
- 376 pages
- English
- ePUB (mobile friendly)
- Available on iOS & Android
eBook - ePub
Karl Bühler: Sprache und Denken
About this book
Der Band "Sprache und Denken" versammelt erstmalig alle denkpsychologischen Frühschriften von Karl Bühler. Dieser Teil seines Werks leistete einen bedeutenden Beitrag zur Würzburger Schule - von Franz Brentano über Oswald Külpe bis zu all deren herausragenden Schülern?wie etwa Anton Marty, Edmund Husserl, Christian von Ehrenfels oder Carl Stumpf. Karl Bühlers denkpsychologische Arbeiten führten nicht nur zu der sogenannten ›Wundt-Kontroverse‹, die den jungen Privatdozenten quasi über Nacht berühmt machte. Sie bildeten ebenso die Grundlagen der kognitiven Wissenschaften und damit auch für Bühlers Meisterwerk "Sprachtheorie". Die Kommunikationswissenschaft wäre ohne ihre denkpsychologischen Fundamente kaum vorstellbar.
Frequently asked questions
Yes, you can cancel anytime from the Subscription tab in your account settings on the Perlego website. Your subscription will stay active until the end of your current billing period. Learn how to cancel your subscription.
No, books cannot be downloaded as external files, such as PDFs, for use outside of Perlego. However, you can download books within the Perlego app for offline reading on mobile or tablet. Learn more here.
Perlego offers two plans: Essential and Complete
- Essential is ideal for learners and professionals who enjoy exploring a wide range of subjects. Access the Essential Library with 800,000+ trusted titles and best-sellers across business, personal growth, and the humanities. Includes unlimited reading time and Standard Read Aloud voice.
- Complete: Perfect for advanced learners and researchers needing full, unrestricted access. Unlock 1.4M+ books across hundreds of subjects, including academic and specialized titles. The Complete Plan also includes advanced features like Premium Read Aloud and Research Assistant.
We are an online textbook subscription service, where you can get access to an entire online library for less than the price of a single book per month. With over 1 million books across 1000+ topics, we’ve got you covered! Learn more here.
Look out for the read-aloud symbol on your next book to see if you can listen to it. The read-aloud tool reads text aloud for you, highlighting the text as it is being read. You can pause it, speed it up and slow it down. Learn more here.
Yes! You can use the Perlego app on both iOS or Android devices to read anytime, anywhere — even offline. Perfect for commutes or when you’re on the go.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app.
Yes, you can access Karl Bühler: Sprache und Denken by Achim Eschbach in PDF and/or ePUB format, as well as other popular books in Social Sciences & Literary Criticism Theory. We have over one million books available in our catalogue for you to explore.
Information
Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge
Inhalt
TEIL I.
Über Gedanken
Über Gedanken
Einleitung.
§ 1. Die Versuche.
§ 2. Die Bestandstücke unserer Denkerlebnisse.
§ 3. Die Gedanken.
§ 4. Gedankentypen.
Das Regelbewußtsein. Das Beziehungsbewußtsein.
Die Intentionen.
§ 5. Über die Konstitution des Gedankens.
§ 6. Das Wissen.
§ 2. Die Bestandstücke unserer Denkerlebnisse.
§ 3. Die Gedanken.
§ 4. Gedankentypen.
Das Regelbewußtsein. Das Beziehungsbewußtsein.
Die Intentionen.
§ 5. Über die Konstitution des Gedankens.
§ 6. Das Wissen.
TEIL II.
Über Gedankenzusammenhänge
Über Gedankenzusammenhänge
§ 1. Über zwischengedankliche, bewußte Beziehungen.
§ 2. Über das Auffassen von Gedanken (das Verstehen von Sätzen).
§ 2. Über das Auffassen von Gedanken (das Verstehen von Sätzen).
TEIL III.
Über Gedankenerinnerungen
Über Gedankenerinnerungen
Einleitung.
§ 1. Die Versuche.
Die Gedankenpaarung (P). Die Ergänzungsversuche (E).
Die Analogieversuche (A). Die Stichwortversuche (St).
Versuchspersonen und Versuchsanzahl.
Die Gedankenpaarung (P). Die Ergänzungsversuche (E).
Die Analogieversuche (A). Die Stichwortversuche (St).
Versuchspersonen und Versuchsanzahl.
§ 2. Beschreibung der Erinnerungserlebnisse.
1) Das Ausgangserlebnis der Erinnerung.
2) Erinnerung und Reproduktion (Iteration).
3) Die Ausgestaltung der Erinnerung (das Finden der Sätze).
2) Erinnerung und Reproduktion (Iteration).
3) Die Ausgestaltung der Erinnerung (das Finden der Sätze).
I. Über Gedanken
Einleitung.
Es gibt wohl kaum eine andere einzelwissenschaftliche Frage, auf die man so viele verschiedene Antworten erhalten kann als auf die: was ist Denken? Denken ist Verknüpfung, Denken ist Zerlegung. Denken ist Urteilen. Denken heißt Apperzipieren. Das Wesen des Denkens liegt in der Abstraktion. Denken ist Beziehen. Denken ist Aktivität, ist ein Willensvorgang. Fragt man aber spezieller nach den Inhalten der Denkerlebnisse, dann lautet die Antwort sehr einmütig, spezifische Denkinhalte gebe es nicht. Es gibt nur ganz wenige Forscher, die diesen Satz nicht anerkennen würden. Und gerade das, was die meisten eint, ist nun die folgende Untersuchung bestimmt, zu bestreiten, während sie sehr wohl anerkennt, daß jeder Forscher in dem, worin er sich von den anderen unterscheidet, recht haben mag, da die Unterschiede letzten Endes auf verschiedene Betrachtungsweisen zurückzuführen sind, die sich nicht unbedingt gegenseitig ausschließen. Diese Behauptung wird sich auf Ergebnisse stützen, die einer neuen Untersuchungsmethode zu verdanken sind.
Von der systematischen Psychologie ist ja das ganze Gebiet der Denkvorgänge von jeher recht stiefmütterlich behandelt worden. In der älteren Zeit haben sich fast nur Sprachforscher auf ihm versucht, später waren es Logiker, die zur Grenzregulierung oder weil sie einen neuen Aspekt ihrer eigenen Wissenschaft von da erwarteten, auf das Nachbargebiet herüberkamen und da schmale Strecken anbauten. Von einer wissenschaftlich durchgebildeten Untersuchungsmethode kann bei diesen Forschungen kaum die Rede sein. Man konstruierte sich seine Fälle am Schreibtisch oder verließ sich auf Gelegenheitsbeobachtungen an seinen eigenen Denkerlebnissen und verallgemeinerte das so Gefundene mit großer Sorglosigkeit. Eine gewisse Methode haben in älterer Zeit nur Lazarus und Steinthal angewandt, die sich recht eingehend mit den Denkvorgängen abgegeben haben und ihre Sprachgesetze aus ihnen begreifen wollten. Tatsächlich aber haben sie sich die Denktatsachen mehr nach den Sprachgesetzen konstruiert als sie diese aus jenen deduzierten; und darin kann man etwas wie eine Methode finden. Sie setzten die Sprachtatsachen als gegeben voraus und fragten sich, wie die Denkvorgänge beschaffen sein müßten, wenn jene aus ihnen verständlich werden sollten. Logisch wäre gegen dieses Verfahren nun gar nichts einzuwenden, wenn nur jene engen Beziehungen zwischen Denken und Sprechen, die es voraussetzt, tatsächlich beständen. Da das aber durchaus nicht selbstverständlich ist, so muß die Stringenz jenes Schließens vom Sprechen auf das Denken einstweilen problematisch bleiben. (Dieses Bedenken muß ebenso wie gegen Lazarus und Steinthal auch gegen manche Partien der Wundtschen Sprachpsychologie erhoben werden.) Übrigens hindert das nicht anzuerkennen, daß auch Lazarus und Steinthal uns eine ganze Reihe sehr guter direkter Beobachtungen von Denkvorgängen hinterlassen haben. Nur müssen sie aus den starren Formeln der Herbartschen Psychologie erst herausgeschält werden, die ihre Fruchtbarkeit fast völlig ersticken ließen.
Eine eigenartige, sehr fruchtbare Methode hat sich jüngst Husserl ausgebildet, eine Art transzendentale Methode. Man kann allgemein sagen, er setze die prinzipielle Erfüllbarkeit der logischen Normen voraus und frage sich, was daraus über die Vorgänge, die als Träger dieser Gesetzeserfüllungen angesehen werden müssen, abgeleitet werden könne. Husserl nimmt damit eine Korrespondenz an, die von vielen Forschern abgelehnt, von den meisten überhaupt nicht geprüft worden ist. Die Ablehnung hat, meine ich, ihr Prototyp in der Kantschen Lösung des Willensproblems. Dort wird zum erstenmal die Erfüllung einer Norm als unabhängig erklärt von der Naturgesetzlichkeit der psychischen Erscheinungen, an die sie gebunden ist. Dort wird zum erstenmal behauptet, man könne unbeschadet der Normerfüllung (es handelt sich bei Kant um die ethischen Normen) annehmen, die psychischen Erscheinungen seien an sich durch Gesetze vollständig bestimmt, die mit den ideellen, normativen Gesetzen gar keine Ähnlichkeit haben. Dieselbe Beziehungslosigkeit, Unvergleichbarkeit, kann man und hat man auch für die logischen im Verhältnis zu den psychologischen Denkgesetzen behauptet. Husserls Methode nun bedeutet einen Bruch mit dieser Ansicht und ihre außerordentliche Fruchtbarkeit kann uns als indirekter Beweis dafür dienen, daß die positive Voraussetzung, die darin liegt, richtig ist. Wir werden auf Grund unserer methodisch ganz anders fundierten Untersuchung zu der Behauptung kommen, daß jene von Husserl nicht geprüfte Korrespondenz in der Tat besteht und daß sie uns zwingt, unsere Anschauungen von dem Charakter der psychischen Gesetzlichkeit überhaupt von Grund aus zu revidieren.
Jene andere Methode, auf die wir unsere Untersuchung basieren wollen, versucht die psychischen Tatsachen des Denkens unmittelbar selbst zu fassen. Sie hält sich an das hic et nunc beim Denken Erlebte, sucht es zu bestimmen und dadurch zu einer Kenntnis der Realgesetze zu gelangen, unter denen es steht. Ihr Instrument ist die Selbstbeobachtung; aber sie unterscheidet sich wesentlich von den älteren Bemühungen der Selbstbeobachtung an zufällig gebotenen oder durch ein inneres Experiment hervorgerufenen Erlebnissen. Zufälligkeit und Willenseinfluß des Erlebenden, die beiden Mißstände aller älteren Beobachtungen, hat sie durch eine einfache Arbeitsteilung beseitigt. Es wird nämlich dem Beobachter ein Versuchsleiter beigegeben, der die Erlebnisse hervorruft und die Beobachtungen zu Protokoll nimmt, so daß die Versuchsperson nur mit ihrem Erlebnis und seiner Beschreibung beschäftigt ist.
Marbe gebührt das Verdienst, diese Idee zuerst ausgesprochen und seiner Untersuchung über das Urteil zugrunde gelegt zu haben. Sie ist dann in einer ganzen Reihe von Arbeiten, die seither aus dem Würzburger psychologischen Institut hervorgegangen sind, in verschiedenen, besonderen Zwecken angepaßten Formen verwirklicht worden. Ich brauche dafür außer den kleineren Versuchen von Mayer und Orth1 und von Taylor2 nur auf Watts »Experimentelle Beiträge zu einer Theorie des Denkens«,3 Achs Buch »Über die Willenstätigkeit und das Denken« (Göttingen 1905) und Messers »Experimentell-psychologische Untersuchungen über das Denken«4 hinzuweisen. Gleichzeitig hat Binet etwas Ähnliches erstrebt und in L’étude exp. de l’intelligence (Paris 1903) beschrieben. Aus all diesen Arbeiten, dann aus den logischen Untersuchungen von Husserl, den an ihnen orientierten Erörterungen von Lipps und der Logik von B. Erdmann sind Gesichtspunkte und Gedanken der folgenden Arbeit zugeflossen. Der mit der Literatur Vertraute wird das von selbst sehen; ich konnte und wollte nicht jeder Einzelansicht gleich eine ganze Genealogie mitgeben. Noch weniger konnte ich isolieren, was ich den Vorlesungen von und dem Gespräche mit Herrn Professor Külpe und Dr. Dürr zu verdanken habe. Sie waren ja auch meine Versuchspersonen und in manchen Partien fühle ich mich nur als Redakteur ihrer Aussagen. Es war ein ideal schönes Zusammenarbeiten mit ihnen, bei dem jeder gab, was er geben konnte, und alle sich freuten, wenn man einen Schritt weiter gekommen war. Damit sei ihnen der herzlichste Dank ausgesprochen.
Dem grundlegenden methodischen Prinzip nach will nun die folgende Arbeit durchaus als Fortsetzung der auf der Linie Marbe-Messer liegenden Bestrebungen betrachtet werden, in der Ausführung dürfte sie sich in nicht unwesentlichen Punkten von ihnen unterscheiden.
§ 1. Die Versuche.
Aus zwei Erwägungen ist diese Verschiedenheit den vorausgehenden Versuchen gegenüber hervorgegangen. Die eine bezieht sich auf die Erlebnisse selbst, die als Beobachtungsobjekte dienen sollten. Es entspricht durchaus den hergebrachten Anschauungen über die Denkvorgänge, wenn man sie für etwas sehr Kompliziertes hält und glaubt, die Schwierigkeit ihrer Analyse liege hauptsächlich in dieser ihrer komplexen Natur. Daraus ergibt sich aber von selbst die Konsequenz, daß man sich, wenn man an eine solche Analyse herangeht, zunächst an die anscheinend einfachsten unter ihnen, alltägliche Urteile oder einfache Subsumptionen hält. Diese waren es denn auch, die man zuerst untersuchte. Dabei hat man aber, wie ich glaube, nicht genügend mit der Tatsache gerechnet, daß alle unsere seelischen Vorgänge mechanisiert werden können und dann aus dem Bewußtsein fast vollständig verschwinden. Nun ist jedoch von vornherein klar, daß ein Vorgang der Beobachtung um so leichter zugänglich sein wird, je urwüchsiger er im Bewußtsein auftritt. Wenn das für das Denken der Fall sein soll, dann muß der Denkstoff dem Denkenden einige Schwierigkeiten bieten und ihm auch ein gewisses sachliches Interesse ablocken. Jeder von uns kennt ja aus seiner eigenen Erfahrung den Unterschied zwischen dem lebhaften Gedankenverlauf bei einem Stoff, der ihn fesselt und zu dessen Bewältigung er sich anstrengen muß, und der matten und oberflächlichen Denkarbeit an einer gleichgültigen Materie, die keine Anstrengung erfordert. Und wenn man sich das eigens bestätigen will, so braucht man sich nur einmal etwa die berühmte Sterblichkeit des Menschen Gaius zu beweisen oder die Aufgabe zu lösen und sich zu fragen, was man denn nun erlebt hat. Als Gegenstück suche man dann vielleicht einen guten Aphorismus zu verstehen; nehmen wir zur Probe folgenden von Nietzsche: »Ich erkläre euch eure Tugenden aus dem Zukünftigen«. Wenn der nicht zufällig bekannt war, wird man nach dem Verstehen kaum im Zweifel darüber sein, ob man wirklich etwas gedacht hat. Ob man dann solche Erlebnisse auch wird beschreiben können, ist natürlich eine andere Frage; sie wird durch eine Probe aber sehr schnell in bejahendem Sinne entschieden.
Dazu kommt, daß die Annahme von der komplexen Natur der Denkvorgänge gar nicht selbstverständlich, jedenfalls nicht die einzig mögliche ist. Man kann sich ja auch sehr gut denken, daß der Assoziationsverlauf der Vorstellungen und die reine Denkfolge zwei Grenzfälle unserer wirklichen Erlebnisse darstellen. Dann wird die Wahl des zu Beobachtenden ganz anders ausfallen. Man wird dann vor allem streben, von der Vorstellungsgrenze sich fernzuhalten, wenn man feststellen will, was Denken ist, weil man in ihrer Nähe nicht einfache, sondern nur ganz schwer bestimmbare Grenzphänomene des Denkens wird finden können. Es ist in der Tat, wie ich glaube, nur der außergewöhnlich feinen Beobachtungsgabe der Versuchspersonen zuzuschreiben, wenn viele der sogenannten einfachen Versuche uns trotzdem ein wertvolles Tatsachenmaterial gebracht haben. Die negativen Resultate aber z. B. der Marbeschen Versuche dürften hauptsächlich der Verkennung dieses doppelten Tatbestandes zuzuschreiben sein.
Ich wollte mich also an etwas schwierigere Denkaufgaben halten. Damit war gleichzeitig zweierlei gegeben. Das erste wird wohl jeder für einen Vorteil halten; die Vp. wurde nämlich durch die Aufgabe selbst in ihrem Erleben innerlich straff gebunden, sie konnte, wenn sie zu einer Lösung kommen wollte, gar nicht nach rechts oder links sehen, ihre ganze psychische Energie wurde durch den einen Prozeß absorbiert. Nun kann man ja auch bei einfachen Aufgaben sein Interesse konzentrieren, aber oft doch nur durch einen Akt spontaner Aufmerksamkeit. Ich meine nun, es könne für ein Erlebnis selbst nur vorteilhaft sein, wenn man diese Anforderung an die Vp. gar nicht zu stellen braucht. Die Vorgänge gewinnen dadurch eine direkte Vergleichbarkeit mit denen der außerexperimentellen Wirklichkeit. Die andere Konsequenz war die, daß die Versuchszeiten nur mit der Sekundenuhr, nicht mit dem Chronoskop bestimmt werden konnten. Ich hielt das von vornherein nicht für einen sehr großen Nachteil und die geringe Verwertbarkeit der exakten Messungen in der Messerschen Arbeit konnte das nur bestätigen. Wir sind vorderhand noch nicht in der Lage, eine derartige qualitative Aussonderung der die Denkzeit beanspruchenden Prozesse vorzunehmen, daß uns eine exakte Zeitbestimmung irgendeinen Rückschluß auf sie erlaubte. Auch Messer ist ja in seinen letzten Versuchsreihen zu der Sekundenuhr ohne Nachteil für seine Ergebnisse übergegangen. Ich wollte aus der Not eine Tugend machen und für die Preisgabe einer exakten Zeitbestimmung einen weiteren Zuwachs an Natürlichkeit für die Versuche eintauschen. So habe ich denn die Unabhängigkeit vom Chronoskop dadurch ausgenutzt, daß ich alles tat, was den Erlebenden von dem Gefühl, Vp. zu sein, befreien konnte. Er wußte, daß es nicht auf Schnelligkeit ankam und daß gar nichts Außergewöhnliches von ihm verlangt wurde. Die Vp. versicherten denn auch häufig spontan, das Ganze komme ihnen vor wie ein Ereignis, das ihnen täglich auch sonstwo hätte aufstoßen können. Und wenn sich auch gelegentlich einmal die Bemerkung Bahn brach, das sei ja das reinste Examen, so deutete das keine unnatürliche Situation an und bezog sich übrigens mehr auf den Denkstoff.
Das zweite Charakteristikum, das die Versuche insbesondere von den Marbeschen, aber auch von denen Messers, unterscheiden dürfte, wurde ihnen durch das Untersuchungsziel aufgeprägt. Marbe schwebte direkt eine psychologische Bestimmung des Urteilserlebnisses vor; auch Messer ging von der Erwägung aus, was beim Denken erlebt würde, müßten wohl Begriffe, Urteile und Schlüsse sein, und er wollte nun zusehen, ob sich über die ersten beiden psychologisch etwas ausmachen lasse.5 An sich sind das ja gewiß ganz einwandfreie Problemstellungen, aber ihre logische Herkunft ist doch geeignet, eine gewisse Einengung des Horizontes mit sich zu bringen. Wer garantiert uns denn dafür, daß Urteil und Begriff Begriffsbestimmungen sind, zu denen auch eine psychologische Betrachtungsweise der Denkvorgänge kommen wird? Und selbst wenn sie zu ihnen kommt, daß diese Bestimmungen auch dieselbe dominierende Bedeutung haben werden, wie in der Logik? Ich hielt es für geratener, nicht direkt auf solche Ziele loszusteuern, sondern von einer ganz allgemeinen Problemstellung auszugehen und es der fortschreitenden Untersuchung zu überlassen, sie weiter zu determinieren.6
Wir stellen uns also die allgemeine Frage: Was erleben wir, wenn wir denken? Dann versuchen wir uns gar nicht erst an einer vorläufigen Bestimmung des Begriffes Denken sondern wählen für die Analyse nur solche Vorgänge, die jedermann als Denkvorgänge bezeichnen wird. Wenn jemand das nicht tun sollte, so mag er sich unsere Frage so umdenken: Was erleben wir, wenn wir diese bestimmten Aufgaben lösen? Was für Aufgaben? Das mußte sich aus den mitgeteilten Erwägungen schon fast von selbst ergeben. Wir wollten unsere Vp. denken lassen. Nun ist die natürlichste Art, einen anderen zum Denken zu ver...
Table of contents
- Cover
- Impressum
- Titel
- Inhaltsverzeichnis
- Über die Tieferlegung der Fundamente. Einleitung des Herausgebers
- Studien über Henry Home
- Eine Analyse komplizierter Denkvorgänge
- Remarques sur les Problèmes de la Psychologie de la Pensée
- Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge
- Nachtrag. Antwort auf die von W. Wundt erhobenen Einwände gegen die Methode der Selbstbeobachtung an experimentell erzeugten Erlebnissen.
- Kritische Nachlese zur Ausfragemethode
- Zur Kritik der Denkexperimente
- Eine Bemerkung zu der Diskussion über die Psychologie des Denkens
- Assoziationslehre und neuere Denkpsychologie
- Replik
- Quellenverzeichnis