Lustprinzip und Libido, Ăber-Ich, Unbewusstes und SchuldgefĂŒhle â die Bedeutung Sigmund Freuds fĂŒr unsere Sprache und unseren Alltag ist unbestritten. Aber was genau fangen wir im 21. Jahrhundert an mit Traumforschung, Sexualtheorie und Redekur? 160 Jahre alt wĂ€re Freud in diesem Jahr geworden. In diesem E-Book wĂŒrdigt der SPIEGEL ihn umfassend: als Abenteurer der Seele, Literat, Naturforscher, Arzt, Kulturtheoretiker und Jahrhundertgenie. In Artikeln, GesprĂ€chen, Titelgeschichten und Essays aus vier Jahrzehnten kommen glĂŒhende Bewunderer und Feinde des BegrĂŒnders der Psychoanalyse gleichermaĂen zu Wort.Unter anderem: âąDer französische Philosoph Michel Onfray begrĂŒndet seinen Totalangriff auf Freud mit dessen IrrtĂŒmern und seinem angeblichen Desinteresse fĂŒr Menschen.âąFreud-Biograf Peter Gay beschreibt den einflussreichsten Theoretiker der Seele als "Bourgeois, der Bomben baut" und illusionslosen Propheten.âąDer Hirnforscher und Psychoanalytiker Mark Solms untersucht das VerhĂ€ltnis zwischen den modernen Neurowissenschaften und Freuds Theorien

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Social SciencesWIEDERENTDECKUNG FREUDS âą SPIEGEL 16/2005

Die Natur der Seele
Hatte Sigmund Freud doch recht? Neue Untersuchungen der Hirnforschung scheinen seine umstrittenen Theorien ĂŒber VerdrĂ€ngung, TrĂ€ume oder das Unbewusste zu bestĂ€tigen. Nun wollen Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker das RĂ€tsel der Psyche gemeinsam entschlĂŒsseln. Von Beate Lakotta
Man kann Leute nicht entbehren, die den Mut haben, Neues zu denken, ehe sie es aufzeigen können.
SIGMUND FREUD
In der Nacht von Sonntag auf Montag erlitt Melanie Jacobs* einen Schlaganfall. Sie lag im Hof ihres Hauses in einem der besseren Townships von Kapstadt und konnte nicht mehr aufstehen. Ihr linker Arm und ihr linkes Bein waren gelĂ€hmt. Das Sonderbare war: Mrs Jacobs glaubte nicht, dass sie gelĂ€hmt war. âLass den Quatsch, mir geht es gutâ, protestierte sie, als ihr Mann sie ins Groote Schuur Hospital brachte.
Die neurologische Station besteht aus ein paar spartanischen Einzelzimmern, zwei kargen SĂ€len, drei Dutzend Betten mit VorhĂ€ngen dazwischen. Patienten kommen nach einem Schlaganfall oder mit der Alzheimerschen Krankheit hierher, andere haben ein von Drogen und Alkohol verwĂŒstetes Gehirn, dazu kommen Leute mit einer Kugel im Kopf, Opfer von UnfĂ€llen, RaubĂŒberfĂ€llen oder Mordversuchen. SĂŒdafrika eben.
Besucher drÀngeln sich mit mitgebrachtem Mittagessen, Ventilatoren surren, irgendwo quÀkt ein Fernseher. Das Haus könnte einen neuen Anstrich vertragen; aber lieber finanziert man Forschung, holt gute Wissenschaftler nach Kapstadt.
Einer von ihnen ist der britische Neuropsychologe Mark Solms. Seit vielen Jahren arbeitet er mit Patienten, die unter bizarren Bewusstseinsstörungen leiden: ein Mann, der sein GedĂ€chtnis verlor, nachdem er versucht hatte, sich aufzuhĂ€ngen; eine Blinde, die ĂŒberzeugt ist, sehen zu können; ein Krebspatient, der seit einer Hirntumoroperation nicht mehr weiĂ, wer er ist.
FĂŒr die Wissenschaft sind solche Katastrophen ungemein aufschlussreich: Ein Hirnareal ist verletzt, eine Funktion verloren â daraus lĂ€sst sich ableiten, was dieses Gewebe im gesunden Hirn tut.
Und nun also Melanie Jacobs: Sie will diesen Doktor an ihrer Bettkante loswerden. Warum soll sie mit den Augen seinen Fingern folgen und kindische Bilder zeichnen? Was soll das Gerede vom Schlaganfall, sie ist gerade mal 40! âIch arbeite hart. Ich muss nach Hauseâ, wehrt sie sich.
âMrs Jacobsâ, sagt Solms, âich verstehe, dass Sie sich wĂŒnschen, alles sei in Ordnung. Aber ich bin leider ĂŒberzeugt, dass Ihre linke Seite gelĂ€hmt ist. Bitte: Bewegen Sie Ihren linken Arm.â
Der Arm rĂŒhrt sich nicht.
âUnd, können Sie ihn bewegen?â, fragt Solms.
âJa.â
âIch habe nichts gesehen.â
âWeil Sie nicht in meinem Kopf drin sind. Mit meinen inneren Augen habe ich gesehen, dass er sich bewegt.â
Ein Paradefall von Anosognosie: Uneinsichtigkeit. FĂŒr dieses sonderbare Krankheitsbild, das nach SchĂ€den in Arealen der rechten HirnhĂ€lfte auftritt, hat die Neuropsychologie drei hirnorganisch begrĂŒndete Modelle: Stark vergröbert besagen sie, dass der Patient keine negativen GefĂŒhle mehr erzeugen könne, dass seine Aufmerksamkeit fĂŒr die linke Seite gestört sei, oder dass seine FĂ€higkeit, den eigenen Körper rĂ€umlich wahrzunehmen, verloren gegangen sei. Keines der Modelle beschreibt Mrs Jacobs' Zustand vollstĂ€ndig.
Eine willkommene Gelegenheit fĂŒr Solms, Kollegen und Studenten bei der wöchentlichen Falldiskussion im Hörsaal mit seiner eigenen Hypothese ĂŒber Anosognosie zu provozieren. Er ist ĂŒberzeugt, dass die Störung gar nicht körperlich bedingt ist.
Solms zeigt ein Video der Patientin, argumentiert leidenschaftlich, kommt zum Finale: âMrs Jacobs kann die traurige Wahrheit nicht ertragen. Sie will nicht realisieren, dass sie gelĂ€hmt ist.â Und dann fĂ€llt jener Name, der unter Neurologen und Psychiatern gemeinhin fĂŒr aggressive Unruhe sorgt: âSigmund Freud hĂ€tte gesagt: Sie verdrĂ€ngt es.â
Schweigen in den RĂ€ngen. Zweifelndes Augenbrauen-Hochziehen. Skeptisches Interesse. Aber kein Sturm der EntrĂŒstung. Es hat sich hier herumgesprochen, dass die wissenschaftliche Avantgarde wieder Interesse an den Ideen des Stammvaters der Psychoanalyse zeigt. Kollege Solms, Mittvierziger mit dem gutmĂŒtigen Gesicht eines Jungen vom Lande, nebenbei Weinbauer, ist auch Psychoanalytiker. Er wirkt als treibende Kraft dieser Strömung.
Vielleicht ist es an der Zeit, den Fall Freud neu zu verhandeln? Fast sieht es so aus, als wĂŒrden ausgerechnet die Neurowissenschaften, die Sigmund Freud von seinem Sockel stĂŒrzten, im 21. Jahrhundert seine Renaissance begrĂŒnden.
Nicht psychisch Kranke, sondern neurologische Patienten wie Mrs Jacobs sind es, die heute als wichtigste Kronzeugen dienen, wenn es um die Rehabilitierung des verhöhnten Giganten geht. In London hat Solms mit seiner Frau Karen, einer Psychoanalytikerin, am St. Bartholomew's- und am Royal Hospital Dutzende solcher Patienten analytisch behandelt, ihre TrĂ€ume durchforstet, ihre Gehirne im Tomografen studiert und die Beobachtungen in BĂŒcher gefasst**.
Freuds Ideen kreisten, genau wie diejenigen der modernen Hirnforscher, um das jahrtausendealte Leib-Seele-Problem: Wie hĂ€ngen Gehirn und Psyche zusammen? Wie reagiert ein Gehirn auf traumatische Erlebnisse? Wie und wo entstehen Gedanken und GefĂŒhle?
Auf der Couch mögen solche Prozesse schwer zu fassen sein. Auf einer Neurologiestation dagegen, sagt Solms, lasse sich unmittelbar beobachten, wie das Gehirn als Organ der Psyche subjektives Erleben hervorbringt: âDiese Patienten sind keine Aliens, sondern Menschen mit GefĂŒhlen, WĂŒnschen, Phantasien.â
Zum Beispiel Mrs Jacobs: Unstrittig haben ihr abnormes Selbstbild und ihr ĂŒbermĂ€chtiges Wunschdenken mit der Existenz eines hellen Flecks zu tun, der auf dem Kernspintomogramm ihres Hirns zu sehen ist. Das beschĂ€digte Areal muss also auf irgendeine Weise zur Konstruktion dessen beitragen, was ihr âIchâ ist â etwa als Teil eines neuronalen Netzwerks, das dabei hilft, mit Verletzungen des Selbstwerts fertig zu werden; auch solche Prozesse spielen sich schlieĂlich im Gehirn ab.
Naturwissenschaftler wissen mit einem Begriff wie âSelbstwertâ wenig anzufangen. Psychoanalytiker reden darĂŒber wie Eskimos ĂŒber Schnee: Sie kennen verschiedene Typen, haben Theorien ĂŒber seine Entstehung und einen entsprechenden Wortschatz. âIch glaubeâ, sagt Solms, âdass wir auf der soliden Basis der klinischen Beobachtung die Psychoanalyse wieder mit der Neurowissenschaft vereinen können.â
Er hat allen Grund zum Optimismus. Der Versuch, die verfeindeten Disziplinen zu einer groĂen Synthese zusammenzufassen, hat bereits eine neue Fachrichtung hervorgebracht. Das Herausgebergremium ihrer Zeitschrift âNeuro-Psychoanalysisâ liest sich wie ein âWho's whoâ der Neurowissenschaft: Eric Kandel, Joseph LeDoux, Antonio Damasio, Benjamin Libet, Vilayanur Ramachandran, Wolf Singer.
Freud ist wieder da â ĂŒberall auf der Welt fahnden Neurobiologen, Psychologen, Psychiater und Psychoanalytiker in Arbeitsgruppen nach Schnittstellen ihres Wissens. âFreuds Einblicke in die Natur des Bewusstseinsâ, postuliert Neurobiologe Damasio, âstehen in Einklang mit der Sichtweise der fortgeschrittensten modernen Neurowissenschaften.â
âFreud wollte damals genau das tun, was wir heute tunâ, sagt Mark Solms. âWeil er aber weder Computertomograf noch EEG hatte, gab er sein Projekt auf. Indem wir sein Werk korrigieren, revidieren und ergĂ€nzen, bringen wir es zu Ende.â
FREUD ALS HIRNFORSCHER
Der erste Forscher, der die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaft untersuchte, war Sigmund Freud selbst. Doch als der Seelenkundler mit seinen spektakulĂ€ren Theorien ĂŒber Ădipuskomplex, Penisneid und Traumdeutung Weltruhm erlangte, geriet der Naturforscher Freud darĂŒber in Vergessenheit.
Als Stipendiat in Triest hatte der ebenso talentierte wie ehrgeizige Sohn eines jĂŒdischen WollhĂ€ndlers das Nervensystem der Fische mikroskopiert und nach den Hoden des Aals gesucht. Damals gilt der junge Freud als ĂŒberaus begabter Neuroanatom. In einer Arbeit ĂŒber Sprachstörungen (Aphasie) beschreibt er die neurologischen Grundlagen von Sprache. Sein Interesse gilt der Nervenheilkunde, einer jungen Disziplin, die ihren Patienten wenig mehr als Beruhigungsmittel und Ruhekuren anzubieten hat.
Mit einem Reisestipendium in der Tasche reist Dr. med Sigmund Freud 1885 aus Wien nach Paris. An der SalpĂȘtriĂšre seziert er im Labor von Jean-Martin Charcot Kindergehirne. Fasziniert sieht Freud zu, wie der groĂe Neurologe bei Patienten unter Hypnose hysterische LĂ€hmungen erzeugt oder löst. âCharcot, der einer der gröĂten Ărzte, ein genial nĂŒchterner Mensch ist, reiĂt meine Ansichten und Absichten einfach umâ, schreibt Freud voller Ehrfurcht nach Hause.
Weil sich im Gehirn verstorbener Hysterikerinnen keine organische Ursache fĂŒr ihr Leiden fand, glaubten die meisten Neurologen damals, dass die Patienten ihre Symptome erfunden haben mussten. Charcot hingegen hatte die Hysterie als echte Krankheit diagnostiziert. Und er wagte zu fragen, ob und wie körperliche Symptome auf geistig-seelischen Ursachen beruhen könnten.
ZurĂŒck in Wien, lĂ€sst Freud diese Frage nicht mehr los. Er vermutet den SchlĂŒssel zu neurotischen Symptomen in frĂŒhen traumatischen â meist sexuellen â Erlebnissen. Gleichzeitig ist er ĂŒberzeugt davon, dass die Psyche irgendwie im Hirngewebe reprĂ€sentiert sein mĂŒsse. Als einer der Ersten trĂ€gt er die Idee vor, das Gehirn bestehe aus untereinander verknĂŒpften Neuronen, die Nervennetze bilden.
Dem Zeitgeist folgend, will Freud die Psychologie als Naturwissenschaft etablieren. Seine revolutionĂ€ren Ideen von psychischen VorgĂ€ngen wie Trieben, VerdrĂ€ngung oder Abwehr versucht er im âEntwurf einer Psychologieâ aus dem Jahr 1895 sogleich in die Sprache der Neurophysiologie und Neuroanatomie zu ĂŒbertragen. Doch seine Ideen sind der beschrĂ€nkten Technik seiner Zeit voraus: Mit Skalpell und Mikroskop lassen sich die elektrischen und biochemischen Korrelate der Seele nicht nachweisen. Weil ihm â wie er selbst eingesteht â nur âein Phantasieren, Ăbersetzen und Erratenâ bleibt, bezeichnet er seinen âEntwurfâ als âeine Art Wahnwitzâ und wendet sich enttĂ€uscht von der Neurobiologie ab.
Zwar werde der Tag kommen, an dem âein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen BegrĂŒndung des Seelischenâ aufspĂŒrt, schreibt Freud. Aber: âVorlĂ€ufig steht uns nichts Besseres zu Gebote als die psychoanalytische Technik, und darum sollte man sie trotz ihrer BeschrĂ€nkungen nicht verachten.â
HUNDERT JAHRE GESCHWISTERSTREIT
Fortan verhielten sich Neurowissenschaften und Psychoanalyse zueinander wie trotzige Geschwister im Dauerclinch. An die hundert Jahre ringen sie nun schon um die Deutungshoheit ĂŒber das menschliche Bewusstsein. Lange schien es, als habe die Psychoanalyse, die sich wie eine Geheimwissenschaft gegen Kritik und ĂberprĂŒfung ihrer Theorien abschottete, den Anschluss verloren.
Unbestritten ist indes der Einfluss des RevolutionĂ€rs der Seele auf sĂ€mtliche Bereiche unseres Alltagslebens: Gesellschaft, Kunst, Sprache, Familienbeziehungen â nahezu alles wird heutzutage durch die Freudsche Moulinette gehĂ€ckselt. Wohl kaum etwas hat den Blick auf das menschliche Dasein so stark verĂ€ndert wie Freuds Lehre vom Unbewussten â jener inneren Region, in die der Mensch unangenehme und angsterregende Ideen und WĂŒnsche verdrĂ€ngt.
Es waren ungeheuerliche Thesen, mit denen der junge Neurologe seine Zeitgenossen krĂ€nkte: Der Mensch, die Krone der Schöpfung â laut Freud ist er in Wahrheit nur ein Getriebener seiner unterdrĂŒckten sexuellen WĂŒnsche. WĂ€hrend er glaubt, Herr im eigenen Haus zu sein, regieren im Keller seiner Seele animalische Triebe. Als Sklave seiner verdrĂ€ngten frĂŒhkindlichen Erlebnisse hat er Angst und weiĂ nicht, wovor.
Er trĂ€umt vom Treppensteigen und meint den Sexualakt. Er will etwas sagen, und heraus kommt das Gegenteil. Jedem Versprecher, jedem Traum, jeder Phantasie, so sinnlos sie auch erscheinen mochten, musste ein seelisches Motiv zugrunde liegen â schlieĂlich unterlag das Seelenleben als Teil der Natur kausalen Gesetzen.
Freuds Patientinnen litten an der schillernden Fin-de-SiĂšcle-Krankheit Hysterie. Emmy von N. etwa klagte ĂŒber konvulsive Tics, spastische Sprachhemmungen und entsetzliche Halluzinationen von MĂ€usen und sich windenden Schlangen. Auf Freuds Couch berichtete sie von ihren TrĂ€umen, er forderte sie auf, ihren EinfĂ€llen dazu freien Lauf zu lassen.
Aus den ErzĂ€hlungen seiner Neurotiker glaubte er herauszuhören, dass ihrem Leiden stets frĂŒhe sexuelle Konflikte zugrunde liegen. Die âRedekurâ, wie Freud die Psychoanalyse auch nannte, könne diese Neurosen heilen, indem sie die verdrĂ€ngten, krankmachenden Erinnerungen ins Bewusstsein hole.
Erstmals auch lenkt er den Blick auf die weibliche SexualitĂ€t, die bis dahin nur dazu diente, Kinder zu zeugen. Rasch erwirbt die Psychoanalyse deshalb den Ruf einer Befreiungsbewegung, die mit den Verklemmungen des untergegangenen Kaiserreichs aufrĂ€umt. âEin guter Psycholog ist im Stande, dich ohne weiters in seine Lage zu versetzenâ, spottete hingegen der österreichische Satiriker Karl Kraus.
Unterdessen war Freud â nicht gegen seinen Willen â zum Propheten einer quasireligiösen Strömung geworden. Der Siegeszug seiner Erfindung, der Psychoanalyse, schien unaufhaltsam. Freud starb, hochgeehrt, 1939 im Londoner Exil. In den Vereinigten Staaten wurden seine im Nazi-Deutschland verfolgten SchĂŒler empfangen wie Popstars. Rasch eroberten sie SchlĂŒsselpositionen in den psychiatrischen Kliniken. Freudsche Paradigmen wurden als Universalheilmittel idealisiert. Krakenhaft dehnte sich die Psychoanalyse mit ihrem Absolutheitsanspruch in alle Lebensbereiche aus.
Erst in den fĂŒnfziger Jahren â in den USA waren die Psychoanalytiker-Praxen mittlerweile so dicht gesĂ€t wie OptikerlĂ€den â geriet das ĂŒberlebensgroĂe Denkmal ins Wanken. Die Erfolge der biologischen Psychiatrie und der Neurobiologie schlugen bald darauf neue, ungeahnte Pfade ins Dickicht des menschlichen Seelenlebens.
Eines Tages könne es gelingen, mit âchemischen Stoffen die Energiemengen und deren Verteilungen im seelischen Apparat direkt zu beeinflussenâ, hatte Freud einst selbst, durchaus hoffnungsvoll, vorhergesagt. Nun war es so weit: Psychiater griffen in die Stellwerke der Seele ein. Die Psyche war zu einem Gegenstand geworden; ihr physisches Korrelat, das Gehirn, war der Wissenschaft zugĂ€nglich wie Herz oder Leber.
Die Erkenntnisse, die der Verfasser der âTraumdeutungâ an der Couch gewonnen haben wollte, erschienen dagegen so nebulös wie der Rauch seiner Zigarren. Die Gegner hatten leichtes Spiel. Das weitverzweigte TheoriegebĂ€ude der Psychoanalyse lieĂ sich experimentell nicht stĂŒtzen. Schon Freud selbst war ĂŒberaus empfindlich gegen Kritik gewesen und konnte eigene Fehler oft nur schwer eingestehen: So hatte er etwa Kokainspritzen als Mittel gegen Depressionen und ArbeitsunfĂ€higkeit empfohlen, noch als das suchterzeugende Potential des Kokains lĂ€ngst bekannt war. Eine ĂberprĂŒfung der therapeutischen Erfolge der Psychoanalyse hatte er niemals fĂŒr nötig gehalten.

Seine Nachfolger formierten sich teils sektenartig und wehrten sich erbittert gegen jegliche Form der wissenschaftlichen AnnĂ€herung. Als dann der Psychologe Hans Eysenck 1952 in London eine Studie vorlegte, nach der die Psychoanalyse die Genesung der Klienten sogar behindere, brach eine Welle von Hass und Ablehnung ĂŒber Freuds Methode herein. Das âFreud-Bashingâ kam in Mode: Der Medizin-NobelpreistrĂ€ger Peter Medawar gab die Psychoanalyse in den siebziger Jahren als âhorrendeste BauernfĂ€ngerei des Jahrhundertsâ zum Abschuss frei. Eine ganze Generation von Kritikern verhöhnte nun die Freudschen Ideen als Konglomerat moderner Mythen von Vatermord, Inzest und Penisneid â posthumer Absturz eines Superstars.
WĂ€hrend 1945 in den USA ein Nicht-Psychoanalytiker kaum eine Chance hatte, Professor der Psychiatrie zu werden, erhielt in den siebziger Jahren kaum noch ein ĂŒberzeugter Analytiker einen Lehrstuhl. Viele Neurologen und Psychiater halten heute die Psychoanalyse fĂŒr Scharlatanerie â zumindest aber fĂŒr ein langwieriges Luxusverfahren.
Auch als intellektuelle Mode hat die Redekur ausgedient. Nach einem Bericht des Magazins âTimeâ behandelten die Mitglieder der American Psychoanalytic Association im vorletzten Jahr weniger als 5000 Patienten. Der einzige Ort, an dem noch Patienten auf der Couch liegen, so âTimeâ, seien Woody-Allen-Filme und âNew Yorkerâ-Cartoons.
In ihren Labors förderten die Rivalen aus der Neurowissenschaft im gleichen Zeitraum Kenntnisse zutage, von denen ein halbes Jahrhundert zuvor kein Mensch zu trÀumen gewagt hÀtte: Als entrÀtselt gelten die Schaltkreise der Wahrnehmung. Bis in molekulare AblÀufe hinein verfolgen Forscher die Biologie des Erinnerns und der Emotionen. LÀngst lÀsst sich die TÀtigkeit der Seele als elektrisches AktivitÀtsmuster abbilden.
Francis Crick, der Entdecker der DNA-Struktur, hatte schon Ende der siebziger Jahre behauptet, man könne das RĂ€tsel des menschlichen Bewusstseins mit naturwissenschaftlichen Methoden knacken, alles nur eine Frage der Zeit. 1994 wĂ€hnte er sich am Ziel: âAll Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn fĂŒr Ihre eigene IdentitĂ€t und Willensfreiheit â bei alldem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen MolekĂŒlenâ, verkĂŒndete Crick in seinem Buch mi...
Table of contents
- Sigmund Freud - RevolutionÀr der Seele
- Sigmund Freud - RevolutionÀr der Seele
- SIGMUND FREUD
- WIEDERENTDECKUNG FREUDS
- KRITIK AN FREUD
- BIOGRAFISCHES
- ERINNERUNGEN UND GEDENKEN
- Anhang
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