Nach 50 Jahren fragen die Autorinnen dieses Buches: Was ist geblieben von den Ideen der Achtundsechziger zur Bildungspolitik, Schule und PĂ€dagogik? Beide Autorinnen waren damals mitten drin in den Erneuerungsbewegungen. Wie viele andere ihrer Generation engagierten sie sich fĂŒr eine Schule, die endlich das Ideal umsetzen sollte: Chancengleichheit fĂŒr alle! Ist diese Forderung inzwischen erfĂŒllt? Die Antwort suchen die Autorinnen auf drei Wegen: Sie analysieren zwei damals fĂŒhrende pĂ€dagogische Zeitschriften; sie werten Erinnerungen von Zeitzeugen aus und sie legen die wichtigsten Kontroversen und Utopien von Lehrern und Lehrerinnen unterschiedlicher Generationen vor. Dieses Buch soll ein GesprĂ€ch zwischen den Generationen in Gang halten, in dem es um eine radikale Erneuerung von Schule geht.
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Wenn dieses Buch erscheint, ist die Welle der Achtundsechziger-Literatur abgeklungen, die 2018 den deutschen Buchmarkt unter dem Motto »50 Jahre Studentenbewegung und was daraus geworden ist« ĂŒberschwemmte. Wir schwimmen sozusagen auf der Nachwelle dieser Flut. Es fiel uns auf, dass zum JubilĂ€umsjahr zwar sehr viel ĂŒber die politische und kulturelle Seite der Erneuerungsbewegung geschrieben worden ist, aber sehr wenig ĂŒber die pĂ€dagogische.1 Und doch verbindet uns mit der erschienenen Literatur zum Thema ein Begriff, der in vielen Artikeln, Publikationen, Zeitungen und Fernsehsendungen immer wieder auftauchte: Generation.2
Das ist bei einer RĂŒckschau auf die Menschen und Aktionen jener Jahre nicht verwunderlich, denn es schauten 2018 viele der Autoren und Diskutanten auf einen prĂ€genden Lebensabschnitt ihrer eigenen Biografie zurĂŒck. Sie waren Teil der Bewegung gewesen, jung, engagiert und (wild) entschlossen, die versteinerten VerhĂ€ltnisse zum Tanzen zu bringen â so wollten sie das Marx-Zitat verstehen und erneut verstehen lernen.
Die Autorinnen des vorliegenden Buches gehören dieser rĂŒckschauenden Generation an. Auch wir wollten, dass sich die VerhĂ€ltnisse Ă€nderten â in unserem Fall vorrangig die in der und um die Schule. Unser beruflicher Werdegang und unsere persönliche Biografie sind lebensbestimmend von jenen Jahren beeinflusst. Wir schauen daher auch auf uns selbst zurĂŒck.
Uns geht es um ein Bilanzierungsprojekt: Was ist ĂŒbrig geblieben von den damals entwickelten Ideen und â oft vergeblich â erkĂ€mpften Reformen, die fĂŒr mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit und mehr Lernneugierde sorgen sollten? Diese Frage stellen heute viele und beantworten sie wie Frei: »1968 war nicht das Jahr, das alles verĂ€ndert hat ⊠Aber nach âș68âč war fast nichts mehr so wie vorher.« (Frei 2008, S. 228).
Unser Buch beabsichtigt keine objektiv-historische Retrospektive ĂŒber die damalige Schulpolitik und die Bildungsreform der spĂ€ten 1960er und 1970er Jahre, sondern wir wollen darstellen, warum unserer Generation dieses 68er-Projekt heute noch wichtig ist und erneut wichtig wird, wenn wir an die uns nachfolgenden Generationen von Lehrern und PĂ€dagogen denken; sie sind mit unseren Kindern und Enkelkindern befasst. Wie reagieren heutige Lehrer und Lehrerinnen, Lehrerausbilder und PĂ€dagogen â die weibliche Form immer mitgedacht â auf Reformen und pĂ€dagogische Utopien, die damals aus der deutschen und internationalen Geschichte ans Licht gehoben und auf die aktuellen herrschenden VerhĂ€ltnisse bezogen wurden?
Um diese Fragen zu beantworten, beschreiten wir sechs erkenntnistheoretische und methodische Wege.
Wir beginnen mit einem erkenntnistheoretischen, dem Forschungsdesign gewidmeten Kapitel, in dem wir uns fĂŒr unser Vorhaben Gedanken ĂŒber kollektives und individuelles GedĂ€chtnis machen und wie diese mit Generationen zusammenhĂ€ngen (
Kap. 2).
Sodann gilt unser empirisch-historisches Interesse den in den spĂ€ten sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschienenen NeugrĂŒndungen der pĂ€dagogischen Zeitschriften betrifft:erziehung (b:e) und pĂ€d.extra. Wir greifen auf grundlegende sozialwissenschaftliche und pĂ€dagogische Artikel, bildungspolitische Kontroversen, Schulreports und Lehrerausbildungskonzepte zurĂŒck, die alle nicht im Geist der bis dahin geltenden wissenschaftlichen Normen und Traditionen geschrieben wurden, sondern aufrĂŒhren und zu Neuem anregen wollten. In diesem Sinn benutzen wir die beiden Zeitschriften als Quellen des kollektiven GedĂ€chtnisses. Es bewahrt fĂŒr die JĂŒngeren in pĂ€dagogischen Feldern ein Erbe, dessen sie sich oft nicht mehr oder nur noch halbbewusst sind (
Kap. 3).
In einem dritten Schritt stellen wir zur Einstimmung und ErlĂ€uterung methodische Ăberlegungen an (
Kap. 4), auf die zwei empirische Kapitel folgen. ZunÀchst prÀsentieren wir eine Reihe biografischer Skizzen von Akteuren und Beobachtern der damaligen pÀdagogischen Projekte (darunter die Autorinnen dieses Buches):
Wie kamen wir und andere zur Studentenbewegung, welche Erfahrungen machten wir durch sie? Es handelt sich hier exemplarisch um Protagonisten und Protagonistinnen der pĂ€dagogischen Bewegung. Mitte der sechziger Jahre sind sie 20 bis 30 Jahre alt, haben die Kriegsjahre 1939â1945 also gerade noch als Kind erlebt und haben Eltern, die mit beiden Beinen im Nationalsozialismus gestanden haben, gern oder ungern (
Kap. 5).
Mit einem groĂen Sprung landen wir in der Gegenwart:
Mit heutigen Lehrern und Lehrerinnen, Studierenden und PensionĂ€ren fĂŒhrten wir Diskussionen ĂŒber ihre (ehemaligen) Berufserfahrungen und ĂŒber die Frage, wie sie in der Lehrerausbildung auf die Praxis vorbereitet wurden bzw. die nachfolgenden Generationen vorbereiteten. Die Themen fĂŒr diese Diskussionen gaben wir anhand der Analysen der Zeitschriften b:e und pĂ€d.extra vor (
Kap. 4 und
Kap. 6).
AbschlieĂend resĂŒmieren wir: Was hat die pĂ€dagogische Aufbruchbewegung heutigen Lehrern, PĂ€dagogen und Bildungspolitikern gebracht? Was ist von ihrem einstigen Enthusiasmus â aber auch ihrer Kritik â geblieben? Wie denken sie heute ĂŒber die Fragen, die ihre VorgĂ€nger bewegt hatten? Und wie wird es weitergehen in der Schule und in der Bildungspolitik?
Die letzte Frage können wir natĂŒrlich nicht abschlieĂend beantworten. Aber wir können aus den Erfahrungen und dem bisher Erreichten und Nicht-Erreichten Entwicklungslinien skizzieren und zur Diskussion stellen (
Kap. 7).
1Â Â Ausnahmen: Baader; Herrmann 2011.
2Â Â FĂŒr viele: Koch 2018; Bude 2018.
2 Theoretische BezĂŒge
2.1 Einleitung
Wie eingangs angefĂŒhrt, wollen wir, selbst Achtundsechziger, uns klarmachen, wie Gedanken und Handeln der damaligen Akteure sich in den nachfolgenden Generationen von PĂ€dagogen und Lehrern niederschlagen, auch wenn sie JahrgĂ€ngen angehören, die weit von der Studentenbewegung entfernt sind. Es gibt aber so etwas wie ein kollektives GedĂ€chtnis, in dem nicht nur GegenwĂ€rtiges, sondern auch Vergangenes aufbewahrt wird â aufbewahrt nicht als etwas Festes, UnverĂ€nderliches, sondern bearbeitet von den Nachkommenden durch ihre eigenen Erfahrungen. Was sich dann niederschlĂ€gt, ist eine Gemengelage aus individuellen Erfahrungen und kollektiven Interpretationen von Vergangenem. In beide Formen der Erinnerung spielt Mythenbildung hinein, die ihrerseits dazu fĂŒhrt, dass Kulturschaffende und Sozialforscher sie mit der Absicht dekonstruieren, ein angemessenes Bild des in der Vergangenheit Geschehenen und Erlebten zu erstellen. Dass dabei Neuinterpretationen keinen alleinigen Geltungsanspruch erheben können, hĂ€lt die Reflexion der Vergangenheit im Licht gegenwĂ€rtiger Gesellschaftsprobleme in Gang.
Es geht in unserem Buch um zwei tragende Ideen: einerseits um die gerade im Zusammenhang der Achtundsechziger vieldiskutierten Konzepte »Generation und Generationenzusammenhang«; andererseits um das individuelle und kollektive GedĂ€chtnis. Beide Konzepte hĂ€ngen auf vielfach verschlungene Weise miteinander zusammen, denn woran sich die Angehörigen der Ă€lteren Generationen erinnern, und wie sie die Ereignisse der Studentenbewegung beurteilen und im weiteren Verlauf ihres Lebens in ihrer eigenen Biografie immer wieder neu bearbeiten (oder in Mythen gerinnen lassen), unterscheidet sich natur- und entwicklungsgemÀà von den Angehörigen der jĂŒngeren Generationen, etwa heutigen Lehrern und Lehrerinnen. Letztere haben keine eigenen Erinnerungen an die Studentenbewegung, sondern erfahren davon durch ihre (GroĂ-)Eltern, durch Publikationen und die öffentliche Meinung.
Sowohl Ăltere als auch JĂŒngere sind mit ihren persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen an der Produktion des kollektiven GedĂ€chtnisses beteiligt, heute wie damals. Die Frage »WeiĂt Du noch, wie wir damalsâŠ?« stellt die 68er-Generation, die heute ĂŒber 70-JĂ€hrigen (wenn sie noch leben). Die Frage »Was haben die damals eigentlich gemacht und gewollt?« stellen (wenn ĂŒberhaupt) die heute 30- bis 50-JĂ€hrigen und (vielleicht gerade noch) ihre Kinder.
FĂŒr das kollektive GedĂ€chtnis spielen die Medien eine umso meinungsprĂ€gendere Rolle, je weiter »Achtundsechzig« zurĂŒckliegt. Zu diesen Medien gehören inzwischen auch retrospektive Erinnerungsberichte und EinschĂ€tzungen der damaligen Akteure.
2.2 Kollektives und individuelles GedÀchtnis
Vorweg festgestellt: Beim kollektiven und individuellen GedĂ€chtnis geht es immer um Vergangenes. Erst wenn Ereignisse eine Weile zurĂŒckliegen, kommen sie fĂŒr die Bildung und Bearbeitung des kollektiven und individuellen GedĂ€chtnisses in Frage. Gleichwohl entstehen beide GedĂ€chtnisse in nĂ€chster zeitlicher und rĂ€umlicher NĂ€he des Ereignisses, etwa was den Zweiten Weltkrieg betrifft, der am 1. September 1939 mit dem Einfall der deutschen Wehrmacht ins Nachbarland Polen begann. Im Nachhinein dehnt sich die Entstehungsperiode in weiter zurĂŒckliegende Zeiten und RĂ€ume aus â die Weimarer Republik, die verschiedenen betroffenen Nationen und LĂ€nder mit ihren besonderen VerhĂ€ltnissen etc. So modifiziert sich das kollektive GedĂ€chtnis ebenso wie das eines Einzelnen entsprechend der Abfolge der Ereignisse, ohne dass diese objektive Abfolge immer eingehalten werden mĂŒsste bzw. indem unterschiedliche Schwerpunkte gelegt werden.
FĂŒr das Ereignis »Achtundsechzig« gilt Ăhnliches. Erst mit einem gewissen Zeitabstand erweitert sich die Perspektive, das Ereignis wird in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext eingebettet, das kollektive und das individuelle GedĂ€chtnis formen und verĂ€ndern sich laufend, sowohl was persönliche und wissenschaftlich explizierende Interpretationen betrifft als auch die Mythen, die um die zurĂŒckliegenden Erlebnisse und Ereignisse gewebt werden.
Das kollektive und das jeweilige individuelle GedÀchtnis stehen m...
Table of contents
Deckblatt
Titelseite
Impressum
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
1 EinfĂŒhrung
2 Theoretische BezĂŒge
3 Die Zeitschriften b:e und pÀd.extra
4 Methodisches Vorgehen
5 Biografische Skizzen
6 GruppengesprÀche
7 Ein Blick zurĂŒck und nach vorn
Dank
Literatur und Biografisches
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