Themenjahr 20 gewagt mündig leben
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About this book

2025 wird der 500-jährigen Geschichte der Täuferbewegung gedacht. Ab 2020 lädt ein fünfjähriger gemeinsamer Weg ein, über die Geschichte, die Erinnerung, die Tradition und das Erbe der Täufer zu reflektieren, um das Heute und Morgen zu gestalten und ökumenische Impulse zu setzen. Autorinnen und Autoren verschiedener konfessioneller Herkunft beleuchten im Themenheft 2020 das Jahresthema "gewagt! mündig leben" aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, sowohl in historischer Hinsicht als auch stärker gegenwartsbezogen. Das Themenheft bietet Material für Gemeindekreise, Bildungseinrichtungen, Gottesdienste und ökumenische Begegnungen.

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Information

Year
2020
Print ISBN
9783751949866
eBook ISBN
9783751947244
Edition
1
Subtopic
Religion

Andrea Strübind

Gewagt!
500 Jahre Täuferbewegung 1525–2025

„Das ist aber gewagt!“ – sagt man, wenn wir unkonventionellen und die gesellschaftlichen Regeln brechenden Menschen begegnen. „Das ist aber gewagt!“, sagen wir bei spektakulären Modeescheinigungen – aber auch beim Kampf um das Frauenwahlrecht oder den gewaltlosen Widerstand. „Ganz schön gewagt!“ – ein solches Urteil reicht vom Durchmustern des Outfits bis hin zu anspruchsvoller Kritik am außergewöhnlichen Engagement.
Gewagt – sind Lebensstile, die den Durchschnittsbürger irritieren und provozieren, die ungeschriebene Gesetze brechen, die leidenschaftliche Konsequenz verlangen. „Wer wagt, gewinnt“, heißt es, aber wer wagt, hat oft auch viel zu verlieren. Sätze wie „das ist aber gewagt“ oder auch „ganz schön gewagt“ kann man gar nicht frei von Gefühlen wie Bewunderung, Skepsis oder auch Abscheu aussprechen. In einen solchen Strudel von Erwartungen, Befürchtungen und klandestiner Anerkennung sind auch die täuferischen Kirchen von der Reformationszeit bis in die Gegenwart immer wieder geraten.
Über Jahrhunderte hinweg wurden sie als „Schwärmer“, Ketzer oder auch Außenseiter verurteilt, verfolgt, marginalisiert und vergessen. Die von Beginn an so vielfältige Täuferbewegung und die aus ihr hervorgehenden täuferischen Kirchen erhielten immer wieder das Stigma der Andersglaubenden, der Sektierer, der Fanatiker, der Enthusiasten und Aufrührer. So lange es in den religiösen Diskursen um die einzig „wahre Kirche“ und um „die eine Wahrheit“ ging, waren die täuferischen Kirchen Projektionsfläche für konfessionelle Feindbilder und Stereotype. Obwohl die Mehrheitskirchen und die mit ihnen verbundenen politischen Mächte unbarmherzig miteinander rangen und gegenseitig Gewalt im Namen des rechten Glaubens ausübten, schienen sie sich lange Zeit in einem einig, was die täuferischen Kirchen betraf: „Viel zu gewagt!“ – diese Leute passen nicht zu unserem Land, zu unserer Kirche, zu unserem Glauben und zu unserem Leben.
Die täuferischen Traditionen richteten sich derweil in ihrer Alterität, ihrem Anderssein ein. Zu ihrer Identität gehörte es schließlich, eine verfolgte Minderheit zu sein, die kleine Herde der Rechtgläubigen „ohne Flecken und Runzeln“, aus der später die „Freikirchen“ nach apostolischem Muster als Kontrastkirchen hervorgingen.
Gewagt! – lautet das Motto zum Prozess der Erinnerung an „500 Jahre Täufertum“, der in diesem Jahr beginnt und im Januar 2025 anlässlich der Wiederkehr des Datums der ersten Gläubigentaufe in Zürich seinen feierlichen Höhepunkt finden soll. „Gewagt!“ ist ein Aktionswort. Über dem Jubiläum steht nicht der Name einer Person oder eines der vielen Theologen und einer der vielen Märtyrerinnen der Täuferbewegung: Das Logo zeigt vielmehr ein dynamisches Kreuz. Kein ikonischer Kopf und kein einzelner Reformator ist hier die Identifikations- und Aufmerksamkeitsmarke, obwohl auch das Täufertum hervorragende und inspirierende Theologen hervorbrachte, sondern ein staunendes Urteil. Die Täufer und Täuferinnen taugten nicht zu Nationalhelden oder zur Verkörperung deutscher Wesensart, ihnen war jeder Personenkult fremd, glaubensfremd. Sie verstanden sich als eine Bewegung von vielen Menschen, von Christen und Christinnen, einfachen Bauern und Bäuerinnen, Handwerkern, Bürgersöhnen und -töchtern, Armen und Reichen, Gebildeten und Bildungsfernen, in Land und Stadt – waren sie immer wieder auf dem Weg, zumeist unfreiwillig. Glaubensmigranten, Siedler, Eliten im Exil und Heimatlose. Aber auch befreite Sklaven und Sklavinnen, Seeleute, arrivierte Mäzene, etablierte Handelsfamilien mit gehörigem Bürgerstolz und Künstler. Sie waren Suchende, Nonkonformisten, aber auch bornierte Wissende, die sich konsequent von der „Welt“ abgrenzten und die nicht so Frommen ausgrenzten. Allen gemeinsam ist, dass sie um ihres Glaubens willen etwas gewagt haben.
Was haben die täuferischen Bewegungen gewagt? Sie nahmen die Kirche in die eigene Hand. Mit großem Selbstbewusstsein bildeten Laien – Männer und Frauen als Schwestern und Brüder – zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten eigenständige Gemeinden, in denen sie gemeinsam die Bibel lasen, das Abendmahl miteinander feierten und die Gläubigentaufe praktizierten. Ihre Grundlage war das reformatorische Prinzip des „Priestertum aller Gläubigen“, das sie konsequent umzusetzen versuchten. Damit stellten sie das traditionelle Kirchwesen in Frage, ja letztlich auf den Kopf oder wie sie es verstanden: auf die Füße.
Sie stellten sich gegen den gesellschaftlichen Konsens, als sie sich weigerten, in Bindung an die Worte der Bergpredigt den Bürgereid zu leisten und das Schwert zu tragen. Die Wehrlosen und Gewaltverweigerer unter ihnen wurden besonders hart verfolgt. In Zeiten der religiösen Intoleranz und der Religionskriege forderten sie vehement die Glaubens- und Gewissensfreiheit für alle – auch für andere Religionen und sogar für Atheisten. Ein konsequent an der Bibel orientiertes Leben markierte auch immer schärfer die Unterschiede, etwa in der Kleidung und besonders in einer radikalen und rigorosen Ethik, die die Reinheit der Gemeinden sicherstellen sollte. Gewagt war auch das Drängen auf die Umsetzung der biblischen Hoffnungsbilder in der Gegenwart bis hin zum Wagnis der „Gottesstadt“ in Münster oder der Vision einer Beloved Communtiy als alternativer Gesellschaftsreform in der Bürgerrechtsbewegung der USA. Besonders gewagt ist die Entdeckung des Einzelnen und der Einzelnen in ihrer grundlegenden Bedeutung für die Kirche. Mitglied der Kirche wird man nicht länger durch Geburt, sondern durch Entschluss. Ihre Gemeinden bildeten sich dynamisch aus denen, die sich in ihr verbinden, sich ihr verpflichtet wussten und ihre geistliche Biographie (soul competence) einbringen wollten. Tatsächlich gewagt!
Die täuferischen Traditionen bieten ein reiches Reservoir an alternativen Sichtweisen sowie an Glaubens- und Lebensformen, mit denen sie als Außenseiter und Minderheiten die jeweilige Gesellschaft herausforderten und bereicherten. Das soll in den nächsten fünf Jahren bedacht, beforscht und in ökumenischer Gemeinschaft diskutiert werden. Was sollten wir als Christen und Christinnen in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts wagen? Wie sieht religiöser Nonkonformismus heute aus? Wo können wir Impulse aus den täuferischen Traditionen aufgreifen, und wo gilt es sie zurückzuweisen und sich selbst zu verändern?
Die Täuferbewegungen erinnern uns aber in erster Linie an eine Haltung. In den vielen Umbrüchen und Aufbrüchen, in den Leidens- und Konfliktgeschichten zählten nicht die originelle Idee oder die alternative Lebensform, sondern das Vertrauen auf den im Glauben immer nahen Gott. Gerade diese in Leid und Konflikt bewährten Glaubenserfahrungen sind wohl das wichtigste Erbe der Täuferbewegung, das gerade in unsicheren Zeiten nichts von seiner Bedeutung verloren hat.
Prof. Dr. Andrea Strübind
Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik, Universität Oldenburg

Astrid von Schlachta

Innehalten, reflektieren, sich aufmachen.
Gedenkjahre, ihre Symbole und ihre Botschaften

Martin Luther, der 1517 mit dem Hammer seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anschlägt. Ob dies tatsächlich so passiert ist oder nicht – auf jeden Fall ein „schlagkräftiges“ Bild: kraftvoll, Initiative zeigend und eine Botschaft der Veränderung und des Aufbruchs vermittelnd. Das Reformationsjubiläum 2017 griff dieses Bild auf, und so hieß denn auch ein Slogan „Die volle Wucht der Reformation“.
Soweit bekannt nutzte kein Täufer einen Hammer, um wie Martin Luther Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Der „Startschuss“ der Täufer fiel, so eine verbreitete Sicht, in der Stube in einem Haus in Zürich. Am 21. Januar 1525 tauften sich die dort Versammelten im Verlauf eines Konventikels gegenseitig. Diese Taufaktion drang rasch in die Öffentlichkeit und wird oft zur Geburtsstunde der Täuferbewegung erklärt. Doch letztendlich lagen die Ideen, die die Täufer ausmachten, bereits auch in anderen Regionen „in der Luft“. Die Täuferbewegung war von Anfang an plural und die Ereignisse in Zürich waren nur ein Teil davon.
Aufbruch, Veränderung und den „Schritt mehr“ zu gehen als die anderen reformatorischen Strömungen – dies setzten die Täufer ohne Hammer um. Stattdessen nahmen sie den Wanderstab in die Hand. Prediger zogen von einem Ort zum anderen, um die mehr oder weniger geheimen Versammlungen zu besuchen. Manch ein Täufer nahm lange Wege auf sich, um an jenen Versammlungen teilzunehmen oder um getauft zu werden. Andere mussten ihre Zelte in der Heimat abrechen, weil sie des Landes verwiesen wurden oder der Todesstrafe entgehen wollten.
Der Wanderstab gehörte zu jeder frühneuzeitlichen Reise. Er erleichterte nicht nur das Gehen, sondern stieß für die Täufer auch die Frage an, was Wehrlosigkeit bedeutet. Üblicherweise diente der Wanderstab dazu, die allgegenwärtigen Räuber, die den Reisenden das Leben schwer machten, abzuwehren. Sollten auch Täufer sich bei einem Überfall verteidigen? Ein Wanderstab kann also anregen, ganz grundsätzliche Fragen zu stellen. Deshalb gibt der Verein „500 Jahre Täuferbewegung“ den täuferischen Gemeinden einen Wanderstab mit auf den Weg nach 2025.

Ein Blick zurück

Werfen wir einen kurzen Blick in die Vergangenheit und schauen, wie frühere Gedenkjahre begangen wurden. 1860 – der 300. Todestag von Menno Simons stand vor der Tür – verkündete der mennonitische Prediger Carl J. van der Smissen aus Friedrichstadt an der Eider, sein Töchterchen gehe jeden Samstag mit der Menno-Büchse von Haus zu Haus, um Geld zu sammeln. Dieses floss in eine Stiftung, die anlässlich des Gedenkens an Menno Simons ins Leben gerufen worden war. Sie sollte helfen, den Bau von Kirchen und Schulen zu finanzieren. Andere Gemeinden riefen ebenfalls Stiftungen ins Leben, um die Anstellung theologisch ausgebildeter Prediger zu finanzieren. Alles Zeichen des Aufbruchs – die Mennoniten waren in der Gesellschaft angekommen und ließen ein Leben in Absonderung hinter sich. Gleichzeitig übte die Gesellschaft Druck auf wesentliche Glaubensgrundlagen der Mennoniten aus. Die politischen Ideen von Gleichheit und Staatsbürgertum kannten keine Priviliegien mehr für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, so dass die Befreiung der Mennoniten vom Wehrdienst auf dem Spiel stand. Wie damit umgehen, war die Frage. Während einige mennonitische Prediger bereit waren, die Wehrlosigkeit aufzugeben, mahnten andere, weiterhin wahrhaftig und authentisch zu bleiben. Jakob Mannhardt aus Danzig beispielsweise rief in seiner Predigt zum Menno-Simons-Gedenken dazu auf, Jesus Christus in „demüthiger, waffenloser Gelassenheit“ nachzufolgen. Darunter verstand er ebenfalls, das „Schwert im Herzen“ nicht zu ignorieren, also seinem Nächsten nicht mit Neid, Zorn, Hass, Engerherzigkeit, Eigenwillen oder Selbstsucht zu begegnen.
1925, zum 400-jährigen Täuferjubiläum, reflektierte man ebenfalls über die mennonitische Identität; allerdings war diese zu diesem Zeitpunkt bereits sehr verankert in der evangelischen Landschaft. Dass man Teil der Reformation und somit integriert in den Protestantismus der Gegenwart war, hatte sich bereits im späten 19. Jahrhundert immer mehr durchgesetzt.
Mennoniten nahmen an den Versammlungen der Evangelischen Allianz teil und engagierten sich überkonfessionell in Bibel- und Missionsgesellschaften. So waren nun bei den Feiern Mitte Juni 1925 in Basel, Vertreter vieler Konfessionen anwesend. Offenbar hatte es auch das Bestreben gegeben, gemeinsam mit den Baptisten eine Gedenkschrift herauszubringen, was jedoch, so der Weierhöfer Prediger Christian Neff, aus rein äußerlichen Gründen nicht zustande gekommen sei. Jedenfalls drückte Neff seine Freude darüber aus, dass die Baptisten das „Gedenken an eine 400 jährige Gedenkfeier mit solcher Begeisterung aufgegriffen haben und in ihren Kreisen verwirklichten“.
Die weiteren Gedenkjahre im 20. Jahrhundert machen deutlich, wie die Mennoniten mit ihrem Namensgeber „fremdelten“. 1961 beispielsweise, zum 400. Todestag von Menno Simons, blitzt durch die Beiträge immer wieder die Kritik durch, dass vielen Mennoniten die grundlegenden theologischen Ideen ihres Namensgebers gar nicht mehr bekannt seien, da sie seine Schriften nicht lesen würden. Johannes A. Oosterbaan, Professor für systematische Theologie in Amsterdam, hob bei seinem Festvortrag die Aktualität der Theologie von Menno Simons hervor. Sie weise einige Gemeinsamkeiten mit der modernen Theologie, beispielsweise eines Karl Barth, auf.
Gedenkjahre holen Geschichte in die Gegenwart und bieten einen Anlass, sich der eigenen Identität zu vergewissern. Welche Botschaft wird sich mit 2025 verbinden? Kann der Wanderstab helfen, innezuhalten, über die bisherige Wegstrecke zu reflektieren und den Blick nach vorne zu richten? Ein Stab, der keine Gewaltaktionen setzen soll, sondern ein Zeichen des Aufbruchs ist: Gewagt!
PD Dr. Astrid von Schlachta
Leiterin der Mennonitischen Forschungsstelle, Lehrbeauftragte der Universität Regensburg

Walter Fleischmann-Bisten

Täufer, Mennoniten, Baptisten –
wie hängen sie zusammen

Warum sich die Baptisten auch auf die Täuferbewegung berufen

Namen, Begriffe und Zahlen

Ab dem frühen Christentum gibt es in der griechischen Sprache die Worte baptisma (Taufe) und baptistäs (Täufer). Seit rund 500 bzw. 400 Jahren sind „Täufer“ Name wie Konfessionsbezeichnu...

Table of contents

  1. Dieses Heft kann bestellt werden bei
  2. Steuerungsgruppe
  3. Gewagt! mündig leben
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Grußworte
  6. Täufer, Toleranz und Taufe
  7. Biografien
  8. Was heißt es für mich als Christ heute, mündig zu leben? Verschiedene konfessionelle Blicke
  9. Kurzstatements
  10. Bibelarbeiten
  11. Ein mennonitisch-baptistischer Gottesdienstentwurf
  12. Jugendseiten
  13. Für die Schule
  14. Spuren der Täufer
  15. Weitere Informationen
  16. Impressum

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