehenden Berichte oder Briefe an Angehörige. All das musste aber, und zwar eigenstĂ€ndig, die HĂ€ftlingsarztschreiber entwerfen und so formulieren, wie es die SS wollte.
Die aseptischen Operationen machten die SS-Ărzte â soweit sie das konnten â, wobei ihnen HĂ€ftlinge als »Sanis« assistierten, instrumentierten und die ganze ĂŒbrige Arbeit taten. Manche von diesen Sanis lernten allmĂ€hlich so viel dazu, dass einige von ihnen, die begabtesten, allmĂ€hlich in die Lage versetzt wurden, die Arbeit der Ărzte am OP-Tisch mehr oder weniger auch allein zu tun. Die septischen, also eitrigen Operationen machten sie meist sowieso, und einige von ihnen, wie der als »Auerhahn« bekannte Vorarbeiter Klangwarth oder der »BĂ€r« Walter KrĂ€mer, verfĂŒgten ĂŒber eine beachtliche Geschicklichkeit im Schneiden von Wunden und Abszessen. Diese Eingriffe und Operationen waren das HĂ€ufigste, Gewöhnlichste und fĂŒr die SS-Ărzte natĂŒrlich Uninteressanteste.
Die SanitĂ€ter waren zwar sĂ€mtlich Laien, aber im Laufe der Jahre hatten sie sich von den SS-Ărzten und den im Lager befindlichen HĂ€ftlingsĂ€rzten umfassendes medizinisches Wissen angeeignet, auch ĂŒber ihre chirurgischen Kenntnisse hinaus. Und sie besaĂen wegen der Unmenge von Kranken, die sie im Laufe der Zeit behandeln mussten, eine riesige Erfahrung. Sie waren alle intelligent, und viele sahen sich in der Lage, in gewissen Dingen manchen Arzt auszustechen. Wenn es galt, Wunden zu behandeln und gute VerbĂ€nde anzulegen, so waren viele von ihnen erstklassig, und man konnte sich ihnen wohl anvertrauen.
Dass HĂ€ftlingsĂ€rzte im Revier arbeiteten, war in den Anfangsjahren des Lagers noch verboten, und auch spĂ€ter wollten die SanitĂ€ter auf Grund ihrer immensen SelbstĂ€ndigkeit und Erfahrung von Ărzten im allgemeinen nichts wissen. Andererseits gab es jĂŒdische Ărzte im Lager, von denen sie sich auch manches absahen, die aber ihrerseits den Sanis schmeichelten, um ihre Posten im Judenrevier, das in einer besonderen Baracke untergebracht war, zu behalten.
Auch ich durfte in den ersten eineinhalb Jahren nicht im Revier arbeiten. Ich wurde in dieser Zeit zunÀchst als Bauhilfsarbeiter, spÀter in der Effektenkammer und danach in der Lagerkapelle eingesetzt.
WĂ€hrend des Tages wurden jene verbunden und behandelt, die in den LagerwerkstĂ€tten arbeiteten, am Abend kamen die dran, die aus den AuĂenkommandos einrĂŒckten. Das war ein nie abreiĂender Strom. Zu Hunderten standen sie Schlange, und wĂ€re nicht der »BĂ€r« Walter KrĂ€mer gewesen und hĂ€tte er nicht manchen DrĂŒckeberger schon vorher ausgesiebt, die Arbeit wĂ€re nicht zu schaffen gewesen. Alfred Tittel tat seinen Dienst in der inneren Ambulanz, neben ihm die kleine, verwachsene »Waldfee«. WĂ€hrend Alfred durch SeriositĂ€t, Ernst und Menschenkenntnis vieles meisterte, fertigte die kleine »Waldfee« mit nie verlegener Schnauze die Zudringlichen ab. Da waren DrĂŒckeberger, die Temperaturen schwindelten, um ins Revier aufgenommen zu werden, wussten sie doch genau, dass hohe Temperaturen ein Grund dazu waren. Man musste sie so setzen, dass sie beim Temperaturmessen beobachtet werden konnten. Da waren andere, die eine Diarrhöe vortĂ€uschten, um sich vielleicht ĂŒber den Tag im Revier herumdrĂŒcken zu können. Man kontrollierte ihre Angaben und wehe, es stimmte nicht.
Nicht Herzlosigkeit war fĂŒr dieses unnachgiebige Verhalten bestimmend. Galt es doch, den wirklich Kranken zu helfen â so gut es unter den herrschenden, stark beschrĂ€nkten Bedingungen eben ging. Einige Medikamente standen zur VerfĂŒgung, ein paar LichtkĂ€sten und Bestrahlungslampen. WĂ€hrend er die Wunden der einen behandelte, musste Alfred in demselben Raum gleichzeitig die Lichtbehandlung geben. SpĂ€ter wurde dafĂŒr ein fast eleganter Raum gebaut. Auch ein Laboratorium kam hinzu, in dem ein erstklassiger jĂŒdischer Bakteriologe die kompliziertesten Untersuchungen ausfĂŒhrte. Er ging spĂ€ter nach Schanghai und wurde dort Direktor eines Instituts. Hier aber, in der Haft, musste er sich die Anpöbeleien der SanitĂ€ter gefallen lassen. Da war vor allem Karl Peix, der alle tyrannisierte. Er war der Vertraute Walter KrĂ€mers. Aber Walter, der fĂŒr die Politischen alles tat und der eine »Kanone« war, hatte dadurch sein Leben an einen Menschen gekettet, der ihm noch zum Verderben werden sollte.
Die SS-Ărzte griffen, wie gesagt, nur selten ein, sie gaben nur Befehle und lieĂen den Sanis freie Hand. Offenbar fĂŒrchteten sie, dass HĂ€ftlingsĂ€rzte zu viel sehen und berichten könnten. Und es war dort schon manches zu sehen! So gehörte es zu den krassen Methoden der SS-Ărzte, auf Ă€rztlichen Wegen GestĂ€ndnisse zu erpressen. Dr. Ding, ein junger SS-Arzt, hatte einen HĂ€ftling vor, der ĂŒberhaupt kein Wort reden wollte, den Stummen markierte. »Nun, den kriege ich schon«, sagte er und gab ihm eine Brechspritze. Der HĂ€ftling erbrach sich windend, aber er redete nicht. Dann versuchte es der SS-Arzt mit elektrischem Strom, so stark, dass der HĂ€ftling sich vor Schmerzen aufbĂ€umte.
Der elektrisierende SanitĂ€ter fuhr auf Befehl des Arztes plötzlich mit der Elektrode ĂŒber das Herz des HĂ€ftlings, was der Stumme nicht aushielt. Er starb, und obwohl Dr. Ding, dem das peinlich war, sofort Spritzen gab, war er nicht mehr zu erwecken.
Ein anderes war es mit den vielen aussichtslos Kranken, den Tuberkulösen, Siechen. Es hatte sich bald und heimlich im Lager herumgesprochen, dass mit den meisten von ihnen irgend etwas passierte. Sie wurden ins Revier eingeliefert, und nach zwei oder drei Tagen waren sie tot. Das war sehr auffĂ€llig und ging nicht mit rechten Dingen zu, aber es war gefĂ€hrlich, darĂŒber zu reden. Doch die FĂ€lle waren zu eklatant, irgend etwas musste dort mit den Kranken angestellt werden. Es gelang mir, einiges darĂŒber zu erfahren. Irgendwelche Spritzen schienen gegeben worden zu sein, die den Tod zur Folge hatten. Mich schauderte bei diesem Gedanken. Ich wusste damals noch nicht, dass Platzmangel in den Revieren möglicherweise zu einer Gewaltlösung zwang. Aber ich hĂ€tte es entschieden abgelehnt, bei solch einer Sache mitzutun.
Jene HĂ€ftlinge, die anfĂ€nglich offenbar auf Befehl der SS-Ărzte diese Dinge mitgemacht hatten, verloren schlieĂlich jedes MaĂ und Ziel. Es kam vor, dass gesunde Leute, meist Juden, die eine kleine Finger- oder FuĂwunde hatten, abends ins Revier aufgenommen wurden und schon am Morgen tot waren. Hinzu kam, dass Peix offensichtlich pervers war. Zu jungen HĂ€ftlingen die LiebenswĂŒrdigkeit selbst, zu alten brutal, war er immer darauf bedacht, sich aus dem Kreis seiner Patienten hĂŒbsche junge Menschen heranzuziehen, die er monatelang als Kalfaktoren behielt, und mancher wusste delikate AffĂ€ren von ihm zu erzĂ€hlen. Irgendwann kam eine solche AffĂ€re heraus. Der unbequeme Zeuge war ein bildhĂŒbscher junger Pole namens Gornick, intelligent und strotzend vor Gesundheit. Er hatte es gut im Revier, er hatte nicht zu viel Arbeit, sie war nicht zu schwer fĂŒr ihn, und er hatte viel und gut zu essen. Und das war fĂŒr einen Siebzehn- oder AchtzehnjĂ€hrigen damals im Lager ganz wesentlich. WĂ€hrend die anderen herumliefen und sich etwas gegen den Hunger organisieren mussten oder sich den Bauch mit dĂŒnner Suppe vollschlugen, befand er sich sogar in der Lage, seinen Kameraden etwas abzugeben. Oft sah man sie am Revierzaun stehen, und er steckte ihnen kleine PĂ€ckchen zu. Aber er hatte sich an Peix verkauft.
Eines Tages, der Junge war bei voller Gesundheit, hieĂ es, er sei plötzlich verstorben. Es wurde nicht allzu viel darĂŒber geredet, fanden doch im Lager stĂ€ndig zu viele erregende Di...
Table of contents
- Impressum
- Titel
- Widmung
- Vorwort
- Bildung, Ausbildung, Politik
- Illegal
- Gestapo, GefÀngnis, Zuchthaus
- Buchenwald
- Die groĂe Judenaktion 1938
- Krieg
- Natzweiler
- Sachsenhausen
- Bergen-Belsen
- Die Freiheit
- Epilog
- Nachwort
- Der Autor
- Das Buch
- Bildteil
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