Alptraum
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Kriegserinnerungen - Aufzeichnungen eines einfachen Soldaten

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Kriegserinnerungen - Aufzeichnungen eines einfachen Soldaten

About this book

Werner Kleine, geboren 1922 in Leipzig, war 81 Jahre alt, als er diese Kriegserinneringen erstmals veröffentlichte. Seinem schon 1996 erschienen Buch "Parole Heimat", in dem er die letzten Tage als Soldat im Zweiten Weltkrieg schildert, folgte 2003 "Alptraum" über die Zeit beim Reichsarbeitsdienst, die Grundausbildung als Soldat und den Einsatz an der Front. Heute, zum Zeitpunkt der Wiederauflage beider Bücher, nunmehr in seinem 98. Lebensjahr, ist er einer der letzten Zeitzeugen dieses Krieges und der Diktatur. In Zeiten, in denen wieder vermehrt Tendenzen zur Vertuschung, Rechtfertigung oder gar Verherrlichung des damals geschehenen Unrechts und der Kriegsgräuel zu vernehmen sind, ist es ihm besonders wichtig, dass die Erinnerungen an die Schrecken des Krieges als eine Mahnung und Warnung an jüngere Generationen weiter bestehen und nicht in Vergessenheit geraten."Die Wahrheit ist, zuerst wollte ich ein Held sein, zuletzt, auch im elendigsten Moment, nur noch überleben"

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Information

Year
2020
Print ISBN
9783752859379
Edition
1
eBook ISBN
9783750479500
Topic
History
Index
History

TEIL II

Einleitung

Zur Erinnerung an Menschen, die den Zweiten Weltkrieg mit erlitten haben, egal auf welcher Seite. Wenn Völker Krieg gegeneinander führen, tun sie es angeblich immer nur, um sich zu verteidigen und den Frieden zu bewahren. Das geschieht zumeist mit dem Segen der Kirche. Und stets finden Politiker überzeugende Argumente und bereitwillige Agitatoren: Ein Angriffskrieg sei abzuwehren. Es gehe um die Rettung der Bevölkerung vor feindlichen Gräueltaten.
Die Legende vom gerechten Krieg. Immer wieder taucht sie auf. Offiziere und Berufsunteroffiziere aller Armeen der Welt werden dafür ausgebildet. Immer schon. Dass geschossen und bombardiert wurde, hat natürlich niemand gewollt. Generäle sind Menschen, die Schicksal spielen. Militärs befehligen Kampfeinheiten. Die Parole der Kriege lautet: Töten! Und töten lassen.
Meine vom 1. Dezember 1941 bis 28. Februar 1942 andauernde Rekrutenausbildung hinterließ Spuren. Körperliche Strapazen und geistige Demütigungen überschritten zumutbare Grenzen.
Die Rekrutenausbildung erwies sich als harte Zeit der Disziplinierung. Drill und Erniedrigungen waren oft schwer zu ertragen.
Die gute Kameradschaft unter uns jungen Soldaten konnte manchem über die schlimmsten Krisen hinweghelfen. Den harten Anforderungen am besten gewachsen zeigten sich Männer, die an berufliche Schwerarbeit gewöhnt waren. Für Individualisten begann eine Leidenszeit. Mit genüsslichen Schleifereien wurde Kadavergehorsam erzwungen. Um normale Reaktionen auszuschalten und selbstständigem Denken den Todesstoß zu versetzen.

Rekrutenzeit in Döbeln

Den Gestellungsbefehl überbrachte meine Mutter, als ich in die Wanne gestiegen war und mich genussvoll im heißen Wasser rekelte. Abgemagert, aber gottlob unverletzt war ich wenige Tage zuvor aus Russland zurückgekehrt. Nach zehn Monaten Dreck im Reichsarbeitsdienst wusste ich ein wohlriechendes Bad dankbar zu genießen.
Ich öffnete den Umschlag. Das Schreiben enthielt einen Amtsstempel. Was nichts Gutes verhieß. Ich überflog die Mitteilung. Meine Befürchtungen bestätigten sich. Der Traum vom geruhsamen Weihnachtsfest im Kreis der Familie zerstob. Die gute Laune, wie weggeblasen. Ich war bedient und dachte: Uns verbleiben nur noch ein paar Tage. „Verdammter Einberufungsbescheid!“
„Holt man Dich schon wieder weg von uns?“, fragte meine Mutter erschrocken. Nach kurzem Zögern antwortete ich mit bemüht fester Stimme:
„Ja, Muttel. Am 1. Dezember muss ich beim 4. Infanterie-Ersatz-Bataillon 475 in Döbeln meinen Wehrdienst antreten.“
Meine Mutter wandte sich ab und verließ, ihre Tränen verbergend, hastig das Badezimmer.
Der Hauptbahnhof bot das vertraute Bild. Abschiedsszenen. Menschen, denen letzte Minuten verrannen. Eingefrorene Lächeln. Unterdrückte Tränen. Umarmungen. Küsse. Frauen, die sich mit Verlustängsten quälten und mit flatternden Tüchlein den abfahrenden Zügen noch ein paar Meter nachliefen.
Der Zug verließ Leipzig bei hereinbrechender Dämmerung. Wenige Minuten später durchfuhr er nur noch lichtlose Ortschaften. Kilometer um Kilometer, die sich der Zug von Leipzig entfernte, versank ich in trübere Gedanken. Vor mir lagen zwölf Wochen harter militärischer Ausbildung. Danach sollte es nach Russland gehen. Diesmal zum Kampfeinsatz an die Front.
Döbeln ist heute eine Kreisstadt im Herzen Sachsens. Im Dezember 1941 befand sich die Garnisonsstadt im Zustand der Verdunklung. Auch der Bahnhof war spärlich beleuchtet. Kalt war es. Bitterkalt. Uniformen und Marschtritte von Infanteriekolonnen bestimmten das Straßenbild. Stiefel knallten auf mittelalterliches Kopfsteinpflaster. Kommandos. Kräftige Männerstimmen dröhnten Soldatenlieder. Im abgehackten Rhythmus folgten die Refrains. Die Infanteriekasernen waren schnell erreicht. Der Gebäudekomplex glich einer Festung. Wuchtige Blocks. Erbaut im Jahr 1888. Hinter den grauen Mauern der Umzäunung ragten hohe Fassaden gegen den klaren Sternenhimmel. Düster und abweisend.
Infanteriekaserne Döbeln
Auf dem dürftig beleuchteten Kasernenhof erstarrte in Reih und Glied eine mit Maschinengewehren und Karabinern ausgerüstete Infanterieeinheit. In Stahlhelmen mit Kinnriemen boten die Männer einen martialischen Anblick. Die jungen Gesichter wirkten ernst und gefasst.
„Kompanie zur Nachtübung angetreten!“, meldete ein Feldwebel mit hoher Stimme. Ein Offizier dankte lässig. Kurzen Befehlen folgten Gewehrgriffe. Marschtritte und das gellende Kommando: „Ein Lied!“
„Märkische Heide, märkischer Sand!“
Ein Gefreiter, der uns Neuankömmlinge zur Schreibstube brachte, warf sich in Positur: „Die seit Oktober in Ausbildung befindlichen Rekruten rücken heute zu ihrer letzten Nachtübung aus. Nächste Woche wechseln sie zum Marschbataillon, und in spätestens vier Wochen kämpfen sie schon an der Ostfront!“
In den Döbelner Kasernen wurden zwischen Oktober 1941 und April 1942 an die eintausend Rekruten ausgebildet. Von Unteroffizieren über die Kasernenhöfe gejagt. Geschliffen und auf Fronteinsätze vorbereitet, von denen die Ausbilder verschont blieben.
Die erste Amtshandlung, die an mir vorgenommen wurde, bestand in der Vermessung meiner Körpergröße.
„Einsachtzig! 1. Zug, 1. Korporalschaft!“, rief ein Gefreiter.
Der Raum, in den die neuen Rekruten eingewiesen wurden, war zweckmäßig eingerichtet. Vor den Spinden stand ein langer Holztisch, umgeben von Stühlen. Das war alles. Die Gewehrständer befanden sich draußen im Korridor. Unmittelbar neben der Tür.
Frisch gebackene Kameraden, hockten wir auf den Stühlen und beschnupperten uns. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe. Kein Lebenslauf glich dem anderen: Arbeiter, Angestellte, ein künftiger Student harrten der Dinge, die auf sie zukommen würden.
„Und wo sind die Schlafräume?“, wollte jemand wissen.
„Euer Schlafsaal befindet sich am Ende des Ganges auf der rechten Seite. Links gegenüber liegen Waschräume und Toiletten“, lautete die knappe Antwort. Das Warten auf Herrn Unteroffizier erschien uns wie eine Ewigkeit.
„Achtung!“, brüllte endlich die Stimme eines Oberschützen.
Unteroffizier Kuske betrat den Raum mit unbewegtem Gesicht. Hoch gewachsen, schlank, breite Schultern, schmale Taille, überragte der Korporal die meisten Kompanieangehörigen um Haupteslänge. Unter der Schirmmütze blitzten zwei hellwache Augen. Das scharf geschnittene Gesicht mit der Hakennase und dem kantigen Kinn gaben ihm schon bei seinem ersten Auftritt eine eindringliche, ja bedrohliche Präsenz. Imposant, dachte ich, und Furcht einflößend.
„Herhören Leute! Oberschütze Prokop, mein Hilfsausbilder, der wird Ihnen einweisen. Wir sehen uns morgen!“ Kuske nickte grimmig und verschwand.
„Ein Brüll vom Unteroffizier genügt, den Appellplatz menschenleer zu machen“, verkündete Oberschütze Prokop drohend:
„Macht euch auf einiges gefasst!“ Unteroffizier Kuske ist der gefürchtetste Vorgesetzte des gesamten Bataillons. Keiner von euch wird ihn wieder vergessen!"
Abgesehen von den Befehlsschreiereien, die ständig durch die Korridore hallten, verging der erste Vormittag beinahe gemütlich. Der Friseur prüfte jeden Haarschnitt auf Kürze.
Ihm genügte ein Blick. Und schon erfüllte er die militärische Vorschrift im Ruck-zuck-Verfahren.
„Ab zur nächsten Station“, befahl Prokop, als wir Haare gelassen hatten. „Und aufpassen beim Sachenfassen!“
Die Bekleidungskammer befand sich in einer Halle mit hohen Regalen. Prokop warnte uns: „Vorsicht! Herr Unteroffizier Holst neigt zu unkontrollierten Wutausbrüchen!“
Die massive Gestalt und das fleischige, breite Gesicht des Kammerbullen, wie dieser Korporal genannt wurde, ließen eigentlich mehr auf einen freundlichen Gemütsmenschen schließen. Prokop hatte Recht: Ein kurzer Blick des Unteroffiziers genüge, und alles, was er den Rekruten zuwerfe - Unterwäsche, Uniformhose und Jacke, Stiefel, Stahlhelm und Mütze - habe zu passen. Hundertprozentig! Widerspruch wäre zwecklos. Würde nicht geduldet. Grenze an Befehlsverweigerung.
Werner Jung, ein athletischer Kerl mit großem Kopf und einem Gesicht, das wie Babyspeck gerundet war und kindliche Züge aufwies, drehte den Stahlhelm unschlüssig in seinen Händen. Sichtbar rang er um einen Entschluss. Endlich nahm er Haltung an, legte die Hände an die Hosennaht und stotterte aufgeregt: „Bitte Herrn Unteroffizier melden zu dürfen, dass der Stahlhelm nicht passt. Ist für meinen Kopf zu klein“, wagte er einzuwenden. Das war tollkühn.
Der Kammerbulle glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.
„Ich habe mich wohl verhört?“, fragte er aufgebracht.
„Vortreten der Mann!“
Unteroffizier Holst betrachtete den Rekruten wütend, riss ihm den Stahlhelm vom Kopf und stülpte ihn Jung erneut kräftig über die Ohren.
„Passt nicht?“, fragte er mit drohendem Unterton, „dann sollten wir das mal üben. Name? Nach Dienstschluss bei mir melden!“
Zur Bekleidungskammer abgestellt zu werden war angeblich ein begehrter Posten. Das Umstapeln von Hemden und langen Unterhosen, so hörte man, sei für Rekruten geradezu ein Traumjob. Für Werner Jung kam der nicht mehr in Betracht.
In der Waffenkammer residierte Oberfeldwebel Müller. Aus allen Ecken roch es nach Waffenöl, mit dem Läufe und Schlösser von Maschinengewehren, Gewehren und Pistolen eingefettet werden mussten. Die Waffen standen akkurat in Ständern. Übungshandgranaten lagen aufgereiht in Regalen.
Jeder Rekrut erhielt einen Karabiner. Der Schriftführer, ein kurzsichtiger Oberschütze, notierte mit der Nase auf dem Papier lange Reihen von Nummern und ließ sich die Übergabe quittieren.
Nach Empfang von Klamotten und Ausrüstung blieben wir für den Rest des Tages dienstfrei.
Als Jung vom Kammerbullen zurückkam, stürmten die Kameraden auf ihn ein: „Was ist passiert?“ Jung war die Erleichterung anzumerken:
„Nichts weiter. Der Unteroffizier blieb friedlich. Wortlos bekam ich einen anderen Stahlhelm. Der neue ist zwei Nummern größer.“
„Der schlechte Ruf des Unteroffiziers Holst ist unbegründet. Und was Prokop über Kuske verbreitet, muss auch nicht stimmen“, hoffte Franz Klaus.
Die Ausbildungskompanie trat zum ersten Dienst an, nachdem die Mannschaftsdienstgrade beim Frühsport ein paar Runden um den Kasernenhof gedreht hatten.
„Hauptfeldwebel Grosser verlässt das Geschäftszimmer stets auf die Minute Punkt 6.30 Uhr“, wusste ein ehrfürchtiger Hilfsausbilder.
Als „Spieß“, wie die Schreibstubenchefs in der Soldatensprache genannt wurden, fungierte ein bulliger Bayer. Stiernackig. Von der Statur eines Schrankes.
Der Hauptfeldwebel stellte sich breitbeinig vor die in Reih und Glied angetretenen Rekruten, zückte ein schwarzes Notizbuch im Format DIN A5 und befahl: „Ausbilder, Meldung machen!“
„Erste Korporalschaft vollzählig angetreten!“, brüllte Kuske.
„Zweite Korporalschaft bei einer Krankmeldung mit elf Mann angetreten!“, rief Unteroffizier Maschke.
„Dritte Korporalschaft vollzählig angetreten!“, schrie Unteroffizier Lange mit sich überschlagender Stimme.
Hauptfeldwebel Grosser, die Nase fleischig, der Blick aus hellen Augen klar und ernst, nickte zufrieden und rief dröhnend:
„Die Neuen melden sich nach...

Table of contents

  1. Danksagung
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Teil I
  4. Teil II
  5. Epilog
  6. Bildquellen
  7. Impressum

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