Ivana Arruda Leite
Frau aus dem Volk
MONTAG
Es wird Morgen und São Paulo steht still. Der Busfahrerstreik verstopft die Eingeweide der Stadt. Die Menschen drängen sich in privat organisierten Kleinbussen, damit sie keinen Arbeitstag verlieren.
Ich gestehe, dass mir meine eigene Verstopfung mehr Sorgen macht. Mein Bruch kann jeden Moment den Darm einklemmen, und wenn das passiert, bin ich sofort tot. Zumindest sagt das meine Mutter:
»Dein Großvater hat auch nichts gespürt, genau wie du. Auf einmal hat er Stuhl erbrochen, bekam eine Blutung und war tot.«
Die Muskelschicht meiner Bauchdecke ist dünn wie Papier. Der Darm drückt nach außen, die Eingeweide bilden einen weichen Kloß gleich unterhalb des Nabels. In solchen Fällen wird ein Kunststoffnetz eingenäht, um die Eingeweide an ihrem Platz zu halten. Morgen bin ich eine Frau mit einem Hühnergitter im Bauch. Mir bleibt keine Wahl.
Nachher soll ich mich in der Uniklinik melden. Hätte ich Geld, hätte ich eine private Krankenversicherung und müsste mich nicht dem staatlichen Gesundheitswesen anvertrauen, aber mein Leben sieht anders aus. Ich habe es nie geschafft, Geld zu verdienen, und wenn ich mal etwas verdient habe, ist mir davon nichts geblieben. Wenn ich etwas gespart hatte, kam ein Maßnahmenpaket, und mein Geld war futsch. Wenn also der Staat nicht für meine Operation aufkommt, kann es sein, dass ich Scheiße spucken muss und sterbe.
Meine Mutter und meine Tochter kommen mit. Wir gehen alle drei Arm in Arm. Mir fällt jeder Schritt schwer. Kein Mann begleitet uns. Meine Mutter ist seit Langem verwitwet und ich auch. Meine Tochter und ich sind ohne Vater aufgewachsen. Muss erblich sein, diese Manie, die Ehemänner umzubringen.
Meine Mutter trägt den Rucksack mit meiner Wäsche. Sie wird im Krankenhaus bei mir bleiben. Es ist nicht viel, was man in so einer Situation mitnimmt: Slips, Gummilatschen und die unsterbliche Hoffnung, lebendig wieder rauszukommen. Meine Tochter trägt den Beutel mit den Büchern und beschwert sich über das Gewicht:
»Wie lange, glaubst du, musst du hier bleiben?«
Bücher sind meine Rettung. Wenn alles ringsum unerträglich wird, stecke ich die Nase in ein Buch und hoffe, dass sich das Unwetter verzieht.
Ich bin Bibliothekarin an der Philosophischen Fakultät. Eine verbeamtete Staatsdienerin. Ich lebe umgeben von Büchern, habe es mit Bazillen aller Art zu tun – bärtig, schnurrbärtig, im Anzug, mit Krawatte, altersschwach, gebrechlich. Ich spreche natürlich von den Philosophen, denn die in den Büchern machen mich gegen den Schwachsinn immun, von dem ich sonst umgeben bin.
Meine Tochter allerdings ist gegen Bücher allergisch und liebt die Männer. Trotz ihrer erst vierundzwanzig Jahre ist die Liste ihrer Exliebhaber schon länger als das Alphabet. Sie will Schauspielerin werden. Ich fürchte, sie wird mir noch lange auf der Tasche liegen.
Wir haben uns auf Stühle in der Halle gesetzt und warten. Nach und nach treffen die anderen Frauen ein, die auch operiert werden sollen. Arme Frauen, die hier in diesem Viertel wohnen. Sie sind glücklich, weil sie einen Termin ergattert haben. Weiß der Himmel, wie lange sie schon darauf gewartet haben. Nur ich schimpfe. Ach, könnte ich doch so sein wie diese einfachen Frauen.
Wegen des Busfahrerstreiks sind sie früh aus dem Haus gegangen und die steile Straße zum Krankenhaus zu Fuß hinaufgekommen. Ihre Begleiter setzen sich neben sie: Söhne, Männer, Neffen. Auf dem Schoß den Beutel mit ihrem Gepäck: Baumwollslips, Gummilatschen, Rosenkranz, Bananen und die Hoffnung, lebendig wieder rauszukommen, immer diese Hoffnung. Die mit den Gallensteinen ist völlig außer Atem; die mit der Blasensenkung hat sich unterwegs in die Hose gemacht; die mit dem Myom hält sich die ganze Zeit die Hand auf den Bauch. Trotzdem herrscht allgemeine Erleichterung. Endlich ist es so weit.
Diese Frauen sind offenbar gottergeben. Sie seufzen, stöhnen und rutschen auf ihrem Stuhl hin und her, alles ohne ein Wort zu sagen. Nur ich schimpfe laut auf den Gouverneur, den Gesundheitsminister, den Staatspräsidenten, diese Bande, die mich so arm gemacht hat. Aber es nützt nichts, niemand hört mir zu.
Nachdem ich den ganzen Nachmittag auf dem harten Stuhl gesessen habe, kommt die Aufnahmeschwester, sie ist ausgesprochen schlecht gelaunt.
»Ich helfe nur aus, das hier ist nicht meine Aufgabe. Nicht mal Mittag essen konnte ich wegen dem verdammten Streik, meine Schicht geht bis vier.«
Mit einer Liste in der Hand ruft sie eine nach der anderen auf. Die Frauen verabschieden sich von ihren Angehörigen und stellen sich in einer Schlange vor dem Fahrstuhl an. Als ich an der Reihe bin, fordert sie meine Mutter und meine Tochter auf, nach Hause zu gehen.
»Da muss ein Irrtum vorliegen«, sage ich streitlustig, »meine Mutter bleibt bei mir. Ich bin eine Bedienstete der Universität, ich habe Anspruch auf ein Einzelzimmer mit Bad, Fernseher und Begleitperson.«
»Tut mir leid, aber im Augenblick haben wir kein Zimmer frei. Wenn Sie bleiben wollen, müssen Sie mit den anderen auf die allgemeine Station.«
Mein Bruch kann jeden Moment den Darm einklemmen, und ich will nicht enden wie mein Großvater. Entweder oder. Wenn es darauf ankommt, entscheidet sich niemand für den Tod.
Meine Mutter und meine Tochter verabschieden sich weinend von mir. Noch nie musste jemand aus der Familie auf eine allgemeine Station. Und übrigens auch nie in ein staatliches Krankenhaus. Wir sind erst seit Kurzem arm. Die Schwester beteuert, man werde gut für mich sorgen. Zynische Person.
Schweigend betreten wir den Fahrstuhl. Im Gänsemarsch, mit gesenktem Kopf, voller Angst und Schmerzen gehen wir zum Schlachthof.
Im Zimmer 608 erwarten uns fünf Betten. An jedem Kopfende klebt ein Kreppband mit einem Namen. Meiner steht auf dem Bett an der Tür. Sollte ein Feuer ausbrechen, kann ich mich als Erste retten.
Die Krankenschwester gibt uns Anweisung, weiße Nachthemden aus billigem Stoff anzuziehen, der Name des Krankenhauses ist in rotem Garn draufgestickt. Unsere weißen Hintern sind zu sehen. Für Sonnenbäder oder Besuche im Fitnessstudio hat hier niemand Zeit. Ein gesunder Körper hat für uns eine andere Bedeutung.
Die Schwester bindet mir ein Stoffarmband mit meinem Namen und der Zimmernummer ums rechte Handgelenk. Falls ich mich verlaufe, wissen alle, wohin sie mich zurückschicken sollen. Wo ist meine Mutter?
Meine Zimmernachbarinnen unterhalten sich in bester Stimmung. Sie fragen einander, wie sie heißen, wie viele Kinder sie haben, ob sie verheiratet sind. Ich höre mir alles schweigend an.
Maria das Virgens ist die lustige Witwe mit der Blasensenkung. Sie wohnt im eigenen Haus, gleich nebenan ihre Kinder und Enkel. Sie hütet die Enkel, damit ihre Töchter arbeiten können. Das Grundstück ist so groß, dass man sogar etwas anpflanzen kann. Papaya, Salat, Zucchini, Minze, alles holt sie sich aus dem Garten. Wie die Indios.
Socorro hat Gallensteine und wimmert vor Schmerzen. Ihr Mann hat versprochen, nicht zu trinken, solange sie hier ist.
»Denk daran, die Hausaufgaben der Kinder nachzusehen.« Socorro verbringt zum ersten Mal eine Nacht fern von ihren Kindern.
Raquel, die mit dem Myom in der Gebärmutter, ist sehr katholisch und singt ohne Unterlass das Loblied des Herrn. Sie sagt zu allen mein Schatz, mein Liebling, meine Süße. Schrecklich. Sie hat zwei Söhne, denen es finanziell gutgeht.
»Seit mein Mann nicht mehr ist, sorgen meine Söhne sehr gut für mich, Gott sei’s gedankt.«
Cátia ist die Jüngste. Sie ist so alt wie meine Tochter, ein riesiges Geschwür zerfrisst ihr den Magen.
Ich denke an meine Tochter, daran, dass sie wie eine Tänzerin aussieht, dass sie ständig einen neuen Freund hat, dass sie tausend Gründe hat, kein Magengeschwür zu haben, und ich frage mich: Wer verteilt eigentlich das Leiden in dieser Welt? Oder wird das Unglück per Zufall verteilt, nach der Devise, wen es erwischt, den trifft es. Wer ist an diesem ganzen Elend schuld?
Raquel dankt Gott dafür, dass ihr Bett am Fenster steht.
»Ich habe dafür gebetet, dass ich ein Bett bekomme, von dem ich nach draußen sehen kann.«
Auch ich habe Johannes den Täufer angefleht, mich in ein Einzelzimmer zu legen, aber er fand, ich sei schon groß genug und könne es gut auf der allgemeinen Station aushalten. Wer hat mir auch gesagt, ich soll mir einen zornigen Propheten zum Schutzheiligen nehmen, einen, der sich von wildem Honig und Heuschrecken ernährt hat und der Menge entgegendonnerte: »Ihr Otterngezüchte, zeigt Reue, denn die Stunde naht!«
Maria das Virgens fällt ein, dass sie die Wäsche nicht von der Leine genommen hat. Sie läuft zum Fenster, vielleicht sieht sie ihre Tochter noch, aber die ist schon weg. Der Streik ist inzwischen beendet, die Busse fahren direkt unter unserem Fenster vorbei.
»Hoffentlich regnet es nicht«, sagt sie mit einem Blick zum Himmel.
Cátia, die mit dem Magengeschwür, erzählt, sie sei am Vormittag beim Friseur gewesen und habe sich die Haare waschen und ganz kurz schneiden lassen.
»Nur die Fingernägel habe ich mir nicht lackiert, weil man bei lackierten Fingernägeln nicht operieren kann, da sieht man nämlich nicht, wenn sie blau anlaufen und die Patientin am Sterben ist.«
Gibt es etwa keine sicherere Methode, um festzustellen, ob jemand kurz vorm Ersticken ist?, frage ich mich. Wo bin ich hier bloß gelandet.
Socorro bittet darum, an ihrem Bett ein Gitter anzubringen. »Ich kann nur in einem Doppelbett schlafen. Dieses Bett hier ist zu schmal. Wenn Sie mir kein Seitengitter anbringen, mache ich die ganze Nacht kein Auge zu.«
Ein kräftiger schwarzer Hilfspfleger namens Eduardo sperrt Socorro in eine Art Kinderbett oder Käfig, damit sie sich sicherer fühlt.
Ich stapele meine Bücher auf dem Nachttisch. Die Mauer ist gezogen. Ich greife nach dem Buch, das obenaufliegt, schlage es auf und tue so, als läse ich. Bücher sind ein wunderbares Versteck.
Der Fernsehraum ist gleich nebena...