In Bangla Desh self-determination, democracy and human right[s] meant independence, while in Germany the same principle[s] would mean reunification.
Günter Diehl, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Indien (1970–1977)1
In den Jahren 1971/72 waren in Mitteleuropa und Südasien zwei völlig entgegengesetzte Bewegungen zu beobachten. Die „Neue Ostpolitik“ der sozialliberalen Regierung unter Bundeskanzler Willy Brandt bildete den Kern der künftigen europäischen Entspannung des Ost-West-Konflikts. Zeitgleich führte der dritte Krieg zwischen Indien und Pakistan innerhalb von nur 25 Jahren zur Teilung Pakistans und Gründung Bangladeschs.
Die indische Regierung unterstützte die ostbengalischen Unabhängigkeitskämpfer in ihrem Streben und hoffte dabei auf sowjetische Rückendeckung. Pakistan dagegen verband bereits seit den 1950er Jahren eine strategische Partnerschaft mit den USA. Die Diplomaten2 von Bundesrepublik Deutschland (BRD) und Deutscher Demokratischer Republik (DDR) wiederum hatte in Südasien seither vor allem eine Sorge umgetrieben: Wann würden Indien und Pakistan die DDR anerkennen? Im Schatten der Neuen Ostpolitik wurde dieses Anliegen für die Vertreter der beiden deutschen Staaten Anfang der 1970er Jahre derart zentral, dass sie darüber mitunter selbst ihre Allianzen im Kalten Krieg zu vergessen schienen.
Diese Beobachtung greift die vorliegende Studie auf. Am Beispiel des Bangladeschkriegs untersucht sie die Abweichung der politischen Führungen in Bonn und Ost-Berlin von ihren in Washington und Moskau vorgezeichneten Linien. Ziel ist es, deutsch-deutsch-südasiatische Verflechtungen vor dem Hintergrund des weltweiten Ost-West-Konflikts aufzuzeigen. Der Kalte Krieg bildet zwar die Klammer, die den Wandel in den Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten und den Bangladeschkrieg miteinander verband; durch das selbstbewusste Auftreten der in diesen verwobenen Regionalkonflikten agierenden Nationalstaaten wird er als globales Spannungsfeld in seiner Tragweite jedoch selbst in Frage gestellt. Am Beispiel des Bangladeschkriegs an der Kreuzung von Ost-West- und Nord-Süd-Konflikt zeigten sich die Grenzen der globalen Bipolarität angesichts regionaler Interessen, die sich im Auge des Sturms des Kalten Krieges immer wieder Bahn brachen.
1.1Globalgeschichtliche
Zusammenhänge
Die vorliegende Arbeit untersucht die deutsch-deutsche Diplomatiegeschichte im Südasien der frühen 1970er Jahre. Berücksichtigt wird dabei zwar auch die weltweite Dimension des Kalten Krieges, das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt jedoch auf dem wechselvollen Verhältnis von BRD und DDR3 zu den Staaten des indischen Subkontinents. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die von 1955 bis 1972 geltende „Hallstein-Doktrin“ der Bundesrepublik, benannt nach dem damaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Walter Hallstein. Ihr zufolge wurde jegliche diplomatische Kontaktaufnahme von Drittstaaten mit der Deutschen Demokratischen Republik als „unfreundlicher Akt“ gegenüber der Bundesrepublik Deutschland gewertet und konnte zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen der Bundesrepublik zu diesem Land führen4 – Ausdruck des westdeutschen Alleinvertretungsanspruchs für „Gesamtdeutschland“.
Sprach der dritte Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger von der DDR Ende der 1960er Jahre noch lediglich als dem „Phänomen“ im Osten, so änderte sich diese westdeutsche Haltung unter seinem Nachfolger Willy Brandt mit der gegenseitigen De-facto-Anerkennung der beiden deutschen Staaten durch Unterzeichnung des Grundlagenvertrages im Dezember 1972 deutlich. Dennoch blieb die Wiedervereinigung weiterhin offiziell Primat der bundesrepublikanischen Deutschlandpolitik, sodass neben der staatsrechtlichen niemals eine auch völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die BRD erfolgte.5
Es ergeben sich gewisse Parallelen zwischen den Entwicklungen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und denjenigen in Südasien. Mit der Gründung zweier deutscher Staaten manifestierte sich 1949 Deutschlands Teilung entlang politischer Systemlinien. Auch die britische Kolonie Indien wurde 1947 zweigeteilt in die Unabhängigkeit entlassen. Diese Teilung erfolgte allerdings grob entlang religiöser Grenzen. Die mehrheitlich muslimischen Provinzen am Indus im Westen und am Gangesdelta im Osten wurden zu Pakistan, während der größere – mehrheitlich hinduistische – Teil dazwischen die Indische Union bilden sollte.
In beiden Fällen rechnete der wirtschaftlich mächtigere und bevölkerungsstärkere Teil (die Bundesrepublik Deutschland bzw. Indien) mit einem raschen Zusammenbruch des jeweils anderen Teils und einer baldigen Wiedervereinigung.6 Beide Annahmen sollten sich als falsch erweisen. Auch die jeweiligen nationalen Narrative weisen Parallelen auf: Während die BRD und Indien sich von Anbeginn als widernatürlich geteilte Staaten empfanden,7 ging es der DDR und Pakistan darum, einen bewussten politischen bzw. religiösen Gegenentwurf zum größeren Nachbarn darzustellen.
Die aufgeführten Parallelen sind zwar nicht ihr primärer Gegenstand, waren aber ein wichtiger Anlass für die Forschungen zu dieser Arbeit.8 Auf dem Zenit des Kalten Krieges stellten mehr als zwei Jahrzehnte nach Gründung der beiden deutschen Staaten sowie der Nachfolgestaaten Britisch-Indiens vor allem die Jahre 1971/72 eine Zäsur dar. In der Bundesrepublik brachte die Neue Ostpolitik der sozialliberalen Bundesregierung gegenüber der DDR den von Willy Brandt und seinem Staatssekretär Egon Bahr9 propagierten „Wandel durch Annäherung“. Auf dem indischen Subkontinent hingegen kam es 1971 zu einer weiteren staatlichen Teilung.
Zwischen dem West- und Ostteil Pakistans hatten sich bald nach der Unabhängigkeit im Jahre 1947 immer größere kulturelle und wirtschaftliche Disparitäten gezeigt; der bevölkerungsreichere Ostflügel des Landes fühlte sich vom Westflügel zunehmend ausgebeutet und seiner bengalischen kulturellen Identität beraubt.10 Die gemeinsame Religion Islam genügte nicht als identitätsstiftender Kitt, um die beiden Landeshälften zusammenzuhalten. Die indische Regierung schürte diesen Konflikt bei ihrem Erzrivalen zunächst propagandistisch; als er sich im Frühjahr und Sommer 1971 in einen Bürgerkrieg um die ostpakistanische Unabhängigkeit auszuwachsen begann, aber immer offener auch militärisch.
Verbunden waren die skizzierten regionalpolitischen Entwicklungen in Mitteleuropa und Südasien durch den Kalten Krieg und die Teilung der Welt in zwei große Systemblöcke um die kapitalistischen USA und die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR bzw. Sowjetunion).11 Bundesrepublik und DDR, Indien und Pakistan kamen in dieser globalen Ost-West-Konfrontation zum Teil diametral entgegengesetzte Rollen zu. Bereits unter ihrem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer verfolgte die BRD eine konsequente Westbindung. Auch Pakistan war durch seine Mitgliedschaft in der South East Asia Treaty Organization (SEATO) und der Central Treaty Organisation (CENTO) ein wichtiger Verbündeter der USA.12 Die DDR hingegen gehörte unter Führung der SED-Regierung dem sowjetisch dominierten sozialistischen Staatenbündnis an. Indien wiederum galt als Führungsmacht in der „Bewegung Bündnisfreier Staaten“13, die sich weder dem westlichen noch dem östlichen System zurechnen ließen.
Ähnlich wie in Mitteleuropa und Südasien kam es im Laufe des Jahres 1971 auch auf Ebene der Großmächte zu einer entscheidenden Weichenstellung, die zwar weniger die deutsch-deutsche Entspannung, dafür aber umso mehr den Konflikt auf dem indischen Subkontinent beeinflussen sollte. Befeuert vor allem durch den ideologischen Streit um die sowjetische Entstalinisierung, hatten die Sowjetunion und die Volksrepublik (VR) China sich in den Jahren zuvor entfremdet und waren 1969 auch bewaffnet aneinandergeraten.14 Noch gestattete die Pekinger Führung der UdSSR aber, die Nordvietnamesen über chinesisches Territorium im Kampf gegen Südvietnam und vor allem gegen die USA zu unterstützen.
Letztere verloren zu diesem Zeitpunkt zunehmend die Kontrolle über den Krieg in Südostasien. Der innenpolitische Druck auf die Administration des neu gewählten US-Präsidenten Richard Nixon und seines Nationalen Sicherheitsberaters Henry A. Kissinger, die blutige und von der US-amerikanischen Bevölkerung zunehmend moralisch angezweifelte Beteiligung am Vietnamkrieg zu beenden, war gewaltig. Einen Ausweg sahen sie in der Aussöhnung mit der VR China, die daraufhin die sowjetische Rüstungshilfe an Nordvietnam unterbinden würde. Und den Schlüssel nach Peking wiederum suchten Nixon und Kissinger beim gemeinsamen Freund Pakistan.15
Tatsächlich erwies sich die pakistanische Regierung unter General Yahya Khan zum Jahreswechsel 1970/71 als zuverlässiger Makler der amerikanischchinesischen Annäherung. Die pakistanische Zentralregierung verlangte hierfür aber auch einen gewissen Preis: Sie erwartete die Unterstützung Washingtons im brutalen Umgang mit dem abtrünnigen Ostflügel des Landes und gegen den verhassten Nachbarn Indien. Um die pakistanische Vermittlerrolle gegenüber der VR China nicht zu gefährden, kam Präsident Nixon dieser Bitte Yahya Khans nach und stimmte der Lieferung weiterer Rüstungsgüter nach Pakistan zu. Durch diese amerikanisch-pakistanische Kollusion mit Peking wurde das bis dahin betont bündnisfreie Indien nun in die Arme Moskaus getrieben. Am 9. August 1971 unterzeichneten Indien und die Sowjetunion einen „Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit.“16
Im Konflikt um Ostpakistan, der mit offiziellem Kriegseintritt Indiens zum Dritten Indisch-Pakistanischen-Krieg werden sollte, standen sich Anfang Dezember 1971 also die ostpakistanischen Unabhängigkeitskämpfer, Indien und die Sowjetunion einerseits und die pakistanische Zentralregierung, die USA und die VR China andererseits gegenüber.17 Nixon und Kissinger war daran gelegen, den neu gewonnenen Partnern in Peking ihre Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen. Zur Abschreckung vor allem Indiens entsandten sie ein Flugzeugträgergeschwader in den Golf von Bengalen. Die sowjetische Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Von Wladiwostok aus starteten mehrere Atom-U-Boote Richtung Süden.18 Diese Drohgebärden kamen allerdings zu spät. Innerhalb von nur zwei Wochen konnte die indische Armee den Krieg für sich entscheiden und Ostpakistan wurde als Bangladesch zu einem unabhängigen Staat – das bedeutendste geopolitische Ereignis in Südasien seit der Unabhängigkeit der Nachfolgestaaten Britisch-Indiens.19
Die dargestellten Zusammenhänge zeigen: Der Bangladeschkrieg markierte 1971 nicht nur einen Schlüsselmoment in einem Konflikt dreier Atommächte, sondern mit der amerikanisch-chinesischen Annäherung und dem indisch-sowjetischen Freundschaftsvertrag bedeutete er auch einen Wendepunkt im Kalten Krieg.
Bundesrepublik und DDR verfolgten im Bangladeschkrieg eigene und von ihren jeweiligen Schutzmächten in Washington und Moskau divergierende Interessen. Trotz (und gerade wegen) der Entspannungspolitik der Regierung Brandt rang die DDR Anfang der 1970er Jahre weiterhin um ihre internationale Anerkennung – insbesondere durch das die bündnisfreien Staaten anführende Indien.20 Durch eine indische DDR-Anerkennung erhoffte man sich eine Art „Dominoeffekt“ in anderen Ländern der Dritten Welt, die die DDR dann ebenfalls anerkennen würden.21 Im Vertrauen darauf, die indische Regierung würde dieses Wohlverhalten endlich durch die seit Jahrzehnten ersehnte Anerkennung honorieren, stellte die Ost-Berliner Führung sich daher bald klar auf die Seite Indiens bzw. der ostbengalischen Unabhängigkeitsbewegung.22 Teilweise ging sie dabei über die Moskauer Vorgaben hinaus. Der Wunsch der DDR-Führung, sich die indische Unterstützung zu sichern, drohte an dieser Stelle den sowjetischen Führungsanspruch zu durchbrechen.23 Deutlich weniger als in der DDR war man in der Sowjetunion dazu bereit, eine internationale Eskalation des ursprünglich rein innerpakistanischen Konflikts in Kauf zu nehmen – dort hätte man vielmehr allein auf eine Intervention der USA und der VR China reagiert.24
Mindestens ebenso galt dies für das Verhältnis der Bundesrepublik Deuts...