1. Zwei deutsche Erzieher
Wer die Geschichte der Grandenfamilie Rodriganda gelesen hat, der kennt die tragischen Schicksale der BrĂŒder Manuel und Fernando, welche â der eine in Spanien, der andere in Mexiko â Opfer abgefeimter Schurken wurden, die nach ihrer Vernichtung trachteten. Mit Genugtuung wird man zur Kenntnis genommen haben, dass das scheinbar undurchdringliche Netz von Intrigen und Gewalttaten, das die beiden Grafen und ihre Angehörigen umgab, letzten Endes doch zerrissen werden konnte. Allerdings erstreckte sich das wechselvolle Geschehen, bis die ĂbeltĂ€ter schlieĂlich ihre gerechte Strafe ereilte, ĂŒber fast zwanzig Jahre![1]
Der geneigte Leser hat also in den Rodrigandas einerseits und ihren Bediensteten Gasparino und Pablo Cortejo andererseits zwei BrĂŒderpaare kennengelernt, wie sie verschiedener nicht denkbar sind. Dabei mag er sich gefragt haben, warum eigentlich die beiden Cortejos die liebenswĂŒrdigen und hochherzigen Grafen mit einer so unerbittlichen Grausamkeit verfolgten und betrogen, die selbst vor den schwersten und ungeheuerlichsten Verbrechen nicht zurĂŒckschreckte.
Das RĂ€tsel soll jetzt gelöst und der dunkle Schleier der Vergangenheit gelĂŒftet werden.
In diesem Zusammenhang ist noch von einigen weiteren Personen zu berichten, deren Geschicke direkt oder indirekt mit denen der Rodrigandas verknĂŒpft waren, sowie von anderen abenteuerlichen und hochinteressanten Begebenheiten.
Versetzen wir uns daher zunĂ€chst zurĂŒck in das Jahr 1818...
Es war in der spanischen Stadt Saragossa wĂ€hrend des Karnevals. In dieser nĂ€rrischen Zeit ist der sonst so ernste und steife Spanier ein vollstĂ€ndig anderer Mensch. Er stĂŒrzt sich mit nahezu wilder Lust in den Strudel der Freuden und VergnĂŒgungen, er taucht darin unter, sogar bis auf den schmutzigen Schlamm des Grundes, und kommt erst dann wieder zu sich, wenn das VergnĂŒgen bis auf die Neige ausgekostet ist.
Einer der prĂ€chtigsten PalĂ€ste der Stadt, fast ganz aus carrarischem Marmor errichtet und wegen der Pracht seiner Inneneinrichtung altberĂŒhmt, gehörte dem Herzog Eusebio von Olsunna. Dieser Don, ein Mitglied des höchsten Adels und einer der reichsten Grundbesitzer des Landes, war erst Mitte zwanzig, aber schon Witwer und Vater eines reizenden kleinen MĂ€dchens im Alter von drei Jahren. Er hatte aus StandesrĂŒcksichten die Tochter einer der angesehensten Familien geheiratet, ohne diese Frau zu lieben, und als sie bei der Geburt des Kindes starb, war er keineswegs traurig.
Er galt als strenger Katholik, eifriger Patriot und stolzer Aristokrat. Viele aber behaupteten, dass er den Freuden des Lebens keineswegs abgeneigt wÀre und sich im Verborgenen manchen Genuss bereitete, von dem er seinem Beichtvater nicht das Mindeste mitteilte. Seine Freunde suchten ihn seiner Stellung und seines Einflusses wegen, seine Feinde aber beneideten ihn.
Der Dienerschaft gegenĂŒber wahrte er den standesgemĂ€Ăen Abstand, mit einer Ausnahme allerdings. Sein Haushofmeister Gasparino Cortejo nĂ€mlich war, was besagte Freuden des Lebens anbelangte, ein gleich gesinnter Charakter, und da sie ungefĂ€hr im gleichen Alter standen und der Herzog Cortejo zudem fĂŒr verschwiegen hielt, schenkte er ihm sein besonderes Vertrauen. In Gegenwart anderer behandelte er ihn seiner Stellung gemĂ€Ă. Unter vier Augen jedoch wurden die Förmlichkeiten beiseite geschoben und die beiden verkehrten so, wie ein leichtsinniger, arroganter junger Adliger eben mit dem geheimen Teilhaber seiner Ausschweifungen, seinem Maitre de plaisir, umzugehen pflegte. Olsunna war nicht etwa von Natur aus schlecht, aber durch die Macht und den Reichtum, die er schon in so jungen Jahren genieĂen konnte, verblendet worden und moralisch ins Straucheln geraten.
Auch heute gedachte er sich einigen VergnĂŒgungen hinzugeben, die seiner nach auĂen zur Schau getragenen WohlanstĂ€ndigkeit durchaus nicht entsprachen. Der Herzog stand in einem seiner prunkvoll eingerichteten Zimmer, rauchte eine teure Zigarre und wartete auf Cortejo, zu dem er einen Diener geschickt hatte. Bald trat der Haushofmeister ein. Sein Gesicht zeigte die FĂŒlle und Rundung der jugendlichen Jahre. Er verstand es, Toilette zu machen, und so war es nicht zu verwundern, dass er mit seinem ĂuĂeren allgemein einen nicht unangenehmen Eindruck erzielte. Gasparino Cortejo begrĂŒĂte seinen Herrn mit tiefer Verbeugung, aber dabei mit einem LĂ€cheln, das hinter der zur Schau gestellten Demut schlecht verborgene Vertraulichkeit verriet. Der Herzog erwiderte die Verbeugung mit einem gnĂ€digen Kopfnicken und fragte:
âNun, wie steht es mit den MaskenanzĂŒgen?â
âSie liegen bereit, Don Eusebio.â
âKann man sich darin sehen lassen?â
âOh!â Diesen Ausdruck begleitete Cortejo mit einem verheiĂungsvollen Schnippen seiner Finger.
âSo! Was hast du fĂŒr mich ausgesucht?â
âEin PerserkostĂŒm.â
âSchön! Das erlaubt mir, meine Prunkwaffen und Edelsteine zur Geltung zu bringen. Und du?â
âIch gehe als Mexikaner.â
âAlle Teufel, du hast doch das Beste fĂŒr dich gewĂ€hlt! Aber es mag so sein. Wirst du in einer Stunde fertig sein können?â
âSicher!â
âDann schick mir den Kammerdiener! Es versteht sich ganz von selbst, dass niemand auch nur ahnen darf, dass wir miteinander ausgehen. Wo aber treffen wir uns?â
âHm! Ich habe Lust, mein KostĂŒm auĂerhalb des Palastes anzulegen.â
âGanz recht! Auf diese Weise erfahren...