Mark Aurel
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Kaiser, Denker, Kriegsherr

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Kaiser, Denker, Kriegsherr

About this book

Marcus Aurelius, one of the best-known of the Roman emperors (161&180 CE), has often been called a?philosopher-emperor=. That description is limited to his private life, including his family. But his public role had a different focus, directed towards the legal system, on the one hand, and on the other to the need to fend off widespread attacks by Germanic and Sarmatian peoples on the Danube border that were seriously threatening the Roman Empire. The Emperor=s philosophical work, the Meditations, undoubtedly has a place in world literature, but it has not been systematically examined. It is therefore appropriate to measure the emperor=s historical significance in terms of his political achievements, rather than on the basis of his philosophical thoughts, influenced by Stoicism. This volume attempts to clarify this approach.

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Information

Year
2019
Print ISBN
9783170211100
Edition
1
eBook ISBN
9783170307308

1 Einleitung: Das Jahrhundert der Adoptivkaiser und seine Überlieferung

Als am 18. September des Jahres 96 n. Chr. der dritte und letzte Vertreter der flavischen Kaiserdynastie, T(itus) Flavius Domitianus, ermordet wurde, stand das Imperium Romanum wieder einmal ohne einen Nachfolger als Staatslenker oder, wie sich der erste Monarch, Augustus, bezeichnet hatte, als princeps da. Es war nĂ€mlich kein Sohn vorhanden, der ihm in dieser Aufgabe hĂ€tte folgen können und zwar umso mehr, als Domitian gewaltsam beseitigt und nachtrĂ€glich der Tilgung seines Andenkens, der damnatio memoriae oder abolitio nominis, ĂŒberantwortet worden war. Die Mitglieder des Mordkomplottes, darunter die Gattin Domitia Longina, hatten sich keine Gedanken darĂŒber gemacht, einen Nachfolger zu suchen, weil sie mit einem Erfolg nicht rechnen konnten. Wie fragil die politische Lage war, zeigt die letztliche Wahl des bereits alten Senators M(arcus) Cocceius Nerva, den man angesichts seiner langen Karriere im Staatsdienst und ihrer UmstĂ€nde mit Berechtigung als römischen »Wendehals« bezeichnen kann. Als die kaiserliche Garde der PrĂ€torianer den Übergangskaiser unter Druck setzte und die Bestrafung der Mörder durchsetzen konnte, trat eine Interessengruppe auf den Plan, die Nerva UnterstĂŒtzung versprach, wenn er eine ihnen genehme Nachfolgeregelung vornĂ€hme. So gelangte am 28. Januar 98 der einer hispanischen Familie entstammende Patrizier M. Ulpius Traianus zur Regierung, dessen gleichnamiger Vater durch seinen Aufstieg im Staatsdienst die Karriere des Sohnes vorbereitet hatte. Nach Ausschalten innenpolitischer Gegner ging der jĂŒngere Traianus als Erobererkaiser in die Geschichte ein, obwohl sein letztes Unternehmen, der Feldzug zur Vernichtung des Partherreiches, des Rivalen der römischen Macht in Vorderasien, am Ende scheiterte.2
Traians unter dubiosen UmstĂ€nden am 7./11. August 117 zum Kaisertum gelangter Großneffe, P(ublius) Aelius Hadrianus, war genötigt, den Feldzug abzubrechen und mit den Parthern einen Friedensvertrag auf dem Status quo ante abzuschließen. Widersetzliche Mitglieder des höchsten FĂŒhrungszirkels Traians ließ er umbringen und schuf sich damit eine dauernde Gegnerschaft im an der Staatsleitung nominell beteiligten Senat. Um sich der Konsolidierung des Reiches zu widmen und zugleich diesem Problem zu entziehen, erhob Hadrian das Bereisen des riesigen Herrschaftsgebietes zu seiner Maxime, was ihm als Reisekaiser historische BerĂŒhmtheit einbrachte. Seine Regierungszeit von knapp 21 Jahren endete ebenfalls mit einem Adoptionsvorgang, doch gleich mit einem zweifachen und doppelten zweiten. Als der erste mit dem Tode des nicht verwandten Lucius Ceionius Commodus als L. Aelius Caesar durch dessen Tod am 1. Januar 138 gescheitert war, beschritt der schon von Krankheit gezeichnete Hadrian am 25. Februar den durch Augustus vorgezeichneten Weg einer Doppeladoption zur Nachfolgesicherung auf zwei Generationen. Diese erfolgte durch die Berufung zweier Adoptivenkel in der Person des jungen Sohnes von Aelius Caesar, L. Ceionius Commodus, neu benannt als L. Aelius Aurelius Commodus, und des neun Jahre Ă€lteren M. Annius Verus mit dem Adoptionsnamen M. Aelius Aurelius Verus. Die zwei Enkel erhielten als Adoptivvater den verdienten Senator T. Aurelius Fulvus Boionius Arrius Antoninus, der mit dem Titel eines Caesar zum Nachfolger bestimmt wurde. Dieser aus einer sĂŒdgallischen Familie stammende Patrizier, dessen gleichnamiger Vater und Großvater schon ordentliche Konsuln gewesen waren, war verheiratet mit Annia Galeria Faustina, die eine Tochter des Großvaters von Marcus Aurelius war: Antoninus war daher dessen Onkel. Dieser Sachverhalt weist auf eine wichtige Tatsache hin: Ungeachtet der offiziellen Darstellung, die Weitergabe der Herrschaft mittels Adoption sei die Auswahl des Besten fĂŒr das Kaisertum, gilt es den obgleich manchmal weitlĂ€ufigen Familienzusammenhang zwischen den Beteiligten zu unterstreichen, der diese offizielle Lesart in ein widersprĂŒchliches Licht rĂŒckt.3
Dennoch blieb der dynastische Gedanke lebendig und ließ die Nachfolgersuche zuerst in der eigenen Verwandtschaft ablaufen. Daher war die Bestimmung seines eigenen Sohnes Commodus zum neuen Herrscher durch Marcus Aurelius ein natĂŒrliches Vorgehen. Die Bezeichnung der Epoche zwischen 96 und 180 n. Chr. als »Adoptivkaiserzeit« verunklĂ€rt die tatsĂ€chlichen HintergrĂŒnde der politischen VorgĂ€nge um die Nachfolgeregelung. Nicht die angebliche »Auswahl des Besten« fĂŒr die Bestimmung des Nachfolgers stand im Vordergrund, sondern allein das Fehlen eines leiblichen Sohnes. In diesem Sinne wurde die von Augustus angewandte Notlösung, einen weitlĂ€ufigen Verwandten mittels einer rechtlich unbestrittenen Adoption als Nachfolger zu bestimmen, realisiert. Marcus Aurelius handelte deshalb im vollen Einklang mit den Traditionen des Prinzipates, als er seinen Sohn im Jahre 177 vom Senat zum zweiten Augustus erheben ließ, um eine reibungslose Sukzession zu gewĂ€hrleisten. Seinem Sohn stellte er genĂŒgend erfahrene Ratgeber zur Seite, fĂŒr die Verfehlungen des Commodus ist der Vater jedoch keinesfalls verantwortlich zu machen, denn derartige FĂ€lle hatte schon die iulisch-claudische Dynastie verzeichnet. Das Ende der Adoptivkaiserzeit und der anschließende BĂŒrgerkrieg nach seiner Ermordung sind allein Commodus anzulasten. Weil auch er keinen direkten Nachfolgekandidaten vorweisen konnte, brach erneut ein gewaltsamer Streit um die Herrschaft aus.4
Der Sieger Septimius Severus hatte gleichfalls keine glĂŒckliche Hand, als er seine beiden Söhne fĂŒr die Nachfolge ausbildete, denn Brudermord und großspurige RegierungsfĂŒhrung des ĂŒbrig gebliebenen Sohnes mit antikem Spitznamen Caracalla bereiteten den Niedergang des severischen Kaiserhauses vor, das am Ende mit zwei Vertretern aus der weiblichen Linie geradezu klĂ€glich unterging. Das Mittel der Adoption verlor trotz solcher Fehlentwicklungen dennoch nicht die Rolle als Notmaßnahme beim Fehlen mĂ€nnlicher Nachfolgekandidaten, es war aber der dynastischen Nachfolgeregelung untergeordnet. Erst Diokletian nutzte es wieder umfassend, als er im FrĂŒhjahr 293 die Regierungsform der Tetrarchie ins Leben rief, um eine die Belange aller Regionen berĂŒcksichtigende Politik zu verwirklichen. Die Regierung der divi fratres Marcus Aurelius und Lucius Verus hatte schon fĂŒr die vorangegangene Dyarchie von Diokletian und Maximian das Vorbild abgegeben, aber in der Tetrarchie wurde sie insofern gesteigert, als ein doppeltes Zweierpaar von Augusti und Caesares die Regierung ausĂŒbte. Nach dem freiwilligen RĂŒcktritt der Augusti entwickelte sich jedoch ein unentwirrbares Durcheinander, das erst Konstantin der Große machtvoll zur Alleinherrschaft nutzte.
Mit diesem Herrscher setzte sich wieder das dynastische Prinzip durch, das die weitere Geschichte des römischen und dann oströmischen Kaisertums weitgehend bestimmte. Eine prĂ€gnante Ausnahme war die Adoption seines Neffen durch Iustinus I. am 1. April 527, durch die Iustinianus I. nĂ€chster Herrscher wurde.5 Da auch dessen Nachfolger Iustinus II. keinen Sohn hatte, folgte der Schwiegersohn Tiberius Constantinus nach, der seinerseits den Mauricius Constantinus als eigenen Schwiegersohn zum Kaiser erhob. Als mit Herakleios eine neue Dynastie an die Regierung kam, endete auch im Osten des einstigen römischen Reiches die lange Epoche der SpĂ€tantike, in der ab und zu noch die Adoption angewandt wurde.6 Aufs Ganze gesehen war diese Form der Regierungsweitergabe oft vorteilhafter fĂŒr die StabilitĂ€t des Staates als die vielen gewaltsamen Auseinandersetzungen um die Macht, welche zur Destabilisierung des Imperium Romanum beigetragen hatten. Dennoch war das Zeitalter der Adoptivkaiser, das als ein Höhepunkt der gesamten Prinzipatszeit gilt, eine Art »Notlösung«, welche durch die zeitgenössische und spĂ€tere literarische Vorstellung verklĂ€rt wurde.
Einen betrĂ€chtlichen Anteil an dieser VerklĂ€rung hatten die literarischen Quellen, auf denen die sekundĂ€re Überlieferung aufbaut, wĂ€hrend die primĂ€re aus den zeitgenössischen MĂŒnzen, Inschriften und archĂ€ologischen Dokumenten besteht.7 Schon der als ĂŒberaus zuverlĂ€ssig geltende griechischsprachige Historiker L. Cassius Dio Cocceianus nahm diese Überhöhung vor, doch ist der einschlĂ€gige Originalteil seiner Historia Romana nicht erhalten, und weit spĂ€tere Exzerpte vertreten ihn mehr schlecht als recht.8 Der frĂŒheste Exzerptor war Petrus Patricius, der von 539 bis 565 magister officiorum von Iustinianus I., also Leiter der Hofverwaltung, und ergiebig literarisch tĂ€tig war, was seine eigene AmtsausĂŒbung betraf, denn ihm verdanken wir Arbeiten ĂŒber seine Gesandtschaften zu Ostgoten und Sas(s)aniden in Persien, ĂŒber das Protokollwesen im Oströmischen Reich und eine Römische Geschichte, doch sind alle diese Werke gleichfalls nur fragmentarisch bezeugt, was seine Bezugnahme auf Cassius Dio stark verkompliziert.9
Dios wichtigste Exzerptoren sind Johannes Xiphilinos und Johannes Zonaras, beide Mönche in Konstantinopel, ersterer im spĂ€ten 11. Jahrhundert, der zweite wenige Jahrzehnte darauf. Xiphilinos ist extensiv fĂŒr die spĂ€teren Jahre des Marcus Aurelius zustĂ€ndig und Ă€ußert sich mehrfach ĂŒber Dios Vorlage.10 Zonaras dagegen benutzte in seinem eigenen Geschichtswerk Epitome Historiarum ausgiebig die Vorlage, doch inwieweit er deren originale Teile wörtlich wiedergab, bleibt wie bei Xiphilinos völlig offen: Immerhin spricht auch er verschiedentlich Dios Aussagen eigens an.11 Ein dritter Epitomator, Johannes Antiochenus, stellt ein diffiziles Problem dar, weil seine Welthronik nicht erhalten ist und sogar die Lebenszeit nicht prĂ€zise geklĂ€rt werden konnte, sei es die iustinianische oder erst die heraklianische Zeit.12
Älter als Dio, doch nur als Fachautor einschlĂ€gig, ist der Arzt Aelius Galenus aus Pergamon, der unbestrittene medizinische Vielschreiber der Römerzeit. Er verdient als kaiserlicher »Hofarzt« und GewĂ€hrsmann der sogenannten antoninischen Pest Aufmerksamkeit, die er in seinem Hauptwerk mit dem latinisierten Titel Metodus Medendi und sonstwo beschreibt.13 Ein weiterer zeitgenössischer, nicht historiographischer Autor war Aulus Gellius, ein lange in Athen weilender Verfasser eines Sammelwerkes mit dem Titel Noctes Atticae, in dem er verschiedenste Themen in einer bunten Mischung fast enzyklopĂ€dischen Charakters zusammenstellte und dabei auch die Geisteswelt der antoninischen Zeit ansprach. Dabei bezog er sich auf berĂŒhmte Autoren frĂŒherer Jahrhunderte und stand auch mit Cornelius Fronto im Kontakt.14 Als nĂ€chster Zeitgenosse ist der umtriebige Rhetor, Philosoph und Satiriker Lucianus von Samosata bekannt, der in seinen vielen kleinen Schriften verschiedentlich politische Ereignisse seiner Zeit behandelte. Es geht um »Alexander oder der falsche Prophet«, »Panthea oder die Bilder« und vor allem um »Wie man Geschichte schreiben soll«, die allesamt auf den Partherkrieg des Lucius Verus eingehen und sonst unbekannte Details berichten.15
In seinem Werk Vitae Sophistarum widmete sich der sophistische Philosoph Philostratos von Lemnos, der seit der Zeit von Septimius Severus publizierte und anscheinend ein GĂŒnstling der Kaiserin Iulia Domna war, auch dem Leben des Herodes Atticus, des bekanntesten Lehrers von Marcus Aurelius in griechischer Rhetorik, doch stammt diese Schrift erst aus den spĂ€ten dreißiger Jahren des 3. Jahrhunderts.16 Der auf Dio folgende, einem ganz anderen sozialen Umfeld zugehörige Historiker Herodianos begann sein vollstĂ€ndig erhaltenes Geschichtswerk mit der Regierung des Commodus und endete mit dem Sechskaiserjahr 238; daher geht er nur kurz auf Marcus Aurelius ein.17 Dio und abgeschwĂ€cht Herodian kulminieren in der prononcierten Aussage, nach Marcus’ Herrschaft sei der römische Staat von einem Zustand der erhabenen GrĂ¶ĂŸe in einen der jĂ€mmerlichen Tiefe hinabgeglitten: In der RealitĂ€t war der erste Teil dieser Aussage allerdings stark ĂŒbertrieben.18
Im turbulenten spĂ€ten dritten Jahrhundert war ein Historiker griechischer Sprache tĂ€tig, der Athener P. Herennios Dexippos, doch ist seine Chronik, die bis zum Jahre 270 fĂŒhrte, verloren.19 Nach knappen Bemerkungen in den Lobreden der diokletianisch-tetrarchischen Epoche zur Mehrkaiserherrschaft, den Panegyrici, ging der Staatsbeamte Sex(tus) Aurelius Victor in dem im Jahre 360 veröffentlichten Liber de Caesaribus wieder auf Marcus Aurelius ein, aber nur in kurzer und sprachlich wenig ĂŒberzeugender, mit etlichen Fehlern versehener Fassung. Dies geschah in...

Table of contents

  1. Deckblatt
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorwort
  6. 1 Einleitung: Das Jahrhundert der Adoptivkaiser und seine Überlieferung
  7. 2 Marcus Aurelius als Kind
  8. 3 Marcus Aurelius und die Doppeladoption des Jahres 138
  9. 4 Marcus Aurelius als Kaisersohn und Thronfolger
  10. 5 Marcus Aurelius und sein Bruder Lucius Verus – die erste Gemeinschaftsregierung in der Kaiserzeit
  11. 6 Marcus Aurelius als Feldherr
  12. 7 Marcus Aurelius, seine Mitarbeiter und das Heer
  13. 8 Marcus Aurelius als Rechtsschöpfer und seine Innenpolitik
  14. 9 Marcus Aurelius als Familienvater
  15. 10 Marcus Aurelius und seine öffentliche Selbstdarstellung
  16. 11 Marcus Aurelius als Philosoph
  17. 12 Marcus Aurelius und die Christen
  18. 13 Marcus Aurelius als historische Persönlichkeit in der Sicht der Nachwelt
  19. Anhang
  20. Index

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