Zu treuer Hand
âUmsonst! GlĂŒck im ĂbermaĂ! Kommt alle her, es reicht fĂŒr jeden! Niemand soll erniedrigt von hier fortgehn!â
Arkadi und Boris Strugazki, Picknick am Wegesrand
Als am 3. Oktober 1990 die DDR ihre Existenz beendete, war bei der Bevölkerungsmehrheit des gröĂer gewordenen Staates Begeisterung angesagt. Zu Ehren des neugeschaffenen Feiertages gab es eine gigantischen Fress- und Sauforgie, begleitet von frenetischem Jubel und ausgiebig geschwenkten Deutschlandfahnen. Helmut Kohl (CDU) lieĂ sich als âKanzler aller Deutschenâ feiern, hisste um Mitternacht gemeinsam mit dem damaligen BundesprĂ€sidenten Richard von WeizsĂ€cker (CDU) und dem scheidenden DDR-MinisterprĂ€sidenten Lothar de MaiziĂšre (CDU) eine ĂŒberdimensionierte schwarz-rot-goldene Flagge. Leute, die sich der bewusst geschĂŒrten Begeisterung verweigerten, wurden verlacht oder beschimpft. Dabei war zu diesem Zeitpunkt schon völlig klar, dass im Hintergrund des nationalen Taumels eine gigantische Welle krimineller Enteignung und Arbeitsplatzvernichtung lief. Wie Robert Kurz damals schrieb, organisierte âeine Zunft von Aasgeiern das Sterben einer ganzen Volkswirtschaftâ (Kurz 1993/2, S. 116). Dies nannte sich Privatisierung. âPrivatioâ kommt aus dem Lateinischen und kann als âBeraubungâ ĂŒbersetzt werden.
Planwirtschaft contra Markt?
Schwerpunkt dieses Beitrages sind die rĂ€uberische Bereicherung und die kriminellen AktivitĂ€ten zwischen 1990 und 1994 im Osten Deutschlands. Auf eine in diesem Zusammenhang eigentlich erforderliche Analyse der gesamten osteuropĂ€ischen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts wird aus PlatzgrĂŒnden verzichtet. Zum besseren VerstĂ€ndnis aber so viel: Die sowohl von Seiten der politischen Linken wie auch der Rechten jahrzehntelang intensiv gepflegte Unterscheidung zwischen âkapitalistischerâ Privatwirtschaft und âsozialistischerâ Planwirtschaft war in Wirklichkeit so gravierend nicht. Robert Kurz hat schon im Jahre 1991 darauf hingewiesen, dass die realsozialistische Ăkonomie alle Grundkategorien des Kapitals (Lohn, Preis und Profit) und auch âdas Basisprinzip abstrakter Arbeitâ einfach nur ĂŒbernommen hatte (Kurz 1991, S. 20). Freilich waren in das System auch maĂgebliche sozialstaatliche Regularien eingebaut. Diese wurden nun rabiat heruntergefahren.
Der wirtschaftliche Sonderweg Osteuropas im 20. Jahrhundert wurde entscheidend durch den russischen RevolutionsfĂŒhrer Wladimir Uljanow (Lenin) geprĂ€gt. Im Bestreben, das durch zaristische Misswirtschaft, Weltkrieg und Revolutionswirren heruntergekommene Riesenreich schnellstmöglich an die westliche Moderne heranzufĂŒhren, empfahl er, die gesamte Volkswirtschaft nach dem Vorbild des Beamtenapparates der Post durchzuorganisieren (Lenin 1980, S. 324f.). Bei den von Lenin und seinen Nachfolgern dann mit Brachialgewalt aus dem Boden gestampften Industriegiganten handelte es sich ausschlieĂlich um staatseigene Unternehmen. Deren Produktion unterlag einer zentralen Reglementierung durch Planungsbehörden. Mit Hilfe eines staatsfinanzierten Aufbauprogrammes stieg die Sowjetunion binnen relativ kurzer Zeit von einem zurĂŒckgebliebenen, halbkolonial ausgeplĂŒnderten Agrarstaat zu einer der fĂŒhrenden WirtschaftsmĂ€chte des 20. Jahrhunderts auf.
Die in der Sowjetunion und ihren Randstaaten praktizierte Ăkonomie wird meist als Planwirtschaft bezeichnet. In einem 1990 erschienenen bundesdeutschen Hochschullehrbuch heiĂt es allerdings prĂ€zisierend: âDiese Bezeichnung ist missverstĂ€ndlich, da in jeder Wirtschaft geplant werden muss. Die Frage ist allein, wer plant und was geplant wird. [âŠ] Die zentrale Lenkung des Wirtschaftsprozesses scheint zwar eine relativ einfache Konzeption [âŠ], ist jedoch in der Praxis Ă€uĂerst schwer zu handhaben. [âŠ]â (Woll 1990, S. 67f.). Auch das in den osteuropĂ€ischen Volkswirtschaften lange Zeit vorherrschende staatliche Eigentum (âVolkseigentumâ) an Produktionsanlagen und das staatliche AuĂenhandelsmonopol war nichts Neues. Die gesamte FrĂŒhphase des Kapitalismus in den heutigen westlichen Industriestaaten wurde von wirtschaftlichen AktivitĂ€ten des Staates (Etatismus) entscheidend geprĂ€gt. Die aufgeklĂ€rten Monarchien des SpĂ€tabsolutismus, die Ăbergangsregimes der englischen und französischen Revolution und die bonapartistischen Diktaturen an der Schwelle zur entwickelten bĂŒrgerlichen Gesellschaft unterschieden sich nur in unbedeutenden Details voneinander. Die sozialistischen Ăkonomen hatten das Prinzip staatlicher Lenkung lediglich ideologisiert und auf die Spitze getrieben.
In der Entwicklung hin zum Kapitalismus versuchten ZuspĂ€tkommer immer wieder, den Vorsprung der westlichen Nationalökonomien aufzuholen. Das ging nur mittels staatsfinanzierter und repressiv durchgesetzter Aufbauprogramme. Im kaiserlichwilhelminischen Deutschland, damals auch ein solcher ZuspĂ€tkommer, dominierten noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs die im Staatsbesitz befindlichen Unternehmen einen GroĂteil der Wirtschaft: Energieversorgung, Metallurgie und Teile des Bankwesens (Mottek/Becker/Schröter 1974, S. 257). Unternehmen wie die Deutsche Reichsbahn oder die Deutsche Post, deren GeschĂ€ft im Betreiben nationalstaatlicher Infrastruktur bestand, befanden sich natĂŒrlich ebenfalls im Staatsbesitz â aus ihren Einnahmen wurden zudem wesentliche Teile der öffentlichen Haushalte bestritten. Erst mit dem Durchmarsch des Neoliberalismus in den 1970er Jahren begann eine neue Generation von Ăkonomen, Hand an diese staatseigene Infrastruktur zu legen.
Robert Kurz schrieb in seinem 1999 erschienenen âSchwarzbuch Kapitalismusâ: âEs kann gar keinen Zweifel geben, dass der totalitĂ€re Markt, wie wir ihn als Bedingung und FunktionssphĂ€re des Kapitalismus kennen, den totalitĂ€ren Staat der absolutistischen Regimes und seine bĂŒrokratischen Apparate zum Vater hatâ (Kurz 1999, S. 33). Zur ideologischen Wende vom Staatsabsolutismus hin zum klassischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts meinte er, dass es sich âbloĂ um einen Vatermord innerhalb derselben historischen Konstellation (handelte), nicht um einen Wesensunterschiedâ (Kurz 1999, S. 34f.).
Unter anderem um eine Fortsetzung dieses âVatermordesâ handelte es sich auch bei den erbitterten FeldzĂŒgen bĂŒrgerlicher Ideologen gegen die ab 1917 unter sozialistischem Vorzeichen unternommenen Modernisierungsversuche in Osteuropa, spĂ€ter auch in verschiedenen Regionen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Wobei es sich aus Sicht der Liberalen bei diesen Regimes um einen RĂŒckfall in ihre eigene, als barbarisch empfundene staatskapitalistische Vergangenheit handelte. Die insbesondere in der frĂŒhen Sowjetunion unternommenen Ă€uĂerst brutalen SĂ€uberungen der Staatspartei und der StaatsbĂŒrokratie von politischen Abweichlern bezogen ja ihre Legitimation ganz offen aus den bĂŒrgerlichen Revolutionsregimes des spĂ€ten 18. Jahrhunderts. Und da die unter sozialistischem Vorzeichen agierenden Regierungen sich nicht scheuten, bereits im Privatbesitz befindliche Unternehmen zu verstaatlichen, drehten sie aus liberaler Sicht das Rad der Geschichte rĂŒckwĂ€rts.
Dass die Entstehung der bĂŒrgerlichen Gesellschaft insgesamt gesehen auf gigantischen RaubzĂŒgen am Gemeineigentum beruhte, wurde bei diesen Auseinandersetzungen komplett ausgeblendet. Und auch, dass selbst marktradikale Hardliner in Krisensituationen regelmĂ€Ăig nach wirtschaftlichen Eingriffen des Staates schreien. So geschehen beispielsweise Anfang der 1930er Jahre, als die kapitalistische Ăkonomie weltweit in eine gigantische Ăberproduktionskrise hineinschlitterte. Die damaligen RettungsmaĂnahmen erfolgten auf höchst unterschiedliche Weise â in den USA unter PrĂ€sident F. D. Roosevelt wurde mittels eines staatfinanzierten Wohlfahrtsprogrammes eine kĂŒnstliche Nachfrage erzeugt und der Wirtschaftskreislauf dadurch wieder angekurbelt. Im Deutschen Reich unter Kanzler Adolf Hitler erfolgte die KrisenbewĂ€ltigung stattdessen durch kreditfinanzierte HochrĂŒstung.
In Gestalt der Theorien des britischen Ăkonomen John Maynard Keynes dominierte der Staatsinterventionismus dann jahrzehntelang die westlichen UniversitĂ€ten. Die Entscheidung im Konkurrenzkampf zwischen den entwickelten westlichen Ăkonomien und den Newcomern in Osteuropa fiel in den 1970er Jahren. Im Zuge der damaligen Krise kam es zur Ablösung der Ideologie des Keynesianismus durch den Neoliberalismus. Entsprechend dieser neoklassischen Lehre galt eine wirtschaftliche Intervention des Staates nun generell als schĂ€dlich, Sozialprogramme als Anreiz zur Faulheit. Das Kapital begann, den verbliebenen staatlichen Sektor der jeweiligen Volkswirtschaft gezielt aufzufressen. Dies funktionierte natĂŒrlich nur bedingt, da Kapitalismus vom Grundsatz her der ordnenden Funktion bĂŒrgerlicher Staatsgewalt bedarf. Der Marktradikalismus war demzufolge stets eine Mogelpackung. Selbst unter stramm neoliberalen Regierungen wurden in Krisensituationen klammheimlich schuldenfinanzierte Stabilisierungsprogramme aufgelegt â Robert Kurz bezeichnete solche staatlichen Eingriffe in als frei geltendes Marktgeschehen als âetatistischen Hyperkeynesianismusâ (Kurz 1991, S. 237).
In Osteuropa verlief die Entwicklung anders. Da die damals noch in der Aufbauphase steckende Sowjetunion von der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahren kaum betroffen war, hatten ihre Ăkonomen zunĂ€chst angenommen, eine Planwirtschaft kenne keine Krisen. Im Zuge der zunehmenden Integration der sozialistischen Ăkonomien in den Weltmarkt erwies sich dies als Irrtum. Die bereits angeschlagenen, durch den aufgezwungenen RĂŒstungswettlauf geschwĂ€chten osteuropĂ€ischen Volkswirtschaften verfielen nach Abschluss der Periode rein extensiven Aufbaus von Industrieanlagen in eine Phase der Stagnation und verpassten so den Anschluss an die nĂ€chste, auf der Technologie der Mikroelektronik beruhende Modernisierungswelle. Damit war ihr Schicksal â langfristig gesehen â besiegelt. Robert Kurz schrieb dazu ein bitteres Fazit âWas eine postbĂŒrgerliche Zukunftsgesellschaft versprach, entpuppte sich als vorbĂŒrgerliches, steckengebliebenes Fossil.â (Kurz 1991, S. 21).
Ende eines GroĂreichs
Ab Anfang der 1980er Jahre war der Mehrheit der realsozialistischen WirtschaftsfunktionĂ€re Osteuropas wohl klar, dass es vorbei war, dass sie den ökonomischen Wettlauf verloren hatten und sich mit einer Rolle als Zulieferer fĂŒr die stĂ€rkeren westlichen Volkswirtschaften begnĂŒgen mussten. FĂŒr die sozialistischen Eliten galt nun als anzustrebendes Ziel, möglichst reich im Kapitalismus anzukommen. Und die einzige Möglichkeit dazu war, sich rĂŒcksichtslos aus der Konkursmasse des steckengebliebenen Modernisierungsversuchs zu bedienen. Innerhalb der sowjetischen Gesellschaft bildeten sich nach und nach mafiöse Seilschaften heraus. Die zunehmende Verstrickung auch hoher FunktionĂ€re in illegale GeschĂ€ftemacherei sorgte zudem fĂŒr einen moralischen Verfall der Gesellschaft.
Michail Gorbatschow, damals GeneralsekretĂ€r der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), wurde zum Sprachrohr einer aufsteigenden Schicht von Neureichen, die sich aus den neoliberalen Denkfabriken des Westens ideologisch aufrĂŒsteten. WĂ€hrend in weiten Teilen der Welt immer noch Stellvertreterkriege tobten und Intellektuelle in Ost und West von einer Demokratisierung des Sozialismus und einer ökologischen Umgestaltung der Industriegesellschaft trĂ€umten, fassten in den osteuropĂ€ische UniversitĂ€ten zunehmend marktradikale DenkansĂ€tze FuĂ.
Der grandios gescheiterte Putschversuch einer Handvoll Operettenstalinisten vom August 1991 lieferte der neuen Elite Anlass, mit den als ĂŒberflĂŒssig empfundenen Rudimenten des Sowjetsystems Schluss zu machen. Der zwischen den verschiedenen MĂ€chtegruppen lavierende GeneralsekretĂ€r Gorbatschow wurde entmachtet; sein Nachfolger Jelzin gab das Startsignal fĂŒr eine neoliberale Umgestaltung der osteuropĂ€ischen Gesellschaften.
Die neuen Eliten begnĂŒgten sich zunĂ€chst mit der Aufteilung der profittrĂ€chtigen FiletstĂŒcke der sowjetischen Volkswirtschaft â also der GroĂunternehmen in den osteuropĂ€ischen Kerngebieten des Riesenreichs sowie der sibirischen Rohstofflager.
Mit der â von den meisten Zeitgenossen als geostrategisch unsinnig empfundenen â Auflösung der Sowjetunion in Teilrepubliken wurden die bisher von finanziellen Umverteilungen der Moskauer Zentrale profitierenden Ă€rmeren Teilrepubliken âabgehĂ€ngtâ; diese mussten zusehen, wie sie kĂŒnftig allein ĂŒber die Runden kamen. Die Staatsausgaben wurden radikal heruntergefahren. Eine massive Verarmung der Bevölkerung nahm man dabei bewusst in Kauf. GroĂe Teile der in der Modernisierungsphase unter dem Einsatz unzĂ€hliger Zwangsarbeiter aus dem Boden gestampften Infrastruktur lieĂ man aus KostengrĂŒnden einfach wieder verfallen; in Sibirien und im Fernen Osten rĂ€umte man zahlreiche Ortschaften komplett und lieĂ ihre Bausubstanz verrotten.
Die Folgen der BudgetkĂŒrzungen trafen auch das MilitĂ€r. Zu den AbsurditĂ€ten der damaligen Zeit gehört, dass gerade infolge der rasant betriebenen einseitigen AbrĂŒstung die Welt knapp an einer atomaren Katastrophe vorbeischrammte. Mehrmals geisterten in den 1990er Jahren Meldungen durch die Weltpresse, russische GenerĂ€le wĂ€ren aus Geldmangel nicht mehr in der Lage, die von ihnen kontrollierten Massenvernichtungswaffen zu warten und zu unterhalten.
Die bisherigen Gegner in Westeuropa stellte die russische FĂŒhrung ganz einfach dadurch ruhig, dass sie ihnen die bisherigen Randstaaten zum FraĂe vorwarf; die dort stationierten Truppen wurden zurĂŒckgezogen. Faktisch kam es zu einer Aufteilung der Beute zwischen Diebesbanden: WĂ€hrend die ehemals sowjetische Oberschicht sich aus der Konkursmasse des zerfallenden Riesenreichs bediente, stĂŒrzten sich westliche Konzerne auf die osteuropĂ€ischen Volkswirtschaften.
Von allen Randstaaten des sowjetischen GroĂreichs verfĂŒgte die DDR ĂŒber die stĂ€rkste und vergleichsweise modernste Wirtschaft sowie ĂŒber eine recht gut ausgebaute Infrastruktur. Westliche GroĂunternehmen konnten sich nun den gröĂten Teil der bisher staatseigenen Industrie und der AgrarflĂ€chen Ostdeutschlands fĂŒr ein Butterbrot aneignen. Das Ergebnis war der wohl gröĂte organisierte Raubzug der Neuzeit.
Rette sich, wer kann!
Nein, das Ende der DDR hatte absolut nicht Heldenhaftes an sich, egal, von welcher Seite man es betrachtet. Es gab allerdings haufenweise selbsternannte Helden.
Da waren beispielsweise ein paar Hundert Aktivisten des politischen Untergrundes (ja, so etwas gab es). Ab September 1989 war die GrĂŒndung oppositioneller Parteien und Organisationen möglich, wovon die Aktivisten von bisher illegal oder halblegal tĂ€tigen Gruppen mehrheitlich regen Gebrauch machten. Die ErnĂŒchterung kam spĂ€testens bei der letzten Volkskammerwahl am 18. MĂ€rz 1990. Die Verankerung der originĂ€ren DDR-Oppositionellen in der Bevölkerung hatte sich als minimal erwiesen. Die Mehrzahl der gewesenen BĂŒrgerrechtler bemĂŒhte sich nun, möglichst unbeschadet im SchoĂe der bundesdeutschen Parteienlandschaft unterzukommen. Andere verabschiedeten sich völlig von ihren JugendtrĂ€umen und machten sich auf den Marsch nach RechtsauĂen. Einige wenige linksgrĂŒne Hardliner, die sich einer politischen Kehrtwende verweigerten, wurden ausgegrenzt und spielten politisch bald keine Rolle mehr.
Eine noch erbĂ€rmlichere Rolle kam in diesem Prozess der ehemaligen Staatspartei SED zu. Im Bestreben, einem möglich scheinenden Verbotsverfahren zu entgehen und das Parteivermögen zu retten, wurden einstmals fĂŒhrende ReprĂ€sentanten schnellstmöglich aus der Partei entfernt. Begriffen hatten diese nichts â ihre Rolle erschöpfte sich in Beteuerungen, immer nur das Richtige gewollt und getan zu haben. Im Wahlprogramm vom Februar 1990 der nun in PDS umbenannten Partei konnte man zwar noch ein Bekenntnis zum âgesellschaftlichen Eigentum als dominierende Eigentumsformâ lesen (Wahlparteitag 1990, S. 53). Irgendwelche Schlussfolgerungen wurden daraus nicht abgeleitet. Der gewendete FunktionĂ€rsapparat entwickelte schnell eine perfekte Demutskultur, warf nach und nach sĂ€mtliche BezĂŒge auf den Marxismus und die Organisation von sozialem Widerstand ĂŒber Bord. Diese Anbiederungsversuche halfen der Partei aber gar nichts: In der nun umgestalteten politischen Landschaft war ihr bereits die Rolle des rĂŒckwĂ€rtsgewandten Buhmannes zugeschrieben.
FĂŒhrende Handlanger bei der sich anbahnenden Liquidation der DDR waren die Blockparteien CDU und LDPD. Bis zum Herbst 1989 auf eine Rolle als kritiklose Jasager und Abnicker der vom âBĂŒndnispartnerâ SED getĂ€tigten BeschlĂŒsse festgelegt, wechselten die sogenannten Blockflöten blitzschnell ihren Stichwortgeber und warfen sich den bundesdeutschen Schwesterparteien CDU und FDP an den Hals. Diese schlossen sie samt Mitgliederlisten, Infrastruktur und dem nicht unbetrĂ€chtlichen Parteivermögen beglĂŒckt in die starken Arme. Als die DDR-CDU (im Verbund mit zwei kleineren Parteien) bei der letzten Volkskammerwahl stĂ€rkste Kraft wurde (und dann auch noch ihre liberalen und sozialdemokratischen Bundesgenossen zeitweilig mit ins Regierungs-Boot holte), hatten die PlĂŒnderer freie Bahn.
Faktisch lag die Regierungsgewalt in den letzten Monaten der DDR ausschlieĂlich in der Hand von aus Westdeutschland importierten Beratern â die Minister der Regierung Lothar de MaiziĂšre (CDU) fingierten als reine AushĂ€ngeschilder. Westdeutsche Lobbyisten erarbeiteten ohne RĂŒcksicht auf etwaige Folgen GesetzesentwĂŒrfe. Diese wurden von den Abgeordneten der Regierungskoalition undiskutiert und hĂ€ufig sogar ungelesen durchgewinkt â was aus dem Westen kam, musste ja richtig sein. Von Abgeordneten der Opposition zaghaft artikulierte Proteste gegen den Umfang der ĂŒber sie hereinbrechenden Papierflut wurden mit dem Argument abgebĂŒgelt, man mĂŒsse das ja nicht lesen: âWir stehen dazu, und wenn solche Papiere kommen, und in 40 Jahren Demokratie sind die gewachsen, können wir sagen: Okay! Funktionierte! Wird auch bei uns funktionierenâ (Rebner 1990, S. 48). Der zitierte Redebeitrag stammt ĂŒbrigens von einem Abgeordneten der (damals) von der bayerischen CSU unterstĂŒtzten rechtsradikalen Splitterpartei DSU.
Mit der am 30. Juni 1990 im Eiltempo durchgezogenen WĂ€hrungsunion begab sich die DDR-Regierung der letzten Möglichkeit einer Einflussnahme auf die eigene Wirtschaft. Zahlreiche Betriebe krachten nun zusammen, andere entledigten sich im Eiltempo groĂer Teile der Belegschaft. Die Anzahl der Arbeitslosen stieg binnen weniger Wochen von fast Null auf Hundertausende, spĂ€ter auf ĂŒber ein...