I. Ein Bücherbus für Nicaragua
Vorwort
Welche Bedeutung hat das Wort Bücherbus? Die Bedeutung von „biblio“ ist Buch und die von „bus“ ist ein Fahrzeug zum Transport von Personen oder Dingen; und nach dem Schulwörterbuch Spanisch: Bücherbus ist eine öffentliche mobile Bibliothek, eingerichtet in einem Autobus, der besonders dafür ausgerüstet ist, um eine bibliografische Sammlung und audiovisuelle Medien zu transportieren; seine Mission ist es, verschiedene Orte und Gemeinden abzufahren und Propaganda für Bücher zu machen und die Gewohnheit zum Lesen zu wecken, entsprechend den Interessen und dem Profil der Nutzer, indem er das entsprechende Material anbietet, das ihren Geschmack und ihr Interesse befriedigt und somit ihr kulturelles Niveau hebt und die wissenschaftlichen Erkenntnisse vermittelt, um sich in der Gesellschaft zu entwickeln. (Diccionario Escolar Espanol. Mexico. 1998)
Die Idee, eine Abhandlung über das Projekt des Bücherbusses zu schreiben, ist von Elisabeth Zilz. Es war ihr sehnsüchtiger Wunsch, die Geschichte des Projektes aufzuschreiben, mit den Erlebnissen, Leiden und Freuden. Aber sie sagte, dass sie keine Zeit für schriftstellerische Tätigkeit habe wegen ihrer Anstrengungen, die Arbeit in Europa zu organisieren und über das Voranschreiten des Projektes Bücherbus in Nicaragua zu berichten, und dazu noch Gespräche, Vorlesungen, Konferenzen, Fotoausstellungen, die Teilnahme an der Buchmesse in Deutschland und an anderen bibliothekarischen und administrativen Aktivitäten in unserem Land, all diese Tätigkeiten machten ihr solch eine schriftstellerische Arbeit unmöglich.
Ich verstand ihre Gründe, und in der Zeit, die sie hier in Nicaragua ist, in den sechs Monaten des Jahres, während unserer gemeinsamen Besuche der Gefängnisse mit dem Bücherbus sprach ich mehrmals mit ihr über dieses Thema. Eines Tages dann, nach einem harten Arbeitstag und zurück in unserer deutsch-nicaraguanischen Bibliothek, sagte sie zu mir voller Enthusiasmus: „Es wäre gut, die Geschichte unseres Bücherbusses zu haben oder aufzuschreiben – aber wer soll das denn machen? Mir fehlt dazu die Zeit und die Kraft, wer könnte das machen?“ In diesem Moment wuchs in mir dieses große Interesse, in mir, Reybil Cuaresma, Fahrer und Bibliothekar des Bücherbusses. Ich dachte, sagte mir: Ich kenne die Geschichte, denn ich bin einer der ersten Mitarbeiter, der noch immer im Projekt ist. So begann ich, mir Gedanken über den Wunsch von Elisabeth zu machen.
Dann dachte ich nach. Die Geschichte des Bücherbusses aufzuschreiben, wird für mich eine große Herausforderung, schließlich bin ich kein Schriftsteller. Aber mit der Liebe zum Projekt und den Erfahrungen, Erlebnissen und der hier verbrachten Zeit (14 Jahre bis jetzt), entschloss ich mich, den Wunsch von Elisabeth zu verwirklichen. Und es war wirklich angenehm, alles zu schreiben, was ich über diesen bibliothekarischen Service weiß und erlebt habe. Meine dabei gemachte Erfahrung war phänomenal.
Ich habe die Geschichte vom Bücherbus miterlebt von seiner Geburt bis zur heutigen Zeit, das Wachsen des Angebots an die Leser, ich erlebte auch viele geschmacklose Ereignisse, Ablehnung und Unverständnis. Aber trotz allem habe ich nie die Hoffnung und den Glauben verloren, den Bücherbus verwirklicht zu sehen. Ich machte weiter, motiviert durch die Liebe zu und den Glauben an dieses Projekt. Gleichzeitig konnte ich bei jedem Besuch des Bücherbusses einen Tropfen Weisheit hinzugeben zu diesem großen Ozean an kultureller Armut, den wir so oft hier in Nicaragua durchquerten; immer mit dem Ziel, dieses Geschenk darzubieten den „vielen einfachen Leuten in vielen Orten, die gemeinsam kleine Schritte tun und damit das Gesicht der Welt verändern“, und somit durch die Lektüre zu einem besseren Nicaragua beizutragen.
In den ganzen Jahren des Bücherbusses „Bertolt Brecht“, seit seinem Bestehen bis heute, hat er seine Ziele verwirklicht – beizutragen zur Alphabetisierung des nicaraguanischen Volkes, die Lesegewohnheit zu entwickeln und zu pflegen, mit besonderer Hinwendung zu den kriegsgeschädigten Kindern und den Gefangenen im Nationalen Strafvollzug.
Das ist dann also mein bescheidener Beitrag zur Geschichte des Bücherbusses „Bertolt Brecht“, voll von meinen Augenzeugenberichten, von den gemeinsamen Erlebnissen mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Bibliothekaren; voller guter Dinge, Hoffnungen, aber auch Wolken, die manchmal für kurze Zeit den Himmel dessen verdunkelten, was heute eine angesehene Institution ist: Der Bücherbus „Bertolt Brecht“ in Nicaragua.
Reybil Cuaresma Bustos, Bibliothekar des Bücherbusses „Bertolt Brecht“
Widmung von Reybil
1. Ich möchte jeden Leser die Geschichte des Bücherbusses „Bertolt Brecht“ in Nicaragua miterleben lassen. Ich widme sie Bernarda Esthelma, meiner Lebensgefährtin, mit der ich seit 1972 viele gemeinsame Jahre verbracht habe, 34 Lebensjahre, noch immer zusammen, glücklich und jetzt mit Gottes Segen verheiratet.
2. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und allen meinen Freunden und Freundinnen Dank sagen, vor allem jenen, die mich in dieser harten Arbeit der Datensammlung und Organisation der gesamten Information für die Abhandlung über den Bücherbus „Bertolt Brecht“ unterstützt haben, immer mit dem Ziel, das Ideal seiner Gründerin zu verwirklichen. Auch ihr widme ich dieses Buch von ganzem Herzen: Elisabeth Zilz, Initiatorin des Projekts „Bücherbus in Nicaragua“. Außerdem danke ich dem Vorstand des Vereins „Ein Bücherbus in Nicaragua e. V.“ in Deutschland, die immer eine wirksame Hilfe waren und sind, damit dieses Projekt in unserem Land entsteht und bleibt. Danke!
Kurze Beschreibung des Bücherbusses „Simón Bolívar“
Ich möchte hier über den Vorgänger des Bücherbusses „Bertolt Brecht“ in unserem Land sprechen, den Bücherbus „Simón Bolívar“.
Das war ein Kleinbus, den das Autonome Institut der Nationalbibliothek von Venezuela der Regierung von Nicaragua spendete, entgegengenommen vom Kulturminister, Pater Ernesto Cardenal, am 29. August 1981. Das war ein Kleinbus Chevrolet, hergestellt in den USA, seine Karosserie war völlig aus Aluminium, ein Motor von 8 Zylindern in V, er verbrauchte auf 6 km eine Gallone Benzin und hatte 6 Reifen Nr. 15.
Der Bücherbus „Simón Bolivar“ war sozusagen die erste Erfahrung einer bibliothekarischen Erweiterung dieser Art in der revolutionären Epoche im Januar 1982 und funktionierte bis 1986 ohne Probleme. Der Service dieser mobilen Bibliothek wurde durch mechanische Probleme und die auf unserem einheimischen Markt nicht vorhandenen Reifen beeinträchtigt. Er endete als Würstchenbude.
Zur Geschichte des Bücherbusses „Simón Bolívar“ gibt es folgende bibliografische Notizen, die mehr aussagen über seine erreichten Ziele, Funktionen, Wertungen und sein Schicksal:
„Der Bücherbus, eine mobile Bibliothek, fuhr von 1981 ab alle 14 Tage in der Mittagszeit in die großen Produktionszentren von Managua. 1982 wurden acht Fabriken besucht, wo fünftausend Arbeiter die Gelegenheit hatten, Bücher und Zeitschriften für sich und ihre Familien auszuleihen – der Bus verfügte über zweitausend Bücher – historische, literarische, soziologische und Kinderbücher.“ (Klaas S. Wellinga: Zwischen der Poesie und der Wand. Politische Sandinistische Kultur 1979 – 1990, in: http://www.let.uu.nl/
~Klaas.Wellinga/personal/capitulo_2.htm)
Der Bücherbus „Simón Bolívar“
„Auch wenn der Bücherbus ‚Simón Bolívar‘ so ein trauriges Ende genommen hat, trotz seiner mechanischen Einschränkungen war er doch der Promotor der Nationalen Kampagnen für Bücher und Bibliotheken sowie anderer Aktivitäten, die in den achtziger Jahren durchgeführt wurden. Die Wärme des Volkes zeigte sich in dieser mobilen Bibliothek, die so beliebt war bei den Arbeitern, Schriftstellern, Gefangenen und Schülern, und sogar bei denen, die ihn verwandelt sahen in einen Imbissstand und an einer seiner Seiten lesen konnten: Bücherbus ‚Simón Bolívar‘, Kulturministerium. Er starb also, könnte man sagen, im Bauch des nicaraguanischen Volkes, dem er seine besten Jahre als Träger von Kultur und Förderer der Lektüre schenkte, aber in den Annalen der Nicaraguanischen Bibliothekswesen ist er noch immer lebendig.“ (Mario Arce Solórzano: Mobile Bibliotheken und Bücherbusse in Nicaragua. Managua 2006.)
Die Geschichte des Bücherbusses „Bertolt Brecht“
Anfänge: 1984 besuchte die deutsche ökumenische Gruppe „Gerechtigkeit und Frieden“ das schöne und souveräne Nicaragua, als der 50. Todestag von General Sandino am 20. Februar begangen wurde. In dieser Gruppe war auch Elisabeth Zilz, eine deutsche Bibliothekarin, pensioniert, motiviert durch die nicaraguanische Wirklichkeit jener Zeit, die zur Schlagzeile in der ganzen Welt geworden war. Die Gruppe wollte sich über die wahre Situation in Nicaragua informieren, wissen, ob sie den Gerüchten glauben sollten, die Nicaragua als kommunistisch bezeichneten.
Die Gruppe solidarisierte sich hier im Land mit der Sache der Arbeiter und Bauern im Norden und Süden des Landes. Elisabeth blieb in Jalapa und beteiligte sich in einer Kooperative an rein landwirtschaftlichen Arbeiten, jätete Unkraut, düngte Kartoffelfelder und half beim Bau eines zivilen Schutzraumes.
Nachdem die Gruppe viel gearbeitet hatte, begaben sie sich nach Managua, um sich mit der Regierung, der Kirche und Vertretern von Menschenrechtsorganisationen zu treffen. Ihr Ziel bestand darin, den Leuten in Nicaragua ihre Wertschätzung zu zeigen und ihnen die Möglichkeit zur Zusammenarbeit und Unterstützung anzubieten. Zu Ende ihres Aufenthaltes bat Elisabeth den Kulturminister (Pater Ernesto Cardenal) um Erlaubnis, ein Projekt durchzuführen. Dieses bestand darin, einen Bücherbus durch eine Solidaritätsgruppe aus Deutschland zu ermöglichen. Dieser Bus sollte für das Volk von Nicaragua sein und das Ziel haben, die Arbeit des vorigen Bücherbusses fortzusetzen, die Alphabetisierung zu festigen und die Lesefreudigkeit bei den nicaraguanischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu vermehren.
Die Bibliothekarin Elisabeth Zilz erhielt die Zustimmung zur Durchführung dieses Projektes, und mit dem Dokument in der Hand fuhr sie nach Deutschland mit zwei Zielen:
1. Durch die deutsche Solidarität Mittel zu beschaffen, um einen Bücherbus kaufen zu können. So begann ihre mühsame Arbeit und schließlich hatte sie in Frankfurt am Main eine Unterstützergruppe zusammen, u. a. bestehend aus Schriftstellern, Intellektuellen und Kirchenleuten, um die Mitarbeit zu festigen und mit dem Projekt in Nicarag...