Klimaproteste, Gelbwesten, PEGIDA, Occupy, Hongkong, Arabellion â die AnlĂ€sse sind vielfĂ€ltig, die Inhalte unterschiedlich, und doch ist all diesen Protestbewegungen eines gemein: ihre formale Ăhnlichkeit. Protest wird dann wahrscheinlich, wenn Interessen, GeltungsansprĂŒche und Kritik an sich selbst erleben, dass sie sich in den eingefahrenen Routinen einer trĂ€gen Gesellschaft nicht durchsetzen können. Einerseits wird Protest damit zum Demokratiegenerator, versucht andererseits aber jener Vetospieler zu sein, den moderne Gesellschaftsstrukturen nicht zulassen. Die Grenzen, an die der Protest hierdurch stöĂt, initiieren eine merkwĂŒrdige Steigerungslogik und mĂŒnden in einer strukturell tragischen Konstellation: In den MĂŒhlsteinen der Gesellschaft, die es schafft, alle Opposition zu integrieren, verpufft der Protest.Dieses Buch erklĂ€rt, wie aus Kritik Protest wird, wie er eingebettet ist in die Kommunikationslogik unserer Zeit, wie sich seine Eigendynamik entfaltet und worin genau die Tragik des Protests besteht â ein Vademecum fĂŒr all diejenigen, die gegenwĂ€rtige Protestformen ganz unterschiedlicher Couleur verstehen wollen. Keine Protestschrift, sondern eine Schrift ĂŒber den Protest â ĂŒber einen Sichtbarkeitsgenerator, der gesellschaftlichen Konflikten einen Ausdruck verleiht.

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Das symmetrische Nein
Die bisherige These lautet: Protest ist eine Reaktion auf die begrenzte InstitutionalisierungsfĂ€higkeit von Konflikten. Es geht also um die AbsorptionsfĂ€higkeit von Nein-Stellungnahmen in den institutionalisierten Verfahren in Organisationen des Staates, der Wirtschaft, aber auch der Bildung oder des Rechts. DarĂŒber hinaus hat die Frage der Bearbeitung des Nein-Potenzials von Kommunikation auch eine kulturelle Dimension, wenn man es so nennen will. Um es auf eine Formel zu bringen: Wenn es ein Signum der gegenwĂ€rtigen Kultur gibt, dann ist es ohne Zweifel die exponentielle Ausweitung von Sprecherpositionen. Vielleicht ist das im Bereich der Kunst und der Popkultur am frĂŒhesten zu besichtigen gewesen. Moderne Kunst hat sich dadurch ausgezeichnet, dass sie das Nein-Potenzial von Kommunikation so weit ausgereizt hat, dass es fĂŒr die zeitgenössische Kunst immer schwieriger wurde, ĂŒberhaupt noch Abweichungen zu finden, die als solche registriert werden können. Ob es um die Malerei, die bildende Kunst, die Musik oder die Literatur geht: Das 20. Jahrhundert hat Genres und Eindeutigkeiten aufgelöst oder zumindest infrage gestellt. Alle ĂŒberkommenen Formen und ihre Formvorschriften wurden ĂŒber den Haufen geworfen.
Es ist kein Zufall, dass dies ausgerechnet in der Kunst sichtbar wurde, weil die Funktion der Kunst gerade darin zu suchen ist, auf die Form selbst hinzuweisen, indem das Medium als Medium sichtbar wird.16 Kunst verweist den Blick darauf, dass alles negiert werden kann â vielleicht ist Kunst selbst eine Form der Negation, weil sie stets den Alltagsblick, die herkömmliche Sehgewohnheit und die Erwartung an bestimmte AnschlĂŒsse enttĂ€uschen, negieren muss, um ĂŒberhaupt unter Kunstverdacht zu geraten. Das geht so weit, dass Kunst im 20. Jahrhundert dies noch steigert, vielleicht sogar steigern muss, und den unverfĂ€lschten Alltagsgegenstand zum Kunstwerk erklĂ€rt, um in der Erwartbarkeit des »Normalen« auf die Unerwartbarkeit der kĂŒnstlerischen Performanz hinzuweisen. Die Provokation, jeder sei ein KĂŒnstler (Joseph Beuys), oder die Provokation, einfach eine Suppendose unverfĂ€lscht abzubilden (Andy Warhol), lebt davon, dass hier die Nicht-VerfĂ€lschung zur vollstĂ€ndigen VerfĂ€lschung der Erwartung an die Kunst wird. Es ist das absolute Nein, weil es den Erwartungen in keiner Weise folgt â und ist damit Protest sowohl gegen Alltagsgewohnheiten als auch gegen den Kunstbetrieb selbst.
An der Kunst wird deutlich, was sich in der Gesellschaft zunehmend ereignet: Die eine legitime Form beziehungsweise ein klarer Kanon bestimmter Formen wird durch eine Vielfalt von Formen konterkariert, die immer mehr Möglichkeiten denkbar werden lassen. Was in der Kunst die Auflösung des Stils und der deutlichen Formvorschrift ist, ist in der allgemeinen gesellschaftlichen Kommunikation zunĂ€chst die Auflösung von Konventionen bis hin zur Etablierung von Sprecherpositionen, die es zuvor nicht gegeben hat. Denkt man an die sichtbarsten Auswirkungen der gesellschaftlichen Liberalisierungen der 1960er- und 1970er-Jahre, so waren dies zunĂ€chst sehr alltagsnahe Negationen von Erwartungen â man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie sehr Kleidungsstile, vor allem Frisuren, aber auch Kommunikationsstile zum alltĂ€glichen familiĂ€ren Battlefield um mögliche Nein-Stellungnahmen geworden sind. Was sich heute in einer fast universal gewordenen popkulturellen Form der Mixtur und Rekombination von Stilen und Ă€sthetischen Referenzen zeigt und milieu-, vor allem aber generationsĂŒbergreifend geworden ist, war in den 1960er- und 1970er-Jahren eine alltĂ€gliche Form der Etablierung von Nein-Stellungnahmen im Alltag. Man hat das gerne als Individualisierung und Pluralisierung interpretiert,17 vor allem ist es aber Ausdruck der kommunikativen Etablierung von Nein-Stellungnahmen zum Erwartbaren. Pluralisierung wĂŒrde ja nur heiĂen, dass sich der Möglichkeitsraum erweitert hat. PluralitĂ€t wĂ€re ein Nebeneinander von Unterschiedlichem â der soziale Sinn solcher pluraler Formen war aber in nicht unerheblichem MaĂe das Antipodische, eine Nein-Stellungnahme, die die Form eines Generationskonfliktes angenommen hat.
Es gehört wohl ohnehin zum bĂŒrgerlichen Konzept von Jugend, ein bestimmtes, freilich kontrolliertes MaĂ an Nein-Stellungnahmen zur gesellschaftlichen Norm zu pflegen.18 Aber spĂ€testens in den Jugendkulturen des spĂ€ten 20. Jahrhunderts wurde dies zum konstituierenden Prinzip einer Lebensform, die sich mehr und mehr daran gewöhnt hat, mit Abweichungen und Nein-Stellungnahmen umzugehen. Wahrscheinlich kann man Modernisierungsprozesse ohnehin als Emanzipationsgeschichte von Sprecherinnen und Sprechern rekonstruieren,19 was sich vor allem in der Alltagsrelevanz von sozialen Bewegungen gezeigt hat: Arbeiterbewegung, BuÌrgerrechtsbewegung, Frauenbewegung, Friedensbewegung, Umweltbewegung, Homosexuellenbewegung haben nicht zu groĂflaÌchigen Massenprotesten oder gar Revolutionen gefuÌhrt, sondern wurden letztlich von den inklusionsfördernden Potenzialen des Staates aufgenommen, also durch die Inklusion von Nein-Stellungnahmen in die Entscheidungsprozesse von Institutionen der Gesellschaft. Damit konnte den Bewegungen recht gegeben und unkontrollierbarer Protest zugleich unterminiert werden. Die Arbeiterbewegung findet sich als betriebliche Mitbestimmung wieder. Aus einem unversöhnlichen Feminismus wurden Frauenförderprogramme. Und Akteure der Friedensbewegung wurden spĂ€ter BefĂŒrworter von MilitĂ€reinsĂ€tzen mit UN-Mandat. Der Wohlfahrtsstaat westlichen Typs ist in der Lage, visionaÌren Protest in die Form des Verwaltungsaktes zu bringen. Damit war womoÌglich die Protestgeneration der 1960er-Jahre selbst ein Produkt der Folgenlosigkeit von Massenprotest im Wohlfahrtsstaat bei gleichzeitiger Anerkennung seiner politisierbaren und erreichbaren Ziele.20
Doch auf alltagskultureller Ebene hat diese institutionelle Anerkennung von Protestforderungen letztlich zu einer Aufweichung des klassischen Jugendkonzepts als Moratorium oder Schonphase gefĂŒhrt und das, was man in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft der »Jugend« zugerechnet hat, nun quasi universalisiert. Sollten Jugendliche gewissermaĂen ausprobieren, was möglich ist, sollten sie sich an den Erwartbarkeiten abarbeiten, wohl wissend, dass diese Phase spĂ€testens mit der Inklusion in die klassischen Institutionen des Arbeitslebens und der Familie vorbei sein wĂŒrde, scheint sich diese Möglichkeit nun biografisch zu verĂ€ndern. Das fĂŒhrt zu einer Multiplikation von Sagbarkeiten, die im Alltag tatsĂ€chlich als Nein-Stellungnahmen aufgefallen sind. Nicht von ungefĂ€hr suchen gegenwĂ€rtige Kulturkritiken semantisch nach »erwachsenen« Formen.21 So richtig solche Diagnosen sind, so sehr verkennen sie womöglich, dass in der normativen Erwartung des »Erwachsenen« gerade jene Art der Kommunikation gemeint ist, der es gelungen ist, Nein-Stellungnahmen in institutionelle und verfahrensförmige Bahnen zu lenken. Exakt das scheint immer weniger zu gelingen.
Moderne Gesellschaften waren stets von einer gewissen PluralitĂ€t geprĂ€gt, vor allem im Hinblick auf die kulturelle Ausformung unterschiedlicher Milieus und Auffassungen. Neu war dagegen, dass es immer schwerer gelang, so etwas wie eine legitime Form der Selbstbeschreibung der gesellschaftlichen RealitĂ€t zu gewĂ€hrleisten. Die Idee des »Erwachsenen« meint exakt das â nach dem Moratorium des Jugendlichen kommt das Individuum in einer Gesellschaft an, deren Grundregeln relativ bekannt sind und in denen durchaus so etwas wie ein NormalmaĂ an Abweichung vorgesehen ist. Diese Form der bĂŒrgerlichen Eindeutigkeit scheint nicht mehr zu gelten. Nun kann man diese Geschichte durchaus als eine Verfallsgeschichte erzĂ€hlen, lĂ€sst dabei aber womöglich die Bedingungen auĂer Acht, unter denen dies geschieht. Man kann sie auch feiern, verfehlt das Wesentliche damit aber auch. Es lohnt sich also, weiter auf der Spur dessen zu bleiben, was ich hier jenen kulturellen Trend zur Etablierung von Nein-Stellungnahmen nenne.
ZunĂ€chst kann man diagnostizieren: Es entstanden seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts Sprecherpositionen, die zuvor weniger legitim das Wort erheben konnten. Modernisierung kann als ein Emanzipations- oder Inklusionsprozess unterschiedlicher Gruppen der Gesellschaft angesehen werden: Der Untertan wird zum BĂŒrger emanzipiert, Arbeiter und untere Schichten werden mit Gleichheitsrechten ausgestattet, Frauen werden gleichberechtigt, Behinderung, nichtheterosexuelle Lebensformen und alternative Lebensstile werden anerkannt, Ă€sthetische Abweichung wird alltagstauglich, KritikfĂ€higkeit wird zum entscheidenden Erziehungsziel, die IndividualitĂ€t des Lebensentwurfs darf sich vor allem an sich selbst und weniger an ausgebauten Karrierepfaden orientieren usw.
Vor allem alternative Lebensstile der linksalternativen Szene, wie sie Ende der 1960er-Jahre im unmittelbaren Gefolge der Ereignisse um 1968 entstanden sind und ab den 1980er-Jahren eher abflauten, können als ganze Lebensformen in Form einer Nein-Stellungnahme gelesen werden.22 Mit der Protestkultur des linksalternativen Lebens wird eine Inklusion alternativer Lebensformen in die Gesellschaft durch Exklusion ganzer Szenen aus erwartbaren Strukturen verfolgt. Es entstand ein Habitus, der das Leben selbst zu einer Art Protest, zu einer lebensweltlichen Nein-Stellungnahme gemacht hat. Studien gehen davon aus, dass in den 1970er-Jahren zehn bisâ15 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland diesem Alternativ- und Protestmilieu angehört haben.23 Es geht also nicht um eine marginale Gruppe.
Die linksalternative Szene umfasste unterschiedliche Formen, etwa eine reichhaltige Alternativpresse, alternative Formen des Ăkonomischen mit einem Schwerpunkt im Dienstleistungssektor (Gastronomie, BuchlĂ€den, Musik, Kunst, Weiterbildung etc.), alternative Wohn-, Lebens- und Erziehungsformen...
Table of contents
- Vorwort
- Einleitung
- Das Protestpotenzial von Kommunikation
- Die Institutionalisierung von Nein-Stellungnahmen und ihre Grenzen
- Das symmetrische Nein
- Die Unmöglichkeit des Vetospielers als Protestgenerator
- Die Funktion des Protests
- Protest als Themengenerator
- Charisma und das Zeitproblem des Protests
- Die Steigerungslogik des Protests und die AttraktivitÀt von Gewalt
- Protest im Netz
- Protest als Demokratiegenerator
- Ăber den Autor
- Impressum
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