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Doktor Pascal
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Im letzten Band des Rougon-Macquardt-Zyklus spielt Doktor Pascal, einer der Söhne der Felice Rougon, die Hauptrolle. Die Affäre zu seiner Nicht Clothilde löst in Plassans Entsetzen und einen Skandal aus...
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Eine Zeit lang betrachtete Pascal die Aktenbündel, deren Menge riesig groß schien, wie sie so auf gut Glück auf den langen Tisch hingeworfen da lagen, in der Mitte des Arbeitssaales. In dem bunten Durcheinander hatten sich mehrere von den Umschlägen aus starkem blauem Papier geöffnet, und die Dokumente waren herausgefallen, Briefe, Zeitungsausschnitte, Schriftstücke auf Stempelpapier, handschriftliche Aufzeichnungen.
Schon suchte er, um die Pakete wieder zu ordnen, die mit großen Buchstaben auf die Umschläge geschriebenen Namen, als er mit einer heftigen Geberde die düstere, nachdenkliche Stimmung, in die er versunken war, von sich abschüttelte und, zu Clotilden gewendet, die in steifer Haltung stumm und bleich wartend da stand, sagte:
"Höre, ich habe Dir immer verboten, diese Papiere zu lesen, und ich weiß, daß Du mir gehorcht hast ... Ja, ich trug Bedenken, nicht etwa, weil Du wie die anderen ein unwissendes Mädchen bist, denn ich habe Dich alles vom Manne und vom Weibe lernen lassen, und das ist gewiß nur für schlechte Naturen gefährlich ... Allein zu welchem Zwecke Dich zu früh in diese schreckliche menschliche Wahrheit einweihen? Ich habe Dich daher mit der Geschichte unserer Familie, die die Geschichte aller, die Geschichte des ganzen Menschengeschlechtes ist, bisher verschont. Sie enthält viel Gutes und viel Schlechtes."
Er hielt inne und schien sich in seinem Entschlusse zu bestärken, vollkommen beruhigt und von einer gebietenden Energie.
"Du bist fünfundzwanzig Jahre alt, Du sollst sie erfahren ... Und dann ist auch unser bisheriges Leben nicht mehr möglich. Du lebst und Du läßt mich leben in einem bösen, quälenden Traum, in dem Banne Deines Traumes. Ich will lieber, daß die Wirklichkeit, so abscheulich sie auch immer sein mag, sich vor uns entfaltet. Vielleicht wird der Schlag, den sie Dir versetzen wird, aus Dir die Frau machen, die Du sein sollst ... Wir wollen gemeinschaftlich jene Akten dort wieder ordnen und sie durchblättern und lesen, eine schreckliche Lektion des Lebens!"
Dann fügte er hinzu, da sie sich immer noch nicht rührte:
"Wir müssen aber ordentlich sehen können! Zünde noch die beiden anderen Lichter an, die dort stehen!"
Ein Verlangen nach großer Helligkeit hatte ihn ergriffen, er hätte am liebsten das blendende Sonnenlicht haben wollen; und er glaubte, daß auch diese drei Lichter noch nicht hell genug machten, und ging daher in sein Zimmer, um die zweiarmigen Leuchter zu holen, die dort standen. Die sieben Lichter brannten, und sie beide in ihrer mangelhaften Kleidung, er mit entblößter Brust, sie mit nacktem Halse und nackten Armen, die linke Schulter von Blut befleckt, sahen sich selbst nicht. Es hatte zwei Uhr geschlagen, aber weder der eine noch die andere war sich der Stunde bewußt, sie verbrachten die Nacht in diesem leidenschaftlichen Wissensdrange, ohne Verlangen nach Schlaf und vollständig entrückt ob Raum und Zeit. Das Gewitter, das am Horizonte gegenüber vor dem offenstehenden Fenster fortdauerte, wütete stärker.
Niemals hatte Clotilde bei Pascal solche fieberhaft brennende Augen gesehen. Er strengte sich seit einigen Wochen übermäßig an, seine moralischen Qualen und Aengste machten ihn zuweilen schroff trotz seiner so verträglichen Güte. Aber es schien, als ob eine unendliche Zärtlichkeit, gepaart mit brüderlichem Mitleid in seinem Innern lebendig würde in dem Augenblicke, wo er hinabtauchen wollte in die schmerzlichen Wahrheiten des Lebens; und es war etwas unendlich Nachsichtiges und Großes, daß er vor dem jungen Mädchen das entsetzliche Chaos der Thatsachen als etwas Unschuldiges hinstellen wollte. Er hatte den festen Willen dazu, er wollte alles sagen, da er alles sagen mußte, um alles zu heilen. War es denn nicht die verhängnisvolle Entwicklung, der beste Beweis, die Geschichte der Wesen, die sie so nahe berührten? Das Leben war nun einmal so, und man mußte es leben. Ohne Zweifel würde sie daraus gestählt, erfüllt von Duldsamkeit und Mut, hervorgehen.
"Man hetzt Dich gegen mich auf," begann er von neuem, "man veranlaßt Dich, Schandthaten zu begehen, und es ist Dein Gewissen, das ich Dir wiedergeben will. Wenn Du wissen wirst, dann wirst Du urteilen und handeln. Komm näher heran und lies mit mir!"
Sie gehorchte. Dennoch erschreckten sie diese Akten, von denen ihre Großmutter mit so viel Zorn sprach, ein wenig, während zu gleicher Zeit die Neugier rege wurde und immer wuchs. Uebrigens beherrschte sie sich, nachdem sie durch die männliche Überlegenheit bezwungen worden war, die sie soeben umschlungen und fast zerdrückt hatte. Konnte sie es denn nicht hören, konnte sie nicht mit ihm lesen? Blieb ihr dann nicht immer noch das Recht, sich ablehnend zu verhalten oder sich zu ergeben? Sie wartete es ab.
"Also, willst Du?"
"Ja, Meister, ich will!"
Zuerst war es der Stammbaum der Rougon-Macquarts, den er ihr zeigte. Er schloß ihn für gewöhnlich nicht in den Schrank ein, sondern bewahrte ihn in dem Sekretär in seinem Zimmer auf, von wo er ihn mitgebracht, als er die Kandelaber geholt hatte. Seit mehr als zwanzig Jahren hielt er ihn im Laufenden, indem er die Geburten und Todesfälle aufzeichnete, und die Heiraten, die wichtigsten Familienereignisse und alle die einzelnen Fälle mit kurzen Bemerkungen versah nach seiner Vererbungstheorie. Es war ein großes Blatt von gelbem Papier, durch den Gebrauch zerknittert, auf welchem sich, mit kräftigen Strichen entworfen, ein symbolischer Baum erhob, dessen abstehende, verzweigte Aeste fünf Reihen von großen Blättern hatten; und jedes Blatt trug einen Namen und enthielt in seiner Schrift eine Biographie, einen Vererbungsfall.
Die Freude des Gelehrten erfüllte den Doktor beim Anblicke dieses Werkes von zwanzig Jahren, in dem sich so genau und so vollständig aufgezeichnet die von ihm aufgestellten Gesetze der Vererbung vorfanden.
"Sieh Dir es doch an, Töchterchen! Du weißt schon lange genug davon. Du hast genug von meinen Aufzeichnungen abgeschrieben, um es zu verstehen ... Ist es nicht schon ein solches Ganze, ein so sicheres und so vollständiges Dokument, in dem sich auch nicht eine einzige Lücke befindet? Man konnte es ein am Schreibtische des Gelehrten ausgeklügeltes Experiment nennen, ein auf einer Tafel gestelltes und gelöstes Problem ... Du siehst, hier unten ist der Stamm, der gemeinsame Ursprung, Tante Dide. Dann gehen davon drei Zweige aus, der legitime Pierre Rougon, und die beiden Bastarde, Ursule Macquart und Antoine Macquart. Dann wachsen die neuen Zweige heraus und verästeln sich auf der einen Seite in Maxime, Clotilde und Victor, die drei Kinder von Saccard, und in Angélique, die Tochter von Sidonie Rougon; auf der andern Seite in Pauline, die Tochter von Lisa Macquart, und in Claude, Jacques, Etienne und Anna, die Kinder von deren Schwester Gervaise. Da steht am Schlusse noch Jean, der Bruder der beiden. Und hier in der Mitte bemerkst Du das, was ich den Knoten nenne, wo sich der legitime und der illegitime Zweig vereinigen in Marthe Rougon und ihrem Vetter, Francis Mouret, um drei neue Zweige hervorsprießen zu lassen, Octave, Serge und Desirée Mouret; außerdem sind noch die Sprößlinge Ursules und des Hutmachers Mouret da, Silvère, dessen tragisches Ende Du kennst, dann Hélène und ihre Tochter Jeanne. Endlich ganz dort oben befinden sich die letzten Reiser, unser armer Charles, der Sohn Deines Bruders Maxime, und zwei andere kleine Verstorbene, Jacques-Louis, der Sohn von Claude Lantier, und Louiset, der Sohn von Anna Coupeau ... Im Ganzen fünf Generationen, ein menschlicher Baum, der schon in fünf Frühjahren, in fünf Lenzen der Menschheit Aeste hat hervorsprießen lassen durch die treibende Kraft des unvergänglichen Lebens!"
Er wurde immer lebhafter und begann mit dem Finger die einzelnen Fälle zu zeigen auf dem alten vergilbten Papier wie auf einer anatomischen Tafel.
"Und ich wiederhole Dir, was alles hier zu finden ist ... Sieh also, wie sich in der direkten Vererbung die Eigenschaften der Mutter übertragen bei Silvère, Lisa, Desirée, Jacques, Louiset und Du bei Dir selbst; die des Vaters bei Sidonie, François, Gervaise, Octave, Jacques-Louis. Dann sind da drei Falle von Vermischung: durch die Verschmelzung bei Ursule, Anna, Victor; durch die Verteilung bei Maxime, Serge, Etienne; durch den Zusammenfluß bei Antoine, Eugène, Claude. Außerdem habe ich noch einen vierten Fall annehmen müssen, die gleichmäßige Vermischung bei Pierre und Pauline. Und dann bieten sich auch Varietäten dar, zum Beispiel geht oft der Charakter der Mutter Hand in Hand mit der äußeren Aehnlichkeit des Vaters, oder es findet auch das Gegenteil statt, ebenso wie bei der Vermischung das physische und moralische Uebergewicht einem oder dem andern Faktor angehört je nach den Umständen ... Dann ist hier die indirekte Vererbung, die von den Seitenverwandten; ich habe davon nur ein einziges wohl begründetes Beispiel: die frappante physische Aehnlichkeit von Octave Mouret mit seinem Oheim Eugene Rougon. Ich habe auch nur ein Beispiel von der Vererbung durch Beeinflussung: Anna, die Tochter von Gervaise und Coupeau, glich auffallend, namentlich in ihrer Kindheit, dem ersten Geliebten ihrer Mutter, gleich als ob er diese für immer gezeichnet hätte ... Aber worin ich reich bin, das sind die Fälle der zurückgreifenden Vererbung; drei der schönsten und treffendsten Beispiele habe ich da: Marthe, Jeanne und Charles gleichen der Tante Dide, die Aehnlichkeit hat in diesen Fällen eine, zwei, drei Generationen übersprungen. Dieser merkwürdige Vorfall ist sicherlich ganz exzeptionell, denn ich glaube nicht an den Atavismus; es scheint mir, daß die neuen, durch die Ehegatten, die Zufälle und die unendliche Mannigfaltigkeit der Mischungen hinzugebrachten Elemente sehr rasch die Charaktere verwischen...
Table of contents
- Emile Zola – Biografie und Bibliografie
- Zweiter Band.
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