1848 schwappte die Welle der revolutionären Erhebung über den Rhein und erschütterte die absolutistischen Fürstentümer Europas.Als die Nachricht von der heimtückischen Ermordung Robert Blums Sachsen erreichte, wurde auch dieses Königreich in den revolutionären Strudel hineingerissen.Der Autor lässt den Leser den heißen Atem der Personen spüren, die versuchten, in das Rad der Geschichte einzugreifen.Eine Woche tobte der Kampf der Aufständischen auf den Barrikaden gegen eine militärisch überlegene preußische Armee.

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1
„Robert Blum …“ –
„Paula, hast du das gehört?“ Erschrocken hielt Clara die vor ihr durch die engen Gassen der Marktstände drängelnde Köchin – eine vierschrötige, untersetzte, energisch wirkende Person mit runden Hüften und reichlicher Körperfülle – krampfhaft am Arm fest. Verdutzt drehte sie sich um:
„Was soll ich gehört haben, Clärchen?“ Verunsichert blieb sie stehen, stellte den halb vollen Einkaufskorb ab, streckte sich kurz, holte tief Luft und blickte Clara fragend an, als habe sie sie nicht verstanden, um daraufhin sofort wieder auf ihren Korb zu stieren.
„Paula, hast du nicht den Namen ‘Robert Blum’ in der Ferne gehört?“
„Robert Blum?“
„Ja, Robert Blum!“
„Nein, Clärchen! In diesem Gedränge und bei dem Gebrüll der Marktschreier versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Außerdem, du weißt doch, durch die wiederholten Mittelohrentzündungen in Kindheitstagen ist mein linkes Ohr fast taub. Die ganze Zeit musste ich außerdem auf meinen Einkaufskorb achten. Es treiben sich in letzter Zeit so viel Taugenichtse und Strauchdiebe auf den Wochenmärkten herum, die es auf unsere gefüllten Körbe abgesehen haben. Kommt endlich weiter! Beeilt euch! Bauer Schumann verkauft heute Kartoffeln. Auf uns muss er nicht warten, um sie loszuwerden. Unsere Vorratskammer ist fast leer! Und heute Abend hat Robert wieder Gäste eingeladen. Ich muss ihnen ja immer etwas Besonderes vorsetzen, sonst mäkelt Robert.“
„Ja, ja, Paula! Er muss doch die Gastfreundschaft pflegen, muss immer neue Gäste einladen, die seinen leeren Geldbeutel mit füllen helfen sollen! Hin und wieder bekommt er auch eine neue zahlungskräftige Schülerin. Seine Liedertafel bringt nicht viel ein. Das ist nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Er ist doch auf Nebeneinkünfte angewiesen.
Die Mietschulden wachsen uns jetzt schon über den Kopf. Wir hätten auf der Waisenhausstraße bleiben und nicht in die teure Mietwohnung auf der Reitbahnstraße ziehen sollen!“
„Aber da haben wir doch einen schönen Garten am Haus und können viel Gemüse selbst anbauen!“, konterte die Köchin.
„Mariechen, zerr nicht so arg an meinen Schürzenbändern! Am Ende stehe ich ohne Schürze da.“
„Mama, du hast mir doch versprochen, auf dem Markt einen Lebkuchen zu kaufen“, zeterte Marie, die sich an Claras Schürze festklammerte, um im Gedränge ihre Mutter nicht zu verlieren.
„Deinen Lebkuchen bekommst du, wenn wir alles Nötige eingekauft haben, also auf dem Rückweg.“
„Ich möchte aber meinen Lebkuchen jetzt haben. Ich habe Hunger“, antwortete sie trotzig.
„Robert Blum ist …“ –
„Wieder dieser Robert Blum! Hast du das nicht gehört, Paula?“
„Ja, jetzt habe ich auch ‘Blum’ gehört! Der Ruf kam vom Justitia-Brunnen!“
„Justitia-Brunnen? Ich kann ihn nicht sehen! Das trübe Novemberwetter hat uns ein dichtes Nebelmeer beschert, sodass man kaum die eigene Hand vor den Augen sehen kann. Es will heute gar nicht weichen.“
„Eilen wir zum Brunnen!“, rief Clara.
„Nein, Clara! Zuerst müssen wir die Kiepe mit Kartoffeln füllen lassen. Wenn wir uns nicht beeilen, kommen wir zu spät, und der Bauer dreht uns eine lange Nase!“
Die Köchin griff nach ihrem Korb und bahnte sich energisch einen Weg durch das Gedränge der Marktfrauen in Richtung Gespann des Bauern Schumann, ohne Claras Einspruch zu beachten. Dabei setzte sie ungeniert resolut ihre Ellenbogen ein, um rasch voranzukommen. Clara blieb keine andere Wahl als ihr mit Mariechen durch das Gedränge zu folgen. Des Bauern Gespann stand etwas abseits der Verkaufsstände auf dem Marktplatz. Die Köpfe der beiden „Jütländer“ steckten in umgehängten Hafersäcken. Das braune Fell der Kaltblüter dampfte noch nach der anstrengenden Fahrt in die Stadt. Es roch nach frischem Pferdedung. Paula rümpfte ihre Nase; sie hatte eine starke Abneigung gegen diesen starken Ammoniakgeruch. Eine dicke Menschentraube umlagerte sein Gespann.
Paula bahnte sich rücksichtslos einen Weg hindurch.
„Schumann, räum gefälligst den Pferdedung weg! Er stinkt zum Himmel!“, schimpfte sie aufgebracht.
Der Bauer unterbrach das Abwiegen der Kartoffeln für eine Kundin und wandte sich der Köchin zu: „Sieh mal an“, schmunzelte er in seinen Bart, „der feinen Gesellschaft sind neuerdings Pferdeäppel ein Dorn im Auge. Noch vor wenigen Monaten hätte man sich um sie gerissen. Keine Sorge Paula, ich überlasse sie dir nicht gratis.“
„Schumann, du bist ein gar zu gerissener Gauner. Sogar Kartoffelschalen machst du zu Geld. Füll mir die Kiepe mit Kartoffeln, aber von der besten Sorte!“, sagte sie drohend, aber mehr mit schelmischem Unterton. Wenn sich die zwei begegneten – und sie kannten sich schon lange, stammten aus demselben Dorf und saßen auch noch lange genug zusammen auf einer Schulbank –, hakelten sie sich immer. Lange konnte er ihr nicht verzeihen, dass sie einen Jugendfreund vorzog zu heiraten. Er wurde jedoch während der Juliereignisse 1831 getötet, als die sächsische Armee gegen Aufständische eingesetzt wurde. Paulas Mann, August, diente damals im 2. Schützenbataillon der sächsischen Armee. Paula blieb kinderlos und heiratete nicht wieder. Sie verdingte sich als Köchin und Haushaltsgehilfin in verschiedenen Haushalten. Als Clara mit Robert im Jahre 44 in die Stadt zog, wurde sie sofort als Köchin eingestellt, da sie hervorragende Zeugnisse vorlegen konnte.
Der Bauer nahm ihr die Kiepe vom Rücken, stellte sie auf die Waage und füllte sie bis zum Rand mit Kartoffeln der besten Sorte. Nachdem er genügend Gewichte aufgelegt hatte, runzelte er die Stirn: „In der Kiepe sind über 240 Unzen, also 20 Zollpfund, das Kiepengewicht natürlich abgezogen.“
„Was bin ich dem Geizkragen schuldig?“
„Das hängt davon ab, womit du zahlen willst.“
„Natürlich mit den in Sachsen üblichen Neugroschen!“
„Die sind doch nur noch aus Blech; jedes Jahr wird ihr Silbergehalt zugunsten des Kupfers reduziert: von außen hui, aber innen pfui! Statt Silber ist nur noch Zinn und Kupfer drin! Die Inflation hat Schwindsucht. Das spürt doch jeder in seinem Geldbeutel. Hast du nicht Kreuzer bei dir? Die sind heute gefragter denn je, oder – vielleicht – einen Louisdor?“
„Louisdor?“
„Ja, ich meine die französische Goldwährung!“
„Bei dir tickt es nicht richtig im Kopf! Wir sind arme, aber ehrbare Leute. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Louisdor besessen! Ich zahle mit den hier üblichen Neugroschen. Basta! Nenn sie ruhig Blechgroschen! Also Spaß beiseite, Bauer Schumann. Was verlangst du heute für eine Kiepe Kartoffeln?“
Der Bauer kratzte sich am Kopf – er schien angestrengt zu rechnen –, runzelte seine Stirn, sagte dann spontan, wie aus einer Pistole geschossen: „einen Taler!“
Die Köchin schluckte, fand zunächst keine Worte. Ihr Hals schwoll an, ihr Gesicht färbte sich blaurot. Dann brach aus ihr alle aufgestaute Wut wie aus einem Vulkan explosionsartig heraus: „Du Gauner, Halsabschneider! Du bist nicht bei Sinnen! Nimmst dem Toten noch das Leichentuch! Vor vier Wochen hast du noch für dieselbe Kiepe, die ich auf meinem Rücken schleppe, einen halben Taler verlangt. Jetzt willst du plötzlich einen Taler?“ Die Köchin fuchtelte wild mit den Armen und drohte mit der rechten Faust.
Der Bauer nahm ihren Zornesausbruch gelassen hin, zuckte nur mit der Schulter.
„Ja, recht hast du. Alles ist teurer geworden: der Schmied, die Eisen an den Hufen meiner Jütländer, der Müller, der Hafer für die Pferde; sogar die Standgebühr hier auf dem Markt hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Ich muss meine Preise dem Markt anpassen, um existieren zu können. Ohne Hafer können meine Pferde keinen vollen Wagen ziehen! Ohne Pferde stünde der Karren mit Kartoffeln gar nicht hier. Du müsstest deiner ehrenwerten Musikus-Familie anstelle von Kartoffeln geröstete Kastanien vorsetzen, die es ja heuer reichlich gibt.“ Er beendete seinen Redeschwall, holte tief Luft. Offensichtlich war er mit seiner Gardinenpredigt am Ende. Er stutzte einen Augenblick. Dann fiel ihm noch etwas Besonderes ein, das er Paula unter die Nase reiben wollte:
„Übrigens, als ich neulich beim Bäckerladen vorbeiging, flog mir plötzlich etwas Unangenehmes ins Auge, das mich störte. Ich bat meinen Kompagnon, der mich begleitete, nachzusehen, ob er was sieht. Er antwortete: ‘Nee, ich säh nischt! Doch halt, do hob ich’s! Weeß Gott! S’is äh Vier-Groschen-Brod nooch der neusten Preisliste!’“
„Nichts für ungut, du Halsabschneider“ – Paula musste über seinen Witz herzhaft lachen –, „ich sehe ja ein, dass du auch leben musst. Ich gebe dir für die Kiepe Kartoffeln zwanzig Neugroschen. Ich denke, damit ist die Teuerungsrate der letzten vier Wochen abgegolten.“
Der Bauer schwankte einen Augenblick, dann gab er sich geschlagen:
„Gegen dich kratzbürstiges, durchtriebenes, mit allen Wassern gewaschenes Weibsbild ist kein Kraut gewachsen. Gib mir schon deine zwanzig Groschen und zieh Leine!“
Paula brach in ein herzhaftes, schallendes Gelächter aus.
„Heute habe ich dir wieder einmal eine lange Nase gedreht. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, Bauer! Der Musikus wird dir als Dank eine Sonatine komponieren, die kannst du deiner Liebsten bei Mondschein vorspielen.“
„Mach dich vom Acker, du kleines Scheusal!“, rief er ihr nach und warf ihr eine faule Kartoffel hinterher. Er verfehlte sie. Ihr herzhaftes, kirrendes Lachen versöhnte den Bauer. Er war ihr nicht gram.
Clara hatte das Feilschen um den Kaufpreis der Kartoffeln außerhalb der Menschentraube, die sich um den Karren geschart hatte, gespannt verfolgt. Sie konnte sich auf Paula verlassen. Sie würde nicht umsonst zu viel Geld ausgeben. Sie lachte sich ins Fäustchen, dass ihre Köchin den Bauer übertölpelt hatte.
„Das Wichtigste haben wir!“, sagte die Köchin triumphierend, auf die volle Kiepe zeigend. Sie ächzte unter der Last der Kartoffeln. „Jetzt können wir uns Zeit nehmen.“
„Paula, du warst hinreißend! Ich umarme dich.“
„Robert Blum ermordet!“ –
Von der Nordseite des Marktes vervielfachte sich das Echo. Es klang furchterregend.
„Komm Paula, lass uns zum Brunnen eilen!“, rief Clara aufgeregt.
„Lauft schon vor. Mit der vollen Kiepe auf dem Rücken geht’s bei mir nicht so flink.“
Clara zerrte Mariechen hinter sich her. Sie sträubte sich, da sie sich immer weiter von der Lebkuchenbude entfernten. Der Justitia-Brunnen war von einer dichten Kinderschar umringt.
„Das ist doch der Peter!“, rief sie erstaunt, als sie den Brunnen erreichten.
„Der Peter?“, wiederholte die außer Atem geratene, stark nach Luft schnappende Köchin.
„Ja, Peter Groll, unser Falstaff!“
„Der Prahlhans?“
„Der Kinderschreck! Da steht er auf dem Sockel unter Justitia und hält aufrührerische Reden.“
Clara bahnte sich eine Gasse durch die laut durcheinanderschreiende Kinderschar, die Groll umringt hatte.
„Groll, was posaunst du heraus? Ist es wieder eine deiner vielen Enten, die du täglich flattern lässt?“
„Was heeßt hier Ente! Dos is die bittere Wohrheet. Robert Blum ham se gestern abgemurkst.“
„Groll, du spinnst! Setz nicht solche Lügen in die Welt! Die Patrioten nehmen dir so etwas übel!“, drohte Clara.
„Was weeßt du Weibsbild schon! Ich hob die Nochricht heute in der Frieh von een Major erfohrn, der mich aus dem Böhm’schen Bohnhof gefegt hat, wo ich die letzte Nacht gepennt hob!“
„Das kann nicht sein!“, schrie Clara aufgebracht.
„Es ist aber wohr. Ich lüge nich. Der Robert ist tot. Gestern Nachmittag wurde er von der kaiserlichen Soldateska in der Nähe von Wien erschossen.“
„Robert Blum erschossen? Das kann nicht sein!“, murmelte sie leise. „Das darf nicht sein!“, schrie sie so laut, dass die Kinder ängstlich zurückwichen.
„Ich hob Offiziere belauscht, die aus dem Zug von Wien auf dem Böhm’schen Bohnof ausgestiegen sinn. Sie sohgten, der Blum sei off der Flucht erwischt worden, als er sich über de Grenze mogeln wollte.“
Clara war wie vor den Kopf gestoßen. Sie konnte und wollte es nicht wahrhaben, dass man Robert Blum, einen offiziellen Gesandten, den Vizepräsidenten des Frankfurter Vorparlaments, der eine Vermittlerrolle bei der Wiener Oktoberrevolution zwischen Barrikadenkämpfern und Monarchen übernehmen sollte, einfach ohne Gerichtsverhandlung exekutiert habe.
Im letzten Sommer gab sie in Leipzig ein Klavierkonzert. Da traf sie das erste Mal mit dem untersetzten, stämmigen Rotschopf zusammen. Mit einem begnadeten Redetalent ausgestattet, zog er die Zuhörer magisch in seinen Bann. Er war damals sehr zuversichtlich, dass man in Frankfurt eine für alle deutschen Länder verbindliche Verfassung ausarbeiten könnte, die Grundlage für eine Vereinigung ohne die Vormundschaft Preußens sein würde.
Und jetzt? Haben sich die Träume der deutschen Patrioten in ein Nichts aufgelöst? Clara begann zu schluchzen. Tränen bahnten sich einen Weg über ihr Gesicht. Sie suchte instinktiv Halt bei der Köchi...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Kapitel 1
- Kapitel 2
- Kapitel 3
- Kapitel 4
- Kapitel 5
- Kapitel 6
- Kapitel 7
- Kapitel 8
- Kapitel 9
- Kapitel 10
- Kapitel 11
- Kapitel 12
- Kapitel 13
- Kapitel 14
- Kapitel 15
- Kapitel 16
- Kapitel 17
- Kapitel 18
- Kapitel 19
- Kapitel 20
- Kapitel 21
- Kapitel 22
- Kapitel 23
- Kapitel 24
- Kapitel 25
- Kapitel 26
- Weitere Informationen
- Impressum
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