Helmut Kohl - Ein deutsches Drama
eBook - ePub

Helmut Kohl - Ein deutsches Drama

Ein SPIEGEL E-Book

  1. 400 pages
  2. English
  3. ePUB (mobile friendly)
  4. Available on iOS & Android
eBook - ePub

Helmut Kohl - Ein deutsches Drama

Ein SPIEGEL E-Book

About this book

Sechzehn Jahre regierte Helmut Kohl die Bundesrepublik - lĂ€nger als jeder andere deutsche Bundeskanzler. Dieses E-Book versammelt 30 herausragende Artikel aus dem SPIEGEL ĂŒber den "Kanzler der Einheit" und das Familiendrama im Hause Kohl bis zu seinem Tod. Darunter: Analysen ĂŒber Kohls Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung, ĂŒber sein System der schwarzen Kassen, Darstellungen seiner MachtkĂ€mpfe mit Franz Josef Strauß, Wolfgang SchĂ€uble und den 'Verschwörern' um den damaligen baden-wĂŒrttembergischen MinisterprĂ€sidenten Lothar SpĂ€th, die Kohl 1989 als Chef der CDU stĂŒrzen wollten, sowie das letzte Interview, das er 1976 - damals Kanzlerkandidat - dem SPIEGEL gab.

Trusted by 375,005 students

Access to over 1.5 million titles for a fair monthly price.

Study more efficiently using our study tools.

Vorwort

Helmut Kohl

Keinen Politiker hat der SPIEGEL so oft auf das Titelbild gehoben wie Helmut Kohl. Von 1967 bis zu seinem Tod am 16. Juni 2017 waren es 82. Das VerhĂ€ltnis von Kohl zum SPIEGEL war von Anfang an kompliziert. Erst unterstĂŒtzte der SPIEGEL offen Kohls Gegner Helmut Schmidt. SpĂ€ter, als Kohl zum Kanzler in Bonn aufgestiegen war, schlug sich das Magazin auf die Seite jener Verschwörer um den baden-wĂŒrttembergischen MinisterprĂ€sidenten Lothar SpĂ€th, die den Kanzler im SpĂ€tsommer 1989 als Chef der CDU stĂŒrzen wollten. Am Ende gewann bekanntlich Kohl, und der Mann, der vom SPIEGEL gerne als Biedermann aus der pfĂ€lzischen Provinz karikiert worden war, schaffte sein politisches Meisterwerk: die deutsche Einheit. Von da an begann auch der SPIEGEL freundlicher ĂŒber den schwarzen Riesen zu berichten. „Helmut Kohl ist jetzt, man scheut den Superlativ, der angesehenste noch amtierende Staats­mann der uns bekannten Welt“, schrieb der SPIEGEL-GrĂŒnder Rudolf Augstein in einem Essay im Jahr 1996. Kohl machte bis zu seinem Tod keinen Frieden mit dem Magazin. „Das war ja auch ein Teil meiner Lebensfreude, dass ich diese Subjekte beleidigen konnte“, sagte Kohl seinem Ghostwriter Heribert Schwan. SPIEGEL-Chefredakteur Klaus BrinkbĂ€umer fand zum Tode Kohls versöhnliche Worte: „Kohl irrte sich und hatte recht, fĂŒr den SPIEGEL gilt das auch. Was von heute aus betrachtet, falsch, zumindest unangemessen war, das war die Verachtung, die die Redaktion fĂŒr Kohl empfand.“
René Pfister
Abbildung
SPIEGEL 26/2017

Mensch der Macht

Seinen Kritikern war er die Birne, der Tor, das Trampel. Doch Helmut Kohl blieb so lange im Kanzleramt, dass sich irgendwann niemand mehr an eine Zeit ohne ihn erinnern konnte. Das war keineswegs nur GlĂŒck. Von Jan Fleischhauer
Kein Trauerzug durchs Brandenburger Tor, wie es die engsten WeggefÀhrten vor einiger Zeit im Kanzleramt vorgeschlagen hatten. Kein Staatsakt in Berlin. Und auch keine Schiffstour mit dem aufgebahrten Sarg die Elbe hinunter. Aber selbst ohne diese Ehrenbekundungen wird dem sechsten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in diesen Tagen ein öffentlicher Abschied bereitet, wie er ziemlich einmalig ist und er ihn selbst wohl als angemessen empfunden hÀtte.
Dass er ein Ausnahmekanzler gewesen sei, kann man jetzt lesen, ein zweiter Bismarck, eine Jahrhundertgestalt. Dabei war Kohl bis zuletzt ein Mann, an dem sich die Geister schieden. Auch wenn sich mit der Zeit das Urteil ĂŒber ihn mĂ€ĂŸigte, hat er doch nie die Sonne des SpĂ€truhms erlebt, wie sie Helmut Schmidt nach dem Abschied von der Macht zuteilwurde, schon gar nicht die beinah religiöse Verehrung, die Brandt im Abend des Lebens entgegenschlug.
Kein Politiker wurde so angefeindet, ja geradezu inbrĂŒnstig verachtet wie der hoch aufragende PfĂ€lzer. Er war die Birne, der Tor, das Trampel; ein Mann ohne jedes wirkliche Format, beachtlich nur wegen seiner KörpergrĂ¶ĂŸe von 1,93 Meter. Einen „Gimpel“ nannte ihn Gerhard Schröder, da waren der Juso-Vorsitzende und Helmut Kohl gerade auf dem Weg nach ganz oben. Andere Ă€ußerten sich noch abfĂ€lliger.
Im Lager seiner Gegner hielt man Kohl lange fĂŒr einen Betriebsunfall der Geschichte, den schon die nĂ€chste Wahl korrigieren wĂŒrde. Dass die RegierungsĂŒbernahme 1982 durch ein Misstrauensvotum zustande kam, bei dem die FDP die Seiten wechselte, gab Kohls Griff zur Macht etwas Illegitimes. Die vorgezogene Bundestagswahl ein halbes Jahr spĂ€ter, die Kohl eindrucksvoll im Amt bestĂ€tigte, konnte diesen Makel aus Sicht der VerĂ€chter nicht wirklich beheben.
Je lĂ€nger Kohl regierte, desto mehr wuchs der Ingrimm ĂŒber ihn. Es wurden Gegenspieler aufgebaut, Rochaden durchgespielt und Intrigen befördert, doch Kohl saß einfach weiter neben seinem Aquarium im zweiten Stock des Bonner Kanzleramts, trank seinen PfĂ€lzer Riesling und telefonierte sich durch die Welt, rund und selbstzufrieden wie ein Buddha, bis man sich am Ende gar nicht mehr an die Zeit ohne ihn erinnern konnte.
Jetzt war Kohl die Machtmaschine, die alles unter sich begrub, was sich ihr in den Weg stellte; der Aussitzer, der die Probleme des Landes lieber ignorierte, statt sie zu lösen. Als ihn schließlich Ende 1999 die SpendenaffĂ€re einholte, war er bereits nicht mehr im Amt. Aber weil diese AffĂ€re alles zu bestĂ€tigen schien, was man ĂŒber den Mann aus Oggersheim immer schon gedacht und zu Papier gebracht hatte, war sie fĂŒr viele doch eine Genugtuung, die es erlaubte, das alte Kohl-Bild zu konservieren.
Kohl war ganz und gar ein Mann der Bonner Republik. In das Kanzleramt in Berlin, das er noch in Auftrag gegeben hatte, ist er selbst nicht mehr eingezogen. Im RĂŒckblick hat sich ĂŒber die Zeit im geteilten Deutschland ein Schleier der Betulichkeit gelegt, passend zur ProvinzialitĂ€t des provisorischen Regierungssitzes. TatsĂ€chlich war Bonn viel mehr politischer Kampfplatz, als es Berlin je werden sollte. Nie wieder wurden Parlamentsdebatten so wortgewaltig und verletzend ausgetragen wie in der westdeutschen Republik, nie mehr war die politische Welt so eindeutig in Freund und Feind getrennt.
So wird mit Helmut Kohl auch eine Ära zu Grabe getragen, in der die politischen Lager noch Familienclans glichen. In der Konservative die „Schwarzen“ waren und Sozialdemokraten die „Sozen“ und die von vielen gerade wegen dieser Überschaubarkeit vermisst wurde, als es nach dem Hauptstadtbeschluss schließlich ins große, zugige Berlin gegangen war.
Dass seine Gegner bei ihm nur Defizite erkennen konnten, hat Kohl mehr genĂŒtzt als geschadet, sosehr ihn die Dauerabwertung auch krĂ€nkte. FĂŒr den Historiker Henning Köhler gehört der PfĂ€lzer zu den „meistunterschĂ€tzten Politikern“ der Republik. Und unterschĂ€tzt zu werden ist in der Politik, anders als im normalen Leben, durchaus von Vorteil. Kohl selbst hat dem Eindruck, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, nach KrĂ€ften Vorschub geleistet, zunĂ€chst, weil er nicht anders konnte, spĂ€ter dann, als er ganz oben angekommen war, weil er nicht mehr anders wollte.
Wer genauer hinsah, konnte hinter der Fassade des Biedermanns schon frĂŒh einen gewieften Taktiker erkennen, der gut zu kalkulieren verstand, wie weit er gehen durfte. Dazu kamen eine rasche Auffassungsgabe fĂŒr politische Stimmungen und ein feines GespĂŒr fĂŒr die GemĂŒtslage anderer Menschen, das er meisterlich einzusetzen vermochte, um sich diese gefĂŒgig zu machen.
Verglichen mit dem Proletarierkind Schröder, der bei Intellektuellen immer gut ankam, war der Beamtensohn Kohl sogar ein erstaunlich gebildeter Mensch. Schon die Wahl der StudienfÀcher war vergleichsweise anspruchsvoll: Geschichte im Hauptfach, dazu Jura und Politikwissenschaft. Es hÀtte mit Blick auf eine spÀtere Karriere im Wirtschaftswunderland nahegelegen, etwas Verwertbareres zu studieren als ausgerechnet Geschichte.
Wie viele Kanzler war Kohl lesefaul, was Akten anging, deren Inhalt ließ er sich lieber von seinen Zuarbeitern referieren. Ihn interessierten als LektĂŒre eher Biografien und historische Werke. Auf dem Nachttisch lagen statt Vorgangsmappen stets einige BĂŒcher, in der Bundestagsbibliothek stand er auf der Ausleihliste ganz oben. Aber weil er es unterließ, sich in den entsprechenden Kreisen als Feingeist zu prĂ€sentieren, schlug dies nie zu seinem Vorteil aus.
Mensch der Macht
Mensch der Macht
Das Bild, das sich das intellektuelle Deutschland von Kohl gemacht hatte, ließ kein Interesse an Literatur zu. Als der Kanzlerkandidat Kohl 1976 in einem GesprĂ€ch mit dem Schriftsteller Walter Kempowski ĂŒber seine kulturellen Vorlieben den Satz fallen ließ, in Hölderlin sei er gut gewesen, provozierte das in den Feuilletonetagen homerisches GelĂ€chter. So entging den meisten dort auch, dass Kohl kaum eine Buchmesse ausließ und im GesprĂ€ch durchaus animierend sein konnte; eine Verengung der Wahrnehmung, die bald schon auf die EinschĂ€tzung seiner politischen KapazitĂ€ten durchschlug.
Im RĂŒckblick auf die Kanzlerjahre vergisst man leicht, dass Kohl vor seinem Wechsel nach Bonn ĂŒber das eigene Lager hinaus als ReprĂ€sentant eines modernen, zupackenden Politikstils galt. Seinen Aufstieg verdankte er nicht der Geschmeidigkeit des FunktionĂ€rs, der vorsichtig seine Optionen wĂ€gt, sondern im Gegenteil einer Lust an der Provokation, gepaart mit Wagemut in kritischen Situationen.
Schon der Beitritt zur CDU im Alter von 17 Jahren war eine Entscheidung, die auf ein gesundes Selbstbewusstsein schließen ließ. Kohls Heimatort Ludwigshafen war fest in der Hand der Sozialdemokraten. Wer dort fĂŒr die Gegenseite in den Wahlkampf zog, musste damit rechnen, dass am nĂ€chsten Tag alle Plakate im Dreck lagen.
Sein selbstbewusstes Auftreten verschaffte Kohl eine treue AnhĂ€ngerschaft in der Jungen Union, zumal er vor dem eigenen Parteiestablishment nicht haltmachte, wenn es darum ging, fĂŒr sich und die Seinen Macht zu erstreiten. Das Wohlwollen fĂŒr den jungen Mann, der seine Gefolgsleute so feurig anzufĂŒhren verstand, wich bei den Parteioberen bald der Beklemmung, dann der VerĂ€rgerung. Aber dem VorwĂ€rtsdrang des Aufsteigers, der die Herren an der Spitze als „vereinigte Kalkwerke“ verspottete, hatten sie nicht wirklich etwas entgegenzusetzen.
Gerade mal 23 Jahre alt war Kohl, als er mit einer Kampfkandidatur fĂŒr den Vorstand des Bezirksverbands Pfalz antrat – und mit einer Stimme ĂŒber der erforderlichen Mehrheit gewann. Mit 29 saß er im Landtag in Mainz, mit 35 war er Parteivorsitzender der CDU in Rheinland-Pfalz, mit 39 Jahren MinisterprĂ€sident. Immer war er der JĂŒngste, das Ă€nderte sich auch nicht, als er nach Bonn ging. Da war er dann, nach dem Machtwechsel 1982, der jĂŒngste Kanzler. Diesen Titel konnte ihm nicht einmal Schröder streitig machen, als 1998 wieder die SPD ins Kanzleramt gelangte. Das schaffte, ganz knapp, sieben Jahre spĂ€ter erst Angela Merkel.
Von Anfang an zeigte sich bei Kohl eine Begabung, Talente zu entdecken und an sich zu binden. Wer einmal das Vertrauen des PfĂ€lzer Riesen gewonnen hatte, konnte in seinem Bereich ziemlich frei walten. Solange sein FĂŒhrungsanspruch respektiert wurde, gab es fĂŒr Kohl wenig Grund, sich in fremde ZustĂ€ndigkeiten einzumischen. Er war immer ein Mann der großen Linien gewesen, der sich fĂŒr die Details des AlltagsgeschĂ€fts erst interessierte, wenn Probleme auftauchten.
So fanden auch schwierige Charaktere zu Kohl, der ehemalige Henkel-Manager Kurt Biedenkopf, der fĂŒr ihn einen grundlegenden Umbau des Parteiapparats organisierte, der Feuerkopf Heiner Geißler, der ihm erst als Sozialminister in Mainz diente und dann als GeneralsekretĂ€r in Bonn, der Analytiker Wolfgang SchĂ€uble. Wer sich die Liste der Minister in der ersten Bundesregierung Kohl ansieht, wird viele Namen entdecken, an die man sich auch Jahre spĂ€ter noch erinnerte. Das ist danach nicht mehr immer der Fall gewesen.
NatĂŒrlich gab es Misserfolge und RĂŒckschlĂ€ge. Aber mit denen wurde Kohl auf seine Art fertig. Mit Fehlersuche hielt er sich nie lange auf, jede Form der Selbstbefragung war ihm gĂ€nzlich fremd. Die GrĂŒnde fĂŒr Niederlagen verlagerte er nach außen: auf die Missgunst der UmstĂ€nde, auf VerrĂ€ter und Quertreiber in der Partei oder einfach die Linken.
Solange Kohl noch in Mainz regierte, musste er nicht viel aushalten, er galt als ein etwas biederer, aber von den Menschen geschĂ€tzter MinisterprĂ€sident, der die CDU dort verlĂ€sslich an der Regierung hielt. Mit dem Wechsel nach Bonn, wo er 1976 das Amt des Fraktionschefs ĂŒbernahm, Ă€nderte sich das schlagartig: Hier war er der Provinzdepp, im direkten Vergleich mit dem Weltökonomen Helmut Schmidt nach Meinung der meisten Beobachter in jeder Hinsicht ungeeignet fĂŒr das oberste Regierungsamt.
Auch innerhalb der Union konnte er sich nicht mehr der notwendigen UnterstĂŒtzung gewiss sein. Zu den Angriffen des politischen Gegners kamen die Sticheleien und Schlechtredereien der eigenen Leute, selten mit Namen versehen, aber doch in jedem Fall ernst zu nehmen, denn wer sich eben noch im GebĂŒsch versteckte, konnte morgen schon ein Herausforderer sein.
Bis heute unvergessen sind die AusfĂ€lle des bayerischen MinisterprĂ€sidenten und Starkbierpolitikers Franz Josef Strauß, der dem MĂ€nnerfreund in Bonn „die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen“ fĂŒr das Kanzleramt absprach. Dass diese Beschimpfung aus dem Schutz des Hinterzimmers an die Öffentlichkeit gelangte, verdankte sich einer Aufzeichnung, die den Weg zum SPIEGEL fand. Da half kein Leugnen mehr.
Strauß war die Sache ein wenig peinlich, aber so peinlich dann auch wieder nicht, dass er sich in aller Form entschuldigt hĂ€tte, und Kohl reagierte wie meist in solchen Situationen: Er zog ein sĂ€uerliches Gesicht und tat ansonsten so, als ob ihn die Sache weiter nichts anginge.
SPIEGEL-Titelbilder (Auswahl; 1976, 1979, 1986, 1994): Ab in die MĂŒlltonne
SPIEGEL-Titelbilder (Auswahl; 1976, 1979, 1986, 1994): Ab in die MĂŒlltonne
Unter der Maske der GleichgĂŒltigkeit war Kohl ein sehr empfindlicher Mensch, der sich noch Jahre spĂ€ter an eine fĂŒr ihn krĂ€nkende Situation in jeder schmerzhaften Einzelheit erinnern konnte. Aber im Gegensatz zu den meisten seiner Gegner besaß er die Selbstbeherrschung, sich den Schlag einer DemĂŒtigung nie anmerken zu lassen. DafĂŒr konnte er sich mit der Gewissheit trösten, bei den entscheidenden Kraftproben am Ende stets der Überlegene geblieben zu sein.
Das war auch so mit Strauß, der ihm wenige Tage vor seiner Brandrede die Fraktionsgemeinschaft in Bonn aufgekĂŒndigt hatte. Statt sich zu empören, ließ Kohl einfach in MĂŒnchen nach BĂŒrorĂ€umen fĂŒr die CDU suchen. Wenig spĂ€ter blies Strauß die Aktion wieder ab. Eine Ausweitung der CDU nach Bayern war ein Preis, den er fĂŒr seinen Separatismus lieber nicht bezahlen wollte.
„Wenn der bayerische Löwe brĂŒllt, verbreitet er nur noch Mundgeruch“, lĂ€sterte Kohl spĂ€ter einmal. Aber das war schon eine Art von Spott, den er sich eigentlich nur im kleinen Kreis erlaubte. Sein grĂ¶ĂŸter Triumph bestand darin, einfach weiterhin den Ort besetzt zu halten, von dem seine Gegner gesagt hatten, dass er ihn nie im Leben einnehmen wĂŒrde.
Ein paarmal hat er sich verrechnet. Sein Versuch, schon 1971 den Parteivorsitz an sich zu reißen, scheiterte spektakulĂ€r. Die große Mehrheit entschied sich fĂŒr seinen Dauerkonkurrenten Rainer Barzel: Kohl hatte die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse falsch eingeschĂ€tzt. Auch der Kampf um die Kanzlerkandidatur 1980 ging gegen ihn aus.
Weil Kohl wusste, dass er sich nach der Niederlage vier Jahre zuvor nicht noch einen Misserfolg leisten konnte, protegierte er den Niedersachsen Ernst Albrecht. Dabei trieb ihn die Hoffnung, dass gegen den nach wie vor populĂ€ren Amtsinhaber Schmidt noch nichts auszurichten sei. In einem großen Kraftakt erzwang Strauß dann die Kandidatur fĂŒr sich, gegen den ausdrĂŒcklichen Wunsch des CDU-Vorsitzenden, der danach so geschwĂ€cht schien, dass in den Zeitungen schon die Namen der Nachfolger durchgegangen wurden.
Doch am Ende brachte der erzwungene Verzicht, wie so oft in Kohls Karriere, das gewĂŒnschte Ergebnis: So wie sich Barzel einst in der Opposition gegen Willy Brandt verschlissen hatte und damit als Mitbewerber fĂŒr höhere Ämter ausgeschieden war, scheiterte Strauß krachend im direkten Vergleich mit Schmidt und zog sich nach der Niederlage schmollend nach MĂŒnchen zurĂŒck. FĂŒr Kohl war der Weg ins Kanzleramt frei. Er musste nur noch warten, bis die FliehkrĂ€fte in der sozialliberalen Koalition die Regierung an ihr Ende brachten. Was 1980 noch gehalten hatte, war schon zwei Jahre spĂ€ter vorbei: Die FDP verließ das BĂŒndnis mit den Sozialdemokraten und verhalf Kohl zur lang ersehnten Macht.
Mit welcher Entschlossenheit Kohl seine Ziele verfolgte, haben viele erst erkannt, als es dann, oft auch fĂŒr sie, zu spĂ€t war. Am Bild des Aussitzers, das die Medien von ihm zeichneten, stimmte ja die Beobachtung, dass Kohl noch fröhlich am Tisch saß, wenn die anderen ihren Platz lĂ€ngst gerĂ€umt hatten. Was seine VerĂ€chter ĂŒbersahen, war das taktische Geschick, das es ebenfalls braucht, um sich so lange auf dem Stuhl zu halten.
Der Journalist JĂŒrgen Busche hat zu Lebzeiten des Kanzlers einmal sehr schön beschrieben, wie Kohl die Dinge einfach so lange durchsprechen ließ, bis alle anderen die Lust verloren: „Der Punkt kommt bei hochintelligenten Strategiedenkern ebenso wie bei Volkstribunen frĂŒher als bei Kohl, der es von Anfang an gewohnt ist, dass intellektuell begabtere und habituell geschmeidigere Leute seinen Weg kreuzen. Beide kann man mit viel Zeit und Geduld dahin bringen, dass sie nur noch ein Ende der GesprĂ€che mit Kohl wollen. Am Schluss sind sie zufrieden mit dem, was nur so aussieht, als wĂ€re es etwas wert.“
Einmal saß Kohl sogar im Worts...

Table of contents

  1. Helmut Kohl
  2. Helmut Kohl
  3. Anhang

Frequently asked questions

Yes, you can cancel anytime from the Subscription tab in your account settings on the Perlego website. Your subscription will stay active until the end of your current billing period. Learn how to cancel your subscription
No, books cannot be downloaded as external files, such as PDFs, for use outside of Perlego. However, you can download books within the Perlego app for offline reading on mobile or tablet. Learn how to download books offline
Perlego offers two plans: Essential and Complete
  • Essential is ideal for learners and professionals who enjoy exploring a wide range of subjects. Access the Essential Library with 800,000+ trusted titles and best-sellers across business, personal growth, and the humanities. Includes unlimited reading time and Standard Read Aloud voice.
  • Complete: Perfect for advanced learners and researchers needing full, unrestricted access. Unlock 1.5M+ books across hundreds of subjects, including academic and specialized titles. The Complete Plan also includes advanced features like Premium Read Aloud and Research Assistant.
Both plans are available with monthly, semester, or annual billing cycles.
We are an online textbook subscription service, where you can get access to an entire online library for less than the price of a single book per month. With over 1.5 million books across 990+ topics, we’ve got you covered! Learn about our mission
Look out for the read-aloud symbol on your next book to see if you can listen to it. The read-aloud tool reads text aloud for you, highlighting the text as it is being read. You can pause it, speed it up and slow it down. Learn more about Read Aloud
Yes! You can use the Perlego app on both iOS and Android devices to read anytime, anywhere — even offline. Perfect for commutes or when you’re on the go.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app
Yes, you can access Helmut Kohl - Ein deutsches Drama by René Pfister in PDF and/or ePUB format, as well as other popular books in Politics & International Relations & Political Biographies. We have over 1.5 million books available in our catalogue for you to explore.