Wie spannend Psychotherapie ist, zeigt sich oft erst im supervisorischen Dialog. Lange Zeit lÀuft die Behandlung als einfacher Prozess, bis er stagniert. Die Supervision offenbart, wie komplex der Mensch, seine Erkrankung, die therapeutische Beziehung und die entstandenen therapeutischen Probleme sind. Hier zeigt sich auch, wie wenig Verhaltenstherapie eine lernpsychologische Verhaltensmodifikation geblieben ist und wie differenziert mit ihr emotionales Erleben und Beziehungsgestaltung verstanden und auf einen guten Weg gebracht werden kann. Nicht selten lenkt die Supervision durch subtile Interaktionen und Interventionen die Behandlung zu einem wirksamen Therapieergebnis.

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Supervision in der Verhaltenstherapie
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Supervision in der Verhaltenstherapie
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Information
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Der erste Verhaltenstherapeut, der systematische Supervision durchfĂŒhrte, war Wolpe (1972). Er arbeitete mit Vier-Personen-Gruppen. Themen waren AnfĂ€ngerprobleme, Probleme bei verschiedenen psychischen Störungen, Therapieplanung, aber auch VernachlĂ€ssigung der Fallgeschichte oder die Rolle der Angst vor Erfolg. In einer 90-minĂŒtigen Supervisionssitzung war fĂŒr jeden Supervisanden 20 Minuten Zeit verfĂŒgbar. NatĂŒrlich war seine Supervision durch sein individuelles VerstĂ€ndnis von Verhaltenstherapie geprĂ€gt. SpĂ€tere Ausarbeitungen verhaltenstherapeutischer Supervision orientierten sich an der jeweils vorherrschenden Konzeption, z. B. der BASIC-ID von Lazarus (1978), dem Selbstmanagementansatz (Kanfer, Reinecker & Schmelzer, 2012) oder dem SBT-Ansatz (Sulz, 2007a).
Das heiĂt, die Art zu supervidieren Ă€hnelte der Art zu therapieren (Lieb, 1993, Zimmer, 1996 und Schmelzer, 1997). Dagegen stellt Rzepka-Meyer (1997, S. 13) fest: »Supervision kann zwar therapieĂ€hnliche Elemente beinhalten, ist aber grundsĂ€tzlich ein Prozess, der sich von Therapien unterscheidet. ⊠Durch BeschrĂ€nkung auf die schulenzugehörige therapeutische Methodik werden nicht alle erforderlichen Kompetenzen gleichermaĂen angesprochen.«
Das Differentielle Entwicklungsmodell von Hogan (1964) unterscheidet Entwicklungsstufen in der Entwicklung von Therapeuten. Die erste Stufe: AbhÀngigkeit, die zweite Stufe: AbhÀngigkeits-Autonomie-Konflikt, die dritte Stufe: bedingte AbhÀngigkeit und die vierte Stufe: Meister.
Ausgangspunkt und Ziel der Supervision sind auf den verschiedenen Entwicklungsstufen völlig verschieden, weshalb der Supervisor sich auf jede Stufe neu einstellen muss.
Stufe 1: AbhÀngigkeit
Zu Beginn der Psychotherapieausbildung ist der Supervisand hoch motiviert, sehr unsicher, hĂ€lt sich genau an Vorgaben und ist sehr abhĂ€ngig vom Supervisor. Dieser ist unterstĂŒtzend, beruhigend und hilft, die grundlegenden Skills zu erwerben. Er leitet an, gibt Beispiele und ist Modell.
Stufe 2: AbhÀngigkeits-Autonomie-Konflikt
Der Supervisand bringt eigene Ideen ein, sucht seinen ihm gemĂ€Ăen eigenen Weg, probiert diesen aus und befreit sich immer wieder von vorgegebenen Methoden. Das hĂ€lt er aber nicht durch, er ist verunsichert und lehnt sich wieder an den Supervisor an. Dieser gibt Raum fĂŒr eigenes Entdecken und Erproben, hĂ€lt sich mit Anleitungen zurĂŒck und ermutigt andererseits dort, wo wieder Unsicherheit entstanden ist. Auf diese Weise bringt er StabilitĂ€t in das Oszillieren zwischen SelbststĂ€ndigkeit und UnselbststĂ€ndigkeit.
Stufe 3: bedingte AbhÀngigkeit
Auf der dritten Stufe hat der Supervisand schon ausreichend Erfolge gehabt und hat ein relativ sicheres GefĂŒhl fĂŒr seine Behandlungskompetenz. Es geht nicht mehr darum, sich von der AbhĂ€ngigkeit zu befreien und es betont anders zu machen, als der Supervisor vorschlug. FĂŒr ihn ist der Supervisor nicht mehr die groĂe AutoritĂ€t, vielleicht weniger, als es den Tatsachen entspricht. Er kann die noch bestehende AbhĂ€ngigkeit vom Supervisor fĂŒr sich nutzen oder falls er dies fĂŒr seine Selbstwertregulation braucht, als unbedeutend einstufen. Seine Haltung ist deutlich stabiler als auf der vorausgehenden Stufe. Er kann die BehandlungsfĂ€lle in ihrer KomplexitĂ€t differenzierter sehen. Die Rollen haben sich geĂ€ndert. Es ist mehr eine Diskussion von zwei Fachleuten, die durchaus konfrontativ sein kann.
Stufe 4: Meister
Jetzt ist der Supervisand nicht mehr auf den Supervisor angewiesen, um seine Therapien erfolgreich zu Ende fĂŒhren zu können. Er hat alles gelernt, was es zu lernen gibt, und weiĂ um das immer wieder Unvorhersehbare in der Behandlung neuer Patienten. Gerade deshalb kann er Supervision und Supervisor wieder mehr schĂ€tzen. Er weiĂ, was er von diesem noch bekommen kann und was er sich selbst erarbeiten muss. Umgekehrt kann er die WertschĂ€tzung des Supervisors fĂŒr seine Expertise gern annehmen.
Stoltenberg und Delworth (1987) fĂŒgen noch den Aspekt der Selbstaufmerksamkeit hinzu. AnfĂ€nglich fĂŒhrt die Unsicherheit des Supervisanden noch dazu, dass er in seiner Aufmerksamkeit mehr bei sich ist als beim Patienten, darauf bedacht, alles richtig zu machen und Fehler zu verhindern. Auf jeder Stufe kann die Aufmerksamkeit mehr auf den Patienten und auf das gerichtet werden, was im Therapieprozess nĂ€chste Schritte sind.
In der Supervision geht es darum, neue Sichtweisen zu finden, gegen die aber zunĂ€chst ein StrĂ€uben besteht. Alte Sichtweisen zu verlassen, bedeutet vorĂŒbergehende InstabilitĂ€t. Je mehr persönliche und fachliche AutoritĂ€t dem Supervisor zugeschrieben wird, umso eher kann seiner Sichtweise gefolgt werden (Strong, 1986).
Der Selbstmanagementansatz (Schmelzer, 1997) hat die Supervision systematisiert und professionalisiert. Kanfers Personzentrierung innerhalb der Verhaltenstherapie steht auch in der Selbstmanagementsupervision im Zentrum. So wenig, wie der Patient »behandelt« wird, so wenig wird der Supervisand »belehrt«. Selbstbestimmung und SelbststÀndigkeit des Supervisanden werden durch eine Beziehung »auf Augenhöhe« bewahrt und gefördert.
Der Strategische Supervisionsansatz (Sulz, 2007a) beschreibt einerseits ein Entwicklungsmodell der Supervision, das fĂŒnf Entwicklungsstufen des Supervisanden in einer Ausbildungssupervision erkennbar werden lĂ€sst. Andererseits geht er vom Prinzip der impliziten Strategie menschlichen Erlebens und Handelns aus. Damit wechseln die Betrachtungs- und Vorgehensweisen zwischen stabilisierender »strategischer« Selbstregulation und Homöostase einerseits und verĂ€nderungsimmanenter Selbstorganisation andererseits. Hier begegnen sich Systemtheorien und systemische Theorien â Kybernetik erster und zweiter Ordnung.
Kommentar von Ute GrÀff-Rudolph
Einige Verhaltenstherapeuten wie Wolpe waren frĂŒher Psychoanalytiker oder haben sich im Lauf ihrer Berufslaufbahn viel psychodynamisches Gedankengut angeeignet. Sie haben implizit ihr psychodynamisch gebliebenes Fall- und BeziehungsverstĂ€ndnis fĂŒr die Supervision genutzt. Was ihnen bei ihren verhaltenstherapeutischen Supervisanden und deren Therapieberichten auffĂ€llt, sind deshalb oft unbewusste HintergrĂŒnde, deren Erkennen das FallverstĂ€ndnis vertiefen und auch erkennen lassen, weshalb die therapeutische Beziehung gerade an einem eventuell sehr schwierigen Punkt angekommen ist.
Der Aspekt der Entwicklung erscheint mir eine ebenso wichtige Erweiterung der verhaltenstherapeutischen Supervision zu sein. Hogan (1964), Stoltenberg und Delworth (1987) und Sulz (2007a) beschreiben ganz Ă€hnliche Entwicklungsstufen, die eine wertvolle Heuristik fĂŒr den Supervisor sind, da er durch sie erkennen kann, welcher Teil des vorgebrachten supervisorischen Problems einfach dadurch erklĂ€rbar ist, dass bei dem Supervisanden gerade der Schritt auf die nĂ€chste Entwicklungsstufe erfolgte. Und vor allem kann er die Ănderung der supervisorischen Beziehung besser verstehen, wenn der Supervisand gerade dabei ist, seine Autonomie zu entfalten. Wichtig erscheint mir auch, dass der Ăbergang auf die nĂ€chsthöhere Entwicklungsstufe InstabilitĂ€t bedeutet und deshalb eher vermieden wird.
Kommentar von Serge Sulz
Der Entwicklungsaspekt ist sehr anspruchsvoll und nicht einfach auf den Therapieprozess zu ĂŒbertragen. Da stellt sich die Frage, ob einem Supervisanden, der diesen Ansatz nicht kennt, mit dieser Heuristik geholfen werden kann. Oder soll er sich in das Denken des Supervisors eindenken? Trotzdem ist ein wichtiges Faktum, dass Entwicklung gleich Ănderung bedeutet und dass diese Ănderung durch Selbstorganisation erfolgt, wĂ€hrend Selbststeuerung versucht, StabilitĂ€t und Homöostase herzustellen, also Widerstand gegen VerĂ€nderung aufbringt.
2 Strategisch-Behaviorale Supervision als Integration von Selbstregulation, Selbstorganisation und Selbstentwicklung
2.1 Annahmen
Drei Annahmen ĂŒber die Funktionsweise der menschlichen Psyche liegen zugrunde:
1. Die Strategische Supervision geht von der kognitiv-affektiven Entwicklungstheorie aus (Sulz, 2017b). Das heiĂt, dass unser Denken, FĂŒhlen und Handeln weitgehend automatisch und autonom (ohne stĂ€ndige bewusste Entscheidungen) ablĂ€uft â das ist die autonome Psyche oder der implizite Teil unserer HirnaktivitĂ€t (Grawe, 1998, 2004). Funktionsprinzipien sind die der Selbstregulation und Homöostase (Kybernetik 1. Ordnung), durch die die StabilitĂ€t des Systems gewĂ€hrleistet wird, und der Selbstorganisation (Kybernetik zweiter Ordnung), die Ănderung und Entwicklung ermöglicht (Haken & Schiepek, 2005). Diese beiden Prinzipien entsprechen Piagets (1978, 1995) Konstrukten der Assimilation (EinfĂŒgen neuer Erfahrungen in das bestehende psychische System) und Akkommodation (Anpassen des psychischen Systems an neue Erfahrungen mit der Umwelt). Daraus resultiert auch, dass unsere Lebens- und Beziehungsgestaltung weitgehend dem Prinzip der Konstruktion im Sinne der Palo-Alto-Schule (Watzlawick et al., 1986, Watzlawick, Weakland & Fisch, 1974) stattfindet und weit weniger nach dem Prinzip der KausalitĂ€t.
2. Die Psyche des Menschen entwickelt sich lebenslang weiter. Dies geht mit neurobiologischen VerĂ€nderungen einher. Piaget (1978, 1995) und Kegan (1986) bieten eine Entwicklungstheorie, die sich als Heuristik anbietet. D. h., dass neues Verhalten und VerĂ€nderungen des Verhaltens und Erlebens weder allein auf Konditionierungen noch auf Lernen durch Einsicht zurĂŒckgefĂŒhrt werden können. Durch die Entwicklung von einer Entwicklungsstufe auf die nĂ€chsthöhere entsteht neues Erleben und Verhalten. Auf jeder Entwicklungsstufe entsteht ein qualitativ neuer Mensch und eine qualitativ neue Welt.
3. Die neurobiologische Wissenschaft des GedĂ€chtnisses und der Emotionen fĂŒhrt zu einer notwendigen ErgĂ€nzung und Schwerpunktverlagerung zur kognitiv-behavioralen Betrachtungsweise menschlichen Verhaltens (Damasio, 2003, 2017). Die Affekte und die Affektregulierung treten in den Vordergrund, da sie das RegelmĂ€Ăige psychischer Funktionen determinieren (autonome Psyche, implizites (emotionales) System). Die bewussten gedanklichen und steuernden Prozesse der willkĂŒrlichen Psyche (explizites (kognitives) System) treten nur dann in Aktion, wenn die automatischen Prozesse einer auĂergewöhnlichen und neuen Situation nicht gerecht werden können.
2.2 Ein Selbstregulationsmodell als Basis supervisorischen Handelns
Wir können die primĂ€re somatopsychische Homöostase des Kleinkindes von der sekundĂ€ren psychosozialen Homöostase des Erwachsenen unterscheiden. Obwohl vom Reifegrad seiner Hirnfunktionen noch gar nicht in der Lage, muss das Kleinkind bei seiner Selbstregulation die WĂŒnsche und Forderungen der Eltern berĂŒcksichtigen, um mit diesen emotional ĂŒberleben zu können. Da es noch keine kognitive SteuerungsfĂ€higkeit hat, mĂŒssen ihm aversive GefĂŒhle wie Angst, SchuldgefĂŒhl oder Scham dabei helfen. So entsteht ein...
Table of contents
- Deckblatt
- Titelseite
- Impressum
- Vorwort der Reihenherausgeber
- Inhalt
- 1 EinfĂŒhrung â Erste Supervisionen in der Verhaltenstherapie
- 2 Strategisch-Behaviorale Supervision als Integration von Selbstregulation, Selbstorganisation und Selbstentwicklung
- 3 Praxis der Supervision
- 4 Themen der Supervision
- Zum Schluss: Das Charakteristische einer verhaltenstherapeutischen Supervision
- Literatur
- Stichwortverzeichnis
Frequently asked questions
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