Die gelbe Tapete
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Die gelbe Tapete

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"Die gelbe Tapete" ist eine Kurzgeschichte von Charlotte Perkins Gilman. Die Geschichte dreht sich um eine hysterische Frau, deren ĂŒberlastete Nerven schließlich zu einem mentalen Zusammenbruch fĂŒhren. Die gelbe Tapete in ihrem Schlafzimmer nimmt nach und nach von ihrem phantasievollen Geist Besitz lĂ€sst ihn sich selbst zerstören. Die kleine Geschichte, die in der Ich-Form der Betroffenen erzĂ€hlt wird, ist in seltenem Maße vom Pathos des Wahnsinns durchdrungen. Das hĂ€ssliche Muster des Papiers und die dahinter gefangenen, beweglichen, schwach erkennbaren Formen werden faszinierend real, bis die SchlusssĂ€tze schockierend das wahre Entsetzen und den eigentlichen Grund der geistigen Verwirrung in den Verstand des Lesers brennen.

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Information

Year
2019
eBook ISBN
9783849653187
Subtopic
Classics

I

Es ist sehr selten, dass sich gewöhnliche Menschen, so wie John und ich, fĂŒr den Sommer Ahnenhallen als Urlaubsorte sichern.
Eine koloniale Villa, ein vererbter Landsitz, vielleicht noch ein Spukhaus wĂ€ren der Höhepunkt des romantischen GlĂŒcks – aber eine Ahnenhalle, das wĂŒrde das GlĂŒck ĂŒberbeanspruchen!
Dennoch erklÀre ich stolz, dass da schon etwas Sonderbares mit einhergeht.
Auf der anderen Seite, warum sollte das Haus sonst so billig vermietet werden? Und warum stand es so lange unbewohnt da?
John lacht mich natĂŒrlich aus, aber das ist in einer Ehe nun mal so.
John ist sehr praktisch veranlagt – bis zum Äußersten. Er hat kein Vertrauen in den Glauben, eine unglaubliche Angst vor jedem Aberglauben, und er spottet offen ĂŒber jede Unterhaltung ĂŒber Dinge, die man nicht fĂŒhlen oder sehen kann, oder die in Zahlen zu fassen sind.
John ist Arzt, und das ist vielleicht der Grund – (das wĂŒrde ich natĂŒrlich keiner lebenden Seele sagen, aber das hier ist totes Papier und bringt meinem Geist große Erleichterung) – warum ich nicht schneller gesund werde.
Wissen Sie, er glaubt mir nicht, dass ich krank bin!
Und was kann man schon dagegen tun?
Wenn ein angesehener Arzt und sein eigener Ehemann Freunden und Verwandten versichert, dass man selbst wirklich nichts anderes als eine vorĂŒbergehende, nervöse Depression hat – einen leichten Hang zur Hysterie, - was soll man dagegen tun?
Auch mein Bruder ist Arzt und ebenfalls sehr angesehen – und er sagt dasselbe.
Also nehme ich Phosphate oder Phosphite, - wie auch immer das Zeug heißt – und StĂ€rkungsmittel, gehe auf Reisen, atme viel frische Luft und gönne mir Bewegung; es ist mir absolut verboten, zu "arbeiten", bis es mir wieder besser geht.
Ich persönlich bin mit ihren Ansichten ĂŒberhaupt nicht einverstanden.
Ich persönlich glaube, dass mir eine geeignete Arbeit, mit einem gewissen Reiz und etwas Abwechslung, sehr guttun wĂŒrde.
Aber was soll man dagegen tun?
Trotz ihrem Rat habe ich eine Weile geschrieben; aber es erschöpft mich sehr – weil ich es im Geheimen tun muss und sonst heftigen Widerspruch stoßen wĂŒrde.
Ich stelle mir manchmal vor, wie es wĂ€re, wenn ich in meinem Zustand weniger Widerspruch, dafĂŒr mehr Gesellschaft und Antrieb hĂ€tte – aber John sagt, das Schlimmste, was ich tun kann, ist, ĂŒber meinen Zustand nachzudenken; und ich gestehe, dass ich mich dabei immer schlechter fĂŒhle.
Also lasse ich es sein und rede ĂŒber das Haus.
Der schönste Ort! Es steht ganz allein, weit weg von der Straße, gute drei Meilen vom Dorf entfernt. Es lĂ€sst mich an englische Orte denken, von denen man lesen kann, denn es gibt dort Hecken, Mauern und Tore, die sich abschließen lassen, und viele separate, kleine HĂ€user fĂŒr die GĂ€rtner und Bediensteten.
Es gibt dort einen herrlichen Garten! Ich habe noch nie einen solchen Garten gesehen – groß und schattig, durchzogen von eingegrenzten Wegen und gesĂ€umt von langen, mit Trauben bedeckten Lauben mit Sitzen darunter.
Es gab auch mal GewÀchshÀuser, aber sie sind jetzt alle kaputt.
Ich glaube auch, dass es einige rechtliche Probleme gab, etwas wegen der Erben und Miterben; jedenfalls steht das Haus seit Jahren leer.
Das vermiest mir leider ein bisschen meinen Glauben an Geister; aber das ist mir egal – da ist etwas Seltsames an dem Haus – ich kann es fĂŒhlen.
An einem schönen, mondhellen Abend teilte ich das auch John mit, aber er meinte, dass mich die Zugluft so fĂŒhlen ließe, und schloss das Fenster.
Manchmal werde ich ĂŒbertrieben wĂŒtend auf John. Ich bin sicher, dass ich noch nie so feinfĂŒhlig war. Ich denke, es ist auf diesen gereizten Zustand zurĂŒckzufĂŒhren.
John sagt, wenn ich mich aufrege, werde ich nach und nach die Selbstbeherrschung verlieren; deshalb bemĂŒhe ich mich, die Kontrolle ĂŒber mich zu behalten – zumindest vor ihm – und das erschöpft mich sehr.
Mir gefĂ€llt unser Zimmer ĂŒberhaupt nicht. Ich wollte eines im Erdgeschoss, das sich zur Piazza hin öffnete, an dessen Fenster Rosen wuchsen und das so hĂŒbsche, altmodische ChintzbehĂ€nge hatte! aber John wollte davon nichts hören.
Er sagte, es gĂ€be nur ein Fenster und keinen Platz fĂŒr zwei Betten, und kein anderes Zimmer in der NĂ€he, falls er eines haben wollte.
Er ist sehr umsichtig und liebevoll und ich darf mich ohne besondere Anleitung kaum rĂŒhren.
Ich habe fĂŒr jede Stunde des Tages meine Medikation; er kĂŒmmert sich perfekt um mich, und ich fĂŒhle mich zutiefst undankbar, dies nicht mehr zu schĂ€tzen.
Er sagte, dass wir nur wegen mir hierherkamen, dass ich mich vollstÀndig ausruhen und so viel frische Luft atmen sollte, wie ich bekommen konnte. "Deine BetÀtigung hÀngt von deiner Kraft ab, meine Liebe", sagte er, "und deine Nahrung ein wenig von deinem Appetit; aber Luft kannst du die ganze Zeit aufnehmen." Also nahmen wir das Kinderzimmer, oben im Haus.
Es ist ein großer, luftiger Raum, der fast die gesamte Etage einnimmt, mit Fenstern, die in alle Richtungen zeigen, viel Luft und Sonnenschein. Ich schĂ€tze, dass es zuerst ein Kinderzimmer war, dann ein Spielzimmer und eine Art Turnhalle, denn die Fenster sind fĂŒr kleine Kinder verriegelt, und in den WĂ€nden befinden sich Ringe und andere Dinge.
Die Farbe und die Tapete sehen aus, als hĂ€tte hier eine Jungenschule gewĂŒtet. Sie wurde abgerissen – die Tapete – und hing in großen Fetzen rund um das Kopfteil meines Bettes, gerade so, dass ich sie greifen konnte; auf der anderen Seite des Raumes war sie ebenfalls großflĂ€chig weiter unten entfernt worden. Ich habe noch nie in meinem Leben eine hĂ€sslichere Tapete gesehen.
Eines dieser weitlĂ€ufigen, extravaganten Muster, in der sich jede kĂŒnstlerische SĂŒnde wiederfindet.
Es ist langweilig genug, um das Auge beim Nachfolgen zu verwirren, betont genug, um stĂ€ndig zu irritieren und zu weiterer Betrachtung zu verleiten; und wenn man den öden, krakeligen Kurven ĂŒber eine kleine Distanz folgt, hören diese abrupt auf – tauchen plötzlich in hanebĂŒchenen Winkeln ab oder zerstören sich in nie gesehenen WidersprĂŒchen.
Die Farbe ist abstoßend, fast widerlich; ein glĂŒhendes, unsauberes Gelb, welches durch das langsam schwindende Sonnenlicht seltsam verblasst.
An manchen Stellen ist es ein stumpfes und doch grelles Orange, an anderen ein blasser Schwefelton.
Kein Wunder, dass die Kinder es hassten! Ich wĂŒrde es selbst hassen, wenn ich lange Zeit in diesem Raum leben sollte.
Da kommt John, und ich muss das jetzt weglegen – er hasst es, wenn ich etwas aufschreibe.
Wir sind seit zwei Wochen hier, und ich habe seit diesem ersten Tag keine Lust mehr zu schreiben.
Ich sitze jetzt am Fenster, oben in diesem schrecklichen Kinderzimmer, und außer mangelnder Kraft gibt es nichts, was mein Schreiben so sehr behindert, wie ich es möchte.
John ist den ganzen Tag weg, manchmal sogar nachts, wenn seine FĂ€lle ernst sind.
Ich bin froh, dass mein Fall nicht ernst ist!
Aber diese nervösen Probleme sind schrecklich deprimierend.
John weiß nicht, wie sehr ich wirklich leide. Er weiß, dass es keinen Grund zum Leiden gibt, und das befriedigt ihn.
NatĂŒrlich ist es nur NervositĂ€t. Es belastet mich, in keinster Weise meiner Pflicht nachzukommen!
Ich wollte John eine große Hilfe sein, ein Hafen der Ruhe und des Trostes, und jetzt bin ich stattdessen eine betrĂ€chtliche Last!
Niemand wĂŒrde glauben, was fĂŒr eine Anstrengung es ist, das Wenige zu tun, was ich kann – mich anzuziehen und zu unterhalten und Sachen zu bestellen.
Es ist ein GlĂŒcksfall, dass Mary so gut mit dem Baby umgehen kann. So ein liebes Baby!
Und doch kann ich nicht bei ihm sein, das macht mich so nervös.
Ich nehme an, John war in seinem Leben noch ...

Table of contents

  1. I
  2. II.
  3. III.
  4. IV.
  5. V.

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