1. Einleitung und Problemstellung
Am 8. MĂ€rz 1936 begegneten sich nach der Feier zum Heldengedenktag der StaatssekretĂ€r des AuswĂ€rtigen Amtes Bernhard Wilhelm von BĂŒlow und der General der Artillerie Ludwig Beck, Chef des deutschen Generalstabes, auf der Treppe der Berliner Staatsoper. BĂŒlow war groĂ gewachsen und lief leicht vorn ĂŒbergebeugt. Er war ein schweigsamer und zurĂŒckhaltender Junggeselle, aber ein brillanter Denker und leidenschaftlicher KĂ€mpfer, wenn er von einer Sache ĂŒberzeugt war. BĂŒlow war 1911 in das AuswĂ€rtige Amt eingetreten, hatte den Dienst aber 1919 aus Protest gegen den Versailler Vertrag quittiert. Erst nach seiner RĂŒckkehr im Jahr 1923 begann der Aufstieg BĂŒlows, der ihn im Juni 1930 in das Amt des StaatssekretĂ€rs fĂŒhrte. Im MĂ€rz 1933 verfasste er, betroffen vom Terror der nationalsozialistischen âRevolutionâ, ein RĂŒcktrittsgesuch, das er jedoch niemals abschickte. Er verblieb im Amt in der Hoffnung, Hitler lenken und von unĂŒberlegten Handlungen abhalten zu können. Er diente als StaatssekretĂ€r bis zu seinem plötzlichen Tod im Juni 1936 und gilt vielen Beobachtern als der eigentliche Lenker der deutschen AuĂenpolitik dieser Zeit.
Auch Beck kam leicht gebeugt die Operntreppe herunter. Mit seinem schmalen und gefurchten Gesicht glich er dem Ă€lteren Moltke, dessen Bewunderer er war. Wie BĂŒlow war Beck ein Mensch, der wenig von sich preisgab. Er war bekannt fĂŒr seinen FleiĂ und seine Selbstdisziplin ebenso wie fĂŒr seine ĂŒberragenden Kenntnisse, die ihm den Ruf eines soldat-philosophe eingebracht hatten. Beck war 1898 in die preuĂische Armee eingetreten. Schnell stieg er auf, auch nicht gebremst von den begrenzten Karrierechancen des 100 000 Mann-Heeres der Weimarer Republik. Anders als BĂŒlow hatte er keine Schwierigkeiten mit der âMachtergreifungâ der Nationalsozialisten. Hitlers Bekenntnis zur schnellen und umfassenden âWiederwehrhaftmachungâ des Deutschen Reiches schuf Beck erst seine Lebensaufgabe. Im Oktober 1933 wurde er zum Chef des Generalstabes (damals als Truppenamt bezeichnet) ernannt und bestimmte in dieser Funktion fortan Ziel, Methode und Tempo der deutschen AufrĂŒstung. Als Beck im Sommer 1938, entsetzt von den kriegerischen Absichten der deutschen FĂŒhrung, seinen Dienst quittierte, hinterlieĂ er Hitler die schlagkrĂ€ftige Armee, die dieser fĂŒr seinen Lebensraumkrieg gegen die Sowjetunion brauchte.
Das Treffen der beiden MĂ€nner vor der Berliner Oper ereignete sich im Augenblick einer schweren auĂenpolitischen Krise. Am Tag zuvor, dem 7. MĂ€rz 1936, waren deutsche Truppen in die entmilitarisierte Zone am Rhein einmarschiert. Hitler hatte in einer Rede vor dem Reichstag die Wiederherstellung der vollen SouverĂ€nitĂ€t des Deutschen Reiches proklamiert und den Vertrag von Locarno, den Stresemann im Jahr 1925 mit England und Frankreich vereinbart hatte, fĂŒr null und nichtig erklĂ€rt.
Der Ernst der Lage war dem GesprĂ€ch nicht anzumerken. Im Scherz schoben sie sich gegenseitig die Verantwortung fĂŒr die Krise zu. Beck fragte BĂŒlow: âWas macht Ihr fĂŒr Sachen?â, woraufhin der entgegnete: âSind wir ins Rheinland einmarschiert oder Ihr?â Hinter dem LĂ€cheln der MĂ€nner â bemerkt Schwerin v. Krosigk, damals Reichsfinanzminister, der diese Episode ĂŒberliefert hat â verbarg sich das Bewusstsein, dass Reichswehr und AuswĂ€rtiges Amt nicht an der Entscheidung zur Wiederbesetzung der Rheinzone beteiligt worden waren.
Die Remilitarisierung des Rheinlandes war nicht der erste auĂenpolitische Gewaltcoup seit der NS-MachtĂŒbernahme im Jahr 1933. Der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und die EinfĂŒhrung der Wehrpflicht waren ebenfalls eklatante VertragsbrĂŒche gewesen. Aber das Wagnis und die Gefahr einer militĂ€rischen Reaktion der LocarnomĂ€chte waren diesmal viel gröĂer. âIch muss sagen, dass uns etwa so unheimlich zumute war, wie einem Spieler, der sein ganzes Vermögen im Roulette auf Rot oder Schwarz setztâ, beschrieb Alfred Jodl, damals Oberst, das GefĂŒhl der MilitĂ€rs wĂ€hrend der Rheinlandbesetzung. Zum ersten Mal hatte sich die Wehrmacht aktiv an der Exekution eines politischen Beschlusses beteiligt. Zum ersten Mal richtete sich der Schlag nicht nur gegen das âDiktat von Versaillesâ, sondern auch gegen einen frei ausgehandelten Vertrag, dessen Einhaltung Hitler noch vor Kurzem zugesichert hatte. Zum ersten Mal kĂŒndigte Deutschland nicht nur eine völkerrechtliche Vereinbarung, sondern vollzog eine territoriale Revision in Form einer tatsĂ€chlichen VerĂ€nderung der Versailler Nachkriegsordnung. Zum ersten Mal â so schien es den Zeitgenossen â handelte der âFĂŒhrerâ selbstherrlich und gegen den Willen seiner Berater, die einen Konflikt mit den WestmĂ€chten fĂŒr verfrĂŒht hielten, weil die AufrĂŒstung der Wehrmacht noch nicht beendet war; traf also Hitler die Entscheidung zur ĂŒberraschenden Besetzung der Zone aus eigenem âauĂenpolitischen Genieâ und behielt Recht mit seinen EinschĂ€tzungen: Die WestmĂ€chte und der Völkerbund in Genf waren dĂŒpiert worden, lehnten aber eine militĂ€rische Antwort ab. Hitlers Fazit aus der Rheinlandkrise lautete: âWeder Drohungen noch Warnungen werden mich von meinem Weg abbringen. Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heiĂt.â Der FĂŒhrermythos war geboren.
Die auĂenpolitischen Folgen der Aktion waren immens. Einmal verbesserte die Besetzung des Rheinlandes die strategische Lage des Deutschen Reiches. Dies betraf den Schutz des industriellen Potenzials im Ruhrgebiet genauso wie die Errichtung einer sicheren Barriere gegen französische EinfĂ€lle. Die Sicherung der Grenze im Westen war die unabdingbare Voraussetzung, um deutsche RevisionsansprĂŒche im Osten aktiv angehen zu können. Umgekehrt hinderte die Befestigung der deutschen Westgrenze das französische Heer, seinen östlichen VerbĂŒndeten Polen, der Tschechoslowakei und Russland durch einen schnellen VorstoĂ nach Deutschland zu Hilfe zu eilen; das Fundament des französischen BĂŒndnissystems war mit einem Schlag zerstört.
Die UntĂ€tigkeit Frankreichs in der Rheinlandkrise und die fehlende Bereitschaft, den Status quo notfalls mit Gewaltanwendung zu verteidigen, beendeten die französische Hegemonie auf dem Kontinent. Frankreich war alleine nicht handlungsfĂ€hig, seine militĂ€rische Planung beschrĂ€nkte sich auf die Verteidigung des Mutterlandes und die französische Armee war nicht Willens, an der Seite der VerbĂŒndeten zu marschieren. Viele Staaten Ostmitteleuropas orientierten sich daher weg von Frankreich und hin zu Deutschland. Jugoslawien, RumĂ€nien und Ungarn gerieten vor allem wirtschaftlich in zunehmende AbhĂ€ngigkeit vom Reich. Italien verlieĂ die Stresafront, und Mussolini begann, der deutschen Braut schöne Augen zu machen. Um dem Reich die Liaison zu versĂŒĂen, brachte er Ăsterreich als Geschenk mit. âWenn Ăsterreich ( ...) praktisch ein Satellit Deutschlands wĂŒrde, so hĂ€tte er dagegen nichts einzuwendenâ, so lieĂ er sich gegenĂŒber dem deutschen Botschafter vernehmen. WĂ€hrend so Italien seine Rolle als Schutzmacht der Alpenrepublik aufgab, schlossen Deutschland und Ăsterreich am 11. Juli 1936 ein Abkommen, in dem die Wiener Regierung zusicherte, eine AuĂenpolitik zu fĂŒhren, die dem deutschen Charakter des Landes entsprach â ein wichtiger Schritt in der Vorgeschichte des âAnschlussesâ vom MĂ€rz 1938. Belgien und die skandinavischen LĂ€nder kehrten zur NeutralitĂ€tspolitik der Vorkriegszeit zurĂŒck.
SchlieĂlich wurde bei der Wiederbesetzung des Rheinlandes die letzte Gelegenheit vertan, das NS-Regime ohne einen groĂen Krieg aufzuhalten. Mit der âKĂŒndigungâ Locarnos durchschnitt Hitler die letzten Bindungen zu Europa. Die Befestigung der Grenzen und die rasante AufrĂŒstung verschafften dem Deutschen Reich die Macht, erst Europa seine politische Dynamik aufzuzwingen und dann die ganze Welt in den Untergang zu stĂŒrzen. âDer 7. MĂ€rz 1936â, so lautete das Urteil der Historiker, âwar das Relais, an dem die Schicksalsreiter die Pferde wechseltenâ.
Die Deutung der Rheinlandkrise im Urteil der Zeitgenossen hielt sich an das Bild Krosigks, wonach Armee und Diplomatie nicht am Entschluss zur Rheinlandbesetzung beteiligt gewesen seien. Man kann darin die klassische, auf die Person Hitlers zentrierte ErklĂ€rung des Geschehens erkennen (das lange Zeit fĂŒr die ErklĂ€rung der NS-AuĂenpolitik generell Geltung besaĂ). Demnach habe sich der Reichskanzler Anfang Februar 1936 in Bayern zur âĂŒberraschenden Besetzungâ des entmilitarisierten Rheinlandes entschlossen, ohne seine professionellen Berater zu konsultieren. Nur der Reichswehrminister, der Oberbefehlshaber des Heeres, der AuĂenminister und einige Diplomaten waren eingeweiht, wĂ€hrend die Mitglieder des Reichskabinetts erst am 6. MĂ€rz 1936 verstĂ€ndigt wurden. Den Fachleuten aus Diplomatie und Reichswehr verblieb die Umsetzung eines Beschlusses, den sie fĂŒr verfrĂŒht und zu riskant hielten. Der Coup gelang spektakulĂ€r, und Hitler triumphierte ĂŒber das matt protestierende Ausland und die warnenden Stimmen im Innern.
Die Geschichtswissenschaft griff diese Deutung bereitwillig auf. Die ersten Arbeiten zur Wiederbesetzung des Rheinlandes, die nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, bewegten sich im Rahmen der auf die Person Hitlers fixierten Deutung. Die erste umfassende Studie zur Rheinlandkrise stammte von dem Amerikaner Aaron L. Goldman, der in seiner im Jahr 1967 abgeschlossenen Dissertation âthe events which led up to the ...