Sturzgeburt
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Vom geteilten Land zur europäischen Vormacht

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Sturzgeburt

Vom geteilten Land zur europäischen Vormacht

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Vor 25? Jahren wurde die staatliche Einheit Deutschlands hergestellt. Der Bundespolitiker Oskar Lafontaine (damals SPD) wollte sie, der DDR-Politiker Peter-Michael Diestel (DSU/CDU) ebenfalls. Lafontaine jedoch hatte dabei nicht das Gleiche im Sinn wie die regierenden Bonner Christdemokraten, und Diestel, der als Vize-Premier der DDR deren Kurs aktiv mittrug, sah erst später manches anders.Der einstige West- und der ehemalige Ostpolitiker betrachten nun nach einem Vierteljahrhundert die Vereinigung und vornehmlich deren Folgen, an denen die Deutschen noch heute zu tragen haben. In vielen Aspekten sind sie sich einig, in manchen Fragen gehen ihre Auffassungen unverändert auseinander. Ihr Streit über die Bilanz macht die Grundprobleme aktueller Politik sichtbar - und ist zugleich eine anregende Lektüre.

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Bevor man sich vereinte, wurde getrennt
Wenn wir über die deutsche Einheit reden, muss ich auch darüber sprechen, wer Deutschland gespalten hat. Im Westen hieß es, natürlich, die Kommunisten. Historisch haltbar ist diese ideologisch motivierte Behauptung wohl nicht.
LAFONTAINE Natürlich nicht. Ich glaube, dass heute niemand mehr bestreitet, dass die deutsche Teilung Folge der Nazidiktatur und des Zweiten Weltkrieges war. Unter intelligenten Westdeutschen war dies auch damals ein akzeptiertes Faktum. Die Masse aber verdrängte ihre Mitschuld an Faschismus und Krieg und machte letztlich »die Russen« für die Spaltung verantwortlich. So konnten sich auch die alten Nazis gut in der Bundesrepublik einrichten: Man hatte ja einen Schuldigen.
Die Suche nach Schuldigen scheint mir in allen Gesellschaften vorhanden: Nach Herstellung der staatlichen Einheit beispielsweise wies man weiter mit dem Finger auf das »SED-Regime«, um von den eigenen Verbrechern abzulenken. Stellen wir uns einmal vor, das Kunduz-Massaker …
2009 in Afghanistan, bei dem 142 Menschen, auch Kinder, bei einem von einem deutschen Offizier angeforderten Luftangriff starben …
… wäre von einem Offizier der NVA befohlen worden? Wetten, dass das als unwiderlegbarer Beweis für den verbrecherischen Charakter des SED-Regimes im Westen gewertet worden wäre?
DIESTEL Das Thema ist noch immer nicht durch. Die Vorhaltungen stehen in den Geschichtsbüchern und finden sich in Publikationen und Filmen.
Aber wir sind uns wohl einig: Die Spaltung ist die Strafe für den von Hitlerdeutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg. Die Großen Drei haben in Teheran, Jalta und in Potsdam so entschieden, dass der – nach den Gebietsabtretungen im Osten – übriggebliebene Rest in einen westlichen und in einen kommunistischen Teil zerlegt wird.
Nein, das haben sie eben nicht. Es waren Besatzungszonen beschlossen worden, die durch Demarkationslinien getrennt sein sollten. Damit war nicht zwingend vorgeschrieben, welchen gesellschaftlichen Charakter diese Zonen bekommen und wie sich deren Verhältnis zueinander gestalten würden. Allerdings deutet alles darauf hin, dass die Westmächte – im Unterschied zu den Russen – sehr genau wussten, wohin sie wollten.
DIESTEL Das stimmt. Es war vorherbestimmt, dass die Besatzungsmächte dafür sorgen würden, wie es in ihrer Zone aussehen sollte: nämlich wie bei ihnen zu Hause – also im Westen kapitalistisch, im Osten kommunistisch.
Diese Annahme ist gewiss nicht unbegründet, wenngleich ich behaupte, dass die Westmächte weitaus intensiver diese Absicht verfolgten als die Russen. Die waren, wie mir scheint, hinsichtlich der Zukunft Deutschlands weitaus offener als die Alliierten. Die nahmen beizeiten und gegen ihren einstigen Verbündeten Kurs auf die Bildung eines deutschen Teilstaates, der in eine westliche Wertegemeinschaft integriert werden sollte. Die Stationen sind bekannt: Bi-Zone, Währungsreform, Parlamentarischer Rat, Grundgesetz, Konstituierung der Bundesrepublik … Die Ministerpräsidenten der Ost-Länder, die um die Einheit rangen, wurden aus dem Rat rausgeworfen. Ihr Sprecher, Brandenburgs Ministerpräsident Carl Steinhoff, ein gestandener Sozialdemokrat, wurde mit seinen Kollegen in München vor die Tür geschickt. Während die Volkskongressbewegung »Für Einheit und gerechten Frieden« noch über Deutschlands gemeinsame Zukunft beriet, schaffte der Westen Tatsachen …
DIESTEL Mag ja sein. Das ist Geschichte.
LAFONTAINE Was bist du für ein Jahrgang?
DIESTEL 1952.
LAFONTAINE Ah ja.
DIESTEL Für mich gehörten die beiden deutschen Staaten immer zusammen, die Teilung war künstlich und ideologisch motiviert, weshalb sie sich in dem Moment erledigt hatte, als die Ideologie sich erledigte. Und ich bin stolz darauf, in der ersten Reihe bei der Überwindung dieses widernatürlichen Zustandes gearbeitet zu haben. Ich hatte ein Überwindungsbedürfnis.
Welche Ideologie soll sich 1990 erledigt haben?
DIESTEL Die kommunistische.
Also haben doch die Kommunisten Deutschland gespalten?
LAFONTAINE Ich will mal auf dein Geburtsjahr zurückkommen. 1952. Es gibt ein Generationenproblem bei der Bewertung der deutschen Einheit. Willy Brandt hatte eine ganz andere Einstellung als ich sie hatte. Ich bin, wie schon erwähnt, an der französischen Grenze aufgewachsen. Das französische Metz, das ich mit dem Fahrrad erreichen kann, liegt mir nicht nur im geografischen Sinne näher als Frankfurt an der Oder, was ich damals auch so sagte. Das wurde 1990 gegen mich gekehrt und absichtsvoll als Ablehnung der deutschen Einheit ausgelegt, ich erwähnte es bereits. Das Thema DDR und Deutschland, das gestehe ich ein, wurde mir erst im Zuge von Willy Brandts neuer Ostpolitik bewusst.
Das war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Brandt war im 20. Jahr der Bundesrepublik und der DDR Bundeskanzler geworden.
LAFONTAINE Im Kontext dieser Entspannungspolitik kamen ja die ganzen Ostverträge einschließlich des Grundlagenvertrages. Vornehmlich über die Kultur begriff ich, dass diese DDR zu Deutschland gehörte und keine asiatische Sowjetrepublik war. Als eine solche wurde sie ja in unseren Massenmedien behandelt. Bei meinen Besuchen dort spürte ich, dass wir zusammengehörten. Allerdings stellte ich mir zunehmend die Frage – und dies ganz besonders nach dem Mauerfall 1989: Was wird nach der Überwindung der deutschen Zweistaatlichkeit? Diese Frage wurde auch in London und in Paris gestellt. Mitterrand, den ich gut kannte und schätzte, und die Thatcher hatten doch nichts gegen eine Vereinigung der Kultur, der Wissenschaft, der Wirtschaft von DDR und BRD, sondern fürchteten die Entstehung eines übermächtigen Staates in Zentral­europa. Und deshalb hoben sie abwehrend die Hände.
Wenn ich die heutige Entwicklung sehe, dann muss ich sagen, dass ihre Angst vor einem Hegemon berechtigt war und ist.
Aber das steht erst einmal nicht im Gegensatz zu der damals gestellten Frage: Wie hältst du es mit der deutschen Einheit? Ich baute auch schon vor 1989 Brücken. Bekanntlich hatte ich ein gutes Verhä...

Table of contents

  1. Impressum
  2. Titel
  3. Wie es dazu kam
  4. Biografisches Ost und West
  5. Fehlerdiskussion
  6. Und immer wieder dieses eine Thema
  7. Wie soll man es mit der DDR halten?
  8. Eine Währung –gut für Deutschland, gut für Europa?
  9. Der Kapitalismus macht die Demokratie kaputt
  10. Bevor man sich vereinte, wurde getrennt
  11. Die »Allianz für Deutschland« war ein reines Ostprodukt
  12. Die USA erweitern ihren Einflussbereich – erst die DDR, dann Osteuropa
  13. »Die DDR war aus westdeutscher Sicht immer etwas Besonderes«
  14. Demokratie – für wen?
  15. Charakterköpfe in der Politik
  16. Hinweis des Verlags

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