Die SPIEGEL-AffÀre
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Ein SPIEGEL E-Book

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Die SPIEGEL-AffÀre

Ein SPIEGEL E-Book

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Eine SPIEGEL-Titelgeschichte löste 1962 eine StaatsaffĂ€re aus: Das Magazin hatte angeblich militĂ€rische Geheimnisse veröffentlicht. Polizisten besetzten die Redaktion, Herausgeber Rudolf Augstein und leitende Redakteure wurden verhaftet. Doch die Öffentlichkeit protestierte heftig gegen diesen Angriff auf die Pressefreiheit, Verteidigungsminister Franz Josef Strauß musste zurĂŒcktreten. Die verknöcherte Republik mit ihren autoritĂ€ren ZĂŒgen lockerte sich auf. So trug die SPIEGEL-AffĂ€re zur Demokratisierung des Landes bei.Den heutigen Blick auf die AffĂ€re dokumentiert eine SPIEGEL-Serie, die 2012 nach Durchsicht freigegebener Geheimakten erschien. In diesem E-Book sind zudem die wichtigsten Artikel aus dem SPIEGEL zwischen Herbst 1962 und FrĂŒhjahr 1963 versammelt: darunter die Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit", die die Ereignisse auslöste, sowie zwei Kommentare Augsteins, geschrieben im UntersuchungsgefĂ€ngnis.

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SPIEGEL-AffÀre

Vorwort

Vor fĂŒnf Jahrzehnten besetzten Polizisten die Redaktion und den Verlag des SPIEGEL, Herausgeber Rudolf Augstein und leitende Redakteure wurden verhaftet. Der Grund: Der SPIEGEL habe in einer Titelgeschichte unter der Überschrift „Bedingt abwehrbereit“ militĂ€rische Geheimnisse ausgeplaudert, mithin Landesverrat begangen – so jedenfalls sah es die Staatsanwaltschaft, so sah es der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Das Ziel war klar: Der lĂ€stige SPIEGEL sollte erledigt werden. Doch die Öffentlichkeit protestierte heftig gegen diesen Angriff auf die Pressefreiheit, Strauß musste zurĂŒcktreten. Die verknöcherte Republik mit ihren autoritĂ€ren ZĂŒgen lockerte sich auf. So trug die SPIEGEL-AffĂ€re zur Demokratisierung des Landes bei.
Den heutigen Blick auf die AffĂ€re dokumentiert eine SPIEGEL-Serie, die 2012 nach Durchsicht freigegebener Geheimakten erschien. Inzwischen gefundene Wortlautprotokolle beispielsweise zeigen, mit welchen illegalen Methoden Strauß die Festnahme des SPIEGEL-Redakteurs Conrad Ahlers in Spanien betrieb.
In diesem E-Book sind zudem Augsteins letztes Interview zu der AffĂ€re und die wichtigsten Artikel aus dem SPIEGEL zwischen Herbst 1962 und FrĂŒhjahr 1963 versammelt: darunter die Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“, die die Ereignisse auslöste, sowie zwei Kommentare, die Augstein im UntersuchungsgefĂ€ngnis geschrieben hat.
Klaus Wiegrefe
SPIEGEL-TITEL 38/2012

Ein Abgrund von LĂŒge

Serien-Teil 1: Geheimakten belegen, wie die Bundesregierung vor 50 Jahren versuchte, den SPIEGEL mundtot zu machen. Die dramatischen Ereignisse im Herbst 1962 gerieten zum Testfall fĂŒr die Pressefreiheit. Von Georg Bönisch und Klaus Wiegrefe
Die Woche beginnt freundlich in Hamburg. Nebelschwaden, die vom Wasser her hochziehen, lösen sich bald auf. Von Osten weht ein leichter Wind, sieben Stunden lang wird die Sonne scheinen, das Thermometer klettert auf 17 Grad. Es ist Montag, der 8. Oktober 1962, 11 Uhr, im Pressehaus am Speersort 1, sechster Stock, Konferenzraum der SPIEGEL-Redaktion.
Rudolf Augstein, 38, ist wieder fit, das passt zum guten Wetter. Er leitet, wie immer, diese Konferenz. In der Woche zuvor hatte der Herausgeber mit SchwindelanfĂ€llen zu kĂ€mpfen, schon als Jugendlicher litt er daran. Er war bei seinem Hausarzt und kurzzeitig im Krankenhaus - und deswegen kaum im BĂŒro.
Aber der Laden lĂ€uft auch ohne ihn. Augstein hat zwei tĂŒchtige Chefredakteure und einen ebenso tĂŒchtigen Verlagsdirektor an seiner Seite. Das Blatt ist seit gut 15 Jahren auf dem Markt, die Auflage wĂ€chst bestĂ€ndig. Sie nĂ€hert sich der Marke von 500 000 Exemplaren.
Der SPIEGEL ist keck, forsch, oftmals schnoddrig im Ton, er enthĂŒllt große und weniger große Skandale, er legt sich, ganz im Gegensatz zur meist staatsgetreuen Tagespresse, gern mit Politikern an.
Auf dem Tisch liegt die Ausgabe 41/1962, 118 Seiten stark. Das Titelbild zeigt einen Ă€lteren Herrn in Uniform, der den Kopf leicht nach rechts dreht und lĂ€chelt, als hĂ€tte er soeben ein nettes Kompliment bekommen. Das Haar ist streng gescheitelt, ĂŒber der sauber gebundenen Krawatte trĂ€gt der Mann das Eiserne Kreuz: Friedrich Foertsch, 62, ist Generalinspekteur der Bundeswehr, Deutschlands ranghöchster Soldat.
Die Titelgeschichte beginnt auf Seite 32. „Bedingt abwehrbereit“ heißt sie. In nĂŒchtern-sachlichen, fĂŒr SPIEGEL-VerhĂ€ltnisse ungewohnt zurĂŒckhaltenden Worten beschreibt sie den Zustand der jungen Bundeswehr. Der Armee von Offizier Foertsch und der von Franz Josef Strauß, dem Verteidigungsminister im vierten Kabinett Adenauer. Strauß ist Vorsitzender der bayerischen CSU, jung, alert, schneidend intelligent - und ĂŒberzeugt davon, dass nur er Konrad Adenauers geborener Nachfolger sein könne. Genau das sucht Augstein zu verhindern. Seit 1961, wird er spĂ€ter erklĂ€ren, habe er einen „Kampf“ gegen Strauß gefĂŒhrt. Dessen Problem ist die Bundeswehr.
Im Kriegsfall, dies hatte das Nato-Manöver „Fallex 62“ wenige Wochen zuvor drastisch gezeigt, fehlte es an allem: Waffen, GerĂ€t und Soldaten. Und der Kriegsfall liegt bedrohlich nahe. Berlin ist geteilt, vor kurzem noch standen sich am Checkpoint Charlie russische und amerikanische Panzer gegenĂŒber. Fallex 62 hat auch deutlich gemacht, dass das westdeutsche SanitĂ€tswesen unmittelbar nach Beginn eines Krieges zusammengebrochen wĂ€re, ebenso die Lebensmittelversorgung.
Deshalb stellten die Nato-Oberen der deutschen Truppe und deren Befehlshabern ein miserables Zeugnis aus: „zur Abwehr bedingt geeignet“. Das war die schlechteste Note ĂŒberhaupt. Die beste hieß: „zum Angriff voll geeignet“.
Und da das Fallex-Planspiel von einem Atomkrieg in Mitteleuropa ausging, berichteten die Autoren der Titelstory von ganz frischen und ganz brisanten Überlegungen im Verteidigungsministerium, wie ein solcher Krieg aussehen wĂŒrde. Auch die Zahl der Opfer war kalkuliert worden, und der SPIEGEL druckte sie: Bis zu 15 Millionen westdeutsche BĂŒrger wĂŒrden im nuklearen Feuer oder danach sterben. Eine schreckliche Übungsbilanz.
Augstein nimmt in der Konferenz das Heft, hĂ€lt es hoch und schaut in die Runde. Spöttisch fragt er: „Hat wohl keiner gelesen?“
Wer das MilitĂ€rwesen und die MilitĂ€rpolitik regelmĂ€ĂŸig verfolgt, der erfĂ€hrt in der Tat kaum Neues, und deshalb ist Conrad („Conny“) Ahlers, wie sein Boss Augstein einst Offizier im Zweiten Weltkrieg und nun einer der beiden Verfasser des ĂŒber 8000 Wörter zĂ€hlenden StĂŒcks, kaum stolz darauf. „Eine mĂŒhsame LektĂŒre“, gibt er gegenĂŒber den Kollegen zu, „nur fĂŒr besonders interessierte Leser verdaulich.“
MĂŒhselig, schwer verdaulich, kaum News - die wenig schmeichelhaften Etikettierungen stehen im Kontrast zu dem Echo, das der Artikel auslösen wird.
Denn 18 Tage spĂ€ter schlĂ€gt die Staatsmacht gegen den SPIEGEL los, in Hamburg, in Bonn, in DĂŒsseldorf. Dutzende Polizisten, Beamte des Bundeskriminalamts und Soldaten des MilitĂ€rischen Abschirmdienstes durchsuchen RedaktionsrĂ€ume und Privatwohnungen von SPIEGEL-Leuten, nehmen nach und nach sieben Redakteure (darunter Augstein) und Verlagsmitarbeiter fest, versiegeln das Archiv, schĂŒchtern SekretĂ€rinnen ein - „das ganze Besteck“, wie sich spĂ€ter ein Fahnder erinnerte. Es sind Maßnahmen, wie sie in der noch jungen Republik nie zuvor gegen ein Presseorgan gewagt wurden.
Denn mit jener Titelstory soll der SPIEGEL Landesverrat begangen haben. Im „Dritten Reich“, an das sich alle Beteiligten noch gut erinnern, verlor man dafĂŒr leicht sein Leben, und auch nun, in Zeiten des Kalten Krieges, riskiert man 15 Jahre Zuchthaus.
Die Fahnder suchen verrĂ€terische Unterlagen, wollen das Informantennetz des SPIEGEL ausheben, besetzen wochenlang Teile von Verlag und Redaktion, was ein weiteres Erscheinen des Blattes unter normalen UmstĂ€nden ausgeschlossen hĂ€tte; zum GlĂŒck helfen andere VerlagshĂ€user aus.
Sie hatten es, sagte Augstein im Oktober 2002, kurz vor seinem Tod, „auf die Vernichtung des SPIEGEL abgesehen“. Sie, das ist die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die das Verfahren betreibt, das ist Verteidigungsminister Strauß, der sich der Freiheitsberaubung schuldig macht, weil er Titelautor Ahlers widerrechtlich in Spanien festnehmen lĂ€sst, und das ist Kanzler Adenauer, der das Verfahren gutheißt und öffentlich zum Anzeigenboykott gegen das Magazin aufruft.
Adenauers restaurative Politik war lĂ€nger schon in Agonie gefallen; den Wertewandel, den er ĂŒberall bemerkte, begriff er nur als Werteverfall. Noch war seine Bundesrepublik ein verknöchertes Land, in dem Beamte die BĂŒrger wie Untertanen behandelten, Frauen das EinverstĂ€ndnis ihres Ehemanns benötigten, wenn sie arbeiten wollten, Studenten sich siezten.
Aber der Beginn einer neuen Ära ließ sich nicht ĂŒbersehen, die Zeit der AutoritĂ€ten wilhelminischer und hitlerscher PrĂ€gung ging bereits zu Ende. Und so provozierte die Überreaktion des Staates eine landesweite Protestwelle, die sich zur grĂ¶ĂŸtmöglichen Sympathiekundgebung fĂŒr den SPIEGEL ausbreitete.
Allein in Hamburg zogen Tausende zu dem UntersuchungsgefĂ€ngnis, in dem Augstein einsaß, und skandierten, „SPIEGEL tot - die Freiheit tot“. Es sei „schwierig, das öffentliche Interesse an der AffĂ€re zu ĂŒberschĂ€tzen“, notierte am 2. November der US-Generalkonsul in der Hansestadt, sie werde â€žĂŒberall diskutiert, in Restaurants, in Straßenbahnen usw.“.
Dass das Magazin den Generalangriff auf die Freiheit der Presse ĂŒberlebte, lag weniger am SPIEGEL selbst als vielmehr am öffentlichen Aufbegehren der Deutschen, die inzwischen gelernt hatten, ihre Demokratie zu lieben.
Monatelang kam es zu Protesten, Demonstrationen, studentischen Sitzstreiks. Die großen liberalen BlĂ€tter der Zeit wie „Stern“, „Zeit“, „SĂŒddeutsche Zeitung“ oder „Frankfurter Rundschau“ stellten sich hinter den SPIEGEL und gegen Adenauer.
Die SPIEGEL-AffĂ€re gewann ihre Brisanz auch durch diese „neuartige Mobilisierung der Öffentlichkeit, die spontane Solidarisierung mit dem SPIEGEL, die schroffe Polarisierung zwischen Linksliberalen und Rechtskonservativen“, wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt. Eine innere Opposition formierte sich, die einem Machtwechsel zustrebte, der dann 1969 mit der Wahl Willy Brandts zum Kanzler tatsĂ€chlich erfolgte.
Und ein neues StaatsverstĂ€ndnis breitete sich aus. Die zweite deutsche Demokratie erlebte im SpĂ€therbst 1962 einen „krĂ€ftigen Liberalisierungsschub“ (Historiker Heinrich August Winkler); wer fortan Politik von oben nach unten konzipiert, muss mit breitem öffentlichem Widerstand rechnen; die StaatsrĂ€son verlor den ihr bis dahin zugesprochenen Vorrang vor Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.
Am Ende kamen die SPIEGEL-Mitarbeiter wieder frei, am lĂ€ngsten blieb Augstein in Haft: 103 Tage. Strauß hingegen musste gehen, er hatte das Parlament ĂŒber seine Rolle ebenso belogen wie Adenauer, der von seinem Koalitionspartner FDP gezwungen wurde, verbindlich seinen RĂŒcktrittstermin zu benennen.
Der SPIEGEL jedoch wurde einflussreicher und auflagenstĂ€rker denn je. Eine Ironie der Geschichte, auf die schon der Zeithistoriker Norbert Frei verwiesen hat: Ausgerechnet die regierenden Gegner des SPIEGEL hatten diesem das „grĂ¶ĂŸte Geschenk“ seiner Geschichte zuteilwerden lassen. Der SPIEGEL wurde zum Symbol der Pressefreiheit.
Ein halbes Jahrhundert nach diesen aufregenden, von der SPIEGEL-AffÀre ausgelösten Zeiten hat sich ein Redakteursteam darangemacht, die Ereignisse zwischen 1961 und 1967 zu rekonstruieren. Tausende Blatt bis dato unbekannter Akten wurden ausgewertet - im Bundesarchiv, im Hamburger Staatsarchiv, im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und bei der Bundesanwaltschaft, die das Verfahren mit Verve betrieb; hinzu kamen Akten des Bundeskanzleramtes, des Justizministeriums und des Verteidigungsministeriums, allesamt freigegeben auf Antrag der SPIEGEL-Redaktion. Gesichtet wurden auch Vermerke des Bundesnachrichtendienstes, des Parlamentarischen VertrauensmÀnnergremiums und der US-Botschaft in Bonn.
In aller Regel unterlagen diese Papiere den höchsten Sekreturen: „geheim“ oder „streng geheim“. Und dies durchaus zu Recht, denn ihre Inhalte sind in vielfacher Hinsicht brisant.
So lĂ€sst sich zum Beispiel nun deutlicher als zuvor nachweisen, dass Verteidigungsminister Strauß und etliche seiner höchsten MilitĂ€rs tatsĂ€chlich riskanten PlĂ€nen nachhingen. Sie wollten schon dann taktische Atomsprengköpfe zĂŒnden, wenn sie glaubten, ein sowjetischer Angriff stehe unmittelbar bevor - und diesen nicht erst abwarten. Was in der historischen Bewertung bislang als Gedankenspiel galt, als reine Analyse, war offenbar mehr: ein konkretes Szenario, das im Verteidigungsministerium favorisiert wurde.
In der atlantischen Allianz lösten die nuklearen Ambitionen von Strauß beispiellose BefĂŒrchtungen aus. So schrieb Henry Kissinger nach einem Treffen mit Strauß am 10. Mai 1961 in einem bislang unbekannten Vermerk an die US-Regierung, diese mĂŒsse dringend dafĂŒr sorgen, die amerikanischen Atomwaffen und deren Lager in der Bundesrepublik so zu sichern, dass es „physisch unmöglich“ werde, die Nuklearwaffen „zu nehmen oder einzusetzen ohne unsere Zustimmung“. Strauß sei in einer Krisensituation zuzutrauen, „die Waffen einfach zu nehmen“, also US-Atombomben zu stehlen, wenn er das im Interesse der Bundesrepublik fĂŒr notwendig erachte.
Erstmals lĂ€sst sich auch belegen, was immer vermutet wurde: dass der Verteidigungsminister das Verfahren gegen den SPIEGEL zwar nicht initiierte, wohl aber nur darauf wartete, gegen das Magazin loszuschlagen. Sein StaatssekretĂ€r Volkmar Hopf wird spĂ€ter bei einem vertraulichen Mittagessen mit dem US-Gesandten Brewster Morris einrĂ€umen, dass sein Ministerium und auch die Bundesanwaltschaft den SPIEGEL „schon lange“ im Visier gehabt hĂ€tten - wegen des immer wieder aufkeimenden Verdachts, die Hamburger wĂŒrden brisante Informationen zur „militĂ€rischen Sicherheit“ enthĂŒllen.
Auch die Bundesanwaltschaft hatte den SPIEGEL seit Wochen auf dem Kieker - und schreckte dabei sogar vor illegalen Praktiken nicht zurĂŒck. Denn laut BND-Chef Reinhard Gehlen bat sie den Geheimdienst um „Einwirkungen auf nachrichtendienstlichen Wegen“ in der SPIEGEL-Redaktion; zwar durfte er nicht in Redaktionen schnĂŒffeln, aber er tat es trotzdem. Die BND-Leute wollten die „zweifellos vorhandenen Ostverbindungen des SPIEGEL klĂ€ren“, doch sie fanden nichts, was die BundesanwĂ€lte gegen das Magazin ins Feld fĂŒhren konnten.
WĂ€re es nach der Bundesanwaltschaft gegangen, hĂ€tte es am Ende etliche Anklagen mehr gegeben: gegen SPIEGEL-Journalisten, gegen Offiziere, die Strauß kritisch gegenĂŒberstanden, gegen Bundestagsabgeordnete der SPD, auch gegen Helmut Schmidt, damals Innensenator in Hamburg.
Überall nĂ€mlich witterten die Ermittler Verrat, auch bei kritischen MilitĂ€rs wie Johann Adolf Graf von Kielmansegg, nachmalig Oberbefehlshaber der Nato-LandstreitkrĂ€fte in Mitteleuropa, oder Wolf Graf Baudissin, der mit Kielmansegg das Bild vom „StaatsbĂŒrger in Uniform“ entworfen hatte. Oder bei Ulrich de MaiziĂšre, spĂ€ter Generalinspekteur der Bundeswehr. Bundesanwalt Albin Kuhn, 52, hatte eine „weit verzweigte, gegen die Verteidigungspolitik gerichtete Verschwörung“ ausgemacht, die „auf BekĂ€mpfung“ dieser Politik mit kriminellen Mitteln ausgerichtet sei: durch Verrat.
"Sprechtafel" fĂŒr die Observationsteams des MilitĂ€rischen Abschirmdienstes
In Wahrheit war der SPIEGEL weder das Sprachrohr von Verschwörern, noch gefĂ€hrdete er die junge Demokratie - vielmehr ging die Gefahr von den angeblichen BeschĂŒtzern der Republik aus.
Den „Abgrund von Landesverrat“, wie Adenauer die SPIEGEL-Story genannt hatte, gab es nicht. Jedoch hat sich auch die Perspektive mit den Jahren und mit den Inhalten der jetzt einsehbaren Dokumente verĂ€ndert. Dies zeigt sich bei Betrachtung der Antagonisten Strauß, 47, und Augstein, 38.
Ausgerechnet Strauß, das „Kraftwerk ohne Sicherung“ (Helmut Schmidt), hatte in entscheidenden politischen Fragen richtiggelegen. Strauß förderte die Bindung der Bundesrepublik an den Westen, er war fĂŒr die Nato, fĂŒr die europĂ€ische Integration - und selbstverstĂ€ndlich fĂŒr die Bundeswehr.
Augstein hingegen bekĂ€mpfte erbittert die adenauersche West-Integration, weil er fĂŒrchtete, sie könnte irgendwann ein Hindernis sein fĂŒr die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Eine Zeitlang sympathisierte er sogar mit jenem rechten FlĂŒgel der FDP, deren ReprĂ€sentanten die NĂ€he ewiggestriger WĂ€hler suchten. In der SPIEGEL-AffĂ€re trat dann freilich Strauß die Werte des Westens mit FĂŒĂŸen, der einstige Nationalliberale Augstein wurde hingegen zur Symbolfigur fĂŒr die Pressefreiheit.

Ein besorgter Oberst plaudert

Bensbe...

Table of contents

  1. SPIEGEL-AffÀre
  2. SPIEGEL-AffÀre

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