Ein Loblied auf den Störenfried
Querdenker
Sie sind eigensinnig, unbeirrbar und kochen lieber ihr eigenes SĂŒppchen. Weil sie sich dem Mainstream widersetzen, werden sie ausgegrenzt, riskieren Karriere und Ansehen. Dabei brauchen wir Querdenker: Gerade weil sie nerven, helfen sie uns, die Welt zu verstehen
Plus: Acht schrÀge Thesen, die unser Weltbild ins Wanken bringen
von JĂŒrgen Schaefer
Querdenker können nichts dafĂŒr: Eine Idee befĂ€llt einen Menschen wie eine Geisteskrankheit. Unter ihrem Einfluss beginnt seine RealitĂ€t sich zu verformen, bis der Betroffene Dinge sieht, die niemand vor ihm sah.
GekrĂŒmmte RĂ€ume. Einen Seeweg nach Indien. Das Ăffische im Menschen.
SpĂ€testens dann sollte er in GesprĂ€chen vorsichtig sein. Je gröĂer ein Gedanke, desto gröĂer die Einsamkeit in seinem Gefolge. Manche Idee wird zum Parasiten, der sich eines Menschen bemĂ€chtigt, ihm alle Energie, alle Zeit, sein Leben abverlangt.
Forscher streben ihr Schaffen lang nach dem einen, nach ihrem genialen Gedanken. Doch ihm zu folgen erfordert Mut: Es ist, wie auf einen fahrenden Zug aufzuspringen, ohne zu wissen, wohin er fÀhrt. Nach Stockholm? Oder nach Sibirien?
Nobelpreis oder Verbannung? FĂŒr die Geologin Gerta Keller bleibt die Frage offen. Seit 25 Jahren schlĂ€gt sie ihr GeologenhĂ€mmerchen an einem granitharten Dogma stumpf. FĂŒr manche hat sie das zur Heldin gemacht. FĂŒr die meisten ihrer Kollegen ist sie eine NervensĂ€ge.
Keller sieht aus, als hĂ€tte sie sich seit Woodstock nicht mehr umgezogen; gelb getönte Brille, Flatterbluse, graue Spaghettilocken. Sie stammt aus Liechtenstein und spricht Englisch mit einem knarzenden Schweizer Akzent. âAbsolute Wahrheitâ, sagt sie, âgibt es nur in der Mathematik. In der Geologie dagegen hilft nur, neugierig zu bleiben. Offen fĂŒr Neues.â
Keller lehrt an der amerikanischen Princeton-UniversitĂ€t, auf einem Campus wie ein englisches Schloss, mit SandsteintĂŒrmchen und SchindeldĂ€chern. Die BĂŒsche im Park werden mit der Schere getrimmt. Im Innern quietschen EichentĂŒren; ein Ort, an dem seit Generationen Geologen versteinern. Im Erdgeschoss verstaubt ein Dinosaurierskelett. Die Frage, warum diese Riesenreptilien ausgestorben sind, galt unter Geologen lange als geklĂ€rt. Bis Gerta Keller kam.
Jedes Kind kennt die Geschichte: Vor 65 Millionen Jahren stĂŒrzte ein Monstermeteorit auf die Erde. Er schlug im Golf von Mexiko einen 180 Kilometer breiten Krater und wirbelte so viel Staub auf, dass sich der Himmel verdunkelte. Pflanzen verwelkten, die Dinos verhungerten.
âEine attraktive Idee, sexy und einfach zu begreifenâ, rĂ€umt Keller ein. LĂ€chelt. âAber leider falsch. Das haben wir lĂ€ngst bewiesen.â FĂŒr die Demission der Dinos, glaubt sie, waren massive VulkanausbrĂŒche und Meteoritenschauer verantwortlich. Das Sterben zog sich ĂŒber zwei Millionen Jahre hin. Spekulationen ĂŒber einen jahrelangen Winter, der dem Meteoriteneinschlag folgte, wĂ€ren damit hinfĂ€llig. Immer wieder hat es in der Erdgeschichte Massensterben gegeben; die Frage nach deren Warum mĂŒsse komplett neu gestellt werden, sagt Gerta Keller.
1985 prĂ€sentierte sie ihre Theorie auf einem Geologen-Kongress. âIch wurde als âGeorge Kellerâ angekĂŒndigt, so unbekannt war ich.â Das sollte sich Ă€ndern. âSchon bei der Einleitung standen die ersten am Saalmikrofon Schlange, um zu widersprechen.â Kellers Vortrag ging im Geschrei der Gegner unter.
âIch dachte: Ach du ScheiĂe!â, erinnert sich Gerta Keller. âAber es kam alles noch schlimmer.â Inzwischen weiĂ sie, was der irische Dramatiker George Bernard Shaw gemeint haben könnte, als er 1917 schrieb: âAm Beginn jeder groĂen Wahrheit steht immer eine GotteslĂ€sterung.â
Kellers Gegenspieler war Luis Alvarez, NobelpreistrĂ€ger. âEiner dieser MĂ€n...