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1914 - 2014 - Die unheimliche Aktualität des Ersten Weltkriegs
Ein SPIEGEL E-Book
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1914 - 2014 - Die unheimliche Aktualität des Ersten Weltkriegs
Ein SPIEGEL E-Book
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Auch Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind seine Folgen gegenwärtig. DER SPIEGEL hat dieses Phänomen in einer Serie aufgenommen, die den Ersten Weltkrieg als Ausgangspunkt für Zustände in vielen Weltgegenden betrachtet: Die Rolle der USA als Weltmacht und Weltpolizei zum Beispiel, das fortgesetzte Scheitern von Friedensbemühungen in Nahost oder die bis heute ungelöste Vielvölkerproblematik auf dem Balkan, die sich letztmalig im Bosnien-Krieg entlud. SPIEGEL-Autoren beschreiben in zwölf Geschichten, wie die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit wirkt.
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Information
1914 – 2014
Alfred Weinzierl und Klaus Wiegrefe (Hg.)
1914 – 2014
Die unheimliche Aktualität des Ersten Weltkriegs
SPIEGEL E-Book
Die unheimliche Aktualität des Ersten Weltkriegs
Kriege, so kennt man es aus der Schule, werden ganz eng mit Daten verknüpft. Kriege können sechs Tage dauern, vier Monate, fünf Jahre oder gar dreißig. Manchmal genügt eine Zahlenkombination wie 70/71 oder 39/45 und sogleich scheint klar, worum es geht. Beim Ersten Weltkrieg, dessen Beginn sich im Sommer zum 100. Mal jährt, ist das auch so. Aber kann man ihn in einer historischen Analyse wirklich auf die Zeit zwischen Juli 1914 und November 1918 reduzieren? Ist es vielmehr nicht so, dass der Erste Weltkrieg in gewisser Weise über den Tag des Waffenstillstands andauerte – weil seine Folgen noch Jahre und Jahrzehnte zu beobachten waren, in manchen Regionen gar bis heute andauern? DER SPIEGEL hat dieses Phänomen in einer Serie aufgenommen, die den Ersten Weltkrieg als Ausgangspunkt für Zustände in vielen Weltgegenden betrachtet: Die Rolle der USA als Weltmacht und Weltpolizei zum Beispiel, das fortgesetzte Scheitern von Friedensbemühungen in Nahost oder die bis heute ungelöste Vielvölkerproblematik auf dem Balkan, die sich letztmalig im Bosnien-Krieg entlud. SPIEGEL-Autoren beschreiben in zwölf Geschichten, wie die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit wirkt.
Alfred Weinzierl und Klaus Wiegrefe
1914 bis 2014
Der nahe ferne Krieg
Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, prägen bis heute die internationale Politik. Schweißt die Erinnerung an Millionen Tote die Völker zusammen, oder befördert sie alte Feindbilder? Von Klaus Wiegrefe
Joachim Gauck, der elfte Präsident der Bundesrepublik Deutschland, führt sein Amt von einer ehemaligen Hohenzollernresidenz aus. Erinnerungen an Preußens Gloria sind im Schloss Bellevue jedoch fast komplett beseitigt worden. Kein Pomp, keine Uniformen, wenige Fahnen. Die zweite Tür links hinter dem Eingangsportal führt in einen Salon, in dem Gauck Besucher empfängt.
Im sogenannten Amtszimmer stehen auf dem Regal hinter dem Schreibtisch Büsten des Dichters Heinrich von Kleist und des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, nach der Flucht Kaiser Wilhelms II. ins Exil der erste deutsche Präsident. An der Wand hängen zwei Gemälde, ein deutscher Künstler hat eine italienische Landschaft gemalt, ein Italiener - Canaletto - eine Ansicht von Dresden.
Gauck gefällt diese Symbolik. Völker schauen oft unterschiedlich auf die Welt, auch auf die Vergangenheit. Der Bundespräsident sagt, das beunruhige ihn nicht, da er die Gründe kenne. Im kommenden Jahr allerdings werden die Augen der Welt auf den ersten Mann im Staate gerichtet sein, denn der 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs steht bevor. Es wird das bislang größte mediale Geschichtsereignis des 21. Jahrhunderts werden.
Und Gauck vertritt die Verlierer.
Mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten waren an dieser Orgie der Gewalt beteiligt; beinahe jeder sechste Mann starb, und Millionen kehrten mit Verwundungen nach Hause zurück: ohne Nase, ohne Kiefer, mit nur einem Arm. Nicht nur Frankreich, Belgien und Großbritannien planen internationale Gedenkveranstaltungen, Kranzniederlegungen, Konzerte und Ausstellungen, sondern auch ferne Nationen wie Neuseeland oder Australien, deren Identität sich im Krieg herausgebildet hatte.
Die Erinnerung an 1914/18 bietet schließlich gleichfalls für Polen, Balten, Tschechen und Slowaken einen Grund zum Gedenken, weil sie aus dem mörderischen Konflikt zwischen der alliierten Entente und Mittelmächten als souveräne Staaten hervortraten.
Der Erste Weltkrieg wird in den kommenden Monaten zum Mega-Thema der öffentlichen Gedenkkultur werden. Der internationale Buchmarkt legt allein in Deutschland rund 150 Titel vor, in Frankreich sogar doppelt so viele - wahrscheinlich ein Weltrekord für ein historisches Thema. Die Geschichte einer Generation, die längst das Zeitliche gesegnet hat, wird neu erzählt, neue Fragen werden gestellt, neue Debatten entfacht werden. Londons Premierminister David Cameron stellt sogar Mittel zur Verfügung, damit alle Kinder aus staatlichen britischen Schulen die ehemaligen Schlachtfelder an der Westfront besuchen können.
Im pazifistisch gesinnten Deutschland wäre ein solcher Appell undenkbar.
Aber die Westeuropäer haben im Ersten Weltkrieg ja einen höheren Blutzoll entrichtet als in jedem anderen Krieg ihrer Geschichte, weshalb sie ihn „The Great War“ oder „La Grande Guerre“ nennen. An Maas und Somme starben doppelt so viele Briten, dreimal so viele Belgier und viermal so viele Franzosen wie im Zweiten Weltkrieg. Auch deshalb, so sagt Gauck im Amtszimmer des Hohenzollernschlosses, könne er sich „eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen, die damals durch uns bekämpft wurden“.
Der „Große Krieg“ war nicht nur besonders blutig, mit ihm begann eine neue Epoche der Kriegsführung: mit Panzern, Flugzeugen, sogar chemischen Waffen. Sein Ergebnis sollte die Zeitläufte auf Dauer bestimmen - in vielen Regionen ein ganzes Jahrhundert lang.
Der SPIEGEL wird deshalb in den kommenden Wochen die Folgen des Ersten Weltkriegs beschreiben, wie sie bis in die heutige Zeit wirken: den Aufstieg der USA zur Weltpolizei, den besonderen Blick Frankreichs auf Deutschland, die ethnischen Feindseligkeiten auf dem Balkan, die willkürlichen Grenzziehungen im Nahen Osten - vieles davon belastet und erschwert das friedliche Zusammenleben der Völker bis in die Gegenwart hinein.
Auf dem politischen Kalender 2014 sind auch daher diverse Gipfeltreffen vorgesehen, mal mit und mal ohne Gauck. Die Queen wird die Staats- und Regierungschefs der Commonwealth-Mitglieder in der Kathedrale von Glasgow empfangen. Australien, Neuseeland, Polen und Slowenien planen jeweils Treffen von Staats- oder Ministerpräsidenten aller oder ausgewählter Teilnehmerstaaten des Ersten Weltkriegs.
Ganz oben auf Gaucks Liste steht der 3. August, an dem er mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande der Toten am Hartmannsweiler Kopf gedenken wird, einer zwischen Deutschen und Franzosen damals schwer umkämpften Bergkuppe im Elsass. Außerdem zählt der Bundespräsident zu den mehr als 50 Staats- und Regierungschefs aller damals in den Krieg verwickelten Länder, die der belgische König Philippe in der Festung von Lüttich begrüßen wird. Der ehemalige DDR-Bürger sieht sich dabei als „der Deutsche, der heute eine andere Nation repräsentiert und der sich erinnert an die unterschiedlichen Schrecknisse, die mit dem deutschen Staat verbunden sind“.
Der 73-Jährige hofft, dass der Erinnerungsparcours den Europäern vor Augen führt, was sie an der europäischen Integration nach 1945 haben. Das „Absolutsetzen des Nationalen“ à la 1914/18 habe schließlich keinem der Kriegsgegner glückliche Zeiten gebracht.
Aber er weiß, dass die Erinnerung an die Schrecken eines Krieges nicht nur ehemalige Gegner versöhnen, sondern auch vernarbte Wunden aufreißen kann. Insofern kommt der Jahrestag des Ersten Weltkriegs zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: In zahlreichen Ländern Europas lässt sich vor den Wahlen zum EU-Parlament im Mai 2014 ein Anschwellen nationalistischer Strömungen und antideutscher Ressentiments beobachten.
In einer Meinungsumfrage erklärten kürzlich 88 Prozent der befragten Spanier, 82 Prozent der Italiener und 56 Prozent der Franzosen, der Einfluss Deutschlands in der Europäischen Union sei zu groß. Und nicht wenige vergleichen die heutige Bundesrepublik mit dem Reich des bramarbasierenden Kaisers Wilhelm II.
Im vergangenen August gewann ein britischer Journalist aus einem Gespräch mit dem Presseattaché an der Deutschen Botschaft in London den Eindruck, Berlin wolle am liebsten unter dem Stichwort Versöhnung an den Gedenkveranstaltungen der Nachbarländer teilnehmen. Es folgte ein Aufschrei in der britischen Presse: Die Deutschen wollten den Briten verbieten, den Sieg im Ersten Weltkrieg zu feiern.
Gauck vernimmt solche Episoden nicht ungerührt: „Man kann nur hoffen, dass die Stimme der Aufgeklärten stärker ist als in der Zwischenkriegszeit.“
Und wenn nicht? „Europa ist zu friedlich, als dass ich wieder in Kriegsszenarien denken kann, aber wir haben auf dem Balkan gesehen, dass mitten in einem befriedeten Jahrzehnt plötzlich archaische Hassmechanismen wieder greifen können“, mahnt Gauck.
Solche „Ja, aber“-Sätze zum Ersten Weltkrieg sind oft zu hören. In Zeiten der Nato mit integrierten Streitkräften kann sich kaum noch jemand einen Krieg zwischen Europäern vorstellen. Doch es lässt sich im 21. Jahrhundert auch auf andere Weise Unfrieden stiften. Was früher die Mobilmachung der Streitkräfte war, kann heute die Drohung sein, einen Staat wie Griechenland in die Pleite zu schicken, wenn dessen Bürger nicht den Forderungen europäischer Finanzminister nachkommen. Historiker unterschiedlicher Couleur registrieren mit Unbehagen, dass die Zeitläufte von 1914 dem Europa dieser Tage nicht so fern sind.
Schon vor einem Jahrhundert war die Welt auf ihre Weise globalisiert. Der interkontinentale Handel boomte, und die Exportquoten lagen so hoch wie dann erst wieder in der Ära von Helmut Kohl. Deutsche trugen Jacken aus indischer Baumwolle und tranken Kaffee aus Zentralamerika. Sie arbeiteten als Friseure in London, als Bäcker in St. Petersburg, als Dienstmädchen in Paris - während im Ruhrgebiet Polen schufteten.
Wer es sich erlauben konnte, reiste durch Europa, ohne Pass. Professoren schrieben sich mit ihren Kollegen in Oxford oder an der Sorbonne auf Englisch oder Französisch. Die regierenden Adelshäuser waren miteinander verwandt, Kaiser Wilhelm II., der britische König George V. und Zar Nikolai II. sogar Cousins. Man nannte sich „Willy“, „Nicky“ und „George“ und besuchte einander bei Familienfeiern, zuletzt bei der Hochzeit der Tochter des Kaisers in Berlin 1913.
So stellt sich die Frage, wie es trotz der vielen transnationalen Bindungen und Begegnungen dazu kommen konnte, dass am 4. August 1914 der deutsche Angriff mit einem Ritt lanzentragender Ulanen über die belgische Grenze begann. Was war damals los an den Tischen der Kabinette? Wieso forderte dieser Krieg so grausam viele Opfer? Und warum fand er über vier Jahre kein Ende?
Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als am 28. Juni 1914 der Wiener Thronfolger Franz Ferdinand das bosnische Sarajevo besuchte. Ein Trupp serbischer Selbstmordattentäter, von serbischen Regierungsstellen ausgerüstet, erwartete ihn bereits.
Die jungen Männer träumten von einem großserbischen Reich, einschließlich der Serben aus dem österreichisch-ungarischen Vielvölkerimperium. Als der Fahrer von Erzherzog Franz Ferdinand wenden musste, weil er sich verfahren hatte, feuerte der 19-jährige Gymnasiast Gavrilo Princip in den offenen Wagen. Die Herzogin, in den Unterleib getroffen, starb auf der Fahrt in die Residenz, der Thronfolger verblutete an einer Halswunde. Drei der Verschwörer wurden hingerichtet, weitere zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt.
Der Anschlag zählt nicht zu den Ruhmestaten der serbischen Geschichte, und zunächst galten die Sympathien in den Hauptstädten Europas den trauernden Habsburgern. In glücklichen Zeiten hätten sich die Majestäten bei der Beerdigung der Ermordeten versammelt und freundliche Sätze gewechselt.
Doch der 83-jährige Kaiser Franz Joseph, Onkel des Opfers von Sarajevo, beschloss, den serbischen Nationalismus, der sein marodes Reich bedrohte, zu attackieren und auszuschalten. Bereits 65 Jahre saß der Monarch auf dem Thron, schon mehrfach hatte er einen Krieg gegen Belgrad erwogen. Das Attentat schien jene Berater zu bestätigen, die einen Ausgleich für unmöglich hielten. Der Erste Weltkrieg „wurde entfesselt, und Österreich-Ungarn war es, das die Fesseln löste“. So eindeutig urteilt der Wiener Historiker Manfried Rauchensteiner.
Es sind solche Sätze, die eine Debatte wieder aufflammen lassen, die längst entschieden schien. In den sechziger Jahren hatte der Hamburger Historiker Fritz Fischer die Bundesrepublik erschüttert wie kein Historiker vor oder nach ihm. Fischer behauptete, Berlins „Griff nach der Weltmacht“ sei die Haupt-, wenn nicht sogar alleinige Ursache des großen Sterbens gewesen. Und nach einem hitzigen Streit unter Kollegen setzte sich seine Ansicht im Grundsatz durch.
Doch pünktlich zum Jahrhundertgedenken stellen neue Forschungen dieses Bild nachhaltig in Frage. Die Wissenschaftler entlasten zwar nicht Kaiser Wilhelm II., der zwischen nassforschen Auftritten und ängstlicher Zurückhaltung schwankte. Aber sie betonen auch Versagen oder Versäumnisse Russlands (US-Historiker Sean McMeekin), Frankreichs (der deutsche Historiker Stefan Schmidt), Österreich-Ungarns (Rauchensteiner) oder aller Großmächte gemeinsam (der australische Autor Christopher Clark).
Zwei nur scheinbar festgefügte Blöcke standen einander gegenüber: die Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen Seite, die sogenannte Entente aus französischer Republik, russischem Zarenreich und britischer Monarchie auf der anderen. Schon diese Konstellation zeigt: Es ging 1914 nicht um Demokratie und Menschenrechte, um Kapitalismus oder Planwirtschaft.
Obwohl im Frühjahr keine der beiden Seiten einen Angriff plante, sahen alle Großmächte Krieg als legitimes Mittel der Politik an und hielten einen Waffengang mittelfristig sogar für unvermeidbar. Denn die Hauptbeteiligten fürchteten um Ansehen, Einfluss, sogar die Existenz: Frankreich glaubte, den Rüstungswettlauf gegen Deutschland verloren zu haben, und drängte Russland, das Reich von Osten her unter Druck zu setzen. Deutsche Militärs nahmen an, auf Dauer den Russen unterlegen zu sein, was dafür sprach, schnell loszuschlagen. Der Zar schließlich unkte, Großbritannien könne die Fronten wechseln, und rüstete auch deshalb auf. Und in London ging die Angst um, das dynamische Reich werde dem Empire den Rang ablaufen.
Dazwischen funkten kleine Staaten wie Serbien, die die Großen gegeneinander auszuspielen suchten.
Ein fragiles, hochkomplexes System, dessen Steuerung Umsicht und Weitblick erforderte. Historiker Clark schätzt die Zahl der Entscheider im Sommer 1914 auf einige hundert: Monarchen, Minister, Militärs und Diplomaten. Es waren überwiegend ältere Männer, zumeist Adlige.
Die Gefahr, dass Russland im Fall eines österreichischen Angriffs auf Serbien den slawischen Brüdern in Belgrad beispringen werde, sah Österreichs Kaiser Franz Joseph durchaus. Er bat daher den deutschen Verbündeten um Rückendeckung, und am 5. Juli 1914 sprach Wiens Botschafter bei Kaiser Wilhelm II. im Neuen Palais in Potsdam vor.
So etwas gibt es in der Weltpolitik immer wieder: Ein eher schwacher Bündnispartner - Österreich-Ungarn - versucht aus egoistischen Motiven, eine befreundete Großmacht - das Reich - in einen regionalen Konflikt hineinzuziehen. Es war auch nicht das erste Mal, aber vor 1914 hatten die Deutschen immer gebremst.
Und diesmal? Der Kaiser erkannte, dass Russland „keineswegs kriegsbereit“ sei; er und seine Berater hielten das Risiko eines österreichischen Blitzkriegs gegen Belgrad daher für beherrschbar. „Ein schnelles fait accompli und dann freundlich gegen die Entente, dann kann der Choc ausgehalten werden“, notierte Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg.
Der liberalkonservative Jurist aus Brandenburg war eine Schlüsselfigur in der sogenannten Juli-Krise. Zeitgenossen schildern den früheren Beamten als ausgleichenden Menschen, keinen Scharfmacher. Aber im Sommer 1914 machte er sich die Einschätzung der Militärs zu eigen. Sollte der Zar nicht zurückzucken, dann wollten diese lieber ins Feld ziehen, solange St. Petersburg die Aufrüstung nicht abgeschlossen hatte. „Besser jetzt als später“, lautete die Devise von Generalstabschef Helmuth von Moltke.
Heute weiß man: Die Hast war unbegründet und das Zarenreich ein Riese auf tönernen Füßen. Aber beim Gabelfrühstück mit dem Wiener Botschafter stellte Wilhelm II. den sogenannten Blankoscheck aus: Wien könne mit „voller Unterstützung“ rechnen, Franz Joseph möge sich mit dem Angriff auf Serbien beeilen.
Mit dem Blankoscheck wurde aus einer lokalen Krise ein europäischer Konflikt, er war der entscheidende Beitrag des Reichs zur „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts.
Wenn heute italienische Leitartikler wie Eugenio Scalfari behaupten, Deutschland drohe mit der Euro-Krise den Kontinent ein drittes Mal zu ruinieren, so beruht diese Zählung auf der Annahme, der Blankoscheck habe anno 1914 zum Krieg geführt. Die von Kanzlerin Angela Merkel geforderten Wirtschaftsreformen in Südeuropa erscheinen aus dieser Perspektive manchem Betrachter sogar als die Fortsetzung wilhelminischer Machtpolitik mit anderen - eben wirtschaftspolitischen - Mitteln.
Allerdings hätten 1914 auch die Entente-Mitglieder die Eskalation jederzeit stoppen können - vorneweg das Zarenregime, das sich auf Serbiens Seite stellte, weil eine aufgeheizte Öffentlichkeit danach verlangte und weil man mit einem starken Serbien gegebenenfalls einen Zwei-Fronten-Krieg gegen Wien führen konnte.
Auch Frankreichs Präsident Raymond Poincaré, ein Anwalt aus der Gegend von Verdun, der aus Angst vor dem Reich einen stramm antideutschen Kurs verfolgte, hielt einen Krieg für unvermeidbar. Als Poincaré auf dem Höhepunkt der Juli-Krise St. Petersburg besuchte und den Eindruck gewann, der wankelmütige Zar Nikolaus II. erwäge ein Nachgeben in der Serbien...
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- Der Erste Weltkrieg
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