Wo Wild ist, da wird auch gewildert
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Wo Wild ist, da wird auch gewildert

Historische Waldkonflikte im Wittgensteiner Land und Siegerland

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Wo Wild ist, da wird auch gewildert

Historische Waldkonflikte im Wittgensteiner Land und Siegerland

About this book

Bis ins 20. Jahrhundert hinein gehörten Wilderei und Holzfrevel zum Alltag. Dieser Sammelband erhellt den "Krieg im Wald" für das Gebiet des heutigen Kreises Siegen-Wittgenstein. Historische Dokumente, Zeitungsberichte, Forschungsarbeiten, heimatkundliche Texte und Hinweise auf noch unbearbeitete Quellen vermitteln den Rahmen für eine Gesamtdarstellung der Konflikte eines halben Jahrtausends. Die Landesherren beanspruchten für sich ein Monopol auf Waldbesitz und Jagdausübung. Doch die bäuerlichen Untertanen wollten mitnichten nur Frondienste für den adeligen Jagdkult leisten und erprobten lange vor der 1848er Revolution den Aufstand. Zuletzt erregten brutale Förstermorde die öffentliche Aufmerksamkeit. Verwundete oder getötete Wilderer aus der ärmeren Klasse handelte die Tagespresse anonym in Kurzmeldungen ab. Wie im "Absolutismus" plädierte man für Schüsse auch auf fliehende Frevler...Die Dokumentation zu einem lange tabuisierten Schauplatz der Sozialgeschichte erschließt Beiträge von Adolf Bahne, Dieter Bald, Peter Bürger, Otto Busdorf, Karl Féaux de Lacroix, Heiko Haumann, Johann Georg Hinsberg, Klaus Homrighausen, Fürst Karl zu Leiningen, Fritz Krämer, Christian Saßmannshausen, Alfred Schärer, O. Troemper u.a.

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Information

Year
2020
Print ISBN
9783752880908
Edition
1
eBook ISBN
9783750479913

AB DEM SPÄTEN
19. JAHRHUNDERT

Kriminaldirektor a.D. Otto Busdorf (1878-1957),
aus: ‚Wilddieberei und Förstermorde‘ Band I

XII.
„Deutscher Hannes“

Der Wilddieb Johannes Wagebach
wurde 1892 zum Tode verurteilt184

(1928)
Otto Busdorf
Ein verwegener Wilderer trieb jahrelang, in der Zeit von 1880 bis 1892, sein Unwesen im Sauer- und Siegerlande. In den großen Gebirgswäldern um Arnsberg und Brilon in Westfalen, bis hinunter nach dem Siegerlande tauchte er bald hier, bald dort auf, schädigte und beunruhigte den Wildbestand in der schlimmsten Weise und bildete für Förster und Jäger eine ständige Gefahr.
Da der Wilddieb sein Äußeres fortgesetzt veränderte und sein Gesicht geschickterweise durch Schwärzen und Anlegen von Bärten unkenntlich zu machen verstand, war man sich lange Zeit über seine Person im Unklaren. Allmählich wurde dann bekannt, daß der unheimliche Jagdgast identisch war mit dem wegen Wilddieberei bereits vorbestraften Gärtner Johannes Wagebach, der 1854 in Königsstädten geboren und in Weidenau ansässig war.
In den Kreisen seiner Wilddiebsgenossen war Wagebach unter dem Spitznamen „Deutscher Hannes“ bekannt und nahm seit geraumer Zeit unter ihnen eine führende Rolle ein. Er stand im Rufe eines verwegenen, sehr gewalttätigen Menschen und sicheren Schützen, der geschworen hatte, sich niemals bei seinem unsauberen Handwerk festnehmen zu lassen. Wie in solchen Fällen üblich, sorgten seine Anhänger für den nötigen Nimbus, dichteten ihm alle möglichen und unmöglichen Fähigkeiten und Eigenschaften an, warnten ihn bei drohender Gefahr rechtzeitig und deckten ihn durch falsche Zeugenaussagen.
Bei einem Zusammenstoß mit Forstbeamten im Walde bei Herzhausen schoß er mehrmals auf die ihn stellenden Förster und entzog sich geschickt einer Einkreisung und Festnahme. In einer späteren Urteilsbegründung hieß es: „Wagebach betrachtete sich als Gebieter und alleiniger Jagdberechtigter in den Wäldern, die Forstbeamten und Jäger sah er als Eindringlinge!“
Es ist erklärlich, daß die Forst- und Gendarmeriebeamten der dortigen Gegend alles aufboten, des gefährlichen Burschen habhaft zu werden, der mit der Zeit den Ruf eines zweiten „Schinderhannes“ genoß.
Am Sonntag, dem 27. Februar 1881, kehrte der Hilfsförster Trembour aus Burgholdinghausen von einem Dienstgang nicht zurück. Der in große Unruhe versetzte Vater veranlaßte nachmittags eine Nachsuche, die unter Beteiligung einer großen Anzahl Einwohner auch nach Einbrechen der Dunkelheit mit Laternen fortgesetzt wurde. So fand man den Vermißten im „oberen dicken Bruch“, unterhalb des „Hohen Waldes“, mit seinem Hunde erschossen auf. Das Tier war mit einem langen Riemen an der Jagdtasche befestigt. Der Tote lag auf dem Rücken, in der ausgestreckten rechten Hand lag die geladene Doppelflinte, deren Hähne gespannt waren. Im Schnee waren die Fußspuren des Forstbeamten und seines Mörders sichtbar, der hinter einer Eiche in Deckung gestanden hatte.
Die Leiche wurde bewacht, der Tatort abgesperrt und das zuständige Gericht in Kenntnis gesetzt. Die Gerichtskommission fand am anderen Morgen zwischen der Leiche und dem Baum, hinter dem der Täter gestanden hatte, kleine Fetzen braunen Papiers, Überreste des vom Schuß zerrissenen Patronenpfropfens aus dem Gewehr des Mörders. Die im Schnee sichtbaren Fußspuren des geflüchteten Täters waren nur bis zu einer schneefreien Fläche zu verfolgen, sonstige Spuren und Beweismittel fanden sich nicht vor. Ein Zeuge hatte in der Zeit zwischen 15 und 16 Uhr zwei Schüsse in der Gegend des Tatortes gehört, weitere Beobachtungen aber nicht gemacht.
Die Obduktion ergab, daß ein Postenschuß aus naher Entfernung dem Förster Trembour Herz und Lunge zerrissen und so den sofortigen Tod herbeigeführt hatte. Ein zweiter Postenschuß hatte den Hund getötet.
Der Verdacht der Täterschaft fiel sofort auf den berüchtigten Wagebach. Den Forstbeamten war bekannt, daß er seit geraumer Zeit die dortigen Wälder unsicher machte. Der Vater des Ermordeten, ebenfalls Förster, hatte schon im November 1880 einen Wilddieb verfolgt, der ein Reh im Rucksack trug. Dabei hatte der Verfolgte den Rucksack abgeworfen, ein verborgen getragenes Gewehr hervorgeholt, zusammengeschraubt und damit auf den Förster geschossen. Nach mehrmaligem Kugelwechsel war der Wilddieb dann verschwunden, es bestand aber kein Zweifel, daß es Wagebach gewesen war.
Die in der Nähe des erschossenen Försters Tembour vorgefundenen Fußspuren des Täters hatte man in der damals üblichen primitiven Art sichergestellt. Man hatte ein Holzstäbchen daraufgelegt und Sohlenlänge und -breite durch Einkerben markiert, so daß Wagebach nun bei den Gendarmen „etwas auf dem Kerbholz hatte“. Einen Anhalt für den Verdacht seiner Täterschaft bot der aufgefundene Deckel einer kleinen Kaffeekanne, den er auf der Flucht verloren hatte. Mehrere Zeugen bekundeten, daß er aus dem Haushalt des Wildhändlers Maier in Siegen stammte, bei dem, wie der Polizei bekannt war, Wagebach das Wild absetzte. Es kam später zur Sprache, daß dieser Wildhändler gewerbsmäßige Hehlerei in größtem Umfange getrieben und den Wagebach ständig ermahnt hatte, recht vorsichtig zu sein, sonst aber immer „ganze Arbeit zu machen“, d.h., einen ihn beim Wildem überraschenden Förster oder Jäger kurzerhand zu erschießen. Maier hielt den Wagebach auch in seinem Hause verborgen, und sein Sohn beteiligte sich in der Wilderei. Er bestritt aber, daß der am Tatort gefundene Deckel aus seinem Haushalt stammte.
Leider gelang es nicht, den unter dringendem Tatverdacht festgenommenen Wagebach des Mordes zu überführen. Sofort nach seiner Entlassung aus dem Untersuchungsgefängnis wilderte er weiter und war so in den folgenden Jahren der Schrecken der Jäger und des Jagdschutzpersonals. Es fehlte wohl auch eine sachgemäße Oberleitung in der Bearbeitung des Falles, ein Zusammenarbeiten zwischen örtlicher Polizei und Jägerei, auch gelang es nicht, Vertrauensleute zu gewinnen.
Wagebach trat immer frecher auf, der Mißerfolg seiner Verfolger und seine Entlassung aus dem Untersuchungsgefängnis stärkten sein Selbstbewußtsein, was zur Folge hatte, daß er unvorsichtiger wurde. So gelang es endlich, seinen neuen Unterschlupf zu entdecken und durch geschickte Beobachtungen und Mithilfe der Bevölkerung genügend Belastungsmaterial herbeizuschaffen, um die Gewerbsmäßigkeit des Wilderns nachweisen zu können. Einer seiner früheren Helfer war „undicht“ geworden und hatte „verpfiffen“, so daß auch neue Tatsachen bekannt wurden, die den Verdacht gegen Wagebach in erheblichem Maße verstärkten, den Förster Trembour erschossen zu haben.
Dem Wagebach wurde natürlich hinterbracht, daß man ihm auf der Spur sei, ihm wurde der heimatliche Boden zu heiß, und die dichten Waldungen des Sauer- und Siegerlandes, die ihm bisher Unterschlupf geboten hatten, schienen ihm nicht mehr sicher genug. Im September 1889 wanderte er nach Brasilien aus und ließ seine Frau und zahlreiche Kinder in größter Armut zurück.
Wenn auch der Mord an ihrem Kollegen keine Sühne gefunden hatte, konnten die Förster und Jagdschutzbeamten doch aufatmen, nachdem dieser sie ständig bedrohende, gefährliche Verbrecher in die Urwälder Brasiliens hinübergewechselt war. Doch im Mai 1891 verbreitete sich die Schreckenskunde unter den Angehörigen der grünen Farbe: Der „Deutsche Hannes“ ist wieder im Lande!
Schutzhaft und Sicherungsverwahrung als Vorbeugungsmaßnahmen anzuwenden, kannte die damalige Rechtspflege in solchen Fällen noch nicht. Ungehindert konnte also Wagebach sein gefährliches Treiben wieder aufnehmen, und Jäger und Förster konnten mit Sicherheit darauf warten, daß wieder einer von ihnen niedergeschossen wurde. Bald fielen auch wieder verdächtige Schüsse, und der maskierte Wilderer wurde an vielen Orten gesehen. Erfahrungsgemäß ist zwar nur ein Teil derartiger Meldungen wahr, denn zu solchen Zeiten setzt so etwas wie eine Massenpsychose ein. Ängstliche Gemüter sehen im Walde überall Gespenster, die einen wollen sich durch solche Meldungen interessant machen und kommen sich wichtig vor, andere nutzen die Gelegenheit für den eigenen Vorteil und um vielleicht ihre eigenen dunklen Machenschaften zu verschleiern. Daß jedoch Grund genug vorlag, den unheimlichen Wilderer zu fürchten, zeigte bald ein Vorgang, der aufs neue Schrecken verbreitete.
Der 60 Jahre alte Förster Kroh wohnte bei seinem Schwiegersohn in Dotzlar. Am Nachmittag des 13. Oktober 1891 unternahm der Beamte einen Dienstgang, von dem er zur vorher angesagten Zeit nicht zurückkehrte. Der Schwiegersohn fand ihn bei einer mit Bekannten und Nachbarn angestellten Nachsuche oberhalb Dotzlar erschossen am Waldrande. Ein Schrotschuß hatte ihm die rechte Gesichtshälfte zerrissen, in das Gehirn gedrungene Schrote hatten den Tod augenblicklich herbeigeführt.
Quer über der Leiche lag die Doppelflinte, deren Hähne nicht gespannt waren. Auch fand man wieder einen Patronenpfropfen aus dem Gewehr des Mörders. Um 18 Uhr hatten Zeugen zwei Schüsse gehört. Sechs Schritte von der Leiche entfernt hatte der Mörder einen gewilderten Hasen hingelegt, und es hatte den Anschein, als ob er die Kollegen des Erschossenen und die Gerichtskommission verhöhnen wollte. Man konnte feststellen, daß der Täter die Jagdtasche unter der Leiche hervorgezogen und drei darin befindliche Notizbücher an sich genommen hatte.
Der Verdacht fiel natürlich sofort wieder auf den berüchtigten Wagebach, doch führten die Nachforschungen in seiner Wohnung und den anderen, den Beamten bekannten Unterschlupforten nicht zu seiner Festnahme. Es stellte sich heraus, daß er nach seiner Rückkehr aus Brasilien sein altes vagabundierendes Räuberleben sofort wieder aufgenommen hatte. Dabei hatte er sein Unwesen fast ausschließlich in den Wittgenstein’schen und Berleburger Waldungen getrieben. Der Stiefsohn Wagebachs sagte aus, daß der Gesuchte am Tage der Ermordung des Försters Kroh beim Verlassen der Wohnung gesagt habe, er würde nicht früher zurückkommen, bis er zwei Rehe erlegt habe, denn er brauche dringend Geld. Wagebach war aber schon nachts drei Uhr zurückgekehrt, ohne Wild mitzubringen, war sehr aufgeregt gewesen und hatte sich bei Tagesanbruch wieder entfernt. Der Stiefsohn hatte auch ein Notizbuch in seiner Rocktasche gesehen, das er vorher nicht besessen hatte. Höchstwahrscheinlich war es eins der dem Ermordeten geraubten Bücher.
Aufs neue beg...

Table of contents

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Die Buchreihe über Wilderer und Waldkonflikte
  3. Einleitung: zu diesem dokumentarischen Sammelband und Quellenüberblick: Peter Bürger
  4. Aus Zeiten der Feudalherrschaft
  5. Ab dem späten neunzehnten Jahrhundert
  6. „Werkstatt der Heimaterzähler‘: Geschichte und Geschichten
  7. Kleine Chronologie (mit Seitenverweisen)
  8. Herausgeber & Autoren
  9. Weitere Informationen
  10. Impressum

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