Feminismus an und hinter der Fassade?
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Feminismus an und hinter der Fassade?

Eine qualitative Untersuchung des persönlichen Zugangs der Sprayer_innen von feministischen Werken im öffentlichen Raum

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Feminismus an und hinter der Fassade?

Eine qualitative Untersuchung des persönlichen Zugangs der Sprayer_innen von feministischen Werken im öffentlichen Raum

About this book

Der Fokus dieser Abschlussarbeit liegt in der Untersuchung der HintergrĂŒnde der – von der Verfasserin als feministisch deklarierten – Werke im öffentlichen Raum. Es geht darum herauszufinden, welche Gedanken hinter feministischer Street Art bzw. feministischen Graffiti stehen. ZunĂ€chst wird im Theorieteil der Arbeit Einblick in Definitionen von Graffiti und Street Art gegeben. Des Weiteren setzt sich dieses Kapitel mit dem Begriff "Feminismus" auseinander und bespricht außerdem die Bereiche öffentlicher Raum und mögliche BerĂŒhrungspunkte mit dem österreichischen und deutschen Gesetz. Um tatsĂ€chlich die Gedanken hinter den Werken zu erfahren, wurden GesprĂ€che mit in der Szene aktiven Sprayenden und Street-Art-Artists gefĂŒhrt. Die dafĂŒr angewandten Forschungsmethoden umfassen leitfadengestĂŒtzte Interviews, einmal in Form eines Expert_inn_eninterviews, die weiteren sechs als problemzentrierte Interviews mit benannten KĂŒnstler_innen. Die Ergebnisse zeigen, dass verschiedene Motivationen hinter diesen Kunstwerken stehen. So wird feministisches Handeln genauso angefĂŒhrt wie die RĂŒckeroberung des öffentlichen Raumes oder die Lust, etwas Verbotenes zu machen. Es kann festgehalten werden, dass das Anbringen von feministisch-einlesbaren Werken nicht gleichbedeutend mit einer feministischen Einstellung der KĂŒnstler_innen sein muss. Es konnte jedoch nachgewiesen werden, dass hinter dem Feminismus an der Fassade oft auch eine feministische Grundhaltung steht.

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Information

1. Einleitung

Welche Sprayer_innen1 stehen hinter feministischer Street Art oder feministischen Graffiti? Was wollen sie mit den Bildern erreichen? Wollten sie eine feministische/frauenpolitische Aussage vermitteln? – Beim Entdecken von Werken im öffentlichen Raum, in welchen die Verfasserin einen gewissen frauenpolitischen Anspruch, eine Aufforderung oder etwas Aufdeckendes bemerkt, hat sich diese Frage schon oft gestellt.
Es sind Werke, wie etwa das folgende Schablonenwerk aus Istanbul, die im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Dieses Bild war einer der Auslöser dafĂŒr, dass diese Arbeit von der Verfasserin in dieser Form angedacht wurde. Insofern soll es hier auch fĂŒr die Lesenden als Einstieg dienen und schon zu Beginn eine konkretere Vorstellung von dem, was unter feministischen Stencils verstanden wird, geben. Im Zuge dieser Arbeit werden keine weiteren Bilder prĂ€sentiert werden, da es sich die Verfasserin nicht zur Aufgabe gemacht hat, eine wissenschaftliche Bildinterpretation zu machen. Außerdem kann durch das Vermeiden der Bilder die AnonymitĂ€t der Befragten besser gewahrt werden. Im Laufe der Arbeit wird dennoch detailliert erklĂ€rt, warum die Werke jener als feministisch deklariert wurden.
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Grafik 1 – Stencil: Istanbul – „killers are in our households”
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die eigene Faszination der Verfasserin rund um feministische Werke im öffentlichen Raum zu nutzen, um so mittels Forschung in der Steiermark, Wien, Oberösterreich, Niederösterreich und auch in Berlin durch Interviews mit Akteur_inn_en als/und Expert_inn_en Erkenntnisse ĂŒber die Gedanken beim Erstellen der Werke zu erlangen. Der Fokus auch in Bezug auf Literatur liegt demnach in Österreich und Deutschland. Es gilt zu erforschen, was hinter den Werken steht, was die KĂŒnstler_innen damit erreichen wollen und ob Formen bzw. welche Form von Feminismus dahinter verborgen ist.
In der Vergangenheit wurde zum Thema feministische Graffiti/Street Art kaum geforscht. Wird nach Literatur in diesem Bereich gesucht, so werden durch die Kombination von „feministisch“ und „Graffiti“ bzw. „Street Art“ kaum sinnvolle Treffer erzielt. Dies soll nun mit der Beantwortung der folgenden Frage innerhalb dieser Abschlussarbeit geĂ€ndert werden:
Forschungsfrage
Welche Gedanken der Akteur_inn_e_n stecken hinter dem Sprayen und Platzieren von durch die Verfasserin als feministisch deklarierten Werken im Bereich Graffiti und Street Art im öffentlichen Raum?
Soziale Positionierung und kritische Ver_Ortung2
Ich3 selbst kenne die Graffiti- oder auch die Street-Art-Szene nur als außenstehende Betrachterin und dennoch möchte ich genau diese Kunst zum Thema meiner Abschlussarbeit machen. Sowohl das politische Statement als auch die Tatsache, dass beispielsweise Sprayen gegen das Strafgesetzbuch verstĂ¶ĂŸt, aber gleichzeitig den Anspruch hat, FlĂ€chen zu verschönern und sie vor Kommerzialisierung zu bewahren, stehen im Zentrum meiner Begeisterung fĂŒr diese Art von Kunst. Die Faszination und die Neugier treiben mich an, einen Zugang in die Szenen zu finden und den Akteur_inn_en mit ihren Gedanken Raum zu geben.
Ich bin mir darĂŒber bewusst, dass ich in dieser Arbeit durch meine soziale Positionierung und meine Auswahl keinem Anspruch von ObjektivitĂ€t gerecht werden kann. Insofern versuche ich anhand einer kritischen Ver_Ortung darzulegen, aus welcher Position ich schreibe. Kritische Ver_Ortungen „sind Ver_Suche [...] soziale Positionierungen bei der Produktion von Wissen zu reflektieren und zu hinterfragen bzw. empowernd einzusetzen, auf verschiedenen Ebenen der Wissensproduktion zu explizieren und zu theoretisieren und Intervention in Effekte gesellschaftlicher
Macht- und in
DiskriminierungsverhĂ€ltnisse daraus abzuleiten.“4
Ich, als weiße, mittelschichtsangehörige Frau,5 die in Mitteleuropa aufgewachsen und ableisiert6 ist und die das Privileg hat, innerhalb ihres Studiums und dieser Arbeit ĂŒber vieles nachzudenken, kann nur versuchen, Blicke verschiedener Theoretiker_innen auf die in Kapitel 2 folgenden Themenbereiche in mein Schreiben mit einzubringen.
In dieser Arbeit möchte ich ein besonderes Augenmerk darauf legen, strukturelle Diskriminierungsformen dieser Gesellschaft – insbesondere jene, die mich im letzten Studienabschnitt am meisten beschĂ€ftigt haben, nĂ€mlich Sexismus und Rassismus – nicht fortzufĂŒhren. Meine kritische Ver_Ortung ist demnach anti_genderistisch und contra_rassistisch. Eine „mit >anti< benannte kritische ver_ortung bezieht sich auf personen, die strukturell diskriminiert sind, wohingegen eine kritische ver_ortung mit >contra< eine positionierung ĂŒber strukturelle privilegierung in eine kritische ver_ortung umsetzt.“7 Das heißt im konkreten Fall „anti-sexistisch“ weil ich als weiße, akademisierte Frau teilweise von Sexismus betroffen bin; „contra_rassistisch“ deshalb, weil ich als weiße Frau nicht von Rassismus betroffen bin, aber ich mich vor allem aus meiner privilegierten Position heraus gegen Rassismus stellen möchte.
Mir ist es wichtig, meine Ver_Ortung in der Gesellschaft dieser Arbeit voranzustellen, damit den Lesenden bekannt ist, aus welcher (meist privilegierten) Position heraus ich schreibe und dass ich versuche, mir dies im Bewusstsein zu halten, um nicht durch diese Privilegierung strukturelle Diskriminierung fortzusetzen.
Ich befinde mich im Reflexionsprozess; viele Dinge sind mir noch nicht bewusst. Insofern kann ich nur versuchen, dieses Vorhaben möglichst gut umzusetzen.
Die Verfasserin bestimmt den Aufbau dieser Arbeit und prÀgt auch die Ergebnisse mit, insofern war es wichtig darzustellen, welche Positionierung hinter dem Schreiben steht.
WÀhrend der intensiven BeschÀftigung mit dem Thema entwickelte die Verfasserin Hypothesen, die innerhalb dieser Arbeit verifiziert bzw. falsifiziert werden sollen.
‱ Hinter den von der Verfasserin als feministisch wahrgenommenen Werken steckt oft ein Aktivismus, der nicht als feministisch deklariert wird.
‱ Feminismus hat eine negative Bedeutung fĂŒr die KĂŒnstler_innen.
‱ Feministische Werke werden oft „nur“ als NebentĂ€tigkeiten gemacht; der Hauptfokus der Akteur_inn_e_n liegt bei anderen Motiven.

2. Theoretische Definitionen

In diesem Kapitel finden sich vor allem Inhalte aus der Literatur mit Fokus auf den deutschsprachigen Raum. Da allerdings besonders der Bereich der untersuchten Kunst in Verbindung mit Feminismus in der Literatur kaum behandelt wird, werden auch Informationen aus den in Kapitel 3 nÀher erlÀuterten Interviews mit der Expertin I und den Akteur_inn_en
, JMP,
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,
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, B. und feminist production8 dazu verwendet, das Wissen aus der Literatur zu erweitern.

2.1 Theoretischer Hintergrund der Werke

Dieses erste Unterkapitel beschĂ€ftigt sich mit den Werken und den KĂŒnstler_inne_n dahinter. Graffiti und Street Art werden definiert und die Frage nach dem Unterschied zwischen den beiden Begriffen wird gestellt. Des Weiteren wird die Motivation der Sprayenden theoretisch thematisiert.

2.1.1 Graffiti sind ...

Der Wortursprung des Begriffes „Graffiti“ (Singular: „Graffito“) entstammt dem Griechischen; spĂ€ter wurde unter dem italienischen „Sgraffito“ eine spezielle Kratzputztechnik zur Fassadengestaltung verstanden.9 Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von Altertumsforschenden und ArchĂ€olog_inn_en das Wort „Graffiti“ zur Benennung der Zeichnungen und Inschriften, welche sie gefunden hatten, verwendet.10
In jĂŒngerer Zeit wird die Verbreitung des Begriffes auf einen New Yorker Boten zurĂŒckgefĂŒhrt. Dieser hatte auf seinen Wegen durch die Stadt ĂŒberall das Pseudonym „Taki 183“ hinterlassen. Die New York Times berichtete darĂŒber am 21.07.1971 und sorgte dadurch fĂŒr die weitere Verbreitung des PhĂ€nomens. Filme wie etwa Wildstyle von George Lucas trugen auch ihren Teil dazu bei.11
Die Kultur des Graffiti-Writings und der Aufbau der Spray-Szene begann um die 1970er Jahre in den USA, erreichte Europa ĂŒber Amsterdam und Berlin in den 1980er Jahren und wird heute zusammen mit Breakdance, DJ_ane-ing und Rap der HipHop-Bewegung zugeordnet. Als Entstehungsort der Graffiti-Kultur wird manchmal auch Philadelphia genannt. Die (meist mĂ€nnlichen) Jugendlichen platzierten ihre NamensabkĂŒrzungen, persönlichen Logos oder Pseudonyme im Allgemeinen an allen Orten, an welchen sie sich aufhielten, in der Hoffnung, durch diese bekannt und berĂŒhmt zu werden.12
Der Drang der Jugendlichen, ihre Namen möglichst weit zu verbreiten und dadurch stĂ€rker wahrgenommen zu werden, fĂŒhrte dazu, dass sie auch mobile FlĂ€chen wie U-Bahnen und ZĂŒge nutzten, um diese SchriftzĂŒge auf die Reise zu schicken.
Mit der Zeit kam ein qualitativ-Àsthetischer Anspruch dazu: Die Werke wurden mehrfarbig und sorgfÀltiger ausgestaltet.13
Im Lexikon Britannica wird der Begriff im Jahr 2007 stark in Zusammenhang mit Banden-IdentitÀt und IllegalitÀt gesetzt:
graffiti, singular GRAFFITO, a form of visual communication, usually illegal, involving the unauthorized marking of public space by an individual or group. Although graffiti are commonly thought of as stylistic symbols or phrases spray-painted on walls by members of street gangs, some graffiti are not gang-related. Graffiti can be understood as antisocial behaviour performed in order to gain attention or as a kind of thrill seeking, but they also can be understood as an expressive art form.14
In der vorliegenden Arbeit wird der Fokus nicht auf IllegalitÀt oder BandenidentitÀt, sondern vielmehr auf die Inhalte der Graffiti gelegt.
Norbert Siegl spricht von „Graffiti“ als einem Oberbegriff fĂŒr viele Erscheinungsformen von visuell wahrnehmbaren Elementen, welche ohne zu fragen und meist anonym von Einzelpersonen oder Gruppen auf fremden oder in öffentlicher Hand befindlichen OberflĂ€chen angebracht werden. Siegl meint damit alle Werke, die durch SprĂŒhen entstehen, aber auch SprĂŒche, die mit anderen Schreibutensilien in öffentlichen Toiletten angebracht wurden. Bei dieser Definition wird davon ausgegangen, dass Graffiti niemals auf FlĂ€chen, die sich beispielsweise im Eigentum der Sprayenden befinden, entstehen können. Dies ist umstritten, denn umgangssprachlich werden mittlerweile auch legale Formen, wie etwa Auftragsarbeiten oder kĂ€ufliche kĂŒnstlerische Produktionen, als Graffiti bezeichnet, obwohl dies der zuvor dargelegten klassischen Definition nicht entspricht.15
In Wien kann erstmals ab 1984 – wenn sie auch nur aus 20-30 Personen bestand – von einer Graffiti-Szene gesprochen werden. Nachdem die erste Szene von der Polizei zerschlagen worden war,16 fand sich erst 1992 eine zweite Generation. Als Grund fĂŒr die spĂ€te Manifestation der Graffiti-Kultur in Österreich wird die geografische Lage im Osten, weit weg von Ne...

Table of contents

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Titel
  4. Inhalt
  5. KURZZUSAMMENFASSUNG
  6. ABSTRACT
  7. DANKSAGUNG
  8. 1. EINLEITUNG
  9. 2. THEORETISCHE DEFINITIONEN
  10. 3. EMPIRISCHE FORSCHUNG
  11. 4. RESÜMEE
  12. QUELLENVERZEICHNIS
  13. ANHANG
  14. Fußnoten