Sprache lenkt die Wahrnehmung von Menschen
Nun gibt es hiervon berĂźhmte Ausnahmen: das Mädchen, das Fräulein, das Weib, die Schwuchtel, die Memme, der Vamp. Sie werden oft bemĂźht, um diesen Genus-Sexus-Zusammenhang zu widerlegen. Schaut man jedoch genauer hin, dann bestätigen sie diesen Zusammenhang sogar auf geradezu frappierende Weise: Sie markieren nicht das Geschlecht, sondern Geschlechterrollen, also die sozialen Erwartungen daran, wie sich die Geschlechter zu verhalten haben. ⌠Die betreffenden Personen werden aus ihrer ârichtigenâ Genusklasse verbannt, weil sie sich âfalschâ verhalten, der soziale VerstoĂ wird durch einen grammatischen geahndet. Das betrifft zum einen homosexuelle Männer, die aus Sicht einer solchen Gesellschaft dasjenige Geschlecht begehren, das ânormalerweiseâ Frauen begehren. Deswegen stehen ihre Bezeichnungen häufig im Femininum (die Schwuchtel, die Tunte, die Tucke). ⌠Umgekehrt geriert sich der Vamp im Maskulinum durch die Macht Ăźber Männer âwie ein Mannâ.
Im Neutrum werden hingegen verachtete, abstoĂende Frauen (das Weib, das Luder) bezeichnet, zum anderen noch nicht âvoll entwickelteâ, also in der alten Geschlechterordnung solche, die noch unverheiratet sind: das Dirndl, das Wicht, das Fräulein, das Girl. Jungen erscheinen von Anfang an, auch in den Dialekten, im maskulinen Genus: der Kerl, der Bub, der Junge. âŚ
In einem Forschungsprojekt an der Universität Mainz wurde unter anderem ermittelt, dass es frßher die unter männlicher Familienherrschaft stehenden Frauen (vor allem Ehefrauen, TÜchter und Mägde) waren, die durch das Neutrum gebannt wurden, während fremde, selbständige und sozial hÜherstehende Frauen das Femininum erhielten. Diese und andere Forschungsergebnisse zeigen, dass Sprache die Wahrnehmung von Menschen zwar nicht festlegt, aber doch lenkt, und dass in der Sprache grundlegende soziale Verhältnisse kodiert sind. Deshalb kann durch Sprache auch eine bestimmte Weltwahrnehmung verstärkt, eine andere abgeschwächt werden.
Aus: www.sueddeutsche.de/kultur/genderdebatte-tief-in-der-sprache-lebt-die-alte-geschlechterordnung-fort-1.4003975-2, Š Henning Lobin, Damaris Nßbling. 7/6/18.