Museen und Geschichtsunterricht
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Museen und Geschichtsunterricht

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Museen und Geschichtsunterricht

About this book

Der Besuch eines historischen Museums ist fĂŒr SchĂŒlerinnen und SchĂŒler ein eindrĂŒckliches Erlebnis, weil dieser Geschichte erfahrbar werden lĂ€sst. Dieses Buch möchte LehrkrĂ€fte sowie SchĂŒlerinnen und SchĂŒler fĂŒr einen Museumsbesuch begeistern und zugleich erlĂ€utern, wie ihnen ein kritisches Bewusstsein beim Museumsbesuch vermittelt werden kann. Zentrale Fragen des Buches sind, wie Museen Geschichte prĂ€sentieren, welche Konzepte hinter der PrĂ€sentation von Ausstellungen und Einzelobjekten stehen und wie Schule und Museum miteinander interagieren können. In diesem Buch treffen daher theoretische AusfĂŒhrungen auf didaktische und praktische RatschlĂ€ge. Die innovative Anlage des Bandes sowie der hohe Praxisbezug machen es zu einem wertvollen Lehrbuch.

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Information

Year
2019
Edition
1
eBook ISBN
9783170249318
 
 
 

1

Zu den Zielen des Buches

 
»Museen sind die HĂŒter der Vergangenheit, das Spiegelbild unserer kulturellen Gegenwart und die VisionĂ€re der Zukunft.«1
Das vorliegende Buch möchte PĂ€dagogen und LehrkrĂ€ften dabei helfen, die didaktischen Potenziale von Geschichtsmuseen genauer kennenzulernen, um sie als Lernorte angemessen nutzen zu können. Dazu bietet die Schrift einen differenzierten Einblick in das VerhĂ€ltnis von Lernen, schulischem Geschichtsunterricht und Museum. GrundsĂ€tzlich geht es um die Frage nach den besonderen Bedingungen musealer Kommunikation in unserer Geschichtskultur. Die ersten vier Kapitel beleuchten vor allem die an Museen herangetragenen gesellschaftlichen AnsprĂŒche, ihre spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten sowie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Lernens in Museen und Schulen. Dabei sind sowohl die typischen Mittel, die Museen und Ausstellungsgestalter verwenden, um ihre Besucher historisch zu bilden, als auch die Bedeutung von Interesse, die den originalen Objekten bzw. Museumssammlungen zukommt.
Ziel des fĂŒnften Kapitels »AnsĂ€tze der Museumskommunikation« ist die Analyse der didaktischen und kommunikativen Potenziale von Museen als Orte der Geschichtsvermittlung. Dieser Teil untersucht die besonderen kommunikativen Möglichkeiten von Museen und Ausstellungen, unterteilt nach Einzelobjekten, Objektensembles und MuseumsrundgĂ€ngen sowie ausgehend von der Annahme, dass diese Medien sind. Museumsausstellungen werden prinzipiell als komplexe kommunikative Akte verstanden, in denen die Exponate und deren Inszenierungen die Funktion von Zeichen erfĂŒllen, mit denen Museums- und Ausstellungsmacher absichtsvoll mit ihren Besuchern kommunizieren. Dabei kann gezeigt werden, dass die Art und Weise der Museumskommunikation im Vergleich zu anderen Medien einige Besonderheiten aufweist. Prinzipiell sind in diesem Abschnitt folgende Fragen leitend: Über welche Ausdrucksmittel verfĂŒgen Museen, um mit ihren Besuchern zu kommunizieren, und welche kommunikativen Muster kommen dabei zum Einsatz? Wie können Museen ihren Besuchern Geschichte prĂ€sentieren, um deren historisches Lernen zu fördern, und wie sollen die Besucher historische Ausstellungen â€șlesenâ€č, um die von den Kuratoren angebotenen Botschaften tatsĂ€chlich zu verstehen? Dies schließt die Frage mit ein, ob Museen Geschichte erzĂ€hlen können und wenn ja, wie sie das machen. In systematischer Absicht werden drei Richtungen musealer Kommunikation unterschieden: der Ă€sthetische, der semiotische und der funktional-pragmatische Ansatz, wobei sich alle drei ĂŒberschneiden. Indem dieses Buch dem letztgenannten Ansatz den Vorzug gibt, wendet es sich bewusst gegen die hĂ€ufig anzutreffende Metapher, die den Dingen bzw. Exponaten eine eigene Sprache zuschreibt.2 Dinge verfĂŒgen nicht ĂŒber sprachliche FĂ€higkeiten; vielmehr dienen sie den Ausstellungsmachern als Zeichen zur Realisierung bestimmter kommunikativer Absichten. Sinn und Bedeutung der Dinge werden erst durch ihren spezifischen Gebrauch im Museum hergestellt.
Das sechste und letzte Kapitel »Museumsbesuche im Geschichtsunterricht« widmet sich schließlich dem Geschichtslernen in der konkreten Ausstellungspraxis. Dabei geht es um die Bedingungen des historischen Lernens als Re-Konstruktion von Vergangenem sowie als De-Konstruktion von Ausstellungsgruppen oder sogar ganzer Museumsausstellungen.3 Beides zusammen zielt auf die Entwicklung solcher FĂ€hig- und Fertigkeiten, wie das Erkennen und Hinterfragen der Perspektiven-, Zeit- und Interessengebundenheit sowohl der ausgestellten Museumsobjekte als auch der ,unterâ€č der AusstellungsoberflĂ€che liegenden ErzĂ€hl- und Deutungsmuster. Im Mittelpunkt stehen bei diesen AusfĂŒhrungen Praxisbeispiele und Materialien, die die bisherigen Erkenntnisse ĂŒber museale Kommunikation exemplarisch verdeutlichen. Diese umfassen u. a. das Beispiel einer konkreten Lerneinheit zur Geschichte des römischen Limeskastells Saalburg im Taunus, deren heute fast vollstĂ€ndig rekonstruierte Anlage ein Museum beherbergt. Ziel und Zweck dieses Kapitels ist es, den Lesern einen reflektierten Umgang mit den Potenzialen musealer Kommunikation zu ermöglichen.
1     Ringstorff 2007, S. 5.
2     Z. B. Thiemeyer 2013.
3     Zu den Kompetenzen historischen Lernens im Museum vgl. Körber 2009, S. 62–80; zum aktuellen Stand der Forschungen zum historischen Lernen im Rahmen des FUER-Kompetenzmodells vgl. Meyer-Hamme 2018, S. 75–92.

2

Aufgaben von Museen

»Wir erwarten von Museen, daß sie erbaulich sind ohne anmaßend zu sein, bildend ohne pedantisch zu sein, wissenschaftlich ohne elitĂ€r zu sein, demokratisch ohne vulgĂ€r zu sein.«4
Museen werden meistens aus einem normativen Blickwinkel betrachtet. Im Vordergrund vieler Definitionen stehen die gesellschaftlichen Aufgaben, Ziele und Funktionen, die sie erfĂŒllen sollen. Die Aufgabe von Museen ist vorrangig das Sammeln und Konservieren von Objekten zur Bewahrung des kollektiven, kulturellen und sozialen GedĂ€chtnisses sowie deren Erforschung und PrĂ€sentation zum Zweck der Wissensvermehrung und -vermittlung. Im Kontext einer heute weitgehend ĂŒberkommenen Museologie galten Museen lange Zeit als eher didaktik- und pĂ€dagogikferne Institutionen. Dies hat sich in den letzten drei bis vier Jahrzehnten weitgehend gewandelt: Heute wollen Museen nicht mehr nur ihre Objekte erforschen und prĂ€sentieren, sondern verfolgen ausdrĂŒcklich das Ziel, ihre Besucher bzw. Nutzer zu bilden und – was mindestens ebenso wichtig ist – auch zu unterhalten. Zudem bleibt der museale Bildungsanspruch nicht mehr allein auf den individuellen Besucher beschrĂ€nkt, sondern bezieht die Weiterentwicklung menschlicher Kultur(en) bis in die Zukunft mit ein.
Anstatt nur passiv konsumierbare Angebote anzubieten, versuchen viele Museen heute ihr Publikum aktiv in ihre Bildungsarbeit mit einzubinden. Dies findet seinen Ausdruck nicht zuletzt in der begrifflichen Umbenennung der â€șBesucherâ€č in »Benutzer«.5 Das aktivische VerstĂ€ndnis vom Besucher korrespondiert dabei mit der ursprĂŒnglichen Bedeutung des Begriffs publicum, verstanden als Gemeinwesen, öffentlicher Platz oder Öffentlichkeit. Museen gehören demnach strukturell zur unmittelbaren Öffentlichkeit. Als Teil der res publica bieten sie öffentliche Foren der Diskussion und außerparlamentarische RĂ€ume fĂŒr »confrontation and debate«.6 Nach diesem VerstĂ€ndnis gelten Museumsbenutzer nicht mehr nur als einzelne Individuen, die einen öffentlichen Raum besuchen, sondern als Bestandteile des öffentlichen Raumes, den sie selbst als solchen ĂŒberhaupt erst konstituieren. Indem sich die Museumsbesucher mit kulturellen, historischen und gesellschaftspolitischen PhĂ€nomenen einer Gesellschaft beschĂ€ftigen, werden sie selbst zu gesellschaftlichen Akteuren und die Museen zu ihrer potenziellen AktionsbĂŒhne. Dies gilt auch fĂŒr die jĂŒngeren Besucher aus den Schulen, die in Museen lernen, mit Geschichtskultur (kritisch) umzugehen.
Diese â€șaktiveâ€č Sicht auf die â€șBesucherâ€č geht einher mit dem von Schulen und neuerdings auch von manchen Museen verfolgten Ziel, die (Handlungs-)Kompetenzen ihrer SchĂŒler bzw. â€șBenutzerâ€č zu fördern.7 Kompetenzen gelten ganz allgemein gesprochen als fach- oder domĂ€nenbezogene Verbindungen von Wissen und Können, die fĂŒr das (kreative) Lösen von Aufgaben und Problemstellungen in unterschiedlichen Anwendungssituationen benötigt werden.8 In Bezug auf eine sinnvolle VerknĂŒpfung von Museumsbesuch und Geschichtsunterricht interessiert vor allem die Frage, welche ĂŒbertragbaren ProblemlösefĂ€higkeiten Geschichtsmuseen fördern können und sollen. Die Antwort(en) darauf dĂŒrfte(n) je nach Ausstellung, Sammlungsgebiet und fachlichem Bezug unterschiedlich ausfallen. Zudem werden auch die jeweils bevorzugten ausstellungsdidaktischen und -museumspĂ€dagogischen Überzeugungen und die besonderen Voraussetzungen, die die jeweilige Zielgruppe bei Nutzung des musealen Angebotes mitbringt, fĂŒr die zu vermittelnden Kompetenzen eine Rolle spielen. GrundsĂ€tzlich lassen sich die fĂŒr Museen infrage kommenden Kompetenzbereiche in zwei Hauptgruppen unterteilen: zum einen in inhaltsbezogene Kompetenzen, deren Logiken sich vor allem auf den musealisierten Gegenstandsbereich Geschichte beziehen, zum anderen in die Kompetenzen geschichtskultureller Medien, die der speziellen Logik des Mediums â€șMuseumâ€č gehorchen.
In diesem Band geht es um die Frage nach den didaktischen Bedingungen, die das Medium Museum bietet. Den nachfolgenden Erörterungen liegt ein kultureller Medienbegriff zugrunde, der Museen nicht nur als »Raum oder GefĂ€ĂŸ von Speichern und Bewahren« begreift, sondern auch als »eine BĂŒhne des Operierens und Handelns.«9 Danach hat die »kĂŒnstlerische Medialisierung [
] immer – unabhĂ€ngig von der Materialbeschaffenheit des Kontaktkanals oder der â€șSparteâ€č – zu tun mit dem Schaffen besonderer Rahmenbedingungen, der Inszenierung von Erfahrungen und ungewohnten Sichten auf Sachverhalte einer konstruierten â€șWeltâ€č.«10
Die im Folgenden vorgestellten Überlegungen und Beispiele beziehen sich auf den Musealisierungsbereich Geschichte und auf die kommunikativen Potenziale des Mediums Geschichtsmuseum. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch in Museen Geschichtliches gelernt werden kann, die kein explizit historisches Thema zum Gegenstand haben. Aufgrund ihrer prinzipiellen Bewahrungsfunktion eröffnen mehr oder weniger alle Museen einen Zugang zu historischen Fragestellungen. Dies gilt in gleichem Maße fĂŒr Kunstmuseen, die fast immer einen Blick auf die kunstgeschichtliche Dimension ihrer Exponate eröffnen, sowie fĂŒr Technik- und Naturkundemuseen, die ihre Exponate nicht selten in historischen Entwicklungsreihen anordnen.11 Als â€șBewahrer von Natur- und KulturphĂ€nomenenâ€č sind Museen prinzipiell Institutionen der Geschichtskultur und Ausdruck des gesellschaftlichen Umgangs mit Geschichte.12
Der Blick zurĂŒck in die Museumsgeschichte offenbart, dass historische Museen eine noch recht junge bzw. moderne Erscheinung sind. Die ersten öffentlichen Museen dieser Art entstanden in der Zeit der AufklĂ€rung und der bĂŒrgerlichen Revolutionen. Die damalige Entwicklung eines neuen Bewusstseins fĂŒr geschichtliche Bedingtheit und historische Bewegung bildeten den NĂ€hrboden fĂŒr die Entstehung solcher Museen. Es waren vor allem das neue â€șhistoristischeâ€č VerstĂ€ndnis und das BedĂŒrfnis nach Auseinandersetzung mit Geschichtlichem, die die Menschen zur GrĂŒndung (kultur-)historischer Museen veranlasst haben. Die deutlich Ă€lteren FĂŒrstenkammern, KuriositĂ€ten- und Naturalienkabinette der SpĂ€trenaissance und Barockzeit maßen der Geschichtlichkeit ihrer Sammlungsobjekte hingegen zumeist noch keinen besonderen Wert zu. Ihr Interesse galt vielmehr den Natur- und KulturgegenstĂ€nden sowie Preziosen, die entweder als Ă€sthetisch oder aber als exotisch außerordentlich reizvoll wahrgenommen wurden. WĂ€hrend die RaritĂ€tenkabinette noch vornehmlich dem Anspruch fĂŒrstlicher ReprĂ€sentationsbedĂŒrfnisse dienten, waren die neuen Geschichtsmuseen zumeist Ausdruck eines genuin bĂŒrgerlichen SelbstverstĂ€ndnisses, das nicht zuletzt die Verbreitung der Idee einer historisch gewachsen...

Table of contents

  1. Deckblatt
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. 1 Zu den Zielen des Buches
  6. 2 Aufgaben von Museen
  7. 3 Schule und Museum – Zwei â€șungleiche Schwesternâ€č
  8. 4 Geschichte Lernen im Museum: FĂŒr einen medial und geschichtskulturell erweiterten Lernbegriff
  9. 5 AnsÀtze der Museumskommunikation
  10. 6 Museumsbesuche im Geschichtsunterricht
  11. 7 Fazit
  12. Anhang

Frequently asked questions

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