Woche 1
Mentoring verstehen
1.1 Seit Jahrtausenden bewÀhrt
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.
âFranz Kafka
â Der Begriff Mentoring stammt aus der griechischen Mythologie. Odysseus war auf dem Weg nach Troja. Seinen Sohn Telemachos vertraute er seinem Freund Mentor mit den Worten an: »ErzĂ€hle ihm alles, was du weiĂt!« Mentor sollte fĂŒr Telemachos der Begleiter, FĂŒhrer, Berater und Erzieher sein. Jemand, der einen Lebensvorsprung hat, gibt seine Erfahrungen an einen JĂŒngeren weiter, damit dieser daran teilhaben kann.
Aber das Prinzip Mentoring ist sogar noch Ă€lter. Wir finden es schon im Alten Testament, wo der Gott der Bibel es nutzt, um Menschen fĂŒr seinen Dienst vorzubereiten. Josua wurde der Mentee von Mose und stand zwischen Mose und dem Volk (2. Mose 32, 15). Der Prophet Elia begleitete seinen Mentee Elisa auf dessen Weg zum reifen Propheten (1. Könige 19 ff).
Aber auch im Neuen Testament gibt es das Prinzip Mentoring. Zum Beispiel bei Jesus und seinen JĂŒngern, bei Barnabas und Paulus oder bei Paulus und Timotheus. Paulus schreibt in 1. Korinther 11, 1, dass die Christen in Korinth sich an ihm orientieren sollen, wenn sie lernen wollen, wie sie Jesus folgen können.
Gerade in unserer unsicheren Zeit, in der es vermehrt an Werten und Orientierung fehlt, suchen junge Menschen erfahrene Vorbilder, die sie ein StĂŒck auf ihrem Lebensweg begleiten. Menschen, an denen sie sich orientieren können, ohne dass diese ihnen vorschreiben, was sie tun sollen. Mentoren sind wie Reisebegleiter auf dem Lebensweg, sie sind Berater und Helfer.
â Denk mal
Wo in deinem Leben ist dir das Prinzip Mentoring schon begegnet? Wo haben Menschen in dein Leben investiert?
â Mach mal
Danke einem dieser Menschen heute dafĂŒr.
1.2 Eine Definition
Die Entwicklung und Begleitung von Menschen ist unglaublich spannend.
âAndreas (ein Mentor)
â Meine Definition von Mentoring ist folgende:
»Mentoring ist eine freiwillige und persönliche Eins-zu-eins-Beziehung, die sich je nach beteiligten Personen entwickelt. Jede Mentoringbeziehung ist unterschiedlich und kann verschiedene Teilaspekte abdecken. Dabei legen die Mentorin und ihr Mentee die Schwerpunkte ihrer Beziehung gemeinsam fest.«
Inhaltlich gibt es dabei vier grundlegende SchlĂŒsselelemente:
1. Vertrauen: Es ist wichtig, dass Vertrauen zwischen den Beteiligten wĂ€chst. Es gilt, Vertrauen zu investieren. Mentorin und Mentee können sich dann langsam öffnen und den anderen kennenlernen â dadurch entsteht eine AtmosphĂ€re der Freiheit.
2. Begleitung: FĂŒr den Mentee gilt: Da ist jemand, die mich fördern möchte, die mich annimmt, so wie ich bin. Ich kann mich ihr anvertrauen. Ich kann mit allen Fragen zu ihr kommen.
3. Vermittlung: Die Mentorin kann dem Mentee helfen, sich weiterzuentwickeln. Die Mentorin hilft, Potential freizusetzen und die geistige bzw. geistliche Entwicklung des Mentees zu fördern. Mentoring schlieĂt immer auch Wachstum in den unterschiedlichsten Bereichen ein.
4. Zeit: Eine intensive Mentoringbeziehung braucht Zeit, um sich einzuspielen und um sich zu entwickeln. Wer diese Zeit nicht investieren kann oder möchte, wird auch keinen »Erfolg« haben.
â Denk mal
Welches der vier Elemente des Mentorings ist dir am wichtigsten?
â Mach mal
Schreibe deine Mentoring-Definition in eigenen Worten auf.
1.3 Die Rolle der Mentoren
FĂŒr Mentoring braucht man keine besonderen Gaben oder FĂ€higkeiten, sondern zuallererst ein Herz fĂŒr Menschen.
âein Mentor
â Bei meinen vielen und unterschiedlichen Aufgaben gehört die Rolle als Mentor sicher zu den schönsten und aufregendsten. Ich liebe es, junge Menschen ĂŒber einen bestimmten Zeitraum zu begleiten, neben ihnen »zu laufen« und zu sehen, wie sie sich entwickeln. Dazu gehört, sich gemeinsam ĂŒber neu entdeckte Gaben zu freuen und auch zusammen zu leiden, wenn der »nĂ€chste Schritt« schwerer fĂ€llt als gedacht.
Dazu braucht es zunĂ€chst keine besonderen Begabungen oder Qualifikationen. Wichtigste Voraussetzung ist ein Herz fĂŒr Menschen und die WertschĂ€tzung gegenĂŒber dem Mentee. Und die Annahme, dass der Mentee voller unentdeckter SchĂ€tze steckt, die es zu heben gilt. Sowie dass er ausreichend Ressourcen hat, um seine Probleme selbst zu lösen.
AuĂerdem drĂŒckt sich WertschĂ€tzung darin aus, dass eine Mentorin ihren Mentee mag und annimmt, mit allen StĂ€rken und SchwĂ€chen.
Jeder ist wie ein eigener Kosmos mit einem eigenen System von Gedanken, Interpretations- und Verhaltensmustern, Werten, GefĂŒhlsketten, Motivationen und Zielvorstellungen. Interessiertes Nachfragen ermuntert den Mentee, Einblick in seine Welt zu geben. Beziehungsauf bau im Mentoring bedeutet, sich mit seinem Kosmos vertraut zu machen.
Die Haltung der Mentorin ist dabei aufgeschlossen, lernbereit und selbstreflektiert. Dazu braucht es eine gesunde innere Distanz, damit man eigene WĂŒnsche und Erwartungen nicht auf den Mentee projiziert.
â Denk mal
FĂ€llt es dir leicht, anderen WertschĂ€tzung auszudrĂŒcken?
â Mach mal
Frage ein paar vertraute Menschen, wie sie dich in Bezug auf WertschĂ€tzung ausdrĂŒcken wahrnehmen.
1.4 Die Rolle der Mentees
Wer was gelten will, muss andre gelten lassen.
âJohann Wolfgang von Goethe
â Die wichtigste Grundeigenschaft, die ein Mentee braucht, ist die Bereitschaft, zu lernen. Vieles hĂ€ngt von der eigenen Haltung ab. Sehne dich als Mentee danach, zu wachsen und dich zu verĂ€ndern. Deine eigene Hal...