1.1 Geschichte der Religionswissenschaft
Die AnnĂ€herung an das PhĂ€nomen Religion war in der europĂ€ischen Wissenschaftstradition der Neuzeit lange Zeit dadurch geprĂ€gt, dass die Autoren selbst einen klaren Standpunkt in religiösen Fragen vertraten. Die existentielle Wahrheit der christlichen Lehre wurde nur selten angezweifelt. In dieser Sichtweise gab es nur eine ,wahre Religionâ, das Christentum, das durch göttliche Offenbarung den Menschen vermittelt worden war. Alle anderen religiösen Strömungen, insbesondere diejenigen, die nicht zu den groĂen ,Buchreligionenâ gehörten, wurden mit dem abwertenden Begriff des Heidentums belegt, der ihren Charakter als Irrglauben unterstreichen sollte. Dies fĂŒhrte dazu, dass ,Religionâ als anthropologisches PhĂ€nomen, das sich in den einzelnen Kulturkreisen unterschiedlich manifestierte, nicht ins Blickfeld geriet. Die Deutung wahrer Religion fiel mit der Theologie zusammen, wĂ€hrend die BeschĂ€ftigung mit anderen Glaubenssystemen eher antiquarischen oder volkskundlichen Charakter besaĂ. Eine ĂŒbergreifende Religionswissenschaft konnte unter diesen UmstĂ€nden nicht entstehen.
Dies Ă€nderte sich erst in der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts. Nachdem schon die AufklĂ€rung die religiösen Ăberzeugungen mit den GrundsĂ€tzen des ,vernĂŒnftigen Denkensâ konfrontiert und relativiert hatte, entwickelte sich vor allem durch den zunehmenden Kontakt mit anderen Kulturen eine neue Einstellung. Aus dem wachsenden Interesse an fremden Sprachen gingen Ăbersetzungen auĂereuropĂ€ischer Literatur hervor. Vor allem die Ăbersetzung des iranischen Avesta im Jahr 1771 erregte die Aufmerksamkeit gebildeter Kreise, die sich in der Folgezeit in der Rezeption der Ăbersetzung von indischen Schriften zur Religion fortsetzte. Die Ăgyptenexpedition Napoleons und die daran anschlieÎČende Ăgypteneuphorie, die zur Entzifferung der Hieroglyphen und schlieĂlich auch der Keilschrift fĂŒhrte, warfen ein ganz neues Licht auf die Schilderungen des Alten Testaments. Die alttestamentarischen Ereignisse wurden nun nicht mehr als singulĂ€re Vorgeschichte der modernen Menschheit angesehen, sondern nur noch als ein Teil einer viel breiteren altorientalischen Geschichte, in die sie einzubetten waren.
Parallel zu diesen Entwicklungen dehnten sich die HerrschaftsrĂ€ume der groĂen europĂ€ischen MĂ€chte im Zuge des aufkommenden Imperialismus immer stĂ€rker aus. Vor allem in Afrika, aber auch in Fernost und Polynesien sahen sich die ReprĂ€sentanten der europĂ€ischen Staaten mit einheimischen Kulturen konfrontiert, deren Weltbild und Organisationslogik sich grundlegend von der Kulturtradition der neuen Machthaber unterschied. Geboten schon die GrundsĂ€tze einer effizienten Herrschaftsorganisation intensivere Kenntnisse der Gewohnheiten und Denkstrukturen der unterworfenen Bevölkerung, ĂŒbernahmen es bald christliche Missionare, sich lĂ€ngerfristig bei den Einheimischen aufzuhalten, um sie zum Christentum zu bekehren. Aus diesen â wenn auch oft tendenziösen â Quellen nahmen die Kenntnisse der so genannten Naturvölker erste Konturen an. Die entstehenden europĂ€ischen Sozialwissenschaften mussten das Problem lösen, diese ,primitiveâ Kulturen in ihre Kulturtheorien der Menschheit einzufĂŒgen.
WĂ€hrend ursprĂŒnglich die Meinung vorherrschte, die Stammesgesellschaften reprĂ€sentierten degenerierte Ăberreste alter Hochkulturen, setzte sich seit den Studien von EDWARD BURNETT TYLOR (1832-1917) die Auffassung durch, dass die ,primitivenâ Kulturen die Anfangsstadien in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gesellschaft darstellten [1.1: TYLOR, Primitive Culture]. Besonders anhand von religiösen PhĂ€nomenen suchte TYLOR den Nachweis zu fĂŒhren, dass es keine eindeutige Trennung zwischen primitiven und modernen Gesellschaften gebe, sondern dass auch in den gegenwĂ€rtigen Gesellschaften eine Vielzahl alter Rituale als Relikte ĂŒberlebt habe, so dass diese eher eine Mischung aus beiden Entwicklungsstufen darstellen. Die BeschĂ€ftigung mit den frĂŒhen Gesellschaften war also auch fĂŒr die Selbsterkenntnis der eigenen Gegenwart von groĂer Bedeutung. Auch die berĂŒhmte Umfrage von WILHELM MANNHARDT (1831-1880) ĂŒber Ernterituale in verschiedenen Regionen Mitteleuropas aus dem Jahr 1865 wies in die gleiche Richtung und stimulierte die Forschung wesentlich [1.1: Wald- und Feldkulte]. Fortgesetzt wurden diese Studien durch die einflussreichen Arbeiten von JAMES GEORGE FRAZER (1854-1941), der von einer Dichotomie von Magie und Religion ausging [1.1: Bough]. Zwischen diesen beiden religiösen Ebenen, die er nur unzureichend konzeptionalisierte, sah er einen Prozess des Fortschritts, den allerdings nur Teile der Gesellschaft vollzogen. WĂ€hrend die Gebildeten sich aus den FĂ€ngen des magischen Weltbildes befreiten und komplexe Religionen entwickelten, verharrte vor allem die bĂ€uerliche Unterschicht in der Welt magischer Rituale [1.1: HARRISON, Ancient].
Mit diesen ForschungsansĂ€tzen war eine wichtige Verbindungslinie zwischen den Gesellschaftsformen hergestellt. Doch blieb bei ihnen die Religion ein eher isoliertes PhĂ€nomen. Einen Weg aus dieser isolierten Betrachtung wies WILLIAM ROBERTSON SMITH (1846-1894) am Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. In seinen Studien zu der ,Religion der Seitenâ wies er auf den engen Zusammenhang zwischen dem religiösen Weltbild und den Sozialstrukturen einer Gesellschaft hin [1.1: Religion]. Noch konsequenter als bei SMITH findet sich dieser Ansatz bei dem bedeutenden französischen Soziologen EMILE DURKHEIM (1858-1917) verwirklicht. FĂŒr DURKHEIM entsprang die Religion nicht dem Bestreben der Menschen, Erscheinungen zu deuten und die Welt zu erklĂ€ren, sondern fĂŒr ihn war sie eine universelle Komponente des menschlichen Verhaltens, die es dem Individuum erst ermöglichte in Gesellschaften zu leben [1.1: Formen]. Die Religion symbolisiert in allen Gesellschaften die Integration des Einzelnen in kollektive Strukturen der sozialen Organisation. Religion ist also kein geistiges PhĂ€nomen der Vormoderne, das durch wissenschaftlichen Fortschritt ĂŒberwunden werden kann, sondern sie ist integraler Bestandteil aller Gesellschaften und legt erst das Fundament fĂŒr deren FunktionsfĂ€higkeit. Die Forschungsperspektive verschob sich damit von der isolierten Untersuchung und Klassifizierung religiöser Ăberzeugungen hin zum Aufbau menschlicher Gesellschaften und der Bedeutung, die der Religion dabei fĂŒr den Bestand der Gesellschaften zukam.
Die Betonung der UniversalitĂ€t von sozialen TatbestĂ€nden (faits sociaux ) sowohl in einfachen wie auch in komplexen Gesellschaften, etwa der religiösen Ăberhöhung sozialer Strukturen, bei DURKHEIM lieĂ zudem aus dem qualitativen Sprung von ,primitivâ zu modern, der die Ă€ltere Forschung beherrschte, einen graduellen Unterschied werden.
FunktionalitĂ€t und UniversalitĂ€t wurden die entscheidenden Aspekte, die die einflussreichen ethnologischen Forschungsrichtungen des Funktionalismus und der strukturalen Anthropologie prĂ€gen sollten, deren Ăberlegungen weitin die Religionswissenschaften abstrahlten [1.1: LĂVI-STRAUSS, Mythologicae; DERS., Anthropologie; 1.1: MALINOWSKI, Argonauten; zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dieser Forschungsrichtung 1.1: EVANS-PRITCHARD, Theorien; einen vorzĂŒglichen ForschungsĂŒberblick gibt 1.1: PETERMANN, Geschichte]. Eine besonders konsequente Weiterentwicklung in der aktuellen soziologischen Forschung stellt der systemtheoretische Ansatz von NIKLAS LUHMANN (1927-1998) dar [1.1: Funktion; Gesellschaft].
Parallel zu DURKHEIM entwickelte MAX WEBER (1864-1920) seine gesellschaftstheoretischen Konzepte [1.1: Wirtschaft; Religionssoziologie]. Auch WEBER ging davon aus, dass soziales Handeln von Menschen mit ,Sinnâ behaftet ist, indem es sich am Verhalten anderer orientiert und darauf Bezug nimmt. Auch fĂŒr WEBER ist also die Einordnung in einen gemeinsamen Handlungszusammenhang die Grundlage menschlicher Existenz. Im Gegensatz zu DURKHEIM verzichtet WEBER aber auf eine universell anwendbare Definition von Religion und sieht in ihr den Versuch einer Sinngebung in rational kaum zu bewĂ€ltigenden Krisensituationen, wie z. B. Tod und Krankheit. DarĂŒber hinaus komme der Religion eine wichtige Funktion bei der gemeinsamen Auswahl bzw. dem Ausschluss von Handlungsoptionen innerhalb einer Gruppe zu. Die Konvergenz sozialen Verhaltens durch religiöse Legitimation und die Verarbeitung persönlicher Existenzkrisen stehen somit im Zentrum der Betrachtung. Damit werden zwei Komponenten bei der Analyse religiöser PhĂ€nomene stĂ€rker berĂŒcksichtigt als bei DURKHEIM: die IndividualitĂ€t und die jeweilige Gruppenzusammensetzung. Erst aus dem Spannungsfeld zwischen der individuellen Sinnsuche und der Konstellation des sozialen Umfeldes, z. B. unter Bauern, Kaufleuten oder Adligen, ergibt sich die spezifische Ausformung der religiösen SphĂ€re. Der universellen Funktion des Religiösen fĂŒr das Sozialleben bei DURKHEIM steht bei WEBER also die spannungsreiche Einbettung der Religion in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten gegenĂŒber.
Aus diesen fundamentalen AnsĂ€tzen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, ist in der Folge eine immense FĂŒlle von Forschungstendenzen und Religionstheorien hervorgegangen, die an dieser Stelle in ihrer ganzen KomplexitĂ€t unmöglich resĂŒmierend referiert werden können. Ein herausragendes Beispiel bleibt ohne Zweifel der in den 1960er Jahren von den Soziologen THOMAS LUCKMANN und PETER BERGER unternommene Versuch, ,Wirklichkeitâ als ein gesellschaftliches Produkt der permanente...