WER HAT ANGST VOR DEM INTERNET?
Nein, digitale Medien machen unsere Kinder nicht dumm. Im Gegenteil: Mit Tablet-Computern und Online-ZugĂ€ngen haben Lehrer heute die Chance, den kreativsten und besten Schulunterricht aller Zeiten zu gestalten. Und ein neues Zeitalter der Bildung einzuleiten. Was dafĂŒr nötig ist? Beherzte PĂ€dagogen. Und entspannte Eltern. Vielerorts gelingt das schon!
Von JĂŒrgen Schaefer
Die gute Nachricht ist: Auch in der Schule der Zukunft machen sich die Kinder noch schmutzig. Zwei Dutzend toben am hellen Morgen ĂŒber den Spielplatz vor der Digitalis-Schule im niederlĂ€ndischen Almere, dass es staubt, wĂŒhlen lustvoll im Sandkasten, klatschen sich beim Fangen ab. Bis zum Pausengong. Danach ist alles anders.
Johlend strömen die Kinder ins GebĂ€ude; am Eingang wartet eine Plastikbox mit iPads auf sie. Jedes Schulkind greift sich seinen eigenen Tablet-Computer, quietschbunt schutzverhĂŒllt mit Henkelgriff. Auf diesem iPad findet es alles, was es zum Lernen braucht: einen individuellen Stundenplan, digitale SchulbĂŒcher, Ăbungsaufgaben und Spiele â jede Menge Spiele: zum Mathelernen, fĂŒr Rechtschreibung, zum Programmieren.
Im SchulgebĂ€ude, einem einstöckigen Flachbau, gibt es keine Klassenzimmer mehr. Stattdessen versammeln sich die SchĂŒler in Ateliers, von allen Seiten durch Glasscheiben einsehbar. VierjĂ€hrige sitzen dort neben AchtjĂ€hrigen, je nachdem, welchen Kurs sie gerade gebucht haben. Im âLeiseraumâ in der Mitte des Schulhauses arbeiten Kinder Aufgaben auf ihrem iPad ab. Ich habe das GefĂŒhl, eher auf einer Art Kinderkonferenz zu sein als in einer Schule.
Wohin die SchĂŒler im GebĂ€ude auch schlendern; das Einzige, was sie dabei mit sich herumtragen, ist ihr neonbunter Tablet-Computer. Ist das die Zukunft, Kinder mit permanentem Internetanschluss? Ist das eine Utopie oder ein Albtraum?
Ich habe selbst zwei Töchter; die Ăltere ist zwölf Jahre alt, besucht ein Gymnasium in Hamburg. An einem Morgen im September 2014 wiege ich ihre Schultasche: 8,35 Kilo. Die Tasche ist voller BĂŒcher, die wir zum Beginn des Schuljahres in Folie eingeschlagen haben; genauso, wie ich das zu meiner Schulzeit vor 40 Jahren getan habe. Neulich brachte sie einen kopierten Zettel nach Hause mit der Aufforderung, âDas groĂe Oxford Wörterbuchâ fĂŒr 27,95 Euro zu kaufen, dazu das âOxford Advanced Learnerâs Dictionaryâ und einen Grammatikband.
Diese Nachschlagewerke, erfahre ich, sind fĂŒr âden weiteren Lebensweg (Ausbildung, Studium, Beruf, Auslandsaufenthalte)â meiner Tochter: âunentbehrlichâ. Meine Tochter wird, wenn alles gut lĂ€uft, im Jahr 2020 ihr Abitur ablegen. Kein Mensch weiĂ, auf welche Art wir dann permanent mit dem Internet verbunden sein werden. Aber sollte meine Tochter studieren gehen, wird sie sicher keine Oxford-Backsteine in den Koffer packen.
Schon heute besitzt sie ein Smartphone, wie fast alle ihre Klassenkameraden. Sie ist dadurch mit dem gröĂten Lexikon der Menschheitsgeschichte verbunden, der Wikipedia, wo sie ziemlich alles nachschlagen kann, was ein Mensch heute wissen will: woher das Ebola-Virus stammt, wovon Gregor Samsa trĂ€umt, und warum man eine Zahl nicht durch null teilen kann.
Doch die Verbindung zwischen meiner Tochter und der Wikipedia endet am Schultor. Die Benutzung von Smartphones ist auf dem SchulgelÀnde untersagt. Wie an vielen Schulen Deutschlands.
âDas ist genau das Problemâ, sagt Maurice de Hond, GrĂŒnder der niederlĂ€ndischen iPad-Schulen: âDie klassischen Schulen bereiten unsere Kinder auf die Vergangenheit vor.â De Hond ist 67 Jahre alt, Meinungsforscher, und spĂ€t noch einmal Vater geworden. Im vergangenen Jahr wollte er seine VierjĂ€hrige in jener Schule anmelden, die schon seine Ălteste 30 Jahre zuvor besucht hatte: âDas sah alles genauso aus wie damals. Als ob sich nichts geĂ€ndert hĂ€tte!â De Hond suchte Mitstreiter, entwarf ein Konzept (âUnterricht fĂŒr ein neues Zeitalterâ) und fand sieben Grundschulen, die sofort bereit waren, es anzuwenden. Ein Jahr spĂ€ter sind es bereits 22 Schulen.
Unterricht findet an diesen iPad-Schulen in Workshops statt, fĂŒr Mathematik, Sprachen, Erdkunde, aber auch Programmieren und Sport. Welche Workshops das Kind besucht, entscheidet es selbst, gemeinsam mit den Eltern, mit denen es jeden Tag auf dem iPad einen individuellen Stundenplan zusammenstellt. Alle sechs Wochen trifft sich jedes Kind zu einem âpersönlichen EntwicklungsgesprĂ€châ mit Eltern und Lehrern, um Ziele fĂŒr die kommenden Wochen festzulegen.
Ferien gibt es an der iPad-Schule, wann immer die Eltern in den Urlaub fahren: âWeil wir keinen festen Stundenplan haben, verpassen die Kinder auch nichtsâ, erklĂ€rt de Hond.
So lernt jedes Kind genau das, wozu es gerade in der Lage ist und worauf es Lust hat. âDie Idee individualisierten Lernens ist nicht neuâ, sagt Monique van Zandwijk, die Direktorin der Digitalis-Schule, âaber erst das iPad macht es uns möglich, das umzusetzen.â Lernprogramme vermitteln Wissen spielerisch; mit ihrer Hilfe erfahren die Kinder sofort, ob sie etwas verstanden haben oder nicht. Weil der digitale Begleiter jeden Lernschritt dokumentiert und den Stoff entsprechend anpasst, gibt er den Kindern die Freiheit, sich frei im SchulgebĂ€ude und im Lehrplan zu bewegen und in ihrem eigenen Tempo zu lernen. So sehe ich in der Digitalis-Schule ein zwölfjĂ€hriges MĂ€dchen, Kind von Einwanderern aus Suriname, das mit einem simplen Lernspiel Grundrechenarten ĂŒbt: eigentlich Stoff der ersten oder zweiten Klasse, aber auch unentbehrliche Grundlage fĂŒr den weiteren Unterricht.
Und weil die Kinder nicht in ein Korsett gezwĂ€ngt werden, verschwinden auch die ĂŒblichen Verhaltensprobleme, berichtet Maurice de Hond: âKinder, die mit ADHS zu uns kommen, zeigen bei uns in der Regel keinerlei Symptome.â
Lernen ist so kein Hindernislauf mehr, sondern eine Entdeckungsreise. âFĂŒr die Kinderâ, sagt Maurice de Hond und deutet auf das iPad, âist das ein Werkzeug zum Lernen. Aber fĂŒr mich ist es ein Vorschlaghammer. Ein SystemzertrĂŒmmerer.â
Aber sollte das System ĂŒberhaupt zertrĂŒmmert werden?
Wer auf der Suche nach Ideen fĂŒr die Schule der Zukunft mit Eltern und Lehrern spricht, stöĂt immer wieder auf den Namen des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson. Robinsons berĂŒhmtester Vortrag wurde 29 Millionen Mal auf der Videoplattform âTEDâ angeschaut; es ist dort der mit Abstand popul...