Bei den TrĂŒmmern von Babylon
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Bei den TrĂŒmmern von Babylon

ReiseerzÀhlung, Band 27 der Gesammelten Werke

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Bei den TrĂŒmmern von Babylon

ReiseerzÀhlung, Band 27 der Gesammelten Werke

About this book

Von Bagdad aus fĂŒhrt Kara Ben Nemis und Hadschi Halef Omars Weg weiter zu den Ufern des Euphrat. Sie folgen der Spur eines Geheimbundes, erforschen die RĂ€tsel der "Todeskarawane" und greifen in aufregende Geschehnisse am Turm zu Babel ein. Schließlich kommt es zu einem ĂŒberraschenden Wiedersehen mit der weisen Marah Durimeh. Die vorliegende ErzĂ€hlung spielt Mitte der 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Fortsetzung von Band 26 "Der Löwe der Blutrache". Die BĂ€nde 28 "Im Reiche des silbernen Löwen" und Band 29 "Das versteinerte Gebet" setzen die Handlung teilweise fort, stellen aber auch einen autobiografischen SchlĂŒsselroman dar, entstanden aus Mays EindrĂŒcken seiner großen Orientreise 1899/1900. Der ursprl. Titel dieser ehemals vierbĂ€ndigen ReiseerzĂ€hlung lautete "Im Reiche des silbernen Löwen I-IV".

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Information

Year
2011
Print ISBN
9783780200273
eBook ISBN
9783780215277

1. Nach Hille

Am Tag nach dem am Schluss des vorigen Bandes beschriebenen Abend unternahmen wir den geplanten Ritt zum Turm von Babylon, jetzt von den dortigen Beduinen Birs Nimrud genannt.[1] Man rechnet von Bagdad nach Hille drei kurze Tagesreisen. Mit unseren schnellen Pferden brauchten wir nicht so lange Zeit, und darum fiel es uns nicht ein, den Ritt schon am Vormittag zu beginnen; wir ließen vielmehr gerade wie damals die grĂ¶ĂŸte Tageshitze vorĂŒber und ritten, nachdem wir uns von unserem Wirt und seinem dicken Onbaschi verabschiedet hatten, den Fluss hinauf und ĂŒber die BrĂŒcke zum rechten Tigrisufer.
Als wir von dort aus einen Blick zurĂŒcksandten, lag die Stadt, gerade wie damals, in hellem Sonnenglanz vor unseren Augen. Links sahen wir den Volksgarten, die von Midhat Pascha angelegte Pferdebahn und die QuarantĂ€neanstalt, hierauf das Kastell und hart am Wasser das GouvernementsgebĂ€ude; rechts lag die Vorstadt mit der alten Mostanßir. Dann dehnte sich die von Minaretts und Moscheekuppen ĂŒberragte HĂ€usermasse aus, ĂŒber die sich der Dunst- und Staubschleier breitete, welcher Bagdad eigen ist.
Von hier aus wandten wir uns zum Oschach-Kanal, und als wir diesen hinter uns hatten, sahen wir vor uns die freie WĂŒste. Ja, es ist WĂŒste. Da, wo vor nicht gar langer Zeit Garten an Garten sich reihte, wo Tausende von Palmen winkten, Blumen dufteten und herrliche FrĂŒchte glĂ€nzten, da dehnt sich eine unabsehbare, trostlose WĂŒste westwĂ€rts bis an das Ufer des Euphrat aus.
Durch diese Einöde fĂŒhrte unser Weg erst zum Khan Asad und dann nach dem Khan Bir Nust, den wir kurz vor Abend erreichten. Im Khan selbst zu ĂŒbernachten, fiel uns wegen des dortigen Ungeziefers nicht ein; wir suchten ihn nur auf, um unsere Pferde zu trĂ€nken, und ritten dann noch ein StĂŒck in der Richtung zum Khan Iskenderije weiter, wo wir abstiegen, die Tiere anpflockten und unsere Decken zum Lager ausbreiteten.
Wir hatten bis hierher keinen einzigen schiitischen Pilger und keinen einzigen Leichentransport gesehen, dennoch sagte Halef, als wir uns nebeneinander niedergesetzt hatten:
„Sihdi, riechst du nichts? Mir ist ganz so, als ob wir uns im Pesthauch der Todeskarawane befĂ€nden. Geht es dir nicht auch so?“
„Ja, ganz genau wie dir“, antwortete ich. „Die Erinnerung wirkt auf unsere Geruchsnerven. Ich sehe die Todeskarawane nicht bloß an mir vorĂŒberziehen, sondern ich rieche sie auch. Es war entsetzlich damals, ganz entsetzlich, und es ist kein Wunder, dass unsere Nasen den Leichenduft, welcher ihnen damals zu grausam mitspielte, heute noch nicht vergessen haben.“[2]
Todeskarawane, Karwan el Amwat, wie der Beduine sagt, was ist das?
Der Mohammedaner schiitischen Glaubens ist ĂŒberzeugt, dass ein jeder Moslem dieser Sekte, dessen Leiche in Kerbela oder Nedschef Ali begraben wird, ohne alle weiteren Hindernisse sofort in das Paradies komme. Bekanntlich zerfallen die AnhĂ€nger des Islam in die beiden Abteilungen der Sunniten und Schiiten. Das Wort Sunna, zu deutsch ‚Weg‘ oder ‚Richtung‘, bezeichnet alle auf eine Tat oder einen Ausspruch Mohammeds bezĂŒglichen Traditionen, die fĂŒr solche FĂ€lle, in denen der Koran sich entweder gar nicht oder undeutlich ausspricht, als Gesetze Geltung haben. Die Sunna bildet also fĂŒr ihre AnhĂ€nger neben dem Koran die hauptsĂ€chlichste Quelle der Religions- und Lebensvorschriften. Nebenbei, doch ebenso hauptsĂ€chlicherweise unterscheiden sich die Sunniten von den andersglĂ€ubigen Mohammedanern auch dadurch, dass sie die drei Kalifen Abu Bekr, Omar und Othman als rechtmĂ€ĂŸige Nachfolger des Propheten anerkennen. Zu ihnen gehören fast alle Moslems in Afrika, auch Ägypten, in der TĂŒrkei, in Syrien, Arabien und in der Tatarei. – Schia heißt so viel wie ‚Partei‘. Die Schiiten verwerfen die genannten drei Kalifen und behaupten, nur Ali und seinen Nachkommen habe die KalifenwĂŒrde gebĂŒhrt. Sie sind meist ĂŒber Persien und Indien verbreitet, wĂ€hrend sie in anderen LĂ€ndern nur vereinzelt vorkommen. Man schĂ€tzt sie auf zwanzig Millionen, wĂ€hrend es ĂŒber zweihundert Millionen Sunniten gibt.
Die Schiiten widmen Ali und seinen Nachkommen, besonders aber seinen Söhnen Hassan und HusseĂŻn, eine so ĂŒbertriebene und dabei leidenschaftliche Verehrung, dass er und alle zu seiner Nachfolge berechtigten Nachkömmlinge von einigen extremen Parteien sogar fĂŒr Inkarnationen Gottes gehalten werden. Sie haben, obgleich sie das nicht zugeben, die ursprĂŒngliche Lehre durch mystische und pantheistische Hineinlegungen verfĂ€lscht und stellen die Behauptung auf, dass die Sunniten zu vernichten oder doch noch viel mehr als die Juden, Christen und Heiden zu hassen und zu verfolgen seien. Daher die jahrhundertealten, erbitterten und blutigen KĂ€mpfe zwischen diesen beiden Richtungen. Es ist Blut, sehr viel Blut geflossen, es sind Grausamkeiten verĂŒbt worden, welche niederzuschreiben sich die Feder strĂ€ubt, und noch heute ist dieser Hass nicht verlöscht. Er glimmt fort und fort und bricht bei jeder Veranlassung in helle, vernichtende Flammen aus. Es versteht sich ganz von selbst, dass diese Erbitterung ihre meisten Opfer in den Gegenden sucht und findet, wo Sunniten und Schiiten vermischt wohnen oder öfters aufeinander stoßen, und das findet ganz besonders statt in der Grenzprovinz Irak Arabi mit den beiden nicht weit von Bagdad liegenden heiligen schiitischen StĂ€dten Nedschef Ali und Kerbela.
Die erstere Stadt hat ihren Namen von dem in der NĂ€he liegenden Nedschef-See erhalten und wird auch Meschhed Ali, das heißt Grabmal Alis, genannt, weil dieser da begraben worden ist. Sie ist ungefĂ€hr fĂŒnfzig Kilometer sĂŒdlich der Ruinen von Babylon gelegen, auf welchem Weg man auch ĂŒber das Dorf Kefil kommt, wo sich die RuhestĂ€tte des Propheten Hesekiel befindet. Kerbela, auch Meschhed HusseĂŻn, also Grabmal HusseĂŻns, genannt, ist die Hauptstadt eines Sandschak, zĂ€hlt ĂŒber sechzigtausend Einwohner und soll an Reichtum Bagdad weit ĂŒbertreffen. Es wird durch einen Kanal mit dem rechten Euphratufer verbunden und bildet den hervorragendsten Wallfahrtsort der Schiiten, von denen es noch heiliger als Nedschef Ali gehalten wird.
Es ist nicht meine Absicht, auf die ersten KĂ€mpfe zwischen Sunniten und Schiiten und den Tod Alis und seiner Söhne Hassan und HusseĂŻn einzugehen. Es genĂŒgt zu sagen, dass, wie wir auch noch sehen werden, die Gedenkzeit an HusseĂŻns Tod von den Schiiten mit grĂ¶ĂŸter Leidenschaft begangen wird, und zu wiederholen, dass die Bekenner der Schia die Überzeugung hegen, ein jeder ihrer AnhĂ€nger gehe sofort in den Himmel ein, falls er in einer der beiden StĂ€dte begraben werde.
Aus diesem Grund ist es der heißeste Wunsch eines jeden Schitten, in dieser heiligen Erde ruhen zu dĂŒrfen; aber da die meisten Schiiten in Persien und gar Indien leben und der weite Transport der Leichen also ein außerordentlich kostspieliger ist, so ist es nur dem Reichen möglich, nach seinem Tod nach Kerbela oder Nedschef Ali geschafft und dort beerdigt zu werden. Der Arme aber muss sich selbst transportieren, das heißt, er nimmt von seinen Angehörigen fĂŒr immer Abschied und bettelt sich unter allen möglichen Anstrengungen und Leiden durch die weiten LĂ€nderstrecken zum fernen Ziel seiner Wanderung und seines Lebens, um dort dann seinen Tod zu erwarten.
Diese Wanderungen kommen zu jeder Jahreszeit vor und erstrecken sich meist auf ganz bestimmte Wege, welche gebrĂ€uchlich geworden sind, weil sie sich als die besten und kĂŒrzesten erwiesen haben; auch sind gewisse Strecken, Richtungen oder Abweichungen von den Behörden vorgeschrieben. Diese Wege gleichen einem Fluss-System: Das Gebiet der Quellen, BĂ€che und einzelnen WasserlĂ€ufe ist weit ausgebreitet, dann nĂ€hern sich die ZuflĂŒsse einander nach und nach, um die Nebenarme zu bilden, welche sich spĂ€ter zum Hauptstrom vereinigen. Je weiter entfernt desto unbedeutender, aber zahlreicher sind die Wasser; je nĂ€her dem Ziel desto geringer wird wird zwar ihre Zahl, aber desto bedeutender sind sie geworden, bis sie endlich alle vereinigt im Hauptbett als mĂ€chtiger Fluss der MĂŒndung entgegenrauschen. Ebenso ist es auch mit dem Menschenstrom, den diese Pilgerwanderungen bilden: Die einzelnen schiitischen Wanderer, denen man in den fern liegenden Gegenden begegnet, finden sich an gewissen Vereinigungspunkten zusammen und bilden da Gesellschaften, die sich an weiterliegenden Knotenpunkten vereinigen, um dann von rechts und links immer neue ZuflĂŒsse aufzunehmen, bis sie zu bedeutenden ZĂŒgen anwachsen und schließlich die großen, gefĂŒrchteten Todeskarawanen ergeben, gefĂŒrchtet deshalb, weil sie nicht nur aus dem verkommensten, zu allen Schandtaten fĂ€higen Menschenmaterial, sondern auch aus den zahlreichen Leichentransporten bestehen, die sich ihnen angeschlossen haben. Man denke sich Hunderte und Hunderte von toten Menschenkörpern, welche nur in dĂŒnne Decken gewickelt sind oder in lĂ€ngst zerbrochenen SĂ€rgen liegen; seit Monaten unterwegs, sind sie dem glĂŒhenden Sonnenbrand und allen Einwirkungen der langen Reise und des Wetters ausgesetzt gewesen; sie befinden sich also in allen möglichen Graden der Verwesung und verbreiten einen Gestank, den jeder Windhauch stundenweit verbreitet....

Table of contents

  1. Cover
  2. Title
  3. Inhalt
  4. 1. Nach Hille
  5. 2. Als Pascher verdÀchtig
  6. 3. Vor Gericht
  7. 4. Die Karawane des Kammerherrn
  8. 5. Auf dem Euphrat
  9. 6. Im Turm von Babel
  10. 7. Osman Pascha
  11. 8. Wieder im Turm
  12. 9. Die Schatzkammer des Birs Nimrud
  13. 10. Frohe Heimkehr
  14. 12. Der Mann ohne Namen
  15. 13. ‚Perle‘ und ‚Petersilie‘
  16. 14. Marah Durimeh

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