Das Hambacher Fest von 1832 stand im Zeichen des Kampfes für nationale Einheit und bürgerliche Freiheit. Dagegen war das Neue Hambacher Fest von 2018 der Verteidigung dieser Werte gegen neuartige Bedrohungen gewidmet. Ein Vergleich beider Feste wirft ein interessantes Licht auf Vergangenheit und Gegenwart.

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VI. Das Hambacher Fest von 2018
Vor diesem Hintergrund rief Max Otte für den 5. Mai 2018 zu einem „Neuen Hambacher Fest“ auf. Otte war Professor der Betriebswirtschaftslehre in Worms, knapp 40 Kilometer von Hambach entfernt, und erfolgreicher Fondsmanager. Obgleich langjähriges Mitglied der CDU, war er mit deren Politik in vielen Punkten nicht mehr einverstanden. Wie vorauszusehen, zog er mit seinem Aufruf bei den Vertretern des Mainstream harsche Kritik auf sich. Befragt, warum er dennoch in dieser Weise aktiv geworden sei, gab er zur Antwort: „Ich bin Patriot. Mir tut es weh, zu sehen, was mit unserem wunderschönen Land und was mit unserem Rechtsstaat passiert. Ich wollte ein kleines Zeichen setzen.“45
1. Der äußere Ablauf
Mit der Wahl des Hambacher Schlosses als Tagungsort wurde unübersehbar an das Nationalfest von 1832 angeknüpft. Auch 2018 ging es den Veranstaltern und Teilnehmern um die Einheit und Freiheit Deutschlands, wenn auch, wie eingangs angedeutet, in einem etwas anderen Sinn als damals. Die nationale Einheit war bereits im 19. Jahrhundert errungen und die erneute Teilung mit der Wiedervereinigung überwunden worden. Man sorgte sich mittlerweile jedoch, daß die Nation von innen her aufgelöst würde. Die Wanderungsströme kulturfremder Migranten hatten vielen vor Augen geführt, daß man seine nationale Einheit auch auf andere Weise verlieren kann als durch die Zersplitterung des Landes, nämlich durch die Multikulturalisierung seiner Bewohner. In deren Gefolge verschwindet das, was man einmal „Volk“ genannt hat, allmählich von selbst und wird ersetzt durch eine „Bevölkerung“, deren Mitglieder nur oberflächlich miteinander verbunden sind.
Was die politische Freiheit angeht, so lag zwar die Zeit der Fürstenherrschaft weit zurück. Aber viele hatten den Eindruck, daß sich erneut eine abgehobene Führungsschicht in Gestalt einer politisch-medialen Elite gebildet hatte, die unter dem Deckmantel formaler Demokratie nach der Meinung des Volkes so wenig fragte wie vormals der Adel. Obwohl es rechtlich gesehen keine Zensur gab, wurde nur das gedruckt, was sich in einem vorgegebenen Meinungsspektrum bewegte. Die großen Medien und die überwiegende Zahl der kleinen verbreiteten praktisch dieselben Nachrichten, der Grundton war überall der gleiche, die Absicht politischer Vereinnahmung mit Händen zu greifen. Dagegen anzugehen, war nicht leicht; denn die Political Correctness legte sich wie Mehltau über das Land und erstickte jedes offene Wort. Selbst im Verkehr mit Freunden und Bekannten sprach man politisch brisante Themen nicht mehr an, wenn man das Verhältnis nicht gefährden wollte. Allein in den sozialen Medien, meist im Schutz der Anonymität, wurde noch Klartext geredet. Aber die Politik fand Mittel und Wege, auch dies einzuschränken: Sie gab den Netzwerkanbietern unter hohen Strafandrohungen auf, unerwünschte Beiträge zu löschen. Auf diese Weise wurde das, was von seiten der öffentlichen Hand verbotene Zensur gewesen wäre, auf Private übertragen, an die sich das Zensurverbot nicht richtete. Das Ergebnis war freilich dasselbe, weshalb man zynisch bemerkte: Es gibt keine Zensur, aber sie wirkt.
Die Aussicht, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, hätte auch im Jahr 2018 einige tausend Menschen mobilisieren können. Aber die Stiftung, die das Hambacher Schloß verwaltet, machte zur Auflage, daß nur etwa 1000 Einladungen ausgesprochen wurden. Infolgedessen blieb alles in einem überschaubaren Rahmen. Die Karten waren schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Am frühen Morgen des 5. Mai wanderten die sportlicheren Teilnehmer wie ihre Vorgänger mit schwarz-rot-goldenen Fahnen zur „Käschteburg“ hinauf. Im Veranstaltungssaal des Schlosses wurden nach dem Absingen der Nationalhymne die angekündigten Reden gehalten und die offizielle Tagung mit der Nationalhymne geschlossen. Am Abend ging es für viele zum „gemütlicheren“ Teil über. Denn ein Festessen war auch dieses Mal vorgesehen. Darunter geht es in der Pfalz nicht.
Im Vorfeld hatte man mit erheblichen Störungen gerechnet. Die Hambach-Gesellschaft und die Siebenpfeiffer-Stiftung hatten zeitgeistkonform eine gemeinsame Presseerklärung herausgegeben, mit der sie gegen die Vereinnahmung des Festes von 1832 durch die Veranstalter protestierten. Linke Krawallmacher hatten angekündigt, mit circa 600 Mann „Protestaktionen“ vorzunehmen. Das ließ nach allen Erfahrungen Schlimmes erwarten. Aus diesem Grund war vorsorglich viel Polizei vor Ort. Es ließen sich dann aber nur wenige Rabauken sehen, und diese hatten außer den üblichen Phrasen nichts zu bieten. Auf dem Weg zum Schloß waren beleidigende Sprüche auf den Asphalt gesprüht worden. Ein Bauer, der offenbar jenem Menschenschlag angehörte, dessentwegen gebildete Pfälzer gewöhnlich das Weite suchen, hatte Gülle auf die Straße geschüttet und besprühte die Vorbeigehenden mit Wasser, bis die Polizei einschritt. Es gab in der Folge kaum einen Pressebericht, in dem dies nicht erwähnt worden wäre. Man spürte förmlich, daß die Schreiber sich gerne mehr Aktionen dieser Art gewünscht hätten.
Auch sonst entsprach die Berichterstattung der Medien großenteils dem, was von dieser Seite zu erwarten war: Häme, Spott, Überheblichkeit und Invektiven. Der Politologe Herfried Münkler, der an sich nicht als Scharfmacher bekannt war, machte den Veranstaltern im Mannheimer Morgen zum Vorwurf, sie spielten „mit dem Feuer“. Was „so bieder daherkomm[e ..., sei] ein Akt der Eskalation, der auf das politische Selbstverständnis der Republik ziel[e]“. Die „sich als rechtskonservativ gebenden Initiatoren“ zeigten damit, „daß ihnen die Grundlagen der bestehenden Ordnung gleichgültig“ seien. Mit drei Sätzen wurden hier aus bürgerlichen Patrioten veritable Verfassungsfeinde gemacht. Um einen Rat, wie man ihnen den Wind aus den Segeln nehmen könne, war Münkler ebenfalls nicht verlegen: „Die beste Gegenstrategie besteht darin, die Rechtskonservativen bei ihrer patriotischen Wanderung allein zu lassen und künftig die Symbole der demokratischen Identität selbst wieder stärker zu hegen und zu pflegen – etwa dadurch, daß man die nächsten Jahrestage des Hambacher Festes mit eigenen Veranstaltungen belegt ....“46 Tatsächlich beschränkten sich die meisten Berichte auf einige dürftige Bemerkungen, als ob die Sache keiner größeren Aufmerksamkeit wert sei. So gut wie alle ließen durchblicken, daß sich hier einige Ewiggestrige versammelt hätten, die abstrusen Ideen nachhingen. Wer nur das mitbekam, was ihm die Medien boten, mußte unweigerlich den Eindruck gewinnen, daß sich die „neuen Hambacher“ zu Unrecht auf das Fest von 1832 bezogen, ja, daß diese Bezugnahme geradezu ein Mißbrauch sei. Das erste Hambacher Fest wurde als nationaler Mythos vorausgesetzt, das zweite dagegen mit der gleichen Selbstverständlichkeit in den Schmutz gezogen.
In seiner Eröffnungsansprache gab Otte mit schlichten Worten die Erwiderung auf alles, was in den Print- und Telemedien über diese Veranstaltung gesagt und was verschwiegen wurde. Die Anknüpfung an das Vorgängerfest von 1832 ergab sich für ihn ganz einfach daraus, daß die aktuellen Sorgen der heutigen Teilnehmer denen ihrer Vorgänger überaus ähnlich waren: „Wir teilen viele Sorgen, Sorgen um unser Vaterland, Sorgen um den Verfall von Demokratie und Rechtsstaat, Sorgen um die Meinungsfreiheit. Unser oftmals selbstreferentielles politisches System ist nicht mehr ganz so weit weg von der Fürstenherrschaft, welche die Bürger auf dem Hambacher Fest 1832 beklagten. Und wir haben wieder zensurähnliche Zustände in unserem Land, die denen von 1832 zumindest teilweise ähneln, wenn auch die Mechanismen andere sind.“
Von Kommentatoren, die sich selbst nicht überwinden konnten, Worte wie Volk, Vaterland, Nation oder Volksherrschaft über die Lippen zu bringen, war den Veranstaltern das Recht bestritten worden, sich auf das Fest von 1832 zu berufen. Otte erlaubte sich daher den Spaß, einige Passagen aus der Rede Siebenpfeiffers vorzulesen. Vieles davon schien wie auf die Gegenwart gemünzt zu sein und erregte daher Erstaunen und Heiterkeit. Immer wieder wurden die Zitate durch Beifall unterbrochen, so unter anderem als Siebenpfeiffer mit den Worten angeführt wurde: „Die Erforschung dessen, was dem Vaterlande nottut, ist Hochverrat. Selbst der leiseste Wunsch, nur erst wieder ein Vaterland, eine freie menschliche Heimat wieder zu erstreben, ist Verbrechen.“ Die Versammelten litten spürbar an der Unterdrückung ähnlicher Gefühle wie ihre Vorgänger im Vormärz und fühlten sich erleichtert, daß sie damit auch in historischer Perspektive nicht allein standen. Otte konnte sich daher des allgemeinen Beifalls sicher sein, als er mit den Worten schloß: „Ich stelle fest: wir halten uns an das Original. Kann es sein, daß viele andere die Geschichte uminterpretieren wollen? Ich stelle fest: wir sind Hambach! Holen wir uns das Hambacher Fest dahin, wo es hingehört, als Protestveranstaltung gegen die Obrigkeit, als Fest der Freiheit und als Nationalfest der Deutschen!“
Im Anschluß an Otte kamen am Vormittag noch drei weitere Redner zu Wort: der frühere SPD-Politiker und Erfolgsautor Thilo Sarrazin, der libanesisch-deutsche Regisseur und Fernsehjournalist Imad Karim und der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Joachim Starbatty. Nach der Mittagspause sprachen die Bürgerrechtlerin und frühere CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, der Finanzexperte Markus Krall, der Wirtschaftsprofessor und Bundessprecher der AfD Jörg Meuthen und zuletzt Willy Wimmer, langjähriges Mitglied des Bundestages für die CDU und ehemaliger parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverteidigungsministerium. Einen Überblick über die angesprochenen Fragen und die dazu geäußerten Meinungen gewinnt man am besten dann, wenn man die Redebeiträge nach thematischen Schwerpunkten ordnet.
2. Kritik der kulturellen Überfremdung
Das wichtigste Thema der Redner war die Masseneinwanderung aus dem islamischen Kulturkreis nach Deutschland und Europa und die dadurch heraufbeschworene Gefahr der Überfremdung durch eine Kultur, die zur europäischen Aufklärung keinen Bezug hat. Thilo Sarrazin47 kam ohne viel Umschweife zur Sache und stellte klar, daß die Massenimmigration kein blindes Schicksal, sondern von vielen ausdrücklich gewollt sei. Die dadurch drohenden Verwerfungen seien „das zentrale Thema Deutschlands und Europas in unserer Zeit. Damit verglichen verbla[sse] alles andere.“ Und noch einmal zum Mitschreiben: „In der Frage der Einwanderung und des Umgangs mit dem Islam geht es um die ethnische, kulturelle und gesellschaftliche Zukunft Deutschlands und Europas, da darf man sich nicht feige zurückhalten.“
Mit wenigen Sätzen strich Sarrazin heraus, was mittlerweile anders war als 1832: Damals sei Deutschland jung und geburtenreich gewesen und die meisten Deutschen ziemlich arm, einen Sozialstaat habe es nicht gegeben. Deshalb sei kaum jemand auf die Idee gekommen, nach Deutschland einzuwandern. Wohl aber seien im 19. Jahrhundert sechs Millionen Deutsche in die USA ausgewandert. Heute sei es umgekehrt: Deutschland sei alt und geburtenarm, aber die meisten Deutschen relativ wohlhabend, und der deutsche Sozialstaat das Sehnsuchtsziel von Millionen Auswanderungswilligen überall auf der Welt. Die Freiheit des wirtschaftlichen Verkehrs, die damals durch Zollvereine vorbereitet wurde, sei heute nicht nur in Deutschland, sondern ...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- I. Einleitung
- II. Die politische Lage im Vorfeld des ersten Festes
- III. Das Hambacher Fest von 1832
- IV. Nachspiel
- V. Die allgemeine Lage im Vorfeld des „Neuen Festes“
- VI. Das Hambacher Fest von 2018
- VII. Was bleibt?
- Endnoten
- Weitere Informationen
- Impressum
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