Woche 1
Grundlagen und SelbsteinfĂŒhlung
1.1 Gewaltfreie Kommunikation?
Die Feder verwundet Àrger als ein Pfeil.
âJĂŒdisches Sprichwort
â »Gewaltfreie Kommunikation? Was soll das? Ich bin doch nicht gewalttĂ€tig!« Das höre ich oft, wenn ich Menschen erzĂ€hle, dass ich Trainerin fĂŒr Gewaltfreie Kommunikation bin.
Wer ein wenig tiefer hinschaut, erkennt jedoch sehr wohl, dass nicht nur Handlungen, sondern auch Worte voller Gewalt stecken können â Gewalt, die manchmal hĂ€rter trifft als ein Faustschlag:
-
Man provoziert und sucht Streit
-
Man tut anderen mit Worten weh
-
Man macht einander VorwĂŒrfe
-
Man redet schlecht ĂŒber andere
-
Man demĂŒtigt das GegenĂŒber
-
Man stellt andere bloĂ
-
Man lÀsst dem anderen im GesprÀch keinen Raum
Diese und viele andere Verhaltensweisen tragen dazu bei, dass Kommunikation zum Machtspiel werden kann. Der, der kommunikativ stĂ€rker ist, gewinnt â zumindest vordergrĂŒndig. Doch im Grunde verlieren beide â nĂ€mlich die Verbindung zueinander. Man könnte deshalb die Methode der Gewaltfreien Kommunikation auch als »verbindende Kommunikation« beschreiben. Denn es geht nicht nur darum, in GesprĂ€chen Gewalt zu vermeiden. Das wĂ€re in manchen FĂ€llen schon hilfreich, doch lediglich »gewaltfrei« ist noch nicht beglĂŒckend.
Ziel der Gewaltfreien Kommunikation ist vielmehr, dass echte Verbindung entsteht. Menschen sich begegnen, von Herzen verstehen und gegenseitig bereichern und beglĂŒcken.
â Denk mal
In welchen GesprÀchen der letzten Zeit hast du Gewalt erlebt? In welcher Verbindung?
â Mach mal
Achte heute einmal darauf, mit welchen deiner Worte und Kommunikationsmuster du (un)bewusst Gewalt ausĂŒbst.
1.2 Entstehung
Ich glaube, dass die Freude am einfĂŒhlsamen Geben und Nehmen unserem natĂŒrlichen Wesen entspricht.
âMarshall B. Rosenberg
â Die Entwicklung der Gewaltfreien Kommunikation ist eng mit dem amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg verknĂŒpft. Er erlebte 1943 als 8-JĂ€hriger die Rassenunruhen von Detroit mit. Innerhalb weniger Tage wurden mehr als 40 Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe getötet. Da seine Familie im Zentrum der Gewalt wohnte, verbarrikadierten sie sich tagelang.
Doch damit nicht genug. Er erzĂ€hlt in seinem Buch Gewaltfreie Kommunikation: »Nachdem der Rassenkrawall zu Ende war und die Schule wieder anfing, entdeckte ich, dass ein Name genauso gefĂ€hrlich sein kann wie eine Hautfarbe. Als der Lehrer bei der Anwesenheitskontrolle meinen Namen aufrief, starrten mich zwei Jungs an und zischten: âșBist du ein Kike?âč
Ich hatte dieses Wort noch nie gehört und wusste nicht, dass es eine abfĂ€llige Bezeichnung fĂŒr Juden ist. Nach der Schule warteten die beiden auf mich. Sie warfen mich zu Boden, traten und verprĂŒgelten mich.« Diese Erfahrungen haben Rosenberg geprĂ€gt und ihn dazu gebracht, nach Wegen zu suchen, wie Menschen in ihren Handlungen und Worten auf Gewalt verzichten und sich besser verstehen können.
Er entwickelte die Methode der Gewaltfreien Kommunikation, brachte sie vielen Menschen nahe und setzte sie selbst weltweit ein. Als Mediator vermittelte er auch in extremen politischen Konflikten â etwa in Nahost oder Serbien â zwischen verfeindeten Gruppen.
â Denk mal
In welche Situationen möchtest du besonders gern Frieden bringen?
â Mach mal
Beobachte heute die GesprÀche von anderen. Wo siehst und erlebst du Trennung und Gewalt? Wo ist NÀhe und Verbindung zu erleben?
1.3 Die Grundlagen
Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein Bewusstwerdungsprozess, der sich als Kommunikationsmethode maskiert hat.
âKit Miller
â Marshall Rosenberg wurde beeinflusst vom Ansatz der Gewaltfreiheit, den Mahatma Gandhi gelehrt und praktiziert hat. Gandhi meint mit »gewaltfrei« mehr als den Verzicht auf KnĂŒppel und Gewehr. Er versteht darunter unser einfĂŒhlendes Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt in unseren Herzen nachlĂ€sst. Gewaltfreiheit beginnt laut Gandhi immer im Inneren und wirkt sich nach auĂen aus.
GeprĂ€gt wurde Rosenberg auch durch den Psychologen Carl Rogers, der den Ansatz der non-direktiven, klientenzentrierten GesprĂ€chstherapie entwickelt hat. Vereinfacht gesagt glaubte Rogers nicht mehr, dass der behandelnde Arzt der »allwissende Gott in WeiĂ« ist, der das GesprĂ€ch direktiv fĂŒhrt: Er glaubte vielmehr, dass der Klient die Lösungen bereits in sich trĂ€gt.
Die Aufgabe des Therapeuten sei es lediglich, dem Klienten durch bedingungslose, positive WertschĂ€tzung, Empathie und eine Haltung von Echtheit und Wahrhaftigkeit beim Entdecken dieser Lösungen zu helfen. Diese Erkenntnisse ĂŒbertrug Marshall Rosenberg auf Kommunikation im Allgemeinen â auch auĂerhalb von therapeutischen Kontexten. Er versteht die Gewaltfreie Kommunikation ganz allgemein als eine Methode zur Verbesserung des zwischenmenschlichen Miteinanders.
Wichtige Vorrausetzung ist dabei die FĂ€higkeit, sich in den anderen einfĂŒhlen zu können. Funktionierende Kommunikation und dauerhaft friedliche Beziehungen gelingen nur bei echtem empathischem Kontakt.
â Denk mal
Welche Menschen kennst du, die richtig gut empathisch zuhören können? Was zeichnet sie aus?
â Mach...