Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
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Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

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Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

About this book

Dieses Buch ist der fĂŒnfte Band der Schriftenreihe der "BundesArbeitsGemeinschaft leitender Mitarbeiter/innen des Pflege- und Erziehungsdienstes kinder- und jugendpsychiatrischer Kliniken und Abteilungen e.V." (BAG).Es handelt von der Vielzahl pĂ€dagogisch-pflegerischer Angebote und Projekte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Autorinnen und Autoren - PflegekrĂ€fte, Erzieher, HeilpĂ€dagogen und SozialpĂ€dagogen - sind Praktiker aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie und aus Fort- und Weiterbildung. Sie arbeiten in unterschiedlich ausgerichteten Kliniken und stellen in ihren Artikeln vielfĂ€ltige Schwerpunkte sowie Theorien zu Gruppenangeboten und Projekten des Pflege- und Erziehungsdienstes dar. In diesem Fachbuch werden verschiedene Inhalte und Zielrichtungen dieser pĂ€dagogisch-pflegerischen Gruppenangebote veranschaulicht. Diese sind lebenspraktischer, psychoedukativer, milieutherapeutischer sowie soziaql-interaktiver und tagesstrukturierender Art. In bewĂ€hrter Art ist dies wieder ein Fachbuch "aus der Praxis fĂŒr die Praxis". Die behnadelten Themen werden mittels Fallbeispielen anschaulich gemacht.

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Information

Year
2014
Print ISBN
9783735774491
eBook ISBN
9783735731265

Kooperative Abenteuerspiele mit Jugendlichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie - am praktischen Beispiel einer Interaktionsgruppe

S. Fuhrmann

Vorwort

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich Grundlagen und Konzepte fĂŒr die interaktions-und erlebnispĂ€dagogische Arbeit mit Jugendlichen in der Kinder-und Jugendpsychiatrie aufzeigen.
Mein eigener Hintergrund zur Auseinandersetzung mit diesem Thema besteht darin, dass ich im Rahmen meiner beruflichen TĂ€tigkeit, sowie Fortbildungen, immer wieder mit Interaktionsspielen und deren Anwendung konfrontiert wurde. Besonders der leistungsfreie Ansatz und der Fokus auf Erfahrung durch eigenes Erleben haben mich dazu inspiriert, ein Projekt fĂŒr Jugendliche in der Kinder-und Jugendpsychiatrie anzubieten.
Besonders den Jugendlichen unserer Station mit Schwierigkeiten in der SelbsteinschĂ€tzung, Eigen- und Fremdwahrnehmung, Vertrauen in sich selbst und andere, sollte ein Übungsfeld geschaffen werden, bei dem sie sich selbst spielerisch ausprobieren können. Die so durch unmittelbare Erlebnisse gemachten Erfahrungen sollten nachhaltig helfen, Gruppeninteraktionen, eigenes Verhalten, die eigene körperliche LeistungsfĂ€higkeit und besonders die eigenen Grenzen besser zu verstehen.
Die Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen war fĂŒr mich von entscheidender Bedeutung fĂŒr diese Arbeit. Zum einen um damit eine bessere Handlungskompetenz zu erwerben, zum anderen um die Unterschiede zwischen Erlebnis-und InteraktionspĂ€dagogik besser zu verstehen. Besonders wichtig war fĂŒr mich ein umfassendes Hintergrundwissen in Hinblick auf das Spannungsfeld der Kinder-und Jugendpsychiatrie, da in der Literatur von physisch und psychisch gesunden Menschen ausgegangen wird. In meiner Arbeit werde ich deshalb auch auf Besonderheiten eingehen, die von den Anregungen der verschiedenen Autoren abweichen, und unverzichtbar in der Arbeit mit psychisch belasteten Jugendlichen sind.

Die wichtigsten Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Die primĂ€ren Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen hat die UniversitĂ€t Bielefeld in den Informationsseiten des Forschungsprojektes „B1, Gesundheitsförderung an Schulen“ wie folgt zusammen gefasst:
A psychische Anforderungen
  • Ausbildung einer einzigartigen IdentitĂ€t (inklusive positivem Körperbild)Auseinandersetzung mit und Entwicklung eines Normen- und Wertesystems
  • Erlernen von sozialen und psychischen Fertigkeiten, um an der Erwachsenenwelt teilhaben zu können
  • Experimentieren mit verschiedenen Lebensstilen und Erstellung und Umsetzung eines eigenen Lebensentwurfes
B soziale Anforderungen
  • Ablösung vom Elternhaus
  • Entwicklung von persönlicher Autonomie und UnabhĂ€ngigkeit
  • Erwerb von schulischer Qualifikation zur BerufstĂ€tigkeit
  • Beginn einer Partnerschaft und erste sexuelle Erfahrungen
  • Integration in eine Gruppe und Freundschaft mit Gleichaltrigen1
Jugendliche in der Kinder-und Jugendpsychiatrie haben zusÀtzlich zu den o.g. Entwicklungsaufgaben noch mit ihrer jeweiligen Erkrankung bzw. mit persönlichen oder familiÀren Problemen fertig zu werden.
HĂ€ufige Defizite von Jugendlichen auf unserer Station:
  • Geringe Selbstsicherheit, sowie geringes Vertrauen in sich selbst und andere
  • Schwierigkeiten in der SelbsteinschĂ€tzung und geringe ReflexionsfĂ€higkeit
  • Probleme in der Übernahme/Abgabe von Verantwortung
  • Wenig GespĂŒr fĂŒr soziale Situationen, z. T. sozialer RĂŒckzug
  • Störung des KörpergefĂŒhls

Spiel und SpielpÀdagogik

Platon (427-347 v. Chr.), griechischer Philosoph und BegrĂŒnder der abendlĂ€ndischen Philosophie, hat gesagt: „Beim Spiel kann man einen Menschen besser kennen lernen, als im GesprĂ€ch in einem Jahr2.“
Deshalb möchte ich mich zu Beginn mit der Frage auseinandersetzen, weshalb Spielen ĂŒberhaupt wichtig ist und warum es auch fĂŒr Jugendliche in der Kinder-und Jugendpsychiatrie eine Rolle spielen kann.

Was zeichnet also Spielwerte und SpielpÀdagogik aus?

Hierzu liefert Wolfgang Zacharias (PĂ€dagogische Aktion/SPIELkultur e.V. MĂŒnchen) in „Bewegte Spiele fĂŒr die Gruppe“ einige interessante Thesen:
  • Spielen ist interaktiv, d.h. es löst wechselseitige offene Aktionen und Reaktionen aus.
  • Spielen bildet, z. B. als „learning by doing“, durch „trial and error“ und „hands on“.
  • Spielen ist Phantasie, Imagination und Einbildungskraft in Aktion: Wir entwickeln dabei KrĂ€fte und FĂ€higkeiten, die ĂŒber das beschrĂ€nkte Hier und Jetzt hinausgehen, wir entwickeln unseren „Möglichkeitssinn“, der Voraussetzung ist, z. B. auch gesellschaftliche soziale ZustĂ€nde aktiv gestaltend zu verĂ€ndern, zu verbessern.
  • Spiel ist ganzheitlich: Zum Spielen braucht man sowohl Geschicklichkeit, Körperbeherrschung als auch Verstand, intelligente Aktionen und Reaktionen, Empfindungen und Intelligenz. Und nicht umsonst spricht man auch von „Spielwitz“ und der „Schönheit des Spiels“, unabhĂ€ngig z. B. vom Gewinnen und Verlieren.
  • Spiele haben Regeln: Wenn man sich auf bestimmte Spiele einlĂ€sst, gilt es Regeln zu lernen, einzuhalten, anzuwenden und zu optimieren – das ist soziales Lernen.
Aber Spiel ist noch mehr – ein Symbol fĂŒr Leben und die BewĂ€ltigung des Lebens selbst. Es ist Teil der aktiven Gestaltung des eigenen Lebens mit RĂŒcksicht auf andere und gemeinsam mit anderen.
Im Spiel sind alle auf eine Ebene gestellt. Das erfordert aufeinander einzugehen, sich ernst zu nehmen, sich zu respektieren, sich zu vertrauen, genauso wie sich selbst aktiv einzubringen. Im Spiel lernen Menschen voneinander und bereichern sich gegenseitig. Spielleiter mĂŒssen deshalb das Positive unterstreichen und jeden Einzelnen im Auge behalten so wie allen ein GefĂŒhl der Mitverantwortung und der Zugehörigkeit geben3.

ErlebnispÀdagogik

Neueste Definition des Begriffs „ErlebnispĂ€dagogik“ nach Bernd Heckmair und Werner Michl: „ErlebnispĂ€dagogik ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befĂ€higen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten4.“

Wo liegt die AttraktivitÀt des erlebnisorientierten Lernens?

In den Zielen:
  • Persönlichkeitsentwicklung durch Förderung der Selbstwahrnehmung und ReflexionsfĂ€higkeit, KlĂ€rung von Zielen und BedĂŒrfnissen, Entwicklung von Eigeninitiative, SpontanitĂ€t, KreativitĂ€t und nicht zuletzt Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und SelbstwertgefĂŒhl etc.
  • Soziale Kompetenz durch Förderung der Kooperations-, Kommunikations-und KonfliktfĂ€higkeit etc.
  • Das Wachsen eines systematischen, ökologischen Bewusstseins, das u. a. einen proaktiven Einsatz fĂŒr die Bewahrung von NaturrĂ€umen zur Folge hat5.“
Diese Ziele kommen jedoch nur zum Tragen, wenn der Teilnehmer diese Ziele auch selbst verfolgen will. Deswegen geht es auf der Ebene der ErlebnispĂ€dagogik auch vielmehr darum, Gelegenheiten zu schaffen, in denen die eigenen Werte erfahrbar und ĂŒberprĂŒfbar werden.
Am anschaulichsten beschreibt es Annette Reiners in „Praktische ErlebnispĂ€dagogik“:
  • „Im Vordergrund steht das ganzheitliche Erleben, d.h. die kognitiven, emotionalen und vor allem aktionalen Ebenen werden angesprochen.
  • Mithilfe der Medien werden komplexe Problemstellungen evoziert, die ein hohes Maß an Strategie, FlexibilitĂ€t, Entscheidungskompetenz und KonfliktfĂ€higkeit fordern. Neben der Zielerreichung steht vielmehr der Prozess der Problemlösung im Mittelpunkt.
  • Die Aufgaben und Situationen werden passend zur Zielsetzung ausgewĂ€hlt und in ihrer Struktur und in ihrem Anforderungsprofil möglichst Ă€hnlich zur AlltagsrealitĂ€t konstruiert und prĂ€sentiert, so dass der Teilnehmer einen nutzbringenden Vergleich zwischen seinem Verhalten im Seminar und im Alltag ziehen kann.
  • Die gewĂ€hlten Situationen mĂŒssen der Vielfalt und HeterogenitĂ€t der Gruppe gerecht werden. Wenn möglich sollten im Rahmen einer Aufgabenstellung alternative Handlungsmöglichkeiten zur Zielerreichung bestehen.
  • Die gewĂ€hlten Elemente sollen zum einen einen hohen Aufforderungscharakter besitzen, zum anderen einen Ernstcharakter aufweisen; d.h. ĂŒberprĂŒfbare Konsequenzen nach sich ziehen.
  • Die Situation wird so prĂ€sentiert, dass das subjektive Risiko als hoch bzw. die Lösbarkeit der Aufgabe als Ă€ußerst anspruchsvoll erlebt wird, jedoch nicht als unĂŒberwindlich bzw. unlösbar wahrgenommen wird.
  • Die Teilnehmer werden explizit aufgefordert, sich eigene (Lern-) Ziele zu stecken. Diese Ziele sind die Grundlage fĂŒr ein selbstverantwortetes Lernen.
  • Nach der PrĂ€sentation der Aufgabenstellungwird der Gruppensteuerung und Selbstverantwortung der Gruppe soweit wie möglich freier Lauf gelassen. Der Verantwortungsspielraum der Gruppe bezieht sich auf Entscheidungen, wie beispielsweise das Ausmaß der persönlichen Beteiligung, auf die Planungs-und Entscheidungsprozesse wĂ€hrend der Aufgaben. Potentielle psychische oder physische GefĂ€hrdungen der Teilnehmer begrenzen dieses Prinzip.
  • Reflexionen nach Aktionsphasen haben einen hohen Stellenwert. Zum einen dient die Reflexion der RĂŒckschau auf die gemachte Erfahrung, zum anderen stellen sie eine Vorausschau im Sinne einer Integration und Nutzbarmachung der Erfahrung fĂŒr zukĂŒnftige Situationen dar. Damit ein Erlebnis optimal verarbeitet werden kann, sollte die Reflexion sowohl inhaltlich als auch zeitlich möglichst dicht am Moment des Erlebens stattfinden.
ErlebnispĂ€dagogische Maßnahmen sind also (
) dadurch gekennzeichnet, dass der Einzelne mit sich und/oder in der Gruppe intensive Erlebnisse erfĂ€hrt, die den Kern seiner Persönlichkeit treffen und mit denen er...

Table of contents

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Die BundesArbeitsGemeinschaft: Hans-Ulrich Neunhoeffer
  3. Vorwort: Hans-Ulrich Neunhoeffer
  4. EinfĂŒhrung: M. Klinger, A. Rabeneck, C. Goligowski
  5. Vom Steuern und Treiben lassen – Systemkompetenz in der (An-) Leitung von Gruppen: C. Schellong
  6. Pflegerische GruppenaktivitÀten zur Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Natur mit allen Sinnen wahrnehmen und gestalten J. Lemanis
  7. ErlebnispĂ€dagogisches Klettern - „Affen am St. Joseph-KH“: D. Schiemann
  8. InteraktionspÀdagogik mit Jugendlichen in der Kinder-und Jugendpsychiatrie: S. Fuhrmann
  9. Improvisationstheater mit Jugendlichen im stationÀren Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie: B. Forke
  10. Soziales Kompetenztraining als Baustein multiprofessioneller Behandlung: C. Burger
  11. Tagesstrukturierende Angebote in der Kinder- und Jugendpsychiatrie – der Beitrag des Pflege- und Erziehungsteams: B. Wilkens
  12. Geschlechtshomogene Arbeit mit Jungen: T. Falke
  13. Starke Kinder PrĂ€vention sexuellen Missbrauchs in der Tagesklinik fĂŒr Kinder-und Jugendpsychiatrie des Pfalsinstituts in Kaiserslautern: D. Geib
  14. PĂ€dagogische Medienkompetenzgruppe – soziale Netzwerke und Cybermobbing: P. Westermann
  15. EinfĂŒhrung von Entspannungsverfahren in der Kinder-und Jugendpsychiatrie: T. Richter
  16. Gruppenangebot Yoga in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: V. Schönborn
  17. Einige Worte zum Schluss
  18. Autorinnen/Autoren
  19. Die Schriftenreihe der BundesArbeitsGemeinschaft
  20. Impressum

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