Das TrÀgheitsgesetz
1.1 Die deterministischen Gesetze der Mechanik
Warum man beim BogenschieĂen zielt
In der Mechanik geht es um Bewegung. Alles dreht sich um die Frage, wie Dinge sich von Ort zu Ort bewegen und auf welche Weise sie dabei ihre Geschwindigkeit verĂ€ndern. Wir können so unterschiedliche VorgĂ€nge beschreiben wie die Flugbahn eines Pfeils, die Bewegung eines ZahnrĂ€dchens in einem komplizierten Getriebe oder den Start einer Rakete. Die Mechanik stellt uns die begrifflichen und mathematischen Hilfsmittel dafĂŒr zur VerfĂŒgung.
Dabei ist mit âbeschreibenâ nicht einfach nur gemeint, dass wir fĂŒr einen Versuch des BogenschĂŒtzen in Abb. 1.1 die Bahnkurve seines Pfeils erfassen und wiedergeben. Es wĂŒrde dem Sportler wenig nĂŒtzen, wenn er nach jedem Schuss lediglich zur Kenntnis nehmen könnte, ob er getroffen hat oder nicht â ohne daraus fĂŒr den nĂ€chsten Schuss eine Lehre zu ziehen. Nein, die Möglichkeiten in der Mechanik gehen viel weiter. Man kann Vorhersagen fĂŒr den nĂ€chsten Schuss treffen. Wenn der BogenschĂŒtze es beim Wettkampf schafft, genauso zu zielen, wie er es im Training tausendmal geĂŒbt hat, wird ihm der Schuss ins Schwarze glĂŒcken. Er weiĂ auch, dass er nach einem missglĂŒckten Schuss etwas höher oder tiefer zielen muss, um ins Ziel zu treffen. Das Zielen hat nur deshalb einen Sinn, weil sich der Pfeil nach bestimmten Gesetzen bewegt und nicht einfach einen völlig unvorhersehbaren Weg nimmt. Ob er ins Ziel treffen wird, steht schon im Augenblick des Abschusses fest. Die Flugbahn des Pfeils ist determiniert. Beim Zielen setzt der BogenschĂŒtze voraus, dass er die Flugbahn des Pfeiles bereits durch das Festlegen der Anfangsbedingungen bestimmen kann.
Abb. 1.1: Determinismus in der klassischen Mechanik: Die Flugbahn des Pfeils ist durch die Anfangsbedingungen vorherbestimmt.
In der Mechanik suchen wir nach den Gesetzen, nach denen sich GegenstĂ€nde bewegen. Um ein vertieftes VerstĂ€ndnis zu erlangen, formulieren wir sie mathematisch, denn dadurch können wir RegelmĂ€Ăigkeiten hinter den PhĂ€nomenen entdecken, die uns bei ihrer bloĂen Beobachtung und Beschreibung verborgen geblieben wĂ€ren. Die BeschĂ€ftigung mit den Gleichungen, die ein physikalisches PhĂ€nomen beschreiben, kann unser intuitives VerstĂ€ndnis ebenso schulen wie der experimentelle Umgang mit ihm.
1.2 Formulierung des TrÀgheitsgesetzes
Das Grundgesetz der Mechanik kann man qualitativ in wenigen Worten formulieren: âDie Ursache von GeschwindigkeitsĂ€nderungen eines Körpers sind KrĂ€fteâ. So einfach sich das anhört, so grĂŒndlich wird es oft missverstanden. Daher wollen wir schrittweise vorgehen. Bevor wir Bewegungen unter dem Einfluss von KrĂ€ften betrachten, soll dieses Kapitel ganz den Bewegungen gewidmet sein, bei denen keine KrĂ€fte auf die betrachteten Körper wirken.
Aus der Forschung ĂŒber das Lernen von Physik wissen wir, dass die folgende Vorstellung hĂ€ufig zu finden ist: âKörper, auf die keine KrĂ€fte wirken, bewegen sich auch nicht.â Im Alltag kann man mit einer solchen Auffassung sicherlich erfolgreich zurechtkommen. Sie muss sich nicht oft bewĂ€hren, denn im normalen Leben begegnen uns nur selten Körper, auf die keine KrĂ€fte wirken. Physikalisch ist die Aussage aber falsch. Sehen wir uns ein Beispiel an.
Der Sturz der Skateboarderin
Eine Skateboarderin fĂ€hrt auf einer StraĂe gleichmĂ€Ăig mit konstanter Geschwindigkeit (Abb. 1.2). Sie passt nicht auf und rollt auf eine Bordsteinkante, die das Skateboard abrupt abbremst. Die Skaterin kann sich nicht auf den Beinen halten, fĂ€llt nach vorn und liegt schlieĂlich bĂ€uchlings auf dem Boden.
Wenn man das Geschehen als Zuschauer beobachtet, fragt man sich vielleicht, aus welchem Grund die Skaterin nach vorn fĂ€llt. Was ist die Ursache dafĂŒr, dass sie sich nach dem Stopp des Skateboards âin Bewegung setztâ? Ein physikalisch halbgebildeter Passant antwortet vielleicht: âEs sind die TrĂ€gheitskrĂ€fte, die dafĂŒr verantwortlich sindâ. SpĂ€testens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, uns mit leichtem Grausen von der Szenerie abzuwenden und den Vorgang aus physikalischer Perspektive zu betrachten (was man unter dem Begriff âTrĂ€gheitskrĂ€fteâ zu verstehen hat, wird in Kapitel 12 erlĂ€utert).
Physikalische Beschreibung des Sturzes
Die Frage, was die Skaterin in Bewegung setzt, ist falsch gestellt. Sie wird nĂ€mlich gar nicht in Bewegung gesetzt. Sie Ă€ndert ihren Bewegungszustand ĂŒberhaupt nicht, denn sie bewegt sich (jedenfalls anfĂ€nglich) gleichmĂ€Ăig weiter. Sehen wir uns Abb. 1.2 genauer an: Die Strecke, die der Kopf der Skaterin in jeweils einer Sekunde zurĂŒcklegt, ist immer die gleiche â auch noch nach dem Aufprall. Ihre Geschwindigkeit Ă€ndert sich anfangs also nicht.
Abb. 1.2: Eine Skateboarderin fÀhrt gegen eine Bordsteinkante.
Allerdings Ă€ndert sich die Geschwindigkeit des Skateboards durch das Auffahren auf die Bordsteinkante. Es bleibt plötzlich stehen. Dadurch werden auch die FĂŒĂe der Skaterin abgebremst, denn sie haften durch Reibung am Skateboard. Weil Rumpf und Kopf sich zunĂ€chst unverĂ€ndert weiterbewegen, bleiben die FĂŒĂe hinter dem Kopf zurĂŒck. Der Körper gerĂ€t in eine SchrĂ€glage. Das Ganze endet damit, dass die Skaterin zu Boden fĂ€llt.
Wir können die aus physikalischer Sicht wichtige Beobachtung festhalten: Die Skaterin bewegt sich mit konstanter Geschwindigkeit weiter, solange keine Ă€uĂere Kraft auf sie wirkt. Die Ă€uĂere Kraft, die ihre FĂŒĂe schlieĂlich abbremst, ist die Reibungskraft, die vom Skateboard ausgeĂŒbt wird. Der Rumpf bewegt sich noch eine Zeitlang weiter.
Das TrÀgheitsgesetz
Diese Feststellung, die wir hier an einem speziellen Beispiel illustriert haben, gilt ganz allgemein. Sie gibt eines der drei newtonschen Grundgesetze der Mechanik wieder: das TrÀgheitsgesetz.
Erstes newtonsches Gesetz (TrÀgheitsgesetz):
Jeder Körper beharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, wenn er nicht durch einwirkende KrÀfte gezwungen wird, seinen Zustand zu Àndern.
Einige Bemerkungen zu diesem Gesetz (das hier traditionsgemÀà in der ins Deutsche ĂŒbersetzten Originalformulierung Newtons wiedergegeben wurde):
(1) FĂŒr eine geradlinige Bewegung mit konstanter Geschwindigkeit (âgeradlinig-gleichförmigâ) wird keine Ursache angegeben. Wenn ein Körper sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit bewegt, tut er das unbegrenzt, solange keine bremsenden, beschleunigenden oder ablenkenden KrĂ€fte auf ihn einwirken. Die Frage âWas treibt den Körper bei der geradliniggleichförmigen Bewegung an?â ist somit irrefĂŒhrend bzw. falsch gestellt. Das TrĂ€gheitsgesetz ist in der newtonschen Mechanik ein nicht weiter zu hinterfragendes Axiom.
(2) Im Alltag sind Ruhe und Bewegung GegensĂ€tze. Das TrĂ€gheitsgesetz unterscheidet dagegen nicht zwischen Ruhe und geradlinig-gleichförmiger Bewegung. Ruhe ist im TrĂ€gheitsgesetz nur ein Spezialfall der geradlinig-gleichförmigen Bewegung (der Fall nĂ€mlich, fĂŒr den die konstante Geschwindigkeit gerade den Wert null besitzt).
Die Unmöglichkeit, Ruhe und gleichförmige Bewegung zu unterscheiden, ist eng mit einem grundlegenden Prinzip verknĂŒpft, das erst 1905 von Einstein wirklich ernst genommen wurde: dem RelativitĂ€tsprinzip. Es besagt, dass die Gesetze der Mechanik (also auch das TrĂ€gheitsgesetz) in allen Bezugssystemen, die sich mit konstanter Geschwindigkeit relativ zueinander bewegen, die gleiche Gestalt haben. Der Ruhezustand kann nach dem RelativitĂ€tsprinzip schon deshalb nicht ausgezeichnet sein, weil man jeden geradlinig-gleichförmig bewegten Körper zu einem ruhenden Körper machen kann, wenn man ihn aus einem mitbewegten Bezugssystem betrachtet.
(3) In rotierenden oder beschleunigten Bezugssystemen gilt das TrĂ€gheitsgesetz nicht (von einem rotierenden Bezugssystem aus betrachtet werden geradlinige Bahnen zu Spiralbahnen und Ăhnlichem). VollstĂ€ndig ausformuliert sollte das TrĂ€gheitsgesetz deshalb lauten: âMan kann immer Bezugssysteme finden, in dem sich krĂ€ftefreie Körper geradlinig-gleichförmig bewegenâ. Solche Bezugssysteme sind nichtrotierend und unbeschleunigt. Man nennt sie Inertialsysteme.
Unanschaulichkeit des TrÀgheitsgesetzes
Warum kommt uns das TrĂ€gheitsgesetz so unanschaulich vor? Dem âgesunden Menschenverstandâ will es gar nicht einleuchten, dass ein Körper, der einmal angestoĂen wurde, sich unbegrenzt weiter bewegen soll. Alle unsere Alltagserfahrungen sprechen dagegen. In Dortmund einmal kurz auf das Gaspedal drĂŒcken und damit bis nach Berlin kommen â wĂŒnschenswert wĂ€re das schon. Reibung und Luftwiderstand verhindern es leider.
Weil ReibungskrÀfte in unserer Umwelt so allgegenwÀrtig sind, kommen krÀftefreie Bewegungen kaum vor. Das TrÀgheitsgesetz wird man daher kaum durch reine Beobachtung von AlltagsvorgÀngen gewinnen. Und entsprechend zeigt die Wissenschaftsgeschichte auch, dass 2000 Jahre bewusster Naturbeobachtung bis zu seiner Formulierung vergingen (Kasten 1.1).
Die unreflektierten Vorstellungen, die wir seit der Kindheit in der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt entwickelt haben, entsprechen ziemlich genau dem âmotorâ-Konzept von Aristoteles. FĂŒr jegliche Bewegung scheint uns ein Antrieb nötig, damit sie nicht zum Erliegen kommt. Ruhe und Bewegung sind fĂŒr uns wesensverschieden.
Kasten 1.1
Geschichte des TrÀgheitsgesetzes
Obwohl in der Antike an spekulativen EntwĂŒrfen zur ErklĂ€rung der Welt kein Mangel herrschte, gelang es doch nicht, in der richtigen Weise von der Alltagserfahrung zu abstrahieren und eine tragfĂ€hige Vorstellung von der TrĂ€gheit zu entwickeln. Aristoteles kam einer wirklichen Theorie der Bewegung am nĂ€chsten. In bewusster Abgrenzung zur spekulativen Ideenlehre Platons blieb aber gerade erzunahe andenbeobachtbaren PhĂ€nomenen, um den Abstraktionsschritt zum TrĂ€gheitsgesetz vollziehen zu können. FĂŒr Aristoteles erforderte jede Bewegung einen Beweger (âmotorâ): âAlles was sich bewegt, wird von etwas anderem bewegtâ. Wenn der Beweger wegfĂ€llt, kommt die Bewegung zum Erliegen.
Schon ganz in die NĂ€he des modernen TrĂ€gheitsbegriffs gelangte Galilei. Ausgehend von seinen Rollversuchen an der schiefen Ebene, erklĂ€rte er in seinem âDialogoâ, dass eine einmal angestoĂene Kugel nach Beseitigung aller Ă€uĂeren Hindernisse auf einer âweder steilen noch geneigten Ebeneâ sich unbegrenzt weiter bewegen wĂŒrde. Aus dem Zusammenhang wird jedoch auch klar, dass Galilei hier eine unbegrenzte Kreisbewegung (entlang der ErdoberflĂ€che) im Sinn hatte.
Die tradierten Denkmuster waren mit Galilei noch nicht ganz ĂŒberwunden. Zum vollstĂ€ndigen TrĂ€gheitsgesetz war der Schritt aber nur noch so klein, dass nicht mehr sicher zu rekonstruieren ist, wer ihn als erster getan hat: Beeckman, Descartes oder Huygens. Newton war es dann, der das TrĂ€gheitsgesetz 1687 in seinen âPrincipiaâ endgĂŒltig formulierte (die Abbildung oben zeigt die drei newtonschen Bewegungsgesetze im Original).
Abb. 1.3: Ganz ohne Antrieb bewegt sich die Raumsonde Voyager I nach Verlassen des Sonnensystems immer weiter geradlinig durch den Weltraum.
Antriebslose Reise durch den Weltraum
Im Weltraum offenbart sich das TrÀgheitsgesetz viel deutlicher als auf der Erde. Ein Beispiel ist die ...