Über die Jugend und andere Krankheiten
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Über die Jugend und andere Krankheiten

Essays, Interviews und Reden 1985–2018

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Über die Jugend und andere Krankheiten

Essays, Interviews und Reden 1985–2018

About this book

Aus dem Inhalt: Ein kicker-Tag. Notizen vom Schlachtfeld * Chaostage in Hannover * Im GesprĂ€ch mit Götz George und Eberhard Feik * Wie weit ist der Weg nach Deutschland? * Zur Misere der deutschen Jugendforschung * Jugendkulturen und Drogen * Kein Refugium fĂŒr Couchpotatoes: Die Ă€sthetische Praxis in Jugendkulturen * Die WiedergĂ€nger des Untertan * HassgesĂ€nge – Homophobie im Musikbusiness * Der Staat und die Autonomen * What the fuck, Menschheit?!

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Information

Publisher
Hirnkost
Year
2018
eBook ISBN
9783945398951

Jugendkulturen und Drogen

„Welche kulinarischen GenĂŒsse schĂ€tzen Sie besonders?“
„Kiffen und Obst.“
Fatih Akin, Filmregisseur, im Interview
Ohne Drogen keine Jugendkulturen. Ob Hippies oder Technoszene – die Angehörigen von Jugendkulturen fielen seit jeher nicht nur durch ihre ausgefallene Musik und Mode auf, sondern auch durch ihre besondere Freude am (illegalisierten) Drogenkonsum. SelbstverstĂ€ndlich geht es auch ohne, nicht jede_r Szeneangehörige nutzt Drogen. So war Frank Zappa, Kultstar sĂ€mtlicher Freaks der spĂ€ten 1960er und 70er Jahre, ein bekennender Drogenhasser, der den Mitgliedern seiner Band Mothers of Invention den sofortigen Rauswurf androhte, sollte er jemanden nur ein Mal beim Kiffen erwischen. Und die Bekenntnisse prominenter House- und Techno-DJs wie Sven VĂ€th zu einem drogenfreien Leben sind durchaus ernst zu nehmen – gerade, wenn sie von KĂŒnstlern kommen, die jahrelang extreme Drogenerfahrungen gemacht haben. Dennoch konsumieren Szeneangehörige (nicht aller Szenen) im Schnitt mehr (illegalisierte) Drogen als ihre ĂŒbrigen Gleichaltrigen, sind Szenetreffpunkte hĂ€ufig auch DrogenkonsumstĂ€tten und -umschlagplĂ€tze. Das liegt zum einen schlicht daran, dass die Zugehörigkeit zu manchen Jugendkulturen ebenso wie der Konsum illegalisierter Drogen aufgrund der Stigmatisierung beider eine Ă€hnliche Form von Mut, sich dem öffentlichen Urteil zu widersetzen, bedĂŒrfen. So sind Jugendliche, die sich durch ihr Bekenntnis zu einer Jugend(sub)kultur ohnehin schon als „Randgruppe der Gesellschaft“ outen, auch in anderen Bereichen ihres Lebens experimentierfreudiger. Doch die AffinitĂ€t von Jugendkulturen und Drogen geht weit darĂŒber hinaus.
Eine zentrale Funktion von Jugendkulturen ist die Stimulierung der Sinne – durch exzessive Musik, durch Tanz und andere körperliche Erfahrungen, durch Gemeinschaftsrituale jeglicher Art. Und eben auch durch Drogen. Drogen sind Stimulanzmittel pur, sie haben gar keine andere Funktion. Sie sollen GefĂŒhle verstĂ€rken oder verdrĂ€ngen, den Körper zu Höchstleistungen animieren oder in tiefe EntspannungszustĂ€nde versetzen. FĂŒr Letzteres wĂ€ren zwar diverse Meditationstechniken weitaus besser geeignet (und vor allem: frei von unerwĂŒnschten Nebenwirkungen), doch diese mĂŒssen erst erlernt und regelmĂ€ĂŸig „trainiert“ werden. Die dazu notwendige innere Ruhe fehlt den meisten Menschen, vor allem in der hektischen Welt des westlichen Kapitalismus. Drogen fĂŒhren schneller zum Ziel.
Wie meist bringen AbkĂŒrzungen Nachteile mit sich: Fast alle Rauschmittel haben unangenehme Nebenwirkungen, sind schwierig oder nur zu ĂŒberteuerten Preisen zu bekommen, und vor allem: Man lernt nichts dabei, bedarf also zukĂŒnftig immer weiter der Stimulanz von außen, um sich in den erwĂŒnschten Zustand zu versetzen. So gesehen sind Drogen stets auch ein Zeichen von SchwĂ€che und Bequemlichkeit – wer sich selbst nicht weiterentwickeln mag, greift eben zu Hilfsmitteln von außen. Das ist fĂŒr die große Mehrheit selbst der regelmĂ€ĂŸigen Drogenkonsument_innen nicht weiter tragisch – Millionen Menschen leben ganz gut damit, dass sie morgens ohne einen Kaffee und/oder eine Zigarette nicht mehr „wach“ werden und abends ohne ein Glas Wein oder Bier nicht „relaxen“ können. Was Jugendkulturangehörige lediglich von ihren Eltern und anderen hĂ€ufig unterscheidet, ist die IllegalitĂ€t ihrer bevorzugten Stimulanzien.
Dass Hippies und Hooligans, House- und Technofans weniger auf Kaffee und Bier abfahren als auf illegalisierte Rauschmittel, hĂ€ngt mit der zweiten bedeutenden Funktion der Jugendkulturen zusammen: dem Erleben von Grenzerfahrungen und -ĂŒberschreitungen. Spannung, Abenteuer, Aufregung – zu spĂŒren, dass man noch lebt, nicht nur Geist, sondern auch Körper ist, das brennende Verlangen, einmal alle Grenzen zu ĂŒberschreiten, sich in einer normierten Welt voller Regeln und „Verantwortung“ und „Vernunft“ einmal unverantwortlich jung zu verhalten – Verheißungen, die Jugendkulturen zu erfĂŒllen vermögen, GefĂŒhlszustĂ€nde, zu deren Intensivierung man eben auch Drogen einsetzen kann.

Daughter’s Little Helpers

Jugendbewegungen sind fast immer (auch) Musikkulturen. Mode und Musik schaffen die IdentitĂ€t von Szenen, Musik bringt ihre Angehörigen zusammen, keine Party ohne Musik. Musik ist selbst eine „Droge“, und Drogen sind seit jeher ein zentraler Bestandteil der Produktion, der Texte und auch der Imagebildung von Musik und Musiker_innen. Es waren Jazzmusiker, die in den 1920er Jahren Kokain popularisierten und wĂ€hrend der Alkoholprohibition Marihuana entdeckten. Louis Armstrong kiffte nach eigenen Aussagen tĂ€glich und schrieb in den frĂŒhen 1950ern sogar einen Brief an US-PrĂ€sident Eisenhower, in dem er eine Legalisierung von Cannabis forderte (Hai & Rippchen 1998, S. 226). In den 1960er Jahren schließlich wurden Drogen und SexualitĂ€t zentrale Symbole der Jugendrevolte. Bob Dylan ĂŒberreichte den Beatles bei ihrer ersten Begegnung als Gastgeschenk eine ĂŒppige Portion Gras, Grateful Dead verteilten 30 Jahre lang bei ihren Konzerten gratis LSD an ihre Fans; Acid-Rocker wie Iron Butterfly, Vanilla Fudge oder Jefferson Airplane versuchten, ihre Rauscherlebnisse direkt in Klangbilder umzuwandeln; Jim Morrison ließ sich filmen, wie er auf LSD mit GrashĂŒpfern redete, und Velvet Underground enttabuisierten schließlich musikalisch sogar den Gebrauch von Heroin. Nicht zufĂ€llig standen diese Bands allesamt fĂŒr Aufruhr, Freiheit, Anti-SpießbĂŒrgertum weit ĂŒber die PubertĂ€t hinaus. „Wir sind Außenseiter. Wir stehlen, betrĂŒgen, lĂŒgen, fĂ€lschen und handeln mit Drogen, um zu ĂŒberleben. Wir sind obszön, ungerecht, scheußlich, gefĂ€hrlich, dreckig, gewalttĂ€tig und jung. Wir sind die Vollstrecker von Chaos und Anarchie. Alles, was man ĂŒber uns sagt, sind wir wirklich.“ (Jefferson Airplane: „We can be together“, 1969)
Bands wie Jefferson Airplane oder Grateful Dead hatten nicht nur rebellische Texte und ein entsprechendes Image, sondern sie verstanden sich auch in der RealitĂ€t als Teil der revoltierenden Jugendbewegung, begrĂŒndeten alternative Projekte wie Kommunen und Produktionskollektive, verweigerten sich hĂ€ufig den Umarmungsversuchen der Musikindustrie und warben bei ihren Auftritten fĂŒr politische Demonstrationen und Bewegungen. Die Zeiten waren hochpolitisiert, und parallel nahm man allerhand berauschende Mittel zur eigenen „Bewusstseinserweiterung“ oder zum Chillen zwischendurch. Die Politik und ĂŒberhaupt die große Mehrheit der Elterngeneration bekĂ€mpften die Politisierung wie die Drogenvorlieben der Jungen mit der gleichen ĂŒberschĂ€umenden Wut. So wurde beides vermischt und aus einem schlichten Joint oder LSD-Trip ein hochgradig ideolog...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Der Autor
  4. Impressum
  5. Inhalt
  6. Zum Geleit
  7. »Ich sehe mich als verwirrten Linken.« Götz George ĂŒber Schimanski, die Polizei und die Politik
  8. „Am Anfang hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen.“ Ein Besuch bei Eberhard Feik
  9. Ohne Busch­trommeln. „Gastarbeiter-Literatur“
  10. Ein Kicker-Tag. Notizen vom Schlachtfeld
  11. Die am lautesten schreien, sind am wenigsten gefĂ€hrdet. Die „Anti-Antifa“ veröffentlicht eine „Fahndungsliste“ ihrer Gegner
  12. „Kurzhaarige junge Herren“ Klaus Farin im GesprĂ€ch mit Mariam Niroumand
  13. Zur Abwechslung mal Punks. Chaostage in Hannover
  14. Terror der Idioten Oder: Wie Antifas ein antifaschistisches Skinheadfestival verhinderten
  15. Wie weit ist der Weg nach Deutschland?
  16. Mobile Jugendarbeit – Zwischen professionellem Handeln und sozialer Feuerwehr?
  17. Zur Misere der deutschen Jugendforschung. „Einmal einen Heitmeyer in deutscher Übersetzung lesen 
“
  18. Jugendkulturen und Drogen
  19. Mitwirkung und Partizipation - wollen Jugendliche das ĂŒberhaupt?
  20. Die Körperidee in Jugendkulturen
  21. Kein Refugium fĂŒr Couch-Potatoes. Die Ă€sthetische Praxis in Jugendkulturen
  22. Die Wieder­gÀnger des Untertan
  23. HassgesÀnge - Homophobie im Musikbusiness
  24. „HipHop ist die letzte große Jugendkultur“
  25. FĂŒnf Thesen ĂŒber die Jugend und andere Krankheiten
  26. „Politisch intendierte Gewalt muss auch politisch vermittelbar sein.“ Der Staat, die Autonomen und der Archivar der Jugendfrisuren
  27. Sind Jugendkulturen eigentlich Jungenkulturen? Ein genderorientierter Einblick in Jugendkulturen und Gewalt
  28. „Heimat ist das Thema unserer Zeit.“ Ein GesprĂ€ch ĂŒber Frei.Wild und Deutschrock
  29. What the fuck, Menschheit?!
  30. Stadt - Land - Flucht
  31. Die Jugend

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