1 Einleitung
Sprache ist nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern ĂŒberhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit. FĂŒr die politischen Akteure geht es darum, politische Handlungen zu begrĂŒnden, zu kritisieren und zu rechtfertigen, die eigene Position argumentativ zu stĂŒtzen und glaubwĂŒrdig zu vertreten. In den Printmedien, im Fernsehen, im Rundfunk und im Internet wird ĂŒber das politische Tagesgeschehen informiert, werden politische Sachverhalte kommentiert und bewertet. Dies alles geschieht mit und durch Sprache. Sprache in der Politik bedeutet vor allem sprachliches Handeln in der Politik. Es ist die Handlungspotenz von Sprache, die fĂŒr die Politik konstitutiv ist und es lĂ€sst sich, wie der Politiker Erhard Eppler hervorhebt, in der Politik nur schwer zwischen Reden und Handeln unterscheiden, âweil das Reden sehr wohl Handeln bedeutetâ (Eppler 1992: 7).
Um einen Einstieg und eine erste Orientierung zu ermöglichen, wird im Folgenden das VerhĂ€ltnis von Sprache zu drei fĂŒr den Themenbereich dieser EinfĂŒhrung wichtigen Begriffen â Politik, Ideologie und gesellschaftliche Wirklichkeit â erörtert.
1.1 Sprache und Politik
FĂŒr die Rechtfertigung eines eigenstĂ€ndigen linguistischen Zugangs zu dem Themenkomplex Sprache und Sprachverwendung in der Politik bedarf es eines VerstĂ€ndnisses von Politik, welches das Sprachhandeln der beteiligten Akteure in den Mittelpunkt rĂŒckt. Eine solche kommunikationsorientierte Definition findet sich beispielsweise schon bei LĂŒbbe, der Politik definiert als âdie Kunst im Medium der Ăffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugenâ (LĂŒbbe 1975: 107). Sprachverwendung in der Politik setzt nach diesem VerstĂ€ndnis nicht nur bestimmte persuasive FĂ€higkeiten der politischen Akteure voraus, sondern ist zugleich auch an die Institution der Ăffentlichkeit gebunden, die somit ein konstitutives Merkmal politischen Sprachhandelns ist. In eine Ă€hnliche Richtung, nĂ€mlich Parteien und eine parlamentarische Demokratie voraussetzend, geht auch die Bestimmung politischen Handelns als âKampf um Macht und Herrschaft, um Teilnahme an der MachtausĂŒbung und ihre Sicherung zur Durchsetzung bestimmter Vorstellungen und Interessenâ (GrĂŒnert 1974: 2, in Anlehnung an den Soziologen Max Weber). In einer fĂŒr die Politolinguistik einflussreichen Definition bestimmt Dieckmann Politik als âstaatliches oder auf den Staat bezogenes Redenâ (Dieckmann 21975: 29). Die AttraktivitĂ€t dieser Definition liegt sicherlich in ihrer pointierten Form und dem kommunikationsorientierten Hinweis auf den Zusammenhang von Sprachverwendung und Politik. Zugleich macht diese Definition aber auch deutlich, dass politische Kommunikation mehr ist als nur das staatliche, also von Politikerinnen und Politikern im engeren Sinne realisierte Sprachhandeln. Es ist zugleich auch auf den Staat bezogenes Reden, schlieĂt also das âHandeln von Individuen und Gruppenâ (Dieckmann 2005: 13) ein. Daraus resultiert ein weites PolitikverstĂ€ndnis, das auch dieser EinfĂŒhrung zugrunde liegt. Im Unterschied zu einem engen PolitikverstĂ€ndnis, das sich auf die von politischen FunktionstrĂ€gern produzierten Texte bzw. ĂuĂerungen bezieht und einem weiteren PolitikverstĂ€ndnis, das auch die öffentliche Kommunikation in den Medien ĂŒber Politik einschlieĂt, bezieht ein weites PolitikverstĂ€ndnis âdas Reden aller Mitglieder einer Gesellschaft ĂŒber Politik einâ (Schröter/Carius 2009: 12). Zugleich sollte aber auch deutlich werden, dass Politik verschiedenste Sach- und Handlungsbereiche umfasst und alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens durchdringen kann. Ob Kernenergie, Rechtschreibreform oder Klimawandel: Letztlich kann alles politisch werden, was von öffentlichem Interesse ist.
Ungeachtet der engen Beziehung zwischen Sprache und Politik ist es in der Forschung allerdings umstritten, ob politisches Handeln mit sprachlichem Handeln gleichzusetzen ist oder ob dem sprachlichen Handeln etwa nur eine untergeordnete Rolle zukommt. Die AffinitĂ€t der ersteren Position zu sprachhandlungsorientierten AnsĂ€tzen in der Politolinguistik dĂŒrfte in den oben aufgefĂŒhrten Politikdefinitionen bereits deutlich geworden sein. Ihre terminologische AusprĂ€gung findet diese Auffassung in dem Vorschlag Heringers, statt von Sprache in der Politik von Politik in Sprache zu sprechen:
Politik in Sprache soll darauf hinweisen, daĂ Politik sich in Sprache vollzieht, daĂ politische TĂ€tigkeit sprachliche TĂ€tigkeit ist. (Heringer 1990: 9)
Die zweite Position, die dem sprachlichen Handeln in der Politik nur eine untergeordnete Rolle zuweist, wird bezeichnenderweise eher von Politikwissenschaftlern vertreten. So geht beispielsweise Bergsdorf (1991: 20) vom âPrimat der Politik [...] fĂŒr das VerhĂ€ltnis von Sprache und Politikâ aus. In diesem Sinne Ă€uĂert sich auch der Semiotiker Klaus, fĂŒr den die Sprache zwar wichtig, aber âkeineswegs der entscheidende Aspekt in der Politikâ (Klaus 1971: 9) ist. Auch Fetscher/Richter (1976) schlieĂen sich dieser Sichtweise an, wenn sie fĂŒr ihr Buch den Titel âWorte machen keine Politikâ wĂ€hlen. Setzt man politisches Handeln allerdings mit sprachlichem Handeln gleich, dann hört Politik folgerichtig dort auf, wo sie sprachlos wird (vgl. beispielsweise Dieckmann 21975: 29 und GrĂŒnert 1974: 1). Allerdings sollte man dabei nicht ĂŒbersehen, dass als Mittel der Politik durchaus âSwords and Symbolsâ in Frage kommen (vgl. Marshall 1939; Dieckmann 1975: 28). Insbesondere der VerschrĂ€nkung zwischen Sprache und Gewalt kommt dabei besonderes Gewicht zu. Bei aller Bedeutung, die sprachlichem Handeln in der Politik zukommt, darf zudem nicht ĂŒbersehen werden, dass es durch nonverbale Kommunikationsformen wie die politische Symbolik ersetzt oder ergĂ€nzt werden kann. Die Bedeutung politischer Symbolik kann nicht hoch genug eingeschĂ€tzt werden: WĂ€hrend Sprache Inhalte nĂ€mlich nur linear und schrittweise entfalten kann, sind Symbole durch die FĂ€higkeit der âsimultanen, integralen PrĂ€sentationâ (Pross 1974: 29) gekennzeichnet. Sie dienen der politischen Werbung, der Integration nach innen und der Abgrenzung nach auĂen. Zwar kommt politischen Symbolen vor allem in totalitĂ€ren Staaten eine wichtige Funktion zu, sie werden jedoch auch in Demokratien und von demokratischen Parteien eingesetzt. Zu den politischen Symbolen zĂ€hlen beispielsweise Nationalsymbole wie Nationalfarben, -flaggen oder -hymnen, Herrschaftssymbole wie der Adler, Freiheitssymbole wie die Fackel (etwa in der Freiheitsstatue der USA) oder Einigungssymbole wie die Weltkugel (als politisches Symbol der UN).
Wenn auch der Sprache in der Politik eine entscheidende Funktion zukommt, sollte man stets bedenken, dass der Untersuchungsgegenstand dieses Arbeitsheftes die öffentlich-politische Kommunikation ist, nicht die Politik selbst. Beide Aspekte mĂŒssen sorgfĂ€ltig auseinandergehalten werden. Wie Knobloch (1998: 59) zu Recht bemerkt, hat politische Kommunikation mit Aufmerksamkeit zu tun und weniger mit den tatsĂ€chlichen Entscheidungen. Sie flankiert und ergĂ€nzt die Politik, sie organisiert und steuert die Bereitschaft, einer bestimmten Politik zuzustimmen. Die Kunst, im Medium der Ăffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen, ist zwar ein wichtiger Aspekt der Politik, aber sie ist nicht die Politik selbst.
1.2 Sprache und Ideologie
Wenn von Ideologien die Rede ist, dann sind in einem alltagssprachlichen Sinne zumeist Auffassungen gemeint, die im Besitz der Wahrheit zu sein glauben, in Wirklichkeit aber die Wahrheit verzerren oder falsch darstellen. Bestimmt man Ideologie wertneutraler, dann können darunter die einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung oder einer bestimmten Gesellschaftsordnung zugrundeliegenden Wertvorstellungen und Denkmuster verstanden werden. Will man das VerhĂ€ltnis von Ideologie und Politik charakterisieren, dann kann man konstatieren, dass politische Wirklichkeit immer auch ideologisch vermittelte Wirklichkeit ist (vgl. auch StrauĂ [u. a.] 1989: 28). Es kann die das politische Handeln leitende Ideologie sein, diewie Eagleton (1993: 3) es drastisch formuliert â âMenschen von Zeit zu Zeit dazu bringt, einander fĂŒr Götter oder Ungeziefer zu haltenâ. Wenn sich, wie oben gezeigt wurde, politisches Handeln in Sprache vollzieht, dann ist Sprache auch der Ort, in dem sich Ideologien manifestieren. In der Politolinguistik wird immer wieder auf die enge Verflechtung von politischem und ideologischem Sprachgebrauch hingewiesen. Da sich Ideologien als Bewusstseinstatsachen in Sprache manifestieren und in der Regel auch sprachlich vermittelt werden, kommt dem ideologischen Sprachgebrauch in der Politik eine besondere Bedeutung zu. Linguistisch interessant ist dabei vor allem die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ideologien und typischen Formen ihrer Versprachlichung. Ideologischer Sprachgebrauch muss immer im Kontext der konkreten historisch-politischen Situation bewertet werden. Wie Eagleton hervorhebt, ist âIdeologie [... ] eine Funktion der Beziehung einer sprachlichen ĂuĂerung zu ihrem gesellschaftlichen Kontextâ (Eagleton 1993: 17). So erhĂ€lt etwa der Ausdruck Blut und Boden seine ideologische Motiviertheit erst durch die Einbindung in den Kontext der nationalsozialistischen Ideologie.
Dieckmann (1988: 1780) weist âauf die fast unbegrenzte Vielfalt der Gebrauchsweisen des Ausdrucks Ideologieâ hin. Um die Vielfalt der Verwendungen sinnvoll zu reduzieren, gelangt er zu einer Klassifizierung, die auf den ideologietheoretischen Voraussetzungen von AufklĂ€rungskonzepten ideologischen Sprachgebrauchs beruht. In seiner wohl gelĂ€ufigsten Verwendung wird Ideologie nach Dieckmann denunziatorisch gebraucht und bezieht sich auf den Sprachgebrauch des politischen Gegners. Hier besitzt Ideologie eine negativwertende Bedeutungskomponente und zielt auf einen unangemessenen, die Wahrheit verzerrenden Sprachgebrauch des anderen. Der eigene Sprachgebrauch wird dagegen als der Wahrheit angemessen empfunden. Diesem IdeologieverstĂ€ndnis liegt ein problematisches ZeichenverstĂ€ndnis zugrunde, dass von einer âwahrenâ Bedeutung sprachlicher Zeichen ausgeht. Es ist dies ein Konzept, dass in der politischen Auseinandersetzung im Schlagwort vom âBesetzen von Begriffenâ seinen Ausdruck findet (vgl. hierzu ausfĂŒhrlich Kapitel 4.4).
In einer weiteren Verwendung ist ideologischer Sprachgebrauch Ausdruck eines gesellschaftlich bedingten Verfehlens der Wahrheit. Ideologien sind nach dieser Auffassung nicht einfach wahr oder falsch. Sie spiegeln gesellschaftliche VerhÀltnisse aus der Perspektive einer bestimmten Klasse wider. So sind in der marxistischleninistischen Ideologietheorie Ideologien Ausdruck der Interessen der herrschenden Klasse, die aber als Interessen der Allgemeinheit ausgegeben werden und letztlich die gesellschaftlichen VerhÀltnisse verschleiern. Der Ideologiebegriff des Marxismus-Leninismus ist zweiwertig, da er zwischen einer negativ bewerteten Ideologie des politischen Gegners einerseits und einer positiv bewerteten Ideologie der eigenen Gruppe unterscheidet.
FĂŒr die Linguistik am brauchbarsten ist ein Ideologiebegriff, der seinen Ursprung in den wissenssoziologischen Theorien der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts hat. Danach ist das menschliche Denken grundsĂ€tzlich ideologiegebunden. Ideologischer Sprachgebrauch ist Ausdruck prinzipieller Seinsgebundenheit des Denkens. Als bedeutender Vertreter dieser Auffassung ist der Soziologe Karl Mannheim ([1929] 51969) zu nennen. Dieckmann stellt hierzu fest:
Gerade weil der wissenssoziologische Ideologiebegriff keine Kritik impliziert, erlaubt er eine kritische Auseinandersetzung mit ideologischem Sprachgebrauch und der Relation zwischen dem ideologischen BewuĂtsein und der Art und Weise, wie es sprachlich vermittelt wird, ohne daĂ der Linguist in die Verlegenheit kommt, ĂŒber Wahrheit oder Falschheit des BewuĂtseins selbst bewertend urteilen zu mĂŒssen. (Dieckmann 1988: 1785f.)
Ein Vertreter des neutralen und allumfassenden Ideologiebegriffes ist auch der sowjetische Sprachphilosoph Valentin VoloĆĄinov.1 Sein Ideologiebegriff ist semiotisch begrĂŒndet, da er Ideologie und Zeichen untrennbar miteinander verknĂŒpft: âOhne Zeichen gibt es keine Ideologieâ (VoloĆĄinov [1929] 1975: 182). FĂŒr VoloĆĄinov entsteht Bewusstsein nur in der materiellen Verkörperung durch Signifikanten, die nicht nur einfach die gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln, sondern deren integraler Bestandteil sind. Er entwickelt ein Zeichenmodell, in dem die ideologische Komponente notwendigerweise enthalten ist. Sprachliche Zeichen stellen die Wirklichkeit nie unmittelbar, sondern immer nur ideologisch âgebrochenâ dar:
Abb. 1: Das reprÀsentationale und das ideologische Zeichenmod...