SexualpÀdagogik in der Schule
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SexualpÀdagogik in der Schule

Selbstbestimmung und Verantwortung lernen

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SexualpÀdagogik in der Schule

Selbstbestimmung und Verantwortung lernen

About this book

Die SexualpĂ€dagogik in der Schule ist schon lange nicht mehr allein Sache des Biologieunterrichts, sondern Teil einer fĂ€cherĂŒbergreifenden Werteerziehung. In diesem Buch wird sie als MĂŒndigkeitserziehung verstanden, die die Jugendlichen bei ihrer IdentitĂ€tsfindung unterstĂŒtzt und sie zu verantwortungsbewusstem Handeln befĂ€higt. Dies wird an zentralen Thematiken konkretisiert, darunter Toleranz und Akzeptanz von sexueller Vielfalt, PrĂ€vention von und Intervention bei sexuellem Missbrauch, AufklĂ€rung ĂŒber Pornografie und Prostitution, HIV- und AIDS-PrĂ€vention. FĂŒr die praxistaugliche Umsetzung im Unterricht bietet das Buch aktuelles Lehr- und Lernmaterial fĂŒr alle Schularten.

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Information

Year
2019
Edition
1
eBook ISBN
9783170360563

1 Der Grundansatz einer SexualpÀdagogik der Selbstbestimmung und Verantwortung

1.1 Zu Beginn ein Beispiel

In der Methodensammlung des Buches SexualpĂ€dagogik der Vielfalt findet sich folgende Lernaufgabe (aus: Tuider/MĂŒller/Timmermanns/Bruns-Bachmann/Koppermann, SexualpĂ€dagogik der Vielfalt © 2008, 2012 Beltz Juventa in der Verlagsgruppe Beltz ∙ Weinheim Basel):
»Der neue Puff fĂŒr alle
Die Jugendlichen bekommen die Aufgabe, den bereits bestehenden Puff einer Großstadt zu modernisieren. Der Grundriss ist vorgegeben und kann nicht erweitert werden. Es besteht aus statischen GrĂŒnden auch nicht die Möglichkeit, den Innenbereich inklusive WĂ€nde zu verĂ€ndern. Ihre Aufgabe ist es nun aber – im Zuge der Modernisierung – einen â€șPuff fĂŒr alleâ€č bzw. ein â€șFreudenhaus der sexuellen Lebenslustâ€č zu kreieren.
Die Jugendlichen bekommen vier Fragenkomplexe, die entweder in einer kleineren Gesamtgruppe nacheinander oder in vier Kleingruppen parallel bearbeitet werden sollen:
1. Welches â€șinhaltlicheâ€č Angebot muss der neue â€șPuff fĂŒr alleâ€č bereithalten? Welche sexuellen Vorlieben mĂŒssen in den RĂ€umen wie bedient und angesprochen werden?
2. Welche Innenraum-Gestaltung braucht es in den verschiedenen RĂ€umen des Puffs? FĂŒr welche Personengruppen braucht es welche Voraussetzungen, damit sie in den Puff kommen können? Wie muss der Puff von außen gestaltet sein, damit er von allen möglichen Menschen aufgesucht werden kann und aufgesucht werden möchte?
3. Wer muss in diesem neuen Puff arbeiten? Welche FĂ€hig- und Fertigkeiten brauchen die dort Arbeitenden, damit alle möglichen Menschen bedient und zufrieden gestellt werden können? Was mĂŒssen Menschen dort verdienen?
4. Wie muss eine Werbung fĂŒr einen solchen Puff aussehen? Wie können alle möglichen Menschen gleichermaßen angesprochen werden? Wie sehen die Hinweise auf die Preisliste aus?« (ebd., S. 75–76)
Im Vorwort wird das Ziel der »neo-emanzipatorischen SexualpĂ€dagogik in der Tradition Helmut Kentlers, Fritz Kochs und Uwe Sielerts« (ebd., S. 6) genannt: Menschen sollen »zu einem selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit SexualitĂ€t« (ebd.) befĂ€higt werden: »Die emanzipatorische SexualpĂ€dagogik propagierte seit ihrer Grundlegung durch Helmut Kentler 1970 eine gesellschaftskritische Befreiung des Menschen aus seiner sexuellen UnmĂŒndigkeit« (ebd., S. 15).1
Unbestritten geht es in der SexualpĂ€dagogik um Emanzipation, doch darunter kann höchst Unterschiedliches verstanden werden. Dies wird bei der zitierten Lernaufgabe auch an der Aufgabenstellung fĂŒr die GesprĂ€chsleitung deutlich:
»Sie [die Leitung, Anm. E. St.] ist sensibel fĂŒr die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit â€șkĂ€uflicher Liebeâ€č und nimmt an dieser Stelle dieser Diskussion die Tiefe [! Anm. E. St.], indem sie auf die persönliche Freiheit hinweist, sexuelle Dienste in Anspruch nehmen zu dĂŒrfen bzw. diese anzubieten« (ebd., S. 77).
Sex mit Leuten, die einem egal sind, steht jedoch einer echten Emanzipation entgegen. Stattdessen soll in diesem Buch gezeigt werden, dass die Entwicklung von Selbstbestimmung und Verantwortung mit der Entwicklung von (Liebes-)BeziehungsfÀhigkeit zu sich selbst wie zum anderen einhergeht. In der SexualpÀdagogik kann man deshalb statt von Selbstbestimmung und Verantwortung auch vom grundlegenden Lernziel LiebesfÀhigkeit2 sprechen.
Die Ganzheitlichkeit des Ansatzes lÀsst sich sowohl durch die Zusammengehörigkeit von Selbstbestimmung und Verantwortung als auch von Liebe zu sich selbst wie zum anderen verdeutlichen:
1. Selbstbestimmung und Verantwortung bilden eine Einheit, so dass man korrekterweise eigentlich von Selbstbestimmung in Verantwortung sprechen mĂŒsste. Dies lĂ€sst sich durch den kantischen Autonomiebegriff verdeutlichen: Nach Kant ist ein Mensch autonom, der sich weder vom Herrschaftsanspruch anderer noch von seinen eigenen Launen dominieren lĂ€sst, sondern gemĂ€ĂŸ der inneren AutoritĂ€t seiner eigenen Einsicht handelt. Er ist deshalb wirklich frei, weil er sich durch niemanden und nichts davon abbringen lĂ€sst, das als ethisch richtig Erkannte umzusetzen. Freies Handeln und Handeln nach dem kategorischen Imperativ sind eins, sagt Kant, d. h. wer sich mit Zivilcourage dafĂŒr einsetzt, dass andere Menschen nicht geschĂ€digt werden, handelt selbstbestimmt. Im Kapitel 8.1 AufklĂ€rung ĂŒber Prostitution (
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Kap. 8.1) soll aufgezeigt werden, dass Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anderer in Anspruch nehmen, diese dadurch schĂ€digen. Sie wĂŒrden also entgegen der obigen Behauptung (ebd., S. 77) gerade nicht frei handeln (zum kantischen Autonomie-Ansatz
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Kap. 1.3; vgl. Kant 1785/1996, S. 43–68).
2. Ebenso bildet die (Liebes-)BeziehungsfĂ€higkeit zu sich selbst wie zum anderen eine Einheit (Liebe deinen NĂ€chsten wie dich selbst.) »Der Mensch wird am Du zum Ich«, sagt Martin Buber (1923/2006, S. 32). Das gemeinsam erlebte GlĂŒck sexuellen Beisammenseins ist ein Beispiel dafĂŒr, dass IdentitĂ€tsfindung in der Beziehung stattfindet. Die Liebe selbst lĂ€sst die Entkopplung von SexualitĂ€t und Liebe nicht zu, weil sie nicht ertragen kann, wenn ein geliebtes Subjekt zum Objekt der Begierde degradiert wird. Dabei fĂ€llt die Tat auf die TĂ€terin/den TĂ€ter zurĂŒck: Wer lieblosen Sex hat, bleibt hinter seinen Möglichkeiten als (liebesfĂ€higer) Mensch zurĂŒck.
Dualismen von (körperlicher) Lust und (geistiger) Liebe werden nach meiner Meinung durch eine unkritische Rezeption westlich-neuzeitlichen Denkens gefördert. Die cartesische Trennung von res extensa und res cogitans erscheint im Zusammenhang mit dem technologisch geprĂ€gten Rationalisierungsprozess der Moderne als selbstverstĂ€ndlich. Im Gegenzug zu einer solchen verengenden Denkweise, die die Persönlichkeit in Körper und Geist aufspaltet bzw. infolgedessen mentales auf physisches Sein zugunsten eines einseitigen Materialismus reduziert, ist von einem ganzheitlichen Bild des Menschen auszugehen, dessen »Seele« nach einem Einklang von Denken, FĂŒhlen und Tun, von SexualitĂ€t und Liebe strebt (
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Kap. 2). Aufgabe schulischer Bildung und Erziehung ist, ihn dabei zu unterstĂŒtzen, wobei der Blick auf andere Kulturen hier oft Horizont erweiternd ist (
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Kap. 6). Im Einzelnen ist nun zu zeigen, warum die eingangs zitierte Lernaufgabe das Ziel der Einheits- und IdentitÀtsfindung konterkariert.

Zur Kritik an der Lernaufgabe »Der neue Puff fĂŒr alle«

1. Allgemein soll es laut den Verfassern einer neo-emanzipatorischen SexualpĂ€dagogik »nicht mehr darum gehen, die Polarisierungen von Norm/Abnorm, von positiv/negativ zu zementieren [
]. [
] [E]in streng polares und hierarchisches Denken [
] [wird] ĂŒberwunden, vor allem weil es die Grundlage fĂŒr Abwertungen, DemĂŒtigungen und Diskriminierungen von Menschen bildet« (Tuider, MĂŒller, Timmermanns u. a. 2012, S. 16). Entsprechend besteht bei der Lernaufgabe stattdessen der Anspruch, »SexualitĂ€t sehr vielseitig zu denken. [
] Wichtig ist, dass es nicht um eine normierende Haltung oder Zuschreibung geht, sondern um verschiedene mögliche Kundinnen und Kunden des Puffs – und wie deren Interessen berĂŒcksichtigt und bedient werden können« (ebd., S. 76).
Hier wird dazu aufgefordert, die ethische Frage »Ist es in Ordnung, in einem Bordell sexuelle Dienste in Anspruch zu nehmen bzw. diese anzubieten?«, die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler eventuell stellen könnten, von vornherein auszublenden oder zu ĂŒbergehen. Sie sollen die Situation Puff einfach als gegeben hinnehmen. Nach Fritz Oser ist ein solches pĂ€dagogisches Vorgehen »fatal« (Oser 2001, S. 65), denn:
»Das PhĂ€nomen der moralpĂ€dagogischen Abstinenz entspricht einem bestimmten Typus des â€șheimlichenâ€č Lehrplans. [
] Die Lehrperson vermittelt, indem sie Wertfreiheit postuliert, dezidiert unausgewiesene Wertpositionen durch die Art, wie sie Akzente setzt [
]. Doch ist es verheerend, dass im Zeichen der Ablehnung als Prinzip Kinder und Jugendliche in eine Art AbhĂ€ngigkeit geraten, die [
] nicht ins Bewusstsein tritt. So entsteht [
] eine Art moralische Knechtschaft« (ebd.).
Die Aufgabenstellung ist also nicht – wie behauptet – wertneutral (da dies gar nicht möglich ist), sondern sie vermittelt unterschwellig Werte, die meiner Meinung nach einem selbstbestimmten und veran...

Table of contents

  1. Deckblatt
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. 1 Der Grundansatz einer SexualpÀdagogik der Selbstbestimmung und Verantwortung
  6. 2 Der ganzheitliche Ansatz einer SexualpÀdagogik
  7. 3 Liebe und tue, was du willst (Augustinus)
  8. 4 Jenseits von Laissez-faire-Beliebigkeit und autoritĂ€rer Repression: zum Balanceakt einer MĂŒndigkeitserziehung zu Liebe, Toleranz und Akzeptanz
  9. 5 Toleranz und Akzeptanz von HomosexualitÀt bzw. einer sexuellen Vielfalt
  10. 6 Toleranz und Akzeptanz von MultikulturalitÀt
  11. 7 PrÀvention von und Intervention bei sexuellem Missbrauch
  12. 8 AufklĂ€rung ĂŒber Prostitution und Pornografie
  13. 9 AufklĂ€rung ĂŒber Abtreibung zur PrĂ€vention von ungewollten Schwangerschaften
  14. 10 HIV- und Aids-PrÀvention
  15. Literatur

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