Der Wein, ein Geschenk des Gottes Dionysos an die Menschen, durchdrang alle Lebensbereiche der griechischen Welt. Er war Grundnahrungsmittel, Opfergabe, Handelsgut und Medizin. Er befreite von Sorgen, entfachte die Liebesglut und inspirierte die Dichter. Dieses Buch bietet einen faktenreichen Ăberblick ĂŒber die Wein- und Trinkkultur der alten Griechen. Es erzĂ€hlt von fleiĂigen Winzern und betrĂŒgerischen Wirten, von singenden Zechern, durstigen Soldaten und trunksĂŒchtigen Hausfrauen. Zahlreiche literarische Quellen und Abbildungen eröffnen dem Leser einen anschaulichen Zugang zu einem faszinierenden Kapitel der antiken Kulturgeschichte.

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Die Weinkultur der Griechen
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Information
Die griechische Trinkkultur
Das Symposion
Das Symposion, das ritualisierte und reglementierte Trinkgelage im Kreise kultivierter MĂ€nner, war ohne Frage eine der eigentĂŒmlichsten und prĂ€gendsten Erscheinungen der antiken griechischen Kultur. Ăbersetzt bedeutet Symposion »zusammen trinken«, aber eine BeschrĂ€nkung auf den Aspekt des gemeinsamen Zechens wĂŒrde nicht annĂ€hernd der sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Dimension dieser Institution gerecht werden. Das Symposion war â zumindest der Idee nach â weit mehr als ein formloses Saufgelage (pĂłtos).
In der Welt der homerischen Epen kannte man noch kein Symposion. Das bedeutet natĂŒrlich nicht, man wĂ€re dort nicht zusammengekommen, um gemeinsam zu speisen und zu trinken. Ăberspitzt könnte man sogar sagen, die Helden Homers hatten den Weinbecher öfter in der Hand als den todbringenden Speer. Dem Odysseus entlockt der Gedanke an ausgelassene Festfreuden geradezu enthusiastische Worte:
Denn es gibt, so sage ich, keine lieblichere ErfĂŒllung, als wenn Frohsinn im ganzen Volke herrscht und Schmausende durch die HĂ€user hin auf den SĂ€nger hören, in Reihen sitzend, und daneben die Tische sind voll von Brot und Fleisch, und es schöpft den Wein der Weinschenk aus dem Mischkrug und bringt ihn herbei und fĂŒllt ihn in die Becher: das scheint mir das Schönste zu sein in meinem Sinne.
(Hom. Od. 9, 5â11. Ă.: W. Schadewaldt)
Das epische Heldenmahl war die Wurzel des aristokratischen Symposions. Das Symposion war fest in der Adelskultur der archaischen Zeit verortet und bot den Aristokraten eine Plattform, sich der eigenen körperlichen und sittlichen Ăberlegenheit zu versichern und politische RĂ€nke zu schmieden. Die Unterschiede zu den homerischen GastmĂ€hlern lassen sich schon an ĂuĂerlichkeiten festmachen. Das gemeinsame Speisen, das deĂźpnon, war nun klar vom darauffolgenden Trinken getrennt und die GĂ€ste saĂen nicht mehr auf StĂŒhlen, sondern lagen auf Ruhebetten, den Klinen. Mit der Sitte, beim Gastmahl zu liegen, folgten die Griechen orientalischen Vorbildern. Und obwohl die Hellenen die orientalische Lebensweise gerne mit den Stigmata der Verweichlichung und der Dekadenz versahen, fanden sie anscheinend nichts AnstöĂiges daran, das Liegen in ihre Gelagekultur zu ĂŒbernehmen und dauerhaft an dieser Bequemlichkeit festzuhalten. Ein weiteres Merkmal, das das Symposion vom homerischen Festbankett unterschied, war der Ausschluss »ehrbarer« Frauen. Das Symposion war eine reine MĂ€nnerveranstaltung.
In der intimen AtmosphĂ€re dieser Gelage fanden die aristokratischen Teilnehmer Gelegenheit, ihre Gemeinschaft zu stĂ€rken und die ihnen gemeinsamen Ideale zu verinnerlichen. Diesem Ziel diente auch das Vortragen epischer und lyrischer Dichtung, die ihre Inhalte aus der Lebenswelt des Adels schöpfte. Die Verse der Dichter riefen den Zuhörern in Erinnerung, wie sie sich als kaloĂ kagathoĂ, als die »Schönen und Guten«, zu verhalten hatten. Aber nicht nur ihre Rolle als Aristokraten einte die Symposiasten. Sie waren zumeist auch durch ein enges Band gleicher machtpolitischer Interessen verbunden, zu deren Durchsetzung sie selbst vor GewaltmaĂnahmen nicht zurĂŒckschreckten.
Das GefĂŒhl, einem exklusiven »Klub«, einer Hetairie, anzugehören, dessen Mitglieder eine enge Gemeinschaft bildeten, wurde durch Besonderheiten der sympotischen Trinkkultur gefördert. Dazu gehörte die Sitte, die Trinkschale im Kreise herumzureichen. Der Wein, den die Bankettteilnehmer gemeinschaftlich genossen, wurde nach einem vorher fĂŒr alle fest vereinbarten MischverhĂ€ltnis in einem groĂen GefĂ€Ă, einem Krater oder einem Lebes, mit Wasser verdĂŒnnt. Auch die Menge und die Geschwindigkeit des Trinkens konnte von einem Vorsitzenden, der das Bankett leitete, bestimmt werden. Ein individuelles Trinken fand nicht statt, alles war dem gemeinsamen Komment unterworfen.
Mit dem Verlust der politischen FĂŒhrungsrolle, die die Aristokraten innegehabt hatten, gingen weder die Aristokratie als solche noch die Institution des Symposions verloren. Selbst im demokratischen Athen wie auch andernorts blieb das Symposion ein fester Bestandteil der griechischen (Trink-)Kultur. Auch in den BĂŒrgerhĂ€usern orientierte man sich bei den Gelagen an den Traditionen des Adelsbanketts, sofern man es sich leisten konnte und aristokratische Sitten nachzuahmen wĂŒnschte. Die alte Funktion des Symposions als Ort politischer Machtspiele ging nicht völlig verloren. Die Freunde der Oligarchie nutzten es weiterhin, um sich ihrer gemeinsamen Interessen zu versichern und RĂ€nke zu schmieden. Trotzdem war das Symposion im Laufe der Zeit VerĂ€nderungen unterworfen, die auf einen Wandel der Trinksitten hindeuten. Ein wichtiger Indikator dafĂŒr sind die MischgefĂ€Ăe. Im 4. Jh. v. Chr. nahm die DurchschnittsgröĂe der Kratere deutlich ab, sodass sie nicht mehr das Wasser-Wein-Gemisch einer ganzen Bankettgesellschaft aufnehmen konnten. Wahrscheinlich standen sie nunmehr auf den Beistelltischen neben den Klinen und enthielten den verdĂŒnnten Wein fĂŒr einen oder zwei Symposiasten. Die Idee des kollektiven Trinkens, die mit der Verwendung eines gemeinsamen MischgefĂ€Ăes fĂŒr alle GelagegĂ€ste verbunden gewesen war, machte einem stĂ€rkeren Individualismus Platz.
Symposien konnten einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen, abhĂ€ngig vom Anlass der Zusammenkunft, von der Befindlichkeit und dem Verhalten der GĂ€ste sowie von der Bereitschaft, die Fesseln der Konvention zu lösen. In Platons Symposion (176a-e) beschlieĂen die Anwesenden, nur maĂvoll trinken zu wollen, da sie noch unter den Nachwirkungen der Zecherei des Vorabends zu leiden hatten, bei der der Wein offenkundig weniger maĂvoll geflossen war. Als dann zu einem spĂ€teren Zeitpunkt unerwartet der bereits stark angetrunkene Alkibiades in die Runde platzte, geriet die selbst auferlegte ZurĂŒckhaltung ins Wanken. Der Neuankömmling drĂ€ngte die Anwesenden zur Aufgabe ihrer NĂŒchternheit und verleitete sie zum Trinken (symp. 213e).
Das idealtypische Symposion war ein streng reglementiertes Trinken im Kreise kultivierter MĂ€nner. Aber im Laufe eines Banketts, nachdem die Diener immer wieder aufs Neue die Trinkschalen mit Wein gefĂŒllt hatten, wird man solche Ideale nicht selten ĂŒber Bord geworfen haben â oder man verzichtete gleich auf jegliche EinschrĂ€nkungen und trank um des Trinkens willen.
FĂŒr das Trinkgelage war ein spezieller Teil des Hauses vorgesehen: der Andron (andrĂŽn, »MĂ€nnergemach«). Im Andron empfing der Hausherr seine GĂ€ste, um mit ihnen zu sprechen, zu speisen und zu trinken. Es war der Ort, an dem man sich vergnĂŒgte, diskutierte, Vereinbarungen traf und Machtspiele spielte. Hier war man unter sich, fĂŒr ein paar Stunden abgesondert von der Welt »da drauĂen«. Frauen war der Zutritt zu dieser exklusiven MĂ€nnerwelt verwehrt. Das galt zumindest fĂŒr die anstĂ€ndigen und ehrbaren Frauen, wie Ehefrauen und Töchter. Musikerinnen, TĂ€nzerinnen, Akrobatinnen und professionelle »GefĂ€hrtinnen« (HetĂ€ren) waren dagegen â wie auch die Schankknaben â ein fester Bestandteil der hellenischen Symposionskultur.
Die Andrones (Mehrzahl von Andron) besaĂen einen quadratischen oder rechteckigen Grundriss und waren direkt vom Hof, manchmal noch getrennt durch einen Vorraum, zu erreichen. In griechischen HĂ€usern waren sie die reprĂ€sentativsten RĂ€ume. Die WĂ€nde konnten bemalt sein und Bildtafeln oder Stuckverzierungen tragen, manchmal schmĂŒckten Statuetten aus Ton oder Marmor die Nischen und VorsprĂŒnge, auf den Estrichböden waren bisweilen mehr oder weniger aufwendig gestaltete Mosaiken ausgelegt. Ein Streifen entlang der WĂ€nde war etwas erhöht und diente als StandflĂ€che fĂŒr die hochbeinigen Klinen, auf denen die Gelageteilnehmer, auf den linken Ellbogen gestĂŒtzt, lagen. Die Klinen waren so angeordnet, dass das FuĂende der einen an das Kopfende der nĂ€chsten stieĂ. Polster und Decken sorgten fĂŒr die Bequemlichkeit der GĂ€ste. Die Ruhebetten boten Platz fĂŒr eine oder zwei Personen. Die GröĂe der Andrones sowie die Anzahl der in ihnen aufgestellten Klinen â und damit auch die Zahl möglicher GĂ€ste, die bewirtet werden konnten â variierten. Es gab kleine Andrones, die Platz fĂŒr gerade einmal drei oder fĂŒnf Klinen boten. In gröĂeren und reprĂ€sentativeren RĂ€umen standen sieben, neun oder elf Ruhebetten. Zwar gab es vereinzelt auch private GelagerĂ€ume, in die noch mehr Klinen passten, aber diese wurden schon als grenzwertig empfunden und konnten als Angeberei interpretiert werden. AuĂerdem war eine zu groĂe Anzahl an GĂ€sten nicht mit der angestrebten intimen AtmosphĂ€re vereinbar, die fĂŒr das griechische Symposion so kennzeichnend war.
Die Anordnung der Klinen entlang der WĂ€nde bot mehrere Vorteile: Sie war platzsparend und gewĂ€hrte einen freien Blick auf kĂŒnstlerische oder akrobatische Darbietungen in der Raummitte. Jeder Gast konnte die anderen Anwesenden sehen und von ihnen gesehen werden, was nicht zuletzt der Sitte des Zutrinkens entgegenkam. AuĂerdem entsprach die imaginĂ€r-kreisförmige Anordnung der spezifischen Form der Kommunikation, die bei griechischen Symposien gepflegt wurde. Die Unterhaltung wurde immer der Reihe nach gefĂŒhrt; einer nach dem anderen leisteten die Tischgenossen ihren Redebeitrag, gaben RĂ€tsel auf oder sangen Trinklieder.
Einen lebendigen Eindruck von einer solchen Gelagerunde geben die um 470 v. Chr. zu datierenden Malereien im »Grab des Tauchers«, gefunden in der Nekropole von Paestum (griech. Poseidonia) in Unteritalien. Auf jeder Platte der beiden Langseiten sind fĂŒnf Symposiasten dargestellt, die sich auf jeweils drei Klinen verteilen (Abb. 34aâb). Vor den Ruhebetten stehen niedrige Abstelltische. Die MĂ€nner musizieren, singen, trinken, spielen und unterhalten sich. Bei zwei Symposiasten fĂŒhrt die intime NĂ€he bereits zu ersten ZĂ€rtlichkeiten (Abb. 34a rechts). Auf den Klinen wĂ€re noch Platz fĂŒr zwei weitere GĂ€ste. Und tatsĂ€chlich sieht man auf der Platte der westlichen Schmalseite zwei MĂ€nner herbeieilen (Abb. 34c). Sie sind bereits fĂŒr das Symposion bekrĂ€nzt und folgen einem Flötenspieler, der die Zecher unterhalten wird. Die östliche Schmalseite fĂŒhrt wieder zurĂŒck in den Bankettraum (Abb. 34d). Sie zeigt einen geschĂ€ftigen Schankknaben neben einer Anrichte, auf der ein groĂer Krater steht. Die Zecher und der Schankknabe sind bekrĂ€nzt; Girlanden schmĂŒcken die Tische und das MischgefĂ€Ă.

Abb. 34 a: »Grab des Tauchers«, nördliche Langseite, 480/470 v. Chr.

Abb. 34 b: »Grab des Tauchers«, sĂŒdliche Langseite, 480/47...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Dionysos â der Gott des Weins
- Der Wein und die Menschen
- Wein in Kult und Ritus
- Die griechische Trinkkultur
- Trunkenheit und Trunksucht
- Literaturhinweise
- Abbildungsverzeichnis
- Personen- und Sachregister
- Impressum
Frequently asked questions
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