UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken durch ehrenamtliche Hospizbegleiter
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UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken durch ehrenamtliche Hospizbegleiter

Eine Orientierungshilfe

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UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken durch ehrenamtliche Hospizbegleiter

Eine Orientierungshilfe

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UnterstĂŒtzung Schwerkranker und Sterbender beim Essen und Trinken erfordert medizinisch-pflegerische Kompetenzen. Nicht selten aber werden ehrenamtliche Hospizbegleiter um Hilfe gebeten. Viele Hospiz- und Palliativeinrichtungen bieten das nicht an, weil sie hinsichtlich Komplikationen und Versicherungsschutz Bedenken haben. Andere haben sich noch nicht explizit mit diesem Thema auseinandergesetzt. Das Buch bietet eine Orientierung und soll Vorsitzende und Leitungsverantwortliche befĂ€higen, den Sachverhalt in ihren Einrichtungen individuell ins GesprĂ€ch zu bringen und zu klĂ€ren. Es werden fachliche HintergrĂŒnde erlĂ€utert und AnsĂ€tze hinsichtlich Schulung, Beauftragung, Dokumentation, Versicherung und juristischer Rahmenbedingungen geboten.

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Information

Year
2020
Edition
1
eBook ISBN
9783170375178
Subtopic
Caregiving

1 Fachlicher Hintergrund

»Essen und Trinken ist uns ein GrundbedĂŒrfnis und fĂŒr viele auch ein sinnliches Erlebnis, das fast alle unsere Sinne ansprechen kann. Essen und Trinken kann Freude, VergnĂŒgen, Genuss, Fest sein oder erotische Komponenten beinhalten. Manchmal muss Nahrung als Ersatzbefriedigung z. B. fĂŒr mangelnde Zuwendung und Geborgenheit herhalten, bis hin zu Ess- oder Trinksucht. Bei schwerer Krankheit Ă€ndern sich zwangslĂ€ufig Ess- und Trinkgewohnheiten. Die Nahrungsaufnahme kann zur Last werden. Das mangelnde Vermögen zu essen und zu trinken kann aber auch eine große Verlusterfahrung sein.« (Schmid 2018, S. 203)
Damit sind zwei Aspekte auf den Punkt gebracht:
1. Essen und Trinken sind nicht nur eine rein körperliche Angelegenheit – es handelt sich um eine grundlegende Dimension des Menschen, auch des kranken und sterbenden Menschen, die alle vier Aspekte des Total Pain-Konzeptes – physisch, psychisch, sozial und spirituell – anspricht. Welche dieser Dimensionen primĂ€r betroffen ist, erschließt sich nur vom einzelnen Menschen her und unterliegt VerĂ€nderungen.
2. Essen und Trinken kann fĂŒr den Betroffenen positiv und negativ besetzt, Lust oder Last sein.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Bedeutung von Essen und Trinken von Betroffenen und den ihm Nahestehenden aufgrund ihrer je unterschiedlichen BedĂŒrfnisse und Wahrnehmungen kontrĂ€r eingeschĂ€tzt werden kann. Es ist im Sinne von Hospizarbeit und Palliative Care, die Thematik unter diesem breiten Blickwinkel zu betrachten.
Wenn also Essen und Trinken in der Wahrnehmung des Menschen nicht allein fĂŒr die Aufnahme von NĂ€hrstoffen und FlĂŒssigkeit stehen, sondern auch fĂŒr ein kulturelles, gesellschaftliches und manchmal auch spirituelles PhĂ€nomen, dann handelt es sich um ein höchst individuell interpretiertes und umgesetztes Geschehen. Inwieweit ĂŒberhaupt, mit wem, wann und was gegessen und getrunken wird, ist einzigartig. Als wesentliches Merkmal der Hospizbewegung darf der/die Begleitete erwarten, dass sein LebensgefĂŒhl und sein Lebendigsein unterstĂŒtzt werden, indem Ehrenamtliche Mahlzeiten mit vorbereiten, ihnen Gesellschaft leisten und unter gewissen UmstĂ€nden auch beim Essen und Trinken behilflich sind. Allerdings gibt es unterschiedlichste Ursachen, die fĂŒr Betroffene aus physischer wie auch psychischer Sicht Essen und Trinken zum Problem werden lassen oder sogar mit Komplikationen verbunden sein können. FĂŒr die Begleitung durch ehrenamtliche Hospizbegleiter/innen muss daher ein differenzierter Blick auf die Thematik sowie eine EinschĂ€tzung zu den Möglichkeiten und Grenzen der UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken erfolgen. Diese EinschĂ€tzung muss auf medizinisch-pflegerischen, psychisch-sozial-spirituellen sowie versicherungsspezifischen und juristischen Aspekten gleichermaßen beruhen.
Denkbare BeeintrĂ€chtigungen beim Essen und Trinken können aus medizinisch-pflegerischer Sicht durch verschiedene »Symptome wie Schmerzen und Schluckprobleme« (Feichtner 2007, S. 344) entstehen. Feichtner (2007) benennt dafĂŒr folgende physische Ursachen:
‱ EntzĂŒndungen (im Mundraum),
‱ Mundtrockenheit,
‱ Infektionen (im Mundraum, Speiseröhre usw.),
‱ Ulzerationen,
‱ SchleimhautlĂ€sionen unterschiedlicher Genese,
‱ Blutungen,
‱ Zahn- und Zahnprothesenprobleme, wie auch
‱ Verminderung des Hustenstoßes,
‱ BeeintrĂ€chtigung des Schluckreflexes,
‱ BeeintrĂ€chtigung des WĂŒrgereizes (z. B. Erkrankungen mit sensomotorischen Störungen wie u. a. bei Muskelerkrankungen, SchlaganfĂ€llen) u. Ă€.,
‱ Übelkeit, Erbrechen,
‱ Luftnot, Kurzatmigkeit,
‱ Verlust des SĂ€ttigungsgefĂŒhls,
‱ BeeintrĂ€chtigungen des Geschmacksempfindens.
Diese Symptome »sind oft sehr belastend fĂŒr die Patienten. Sie fördern die Appetitlosigkeit und die damit verbundene zunehmende EinschrĂ€nkung der Nahrungsaufnahme. Schmerzhafte SchleimhautlĂ€sionen erschweren das Aufnehmen von Nahrung oder FlĂŒssigkeit, das Schlucken und Sprechen [
].« (Feichtner 2007, S. 344). Im Zusammenhang mit der UnfĂ€higkeit der Nahrungsaufnahme, meist einhergehend mit einer nachweislichen Gewichtsabnahme, betont Feichtner (2007), dass dieses als eine nicht zu vernachlĂ€ssigende Bedrohung angesehen werden muss. Das Erleben solcher Angst- und StresszustĂ€nde mindert bei den Betroffenen und auch bei deren An- und Zugehörigen die Hoffnung auf Linderung des Leidens. Die Problematiken weisen eben auf eine vorhandene psychische Komponente hin. Neben diagnostizierbaren psychischen Erkrankungen gehört auch die im Zusammenhang mit Krisensituationen destabilisierte LebensrealitĂ€t der Patient/innen und des gesamten Umfeldes dazu. Zusammenfassend können folgende psychische Ursachen benannt werden:
‱ Störungen in der Selbstwahrnehmung bzw. -einschĂ€tzung,
‱ EinschrĂ€nkung der Kognition (z. B. alltĂ€gliche GegenstĂ€nde können u. a. bei einer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr erkannt werden),
‱ Verlust des Temperaturempfindens,
‱ Angst, Stress u. Ă€.
All diese BeeintrĂ€chtigungen stellen keine abschließende Liste an denkbaren Ursachen dar und erheben keinen Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit. Vielmehr sollen sie exemplarisch dafĂŒr sensibilisieren, wie vielschichtig die Thematik ist.
Das Ziel innerhalb der Palliativversorgung muss sein, die beeintrĂ€chtigte LebensqualitĂ€t der Betroffenen durch Vorsorge und exzellente EinschĂ€tzung zu verbessern und rechtzeitig physisches und psychisches Leiden zu lindern bzw. vorzubeugen. Dabei verweist Feichtner (2007) darauf, dass dies der Pflege durchaus Möglichkeiten bietet, pflegerische Laien mit einzubeziehen. Doch steht außer Frage, dass eine fachliche EinschĂ€tzung zwingend erforderlich ist. Im Sinne der vorliegenden Orientierungshilfe ist fachlich zu beurteilen, ob die BeeintrĂ€chtigungen von einer Art sind, fĂŒr die ehrenamtliche Hospizbegleiter/innen Hintergrundinformationen und/oder eine praktische Anleitung benötigen, um bei der Essenseingabe adĂ€quat zu unterstĂŒtzen oder ob eine UnterstĂŒtzung gĂ€nzlich undenkbar ist, z. B. bei ausgeprĂ€gten Schluckstörungen, die aus oben genannten Ursachen auftreten können. Insbesondere fĂŒr Schluckstörungen sind ehrenamtliche Hospizbegleiter/innen zu sensibilisieren! »Schluckstörungen werden bei terminal Erkrankten in einer HĂ€ufigkeit von 12–23 % angegeben. Bei Kranken mit fortgeschrittenen HNO- und Ösophagustumoren betrĂ€gt sie 80 %.« (Student und Napiwotzky 2011, S. 173). Welche Zahlen auch immer neuere Studien ergeben wĂŒrden: Schluckstörungen sind der Hauptgrund, weshalb eine fachliche EinschĂ€tzung, eine Grundkompetenz bei der Eingabe von Essen oder FlĂŒssigkeit sowie eine Beauftragung durch die Institution unter BerĂŒcksichtigung von Rolle und Auftrag im Ehrenamt erforderlich sind. Institutionen, die ehren- und hauptamtlich in diesem Arbeitsfeld im weitesten Sinne tĂ€tig sind und mit der Frage nach UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken konfrontiert werden, sind daher gehalten, Begleitung nicht leichtfertig in die Wege zu leiten. Als verantwortliche Institutionen sind sie aufgefordert, entsprechende AbklĂ€rung herbeizufĂŒhren.
Schluckstörungen haben verschiedene Ursachen: »Der Schluckakt kann durch den Tumor selbst (Tumorinfiltrationen und -obstruktionen), tumorassoziiert (Infektionen, Mundtrockenheit, Angst, SchwĂ€che) oder therapiebedingt (Operationen, Strahlen- oder medikamentöse Therapien) gestört sein. Auch bei ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) können Schluckstörungen auftreten.« (Student und Napiwotzky 2011, S. 173). Die Ursachen und AusprĂ€gungen von organischen und funktionalen Schluckstörungen (vgl. AG Ethik in der Pflege 2010, S. 206) sind vielfĂ€ltig, wie bereits oben aufgezeigt. Die Konsequenzen gut gemeinter, aber nicht fachkundiger UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken können fĂŒr Patient/innen problematisch sein. Die am hĂ€ufigsten eintretende Situation ist das Verschlucken – die Aspiration. Gesunde Menschen können fehlgeleiteten Speichel und Nahrungsbestandteile einfach abhusten. Das gelingt insbesondere geschwĂ€chten und/oder Menschen mit einer Erkrankung, die den Hustenstoß verringert (beispielsweise bei Muskelerkrankungen), nicht ausreichend. Nicht abgehustetes Material gelangt ĂŒber die Luftröhre in die Lunge, eine LungenentzĂŒndung kann die Folge sein. Diese Aspirationspneumonien (LungenentzĂŒndungen nach Verschlucken) sind nicht selten als Komplikation zu einer schwĂ€chenden Grunderkrankung die Ursache zur progredienten, d. h. fortschreitenden Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Dagegen stellt die akute Verlegung der Atemwege wĂ€hrend der Essenseingabe eine direkte Notfallsituation dar, welche in jedem Fall sofortiges Handeln erfordert, bis hin zum Notarzteinsatz. Weitaus harmloser sind dagegen der Nahrungs- und FlĂŒssigkeitsfluss aus dem Mund, wenn die Lippen nicht komplett geschlossen werden können, wie beispielsweise nach einem Schlaganfall. WĂ€hrend der Mahlzeit kann hier unterstĂŒtzend eingegriffen werden. Dabei ist sensibles Vorgehen gefragt. Diese Situationen sind oft schambehaftet. Auch kognitive EinschrĂ€nkungen können Probleme beim Essen mit sich bringen. So können Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz manchmal den Vorgang des Essens nicht automatisiert umsetzen (Essen in den Mund → Essen kauen und einspeicheln → Schlucken). Das Essen wird lange Zeit im Mund behalten, ohne es »weiter zu verarbeiten«, ohne es zu schlucken. Hierbei besteht auch die Gefahr des Verschluckens. Des Weiteren können Verschleimung, VerĂ€nderungen im Mundraum (beispielsweise Mundtrockenheit, Borken, EntzĂŒndungen, Pilzbefall, Schmerzen), verĂ€nderter Zahnstatus, Prothesenprobleme u. Ă€. auf etwaige Schwierigkeiten beim Essen und Trinken hinweisen und bedĂŒrfen einer ÜberprĂŒfung. Diese AusfĂŒhrungen sollen verdeutlichen, weshalb die Thematik in Bezug auf ehrenamtliche Begleitungsarbeit tiefergehender Überlegungen bedarf.
FĂŒr ehrenamtliche Begleiter/innen gilt:
UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken gehört nicht zu den regulĂ€ren Aufgaben ehrenamtlicher Hospizbegleiter/innen – sie ist im Einzelfall möglich, wenn eine medizinische oder pflegerische Fachkraft (das kann auch der/die Koordinator/in sein) die Situation eingeschĂ€tzt hat, den Auftrag zur UnterstĂŒtzung beim Essen und Trinken erteilt, der/die Hospizbegleiter/in in die Aufgabe eingewiesen wurde und die Dokumentation erfolgt.
Die Frage, inwiefern und unter welchen Rahmenbedingungen ehrenamtliche Hospizbegleiter/innen Unters...

Table of contents

  1. Deckblatt
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Geleitwort
  6. Vorwort
  7. 1 Fachlicher Hintergrund
  8. 2 Rolle von Hospizbegleiter/innen und Koordinator/innen
  9. 3 Schulungsbedarf
  10. 4 Dokumentation
  11. 5 Grundlegende Rahmenbedingungen in der Hospizeinrichtung
  12. 6 Diskussion und Fazit
  13. Quellen und EinschÀtzung der Literatur
  14. AnhÀnge

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