Mit mehr Mut
Eine bewunderte Tugend ist der Mut. Wenn er zu Zivilcourage fĂŒhrt. Wenn er Leben rettet. Kann man ihn erlernen, trainieren? Und wo wird er zerstörerisch, gar zur Wahnsinnstat? Eine Suche nach der Substanz und den Formen des Mutes. Mit den PortrĂ€ts von Menschen, die SteilwĂ€nde bezwingen. Oder ihre Angst im Krieg besiegen, ihre Furcht vor der Ăbermacht, vor sich selbst, vor einem Ende
Von Carsten Jasner
Zwei MĂ€nner trinken ein Bier in einem dieser Lokale, die man frĂŒher gutbĂŒrgerlich genannt hĂ€tte. Ein paar Tische weiter sitzt eine Gruppe junger Leute mit rasierten SchĂ€deln und hohem Alkoholpegel. Als die Jugendlichen beginnen, Naziparolen zu grölen, schauen die beiden MĂ€nner einander unschlĂŒssig an. Was tun? Ignorieren? Eingreifen? Abwarten? Sie ringen sich zu einer Aktion durch, stehen auf und rufen: âAufhören!â
Die Betrunkenen halten inne â dann beschimpfen sie die beiden Couragierten. Drohen ihnen PrĂŒgel an. Kommen nĂ€her.
Und die beiden MĂ€nner fliehen.
Eine unschöne Szene. Aber auch nicht so dramatisch, dass sie am nĂ€chsten Tag in der Zeitung stehen wĂŒrde. Weder ist ein verletztes Opfer zu beklagen noch ein Held zu feiern. Die Neonazis verlassen das Lokal, der Wirt ruft nicht mal die Polizei, die GĂ€ste nehmen ihre GesprĂ€che wieder auf. Mit einem neuen, interessanten Thema: Wie finden wir, was da gerade passiert ist?
War es mutig, was die beiden MĂ€nner taten? War es richtig? Oder eher feige, weil sie weggelaufen sind? Wenn sie aber dageblieben und womöglich zusammengeschlagen worden wĂ€ren â hĂ€tte man sie dann bewundert? Oder dumm gefunden? Und die heikelste Frage ĂŒberhaupt: Wie hĂ€tte man sich selbst verhalten?
Die meisten von uns hoffen, nie in eine Situation zu geraten, in der sie in Sekundenschnelle Antworten auf solche Fragen finden mĂŒssen. Die beiden MĂ€nner aber, die nur ein Bier trinken wollten, waren vorbereitet. Theoretisch: Sie erforschen den Mut. Einer von ihnen, Peter Fischer, ist Sozialpsychologe an der UniversitĂ€t Regensburg. Er untersucht, warum in kritischen Situationen manche Menschen wegschauen und andere nicht. Und was jene auszeichnet, die zum Eingreifen in der Lage sind.
Ob ihn die Analyse seines eigenen Verhaltens jetzt noch nĂ€her an die Fundamente der menschlichen Courage fĂŒhrt?
Mut ist ein gewagtes Thema fĂŒr Wissenschaftler. Nicht nur weil er blutig bestraft werden kann â schon der Versuch, ihn zu definieren, erweist sich als ĂŒberraschend komplex.
Auf den ersten Blick ist Mut rundum bewundert und begehrt. Die Weltliteratur ist voll von Lobpreisungen mutiger Taten, von Odysseus und Siegfried ĂŒber Werther, Michael Kohlhaas und KĂ€ptân Ahab bis zu Miss Marple und Harry Potter. Und so gehört er auch in Politikerreden. Im Rathaus von Paris beschwor BundesprĂ€sident Joachim Gauck kĂŒrzlich den Mut der französischen RevolutionĂ€re von 1789 und den der WiderstandskĂ€mpfer im Zweiten Weltkrieg, um anschlieĂend von allen EuropĂ€ern âMut zur VerĂ€nderungâ zu fordern.
Als wĂ€re Mut ein zauberhafter Wirkstoff gegen Probleme aller Art. Und stĂ€ndig knapp. Wir brauchen mehr davon, heiĂt es in den Reden von Politikern, ob Mut zur Freiheit, zur Wahrheit, zur Meinung, zur Verantwortung, zur LĂŒcke oder zum Risiko. Auffallend nur, dass die Bitte meist mit hehren, abstrakten Begriffen verknĂŒpft wird. Kaum einer verlangt Mut in Reinform.
Denn: Niemand weiĂ genau, was Mut eigentlich ist.
Wer freiwillig ein persönliches Risiko eingeht, handelt mutig â auf diese Losung immerhin können sich fast alle Mut-Forscher einigen. Aber âfreiwillig ein Risiko eingehenâ â das tun auch Drogenkonsumenten und GlĂŒcksspieler. Denen aber fehlt etwas Entscheidendes: âMut muss ein höheres Ziel habenâ, sagt Cynthia Pury von der Clemson University in South Carolina. Die Psychologin interessiert, was dem PhĂ€nomen Mut seine Strahlkraft â und Sprengkraft â verleiht. Viele kleine und groĂe Abenteurer hat sie analysiert: âWenn wir ein Wagnis bewundern, meinen wir vor allem dessen Ziel. Und das muss ein nobles sein.â
Aber was genau ist nobel? Sind das nur die groĂen, ethischen Werte? GlĂŒck oder Gerechtigkeit? Im Grunde kann ein höheres Ziel durchaus auch ein sportliches sein: einen Berg zu bezwingen, sich im Boxkampf einem starken Gegner zu stellen; den Grand Canyon auf einem Drahtseil zu ĂŒberqueren oder auf einem S-Bahn-W...