Notschek
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Notschek

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About this book

"Ich fessle dich. Gefesselt bist du frei." - Bedingungen von Selbstbestimmung und persönlicher IdentitĂ€t sind ein zentrales Thema in Jonas-Philipp Dallmanns spannendem DebĂŒtroman.Als Notschek in die Mansarde zieht, kommt Unruhe in das abgelegene Vorstadthaus, in dem der Ich-ErzĂ€hler mit seiner Frau Maria lebt. Eigentlich soll Notschek nur vorĂŒbergehend Unterschlupf finden, aber sein Aufenthalt zieht sich in die LĂ€nge. Der nervöse Bohemien spielt sich als Rechthaber auf, er politisiert, verschlingt Zeitungen und sitzt in WirtshĂ€usern herum. Er scheint jedoch als Einziger eine beunruhigende Entwicklung zu verstehen: Kontingentierung lĂ€sst die Lebensmittel knapp werden, die Zeitungen werden verboten und eine Ausgangssperre wird verhĂ€ngt.Das Leben verengt sich auf das Vorstadthaus und die Dreiecksbeziehung der Bewohner, die sich zunehmend mit sinnlosen Verrichtungen beschĂ€ftigen: Notschek ordnet einen Nachlass, Maria zeichnet WĂ€sche und der Ich-ErzĂ€hler patrouilliert durch Haus und Garten. Von einem Nachbarn erhĂ€lt er eine Warnung - kurz darauf ist dieser verschwunden.Jonas-Philipp Dallmann spannt den Leser gekonnt auf die Folter. Seine Sprache und der unerwartete Handlungsverlauf entfachen einen geradezu klaustrophobischen Sog. Das scheinbar harmlose Kammerspiel um einen schrulligen Wichtigtuer und dessen grĂŒblerischen Beobachter entpuppt sich als kafkaesk-orwellsche Gesellschaftsvision, in der die politischen Utopien und Wahnideen des 20. Jahrhunderts bruchstĂŒckhaft aufscheinen.

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Information

Die Wohnung

Seit Stunden sitzen wir jetzt in Tomeks Wohnung (nein, in Tomeks RĂ€umen, eine Wohnung kann man es nicht wirklich nennen), und nur langsam begreife ich, worĂŒber Notschek und Tomek sprechen, welche ZusammenhĂ€nge sie erörtern, und wie sehr Maria und ich selbst durch das betroffen sind, was Tomek berichtet. Es ist unbegreiflich, und noch verstehe ich kaum die HĂ€lfte all dieser Dinge. Aber bevor ich es nachzuerzĂ€hlen versuche, muss ich zunĂ€chst den seltsamen Ort schildern, an dem dieses GesprĂ€ch statt-findet.
Tomek lĂ€sst uns sofort herein, gleich nachdem Notschek geklopft hat, öffnet er – fast scheint es, als befĂŒrchte er auf dem Gang eine Gefahr, denn er spĂ€ht einmal prĂŒfend herum, bevor er die TĂŒr hinter uns schließt.
Tomek schĂŒttelt mir die Hand, dann umarmt er Maria, die diese Herzlichkeit etwas verwundert ĂŒber sich ergehen lĂ€sst; schließlich begrĂŒĂŸt er Notschek, als seien die beiden vor wenigen Minuten auseinandergegangen. Dabei tauschen Tomek und Notschek einen Blick, den ich nicht begreife und der sich wohl auf ein Geheimnis bezieht, das die beiden miteinander haben. Gleich fĂ€llt mir auf, dass Tomek noch immer seine alte Fellweste trĂ€gt und dass er im Gesicht schmaler geworden ist.
Wir stehen in einem kleinen Vorraum, einer Diele, deren WÀnde mit dunkelroter Farbe bemalt sind. Rechts hÀngt ein schmaler Spiegel und eine Kleidergarderobe, an der wir unsere MÀntel aufhÀngen. Das GepÀck, Notscheks Rucksack und unsere Taschen, stellen wir auf den Boden.
Sofort beginnt Tomek mit einer FĂŒhrung durch seine Wohnung. Diese etwas ĂŒberstĂŒrzte VorfĂŒhrung seiner RĂ€ume begrĂŒndet er mit den Worten, dass ein jeder erst sehen mĂŒsse, wo er angekommen sei; dabei nickt Tomek mit dem Kopf und zieht die Mundwinkel herab, als könne er fĂŒr die Beschaffenheit der Zimmer nicht ganz die Verantwortung ĂŒbernehmen. Er dreht sich um, öffnet eine zweiflĂŒglige TĂŒr und deutet wortlos auf eine Flucht von RĂ€umen, eine Abfolge von Zimmern und TĂŒrdurchgĂ€ngen. Nachdem er die TĂŒr in eine Halterung am Boden gehakt hat, geht er voran ins erste Zimmer. In Tomeks Gang ist eine Vorsichtigkeit gekommen, denke ich, als ich bemerke, wie behutsam Tomek auftritt.
Wir betreten einen Raum mit ockerfarbenen WĂ€nden, der kaum grĂ¶ĂŸer ist als der Flur, nur ein wenig langgestreckter. Zwei große SchrĂ€nke und eine Kommode stehen darin. Mit ausgestrecktem Arm die SchrĂ€nke abgehend, macht Tomek uns auf Verzierungen an den TĂŒren aufmerksam, Schnitzereien, die sich kompliziert ineinander verschlingen und ovale Medaillons umschließen. Nun beginnt Tomek, die Schubladen der Kommode zu öffnen. Sie enthalten offenbar Putzmittel und Silbersachen, die in TĂŒcher gewickelt sind. WĂ€hrend Tomek einzelne Silbersachen aus ihrer UmhĂŒllung wickelt, sie ins Licht zieht, um sie Maria vorzufĂŒhren, blicke ich mich genauer um.
Erst jetzt begreife ich, wie seltsam Tomeks Wohnung geschnitten ist: Sie besteht offenbar nur aus einer langen Flucht von Kabinetten, die hintereinandergereiht sind wie Perlen an einer Schnur; die ganze Wohnung ist eigentlich nichts als ein Korridor. Der Eingang liegt an einem Ende dieses Korridors, und so blickt man beim Hereinkommen direkt zu seinem anderen Ende hin, das vielleicht zwanzig oder fĂŒnfundzwanzig Meter entfernt ist. Die Zimmer oder Kammern sind mit hohen TĂŒren verbunden, und jeder Raum ist in einer anderen Farbe getĂŒncht: der erste in mattem dunkelrot, dann folgt ein Raum mit ockerfarbenen WĂ€nden, dann einer in seegrĂŒn, das nĂ€chste Kabinett ist himmelblau ausgemalt, das darauffolgende hat hellgelbe WĂ€nde, dann folgt eines in tannengrĂŒn, und ganz am Ende des Ganges ist ein aschgraues Zimmer zu sehen. Fenster scheint es nicht zu geben, nur Oberlichter, die zu einem Innenhof blicken, denn ihr Glas ist geriffelt und undurchsichtig. Die Zimmer sind hoch; erst weit ĂŒber dem TĂŒrdurchgang des Raumes, in dem wir stehen, beginnt ein umlaufender Fries, und dann folgen Simse und Umrahmungen mit Zahn-leisten und Konsolen, die schließlich in eine flachgewölbte Decke ĂŒbergehen. In ihrer Mitte sitzt eine Stuckrosette, und dort hĂ€ngt eine Lampe, die einer Straßenlaterne Ă€hnelt.
Tomeks RĂ€ume sind dicht möbliert. Fast ĂŒberall bedecken SchrĂ€nke, Regale oder Borde die WĂ€nde, und in der Mitte stehen Sessel, Sofas und StĂŒhle; nur ein schmaler Durchgang in der Mitte des Korridors ist immer freigehalten. Tomeks Wohnung, denke ich, wirkt wie ein prĂ€chtiger, aber enger Nebengang von RĂ€umen, die aus irgendeinem Grund nicht mehr vorhanden sind.
Tomek hat die VorfĂŒhrung der Kommodendinge inzwischen beendet und fĂŒhrt uns weiter in den Raum mit den seegrĂŒnen WĂ€nden. Auf beiden Seiten stehen schmale Holztische, und darĂŒber sind Borde angebracht, in denen Lebensmittel, Konserven und BehĂ€lter verschiedener GrĂ¶ĂŸe aufgestellt sind. Ich entdecke GlĂ€ser mit Einmachobst, die offenbar aus den BestĂ€nden des Fruchtertrages herrĂŒhren; Notschek hat sie Tomek wohl bei einem seiner letzten Besuche geschenkt. In einer Ecke sind ein kleiner Herd und ein Wandausguss zu sehen, und darĂŒber befindet sich eines der schmalen Oberlichter. Tomek erklĂ€rt uns die Vorrichtung, mit der man es öffnen kann: ZunĂ€chst muss man eine Stange hinter einem Schrank hervorholen, ihr Ende, das mit einem Haken versehen ist, in eine Öse am Fensterrahmen einklinken und das Fenster dann vorsichtig herunterziehen. Tomek fĂŒhrt es uns vor; er holt die Stange hinter dem Schrank hervor, ergreift sie, geht in die Hocke, bewegt sie ĂŒber dem Kopf hin und her und blickt angestrengt hinauf, wĂ€hrend er das Instrument einzuhaken versucht. Einen Augenblick lang erinnern seine Haltung und sein Gesichtsausdruck mich an Notschek, Notschek bei der Apfelernte. Ich blicke zu ihm hin; Notschek beobachtet das Fenster, vor dem der Stab schwankt, ohne die Öse finden zu können. Schließlich gelingt es Tomek, sie zu erreichen, eine zufĂ€llige Bewegung lĂ€sst den Haken einrasten, und mit einer schnellen Bewegung zieht Tomek ihn zu sich herunter. Quietschend öffnet sich ein schmaler FensterflĂŒgel, und durch die entstandene Öffnung blicken wir in eine stumpfe SchwĂ€rze – in einen Lichtschacht, wie Tomek erklĂ€rt, was seltsam klingt, da der Schacht doch dunkel ist. Aus der SchwĂ€rze klingen GerĂ€usche herauf; Stimmen und das Surren einer Maschinerie. Kurz glaube ich, das GerĂ€usch wiederzuerkennen, das ich schon im Treppenhaus gehört habe und das sich anhört, als öffne jemand die TĂŒren von MetallschrĂ€nken. Spinnweben hĂ€ngen an dem Scharnier des FensterflĂŒgels; jetzt dringt ein kalter Luftzug herunter.
Tomek verschließt das Oberlicht wieder mit Hilfe des Stabes und stellt ihn ordentlich zurĂŒck hinter den Schrank. Einen Moment lang ĂŒberdenke ich die UmstĂ€ndlichkeit dieser ganzen Anordnung und will Tomek befragen, warum er den Stab hinter dem Schrank aufbewahre, warum er ihn nicht einfach fest mit dem FensterflĂŒgel verbinde, aber gleich habe ich diesen Gedanken wieder vergessen.
Tomek wendet sich nun dem nĂ€chsten Raum zu, dem Zimmer mit den himmelblauen WĂ€nden. Auf beiden Seiten sind Sessel und Sofas aufgereiht, sodass ihre Aufstellung an ein Eisenbahnabteil erinnert. Tomek erklĂ€rt uns diese Form der Möblierung mit RĂŒcksichten auf die Bequemlichkeit, die er habe nehmen mĂŒssen. Einige der Sessel, die mit ihren FĂŒĂŸen weit in den Raum ragen, seien alt, erklĂ€rt Tomek, ihre Polsterung sei schadhaft. Andere wiederum seien fĂŒr die alltĂ€gliche Benutzung zu schade, zu wertvoll – ĂŒber ihre SitzflĂ€chen hat Tomek kordelartige SchnĂŒre gespannt. Plötzlich komme ich mir vor wie bei einer verunglĂŒckten Schlossbesichtigung. Weiß Tomek eigentlich, was er tut, denke ich, wĂ€hrend ich beobachte, wie er mit den Fingern die Polsterung eines Sessels prĂŒft, den rötlichen Samt knetet, ihn tief eindrĂŒckt, um ihn dann zurĂŒckschnellen zu lassen. Notschek beobachtet Tomeks VorfĂŒhrungen aufmerksam; bald drĂŒckt er ebenfalls an dem Stoff herum, setzt sich, wie in einem MöbelgeschĂ€ft, in den Sessel und blickt von dort lĂ€chelnd um sich, die HĂ€nde breit auf den Lehnen. Tomek kommt nun weitlĂ€ufig auf die Geschichte des Sessels zu sprechen; er erzĂ€hlt davon, wie er ihn bei einem TrödelgeschĂ€ft aufgetan, wie er ihn entdeckt hat, und auf welche Weise er in die Oststadt transportiert worden sei; fĂŒr den Transport hat er, Tomek, eigens einen Handwagen organisiert und ist mit ihm mehr als zehn Kilometer durch die Stadt gezogen.
Die AusfĂŒhrlichkeit, mit der Tomek die VorfĂŒhrung der Wohnung durchfĂŒhrt, verwundert mich. Immer noch haben wir ja nicht erfahren, warum wir so schnell zu ihm kommen mussten, was eigentlich der Grund unseres Besuches ist. Außerdem ist es spĂ€t, wir sind von der Reise mĂŒde, erschöpft. Wird Tomek uns nicht endlich eine Schlafgelegenheit anbieten, denke ich. Aber noch immer ist er mit seinen VorfĂŒhrungen beschĂ€ftigt. Er öffnet eine Klappe in der Wand, hinter der sich ein eingebauter Schrank verbirgt, der, wie Tomek erklĂ€rt, zur Aufbewahrung von Erfrischungen dient. In seine RĂŒckwand sind runde Löcher geschnitten, die eine Verbindung zu einem LĂŒftungsschacht haben. Immer wieder öffnet und schließt Tomek die Klappe, dabei blickt er lĂ€chelnd zu Maria, die ihm zunickt, wĂ€hrend sie mit einer Hand eine StrĂ€hne aus dem Gesicht zu schieben versucht.
Man muss Tomek verstehen, denke ich, Tomek lebt allein, sicher hat er nur selten Besuch. Tomek freut sich, uns die Wohnung vorfĂŒhren zu können. Tomek steht ja allein, denke ich. Und um Tomeks ErklĂ€rungen abzukĂŒrzen, ihm wohl zu tun, beginne ich, die Einrichtungen und Anordnungen des Inventars zu loben, was Tomek zu freuen scheint. Mit verlegenem Grinsen blickt er zur Decke, wehrt meine Worte mit Zierlichkeit ab, bezeichnet die Wohnung als Provisorium, als Übergangslösung, die sich schnell, allzu schnell verfestigt habe, von der er jetzt aber nicht mehr lassen könne. Gleichzeitig ruft mein Lob aber auch, gegen meine Absicht, neuen Eifer hervor: Tomek setzt die FĂŒhrung fort und leitet uns ins hellgelbe Zimmer, welches offenbar das Badezimmer ist. Eine Wand des Raumes ist bis in Augenhöhe mit gelblichen Fliesen bedeckt, und in HĂŒfthöhe hĂ€ngen zwei Waschbecken aus Porzellan. Tomek erklĂ€rt uns nun die Bedienung der WasserhĂ€hne und des Wasserstöpsels, der an einer langen Kette befestigt ist, die Anordnung der Seifenschalen und die Benutzung der BĂŒrsten, die sehr zart erfolgen mĂŒsse. Dann wendet er sich einer Ecke zu, die mit einem dĂŒnnen Vorhang abgeteilt ist. Tomek zieht ihn zur Seite, und man sieht, dass dort eine KlosettschĂŒssel aufgestellt ist; ĂŒber ihr hĂ€ngt ein unförmiger Wasserkasten. An dem Kettenzug der SpĂŒlung hat Tomek einen orange-braunen Fellpuschel befestigt, der wie der Schwanz eines Fuchses aussieht. Mit ruckartigen Bewegungen zieht Tomek daran, nach einigen Versuchen löst er schließlich die SpĂŒlung aus, ein Rauschen ertönt, und die KlosettschĂŒssel fĂŒllt sich mit Wasser. Kurz bevor sie ĂŒberzulaufen droht, lĂ€sst der Zufluss des Wassers aber nach, und langsam beginnt es nun abzulaufen. WĂ€hrend es gurgelt, hĂ€lt Tomek den Fellpuschel in der Hand und blickt in die SchĂŒssel, bis das Wasser ganz abgelaufen ist, lĂ€chelnd sieht er ihm sozusagen dabei zu, wĂ€hrend er gleichzeitig immer wieder zu Maria und Notschek spĂ€ht, als sei die VorfĂŒhrung des Klosetts ein KunststĂŒck, dem die Anerkennung nicht versagt werden dĂŒrfe. Dann gibt er uns den Rat, die SpĂŒlung nicht zu oft auszulösen und abzuwarten, bis das Becken ganz geleert sei, was Notschek mit zustimmendem Nicken beantwortet. Auch Maria tritt an den Kettenzug und betastet einen Augenblick lang den Puschel.
Danach fĂŒhrt Tomek uns weiter, immer den langen Wohnungs-Korridor entlang, nun in das tannengrĂŒne Kabinett, das als Arbeitszimmer dient. Hier hat Tomek seinen Tisch, einen altertĂŒmlichen SchreibsekretĂ€r, und einen BĂŒrosessel aufgestellt. Regale mit BĂŒchern und Aktenordnern bedecken die WĂ€nde, und auf dem Boden liegen BĂŒndel von Papier. Plötzlich erinnert der Raum mich an die Mansarde, an Notscheks Mansarde. Hat auch Tomek seine Wohnung nicht lĂ€ngst ĂŒberhĂ€uft, denke ich, wĂ€hrend ich das Papier ansehe. Der schadhafte Fußboden des Ganges draußen vor der Wohnung fĂ€llt mir ein, der Gang, in dem leicht UnfĂ€lle möglich sind. Tomek öffnet FĂ€cher und Klappen des SekretĂ€rs, schaltet die Tischleuchte ein (ein milchig helles Licht verbreitet sie) und lĂ€sst schließlich sogar Notschek Platz nehmen. Notschek setzt sich breitbeinig auf den BĂŒrosessel und legt die HĂ€nde auf die Tischplatte, dann greift er prĂŒfend zum Aufbau des SekretĂ€rs und in einzelne FĂ€cher, wie, um sich davon zu ĂŒberzeugen, dass sie in einer zweckmĂ€ĂŸigen Höhe angeordnet sind. Er hebt den Briefbeschwerer, wiegt ihn; schließlich nimmt er einen Stift in die Hand und kritzelt etwas auf ein StĂŒck Papier. Dabei blickt er immer wieder zu Tomek, der Notscheks Versuche durch praktische RatschlĂ€ge unterstĂŒtzt; er zeigt Notschek, wie der Sessel mit einem Hebel in der Höhe verstellt werden kann und wie man an der Seite des SekretĂ€rs ein Geheimfach öffnet. Maria hat sich von Tomeks VorfĂŒhrungen abgewandt, sie steht vor dem BĂŒcherregal und liest mit angewinkeltem Kopf die Titel der BuchrĂŒcken.
Ich blicke zurĂŒck auf die Enfilade der kleinen RĂ€ume, der Kabinette von Tomeks Wohnung. In keinem der RĂ€ume fĂŒhlt man sich recht am Ort, recht angekommen, denke ich, immer will man in den nĂ€chsten hinĂŒbergehen, aber auch dort verspĂŒrt man einen Sog, der von dem darauffolgenden ausgeht, und eigentlich könnte man bestĂ€ndig zwischen ihnen hin- und herlaufen, von einem Ende des Korridors zum anderen, ohne je in der Wohnung anzukommen. TatsĂ€chlich, im Grunde ist die Wohnung von Tomek gar nicht erreichbar, denke ich; eigentlich sind wir gar nicht in ihr angekommen, nur vorĂŒbergehend nehmen wir hier ja unseren Aufenthalt. Die Oststadt, denke ich auf einmal, indem ich mir den Laut des Wortes langsam in Gedanken vorsage; sind wir denn nun tatsĂ€chlich in der Oststadt angekommen? Fast scheint es mir in diesem Augenblick, als hĂ€tten wir bisher kaum ihren Rand erreicht, als sei die Oststadt von Tomeks Wohnung weiter entfernt als von unserem Haus. Aber doch sind wir ja hier, denke ich dann, mitten in der Oststadt sind wir nun, dort, wo sich auf der Karte alles schwarz und undurchdringlich zusammenzieht. Und einen Augenblick lang glaube ich die KĂ€lte des Zugwindes in den GĂ€ngen zu spĂŒren, obwohl Tomeks Wohnung gut geheizt ist.
Notschek und Tomek stehen immer noch ĂŒber dem Schreibtisch. Tomek erklĂ€rt Notschek die Handhabung der Schreibmaschine, bewegt verschiedene Hebel und lĂ€sst den Schreibmaschinenwagen hin- und herfahren, wobei eine Glocke ertönt. Maria hat sich auf einen Sessel gesetzt, mit langsamen Bewegungen blĂ€ttert sie in einem Buch mit olivgrĂŒnem Einband; ihre Lider sind halb geschlossen.
Wie lange will Tomek uns noch aufhalten, denke ich, wĂ€hrend ich beobachte, wie Tomek ein StĂŒck Papier in die Maschine spannt, wie lange sollen wir noch hier sitzen? Ich blicke auf die Uhr, es ist schon nach drei Uhr morgens. Will Tomek uns nicht endlich eine Schlafgelegenheit anbieten, denke ich, und in einem plötzlichen Entschluss trete ich an Tomek heran. Ich muss Tomek jetzt zur Rede stellen, denke ich, Maria und ich sind in der Schwebe, wir wissen ja gar nicht, woran wir sind. Tomek muss endlich Auskunft geben, ob er uns beherbergen will. Und ich hĂŒstele Tomek an und versuche im beilĂ€ufigen Tonfall einen Hinweis auf die fortgeschrittene Uhrzeit.
„Fast drei Uhr ist es ja schon”, sage ich, indem ich diese Tatsache durch einen bedauernden Tonfall als eine Sache hinzustellen versuche, fĂŒr die niemand die Verantwortung trĂ€gt, die aber nun einmal existiere und auf die man zu reagieren habe.
Tomek blickt nicht auf; gerade ist er dabei, an der Schreibmaschine irgendetwas einzuregeln – nur Notschek sieht kurz zu mir herĂŒber, mit einem Blick, der eine Art BeschĂ€mung enthĂ€lt, als hĂ€tte ich mit der ErwĂ€hnung der Uhrzeit gegen ein Gesetz der Höflichkeit verstoßen. Da Tomek meine Bemerkung offenbar nicht gehört hat, beginne ich erneut.
„Wir sind ja auch schon lange unterwegs”, sage ich, „...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Widmung
  6. Zeitungen
  7. Die Mansarde
  8. Kontakte und Korrespondenz
  9. Apfelernte und Fruchtertrag
  10. Lebensmittelkarten
  11. Die Warnung
  12. FlĂŒchtlinge
  13. Ausgangssperre
  14. EinkÀufe
  15. Unruhe
  16. Der Speicher
  17. Die WĂ€schezeichnung
  18. Schuld und MĂŒdigkeit
  19. Der Aufbruch
  20. Die Maler
  21. Die Oststadt
  22. Der Block
  23. Die Wohnung
  24. Die Kette
  25. Die Umlegung
  26. Der Schreibblock
  27. Die Hochakademie