LENA
Kapitel 1
ELIAS WANDERT IN DEN HARZ
Wer lange lebt, hat viel erfahren,
Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn;
Ich habe schon in meinen Wanderjahren
Kristallisiertes Menschenvolk gesehn
So leise er konnte, setzte er seine Füße auf den Boden. Vorsichtig, immer mit den Augen die trockenen Äste im Voraus markierend, auf die er nicht treten wollte. Auf diese Weise kam er nicht so schnell voran, aber die Sicherheit ging ihm über alles. Und nirgendwo war es sicher in der Welt der Christenheit, die nichts als Verachtung für einen umherwandernden Juden empfand. Aber hoppla, er war kein Jude mehr, oh nein, er war ja einer von ihnen. Frisch getauft am Hauptaltar der Duisburger Minoritenkirche, durfte er sich nun einen katholischen Diener Gottes nennen.
Es fiel ihm schwer, den Namen Adonais auszusprechen, wie die Christen es von früh bis spät taten und es auch von ihm verlangt hatten. Nicht nur das fiel ihm schwer, das gesamte Christsein schlotterte um seinen Leib wie ein zu großes, hässliches Gewand, und den erbärmlichen Entschluss der Taufe bereute er inzwischen zutiefst. Er, ein Kind Israels, dessen Vorfahren auf der Streckbank und anderen mittelalterlichen Folterinstrumenten der Versuchung widerstanden hatten, durch die Taufe Erlösung zu finden und von dem angeblichen Fluch der Kinder Abrahams befreit zu werden, er war schwach geworden und zurückgekehrt auf die andere Seite des Roten Meeres.
Der Jude Elias Hertz, jüngster Sohn des Schutzjuden Moses Hertz, stand nun als „Ferdinand Bernhard Franz“ im Kirchenbuch. Verachtung schlug ihm von allen Seiten der Judenschaft entgegen, als sich in Duisburg herumsprach, dass er abtrünnig geworden war. Sein eigener Bruder, Abraham Hertz, ging an ihm vorüber, als wäre er überhaupt nicht mehr vorhanden und den Schwestern wurde verboten, mit ihm zu reden.
Nur gut, dass der Vater das nicht mehr erleben musste, vor Kummer und anhaltendem Mangel an Brot war er nämlich schon frühzeitig dahingeschieden. Für das kleine Glück, sich mit dem Taufschein eine Zukunft, eine richtige Zukunft in der geschäftigen Welt der Christenheit, erschlossen zu haben, verlor Elias über Nacht seine gesamte Familie. Und das war nicht wenig, denn eigentlich bestand seine Familie aus dem gesamten Volk Israel, das seit der Vertreibung aus dem Gelobten Land schutzlos umherirrte.
Wie oft hatte er sein Schicksal betrauert und bitterlich um sich und seine Leidensgenossen geweint, denen die fromme Christenheit keinen Finger breit an Boden zugestand. Aufgrund des preußischen Generaljudenprivilegs galten sie als Angehörige der untersten Klasse. Die meisten Israeliten litten als Geldwechsler, Hausierer oder Bettler die allergrößte Not, schliefen nicht ein vor Hunger und Angst und wurden trotz ihrer Armut unablässig mit neuen Geldforderungen überhäuft. Ja natürlich, auch viele Christen waren arm, aber wenn es ihnen irgendwie gelang, zu Geld zu kommen, standen ihnen Bürgerrechte und Kaufmannsgilden offen, die den Juden verwehrt blieben. Und damit nicht genug, man verbot ihnen den Zutritt zu beinahe allen Erwerbszweigen und schlug ihnen obendrein noch die Schuld am Tod des Gekreuzigten um die Ohren. Einen Juden behandelte man von der Wiege bis zum Grab wie einen Verbrecher und lebenslang musste er einen Strafzoll für die Benutzung des Erdbodens entrichten.
Elias seufzte. Für jeden Furz sollten sie bezahlen, nicht einmal eine jüdische Hochzeit, für die kein Pfarrer sich bemühen musste, durfte ohne die kostenpflichtige obrigkeitliche Konzession ausgerichtet werden und der benötigte Trauschein war auch nicht umsonst. Wut stieg in ihm hoch, als er an all die Geldforderungen dachte, die seinen Vater unausgesetzt drangsaliert hatten! Judenschutzgeld, Kopfgeld, Hausiergeld, Wohngeld, Meldegeld, Schlafgeld, Neujahrsgeld, Grundsteuer, Soldatenlöhnung, Konzessionen, Kriegssteuern, Sondersteuern, Sonderabgaben, Pachtzins für israelitische Grabfelder, Synagogengeld und Abgaben für christliche Armenhäuser, in die sie als Juden gar nicht hinein durften. Ach, er hatte die Stolgebühren ganz vergessen, ein nicht geringes Zubrot für christliche Pfarrer, die auch keine Sekunde lang zögerten, ihre verstockten jüdischen Brüder zur Kasse zu bitten.
So lange er lebte, hatte er kein einziges Mal erlebt, dass sich jemand gefunden hätte, der Geldgier der christlichen Welt Einhalt zu gebieten. Den Vater hatten die Forderungen des Duisburger Magistrats und der klevischen Kaufmannschaft so in die Enge getrieben, dass er eines Tages keinen Ausweg mehr sah. Ein ganz klein wenig Leben floss noch durch ihn hindurch, als ein von der schreienden Mutter herbeigerufener Nachbar ihn vom Deckenbalken geschnitten hatte. Bedanken mochte der alte Hertz sich nicht für seine Rettung und einige Stunden später war er dann auch an seiner großen Schwäche gestorben. Er war schwach, weil seine Nahrung zumeist nur ein Fraß gewesen war, ja, ein vollkommen koscherer jüdischer Fraß: leere Teller, leere Tassen, leere Gläser. Wenn es überhaupt etwas zu essen gab, dann bekamen es die Kinder und die Eltern hungerten sich durch die Nacht. Die Regale in den Speisekammern waren mit nichts anderem gefüllt als mit der unablässigen Sorge: wovon bezahle ich die Abgaben, damit sie mich nicht aus der Stadt jagen, damit sie mir den Strick nicht noch enger um den Hals schnüren?
Zu Betteljuden hatten die jeweiligen Landesherren sie verkommen lassen und aus den Kindern, die einst mit so viel Klugheit, so viel Lebenslust und Tatendrang gesegnet waren, wurden schachernde, untertänige Duckmäuser. Immer, wenn ein Jude glaubte, sicher zu sein, nahte von irgendwo der vertraute Pesthauch und brachte neues Verderben. Welch böse Macht schien sich das alles auszudenken?
Elias war so vertieft in seine düsteren Gedanken, dass er die trockenen Zweige vergaß und es immerfort knackte und raschelte, während er sich wutschnaubend fortbewegte. Die Erinnerungen an Duisburg und seine lieben Geschwister, an den Vater, der neben der Mutter begraben lag, und an die Not, in der sie sich befunden hatten, stachen wie Messer in sein Herz. Viele Tage war er durch preußisches Gebiet gewandert, in dem es von Verboten und Geboten für Juden nur so wimmelte, hatte das kurkölnische Herzogtum Westfalen und danach das Fürstbistum Paderborn durchquert und schließlich das Herzogtum Braunschweig erreicht. Den sperrigen Hausierkasten aus Holz hatte er gegen einen riesigen Sack mit eingenähten Fächern eingetauscht. Der unförmige Beutel aus Hanf sah so schäbig aus wie jedes andere Gepäckstück durchreisender Wandergesellen und lenkte davon ab, dass sich in seinem Inneren wertvolle Handelswaren verbargen.
Elias war immer sorgfältig darauf bedacht, den Kontrollposten auszuweichen, denn in keinem der zahlreichen Kleinstaaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren Juden willkommen. Etliche waren fortgezogen und hatten ihr Glück im Osten versucht, doch auch aus dem fernen Zarenreich waren ihm schreckliche Dinge zu Ohren gekommen. Man hörte von grün und blau geprügelten Rabbinern, geschändeten Synagogen und verbrannten Dörfern. Plötzlich schüttelte er energisch den Kopf, schlug im Vorbeigehen mit dem Stock fest gegen einen Baum und verscheuchte mit dieser Geste den Trübsinn. Abschließend stellte er fest, dass alle Juden wohl früher oder später daran zugrunde gingen, auf christlichem Erdboden unerwünscht zu sein.
Plötzlich erinnerte er sich daran, dass Wegelagerer den jüdischen Händler Abraham Dux vor wenigen Monaten zwischen Mühlheim und Duisburg auf offener Straße überfallen, ausgeraubt und erschlagen hatten. Die Zeiten waren schlecht, die Bevölkerung darbte und Räuberbanden suchten die Nähe der vielbefahrenen Handelsstraßen. Sie lauschten auf den Klang trappelnder Hufe, um sich dann laut brüllend auf Pferdegespanne oder Postkutschen zu stürzen, denn unbegleitete Kaufleute waren ihre bevorzugten Opfer. Wachsam geworden achtete Elias wieder auf den Weg und vermied offenes Gelände, prüfend blickte er hinauf in die Sonne und suchte nach wenig begangenen Pfaden, um unversehrt den Harz zu erreichen.
Die ständigen Bedrohungen, denen er Zeit seines Lebens ausgeliefert war, hatten die Sinne des Mannes geschärft, seine Ohren vermerkten das leiseste Geräusch, und jedes Rascheln erweckte seinen Fluchtinstinkt. Seit Tagen schon war er unterwegs, und hoffte, in der schönen Kaiserstadt Goslar einige Tage verweilen zu dürfen, sofern die Kunde von seinem religiösen Verrat noch nicht bis dorthin gedrungen war.
Sein eigentliches Ziel war die Preußenstadt Berlin, von der man hörte, dass es dort auch Konvertiten geglückt war, erfolgreich neue Existenzen zu gründen. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg und er sehnte sich danach, die zugigen Schlafplätze im Heu, die man bei den Bauern für ein geringes Entgelt mieten konnte, gegen ein ordentliches Bett einzutauschen.
So gut es ging versuchte er, auf der Wanderung die jüdischen Speisegesetze zu befolgen und als ihm einmal das fettige, gekochte Ende eines Schweineschwanzes gereicht worden war, schlug er es aus und lag später hungrig und enttäuscht auf seinem Lager. Nein, Schweinefleisch durfte nicht in einen jüdischen Magen gelangen! Wie ungerecht das alles war.
Selbst in seinem Alter von inzwischen drei Mal zehn Jahren war er weder verehelicht noch bestand die baldige Aussicht, eine Familie gründen zu können. Bitterkeit stieg in ihm auf, denn zu einem Mann gehörten nun einmal Kinder und Enkelkinder.
Schon wieder kehrten seine Gedanken zu dem frisch erworbenen Taufschein zurück. Nein, ein getaufter Jude war vor seinem Volk kein Jude mehr. Doch bis in alle Ewigkeit würde er vor dem Christenkreuz ein halsstarriger Jude bleiben. Schon gleich, nachdem sie ihn mit spitzen Fingern getauft und ihn sogleich mit kaltem Lächeln wieder auf einen Platz in den hinteren Bänken der Kirche verwiesen hatten, wusste er, dass sein Entschluss falsch gewesen war. Er würde nie einer von ihnen sein. In einem seltsamen Ritual hatten sie ihm abgerungen, vor dem Gekreuzigten auf die Knie zu fallen und zu seiner großen Enttäuschung spürte gar nichts dabei. Er war wohl ein Jude geblieben, den man zwar gekauft, aber nicht frei gekauft hatte! Doch was konnte er jetzt noch tun? Zurückkehren? Niemals, für seine Familie gab es ihn nicht mehr, er war wie tot. Und seine Zukunft leuchtete trotz der klangvollen Verheißungen auch nicht mehr so strahlend hell, zwei Schritte nach vorn und schon war der Abgrund wieder vor ihm aufgetaucht.
Dabei schien es so, als wenn sich nun endlich ein angenehmes Leben vor ihm ausbreiten würde.
Grüß Sie Gott, da kommt der Herr Ferdinand Franz, welch eine Ehre! hörte er sie in seiner Vorstellung schon auf den Straßen und Gassen murmeln. Doch in Wahrheit starrten alle weiterhin durch ihn hindurch, als wäre er gar nicht vorhanden. Während sie bei ihresgleichen vor Ehrerbietung geradezu troffen wie warme Butter, pressten sie die Lippen zu einem verächtlichen Lächeln zusammen, wenn er daherkam. Schmeichelnd hatte man ihn mit dem Versprechen umworben, nach vollzogener Taufe dürfe er einen ehrbaren Beruf ausüben und sogar die fest verschlossenen Tore der Gilden und Zünfte würden sich vor ihm auftun. Seitdem ließ ihn das verlokkende Angebot nicht mehr zur Ruhe kommen und er verbrachte die Nächte damit, zu erwägen, ob es ratsam sei, sich in einen Konvertiten zu verwandeln.
Die ganze Angelegenheit gipfelte schließlich in einem schrecklichen Streit mit seinen Brüdern und eigentlich hatte er sich dann nur noch aus Trotz entschlossen, ein Christ zu werden. Doch als er die christlichen Kaufleute nach vollzogener Taufe erwartungsvoll nach einer Arbeit gefragt hatte, schlug ihm einer nach dem anderen die Tür vor der Nase zu. Da wusste er, dass ihm nur noch eines übrig blieb: fortzugehen, ehe ihn alle hassen würden, Juden und Christen. Er beschloss, mit einem Abstecher über den Harz nach Berlin zu ziehen und einige Verwandte aufzusuchen. In Berlin würde man schon weitersehen, denn das Leben der Juden in der pulsierenden Hauptstadt des Preußenreiches war mit der kümmerlichen Existenz in Duisburg nicht zu vergleichen.
Elias blieb stehen und blickte sich um. Ratlos stand er vor einem der vielen buckligen Bergrücken und überlegte, welcher der Pfade ihn am schnellsten in Richtung Goslar führen würde. Oft schon hatte er sich getäuscht und unnötig Zeit verloren, als er meinte, richtig gewählt zu haben und in Wirklichkeit auf einen Holzweg geraten war. Die viel versprechende Spur endete dann an einem verlassenen Meilerplatz und er hatte große Mühe, ein brauchbares Stück Weg zu finden. „Mazzal tov, Elias!“, sagte er verächtlich zu sich selbst und spuckte auf die staubige Erde.
Wie immer war alles aus und vorbei, ehe es überhaupt begonnen hatte! Um am Leben zu bleiben, würde er sich wohl oder übel gelegentlich in den Christen Ferdinand Franz verwandeln müssen, nur durften ihn seine Verwandten dabei nicht beobachten. Denen hatte er für immer Lebewohl gesagt und sie mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf den klevischen Schwanenturm hinter sich gelassen. Ferdinand, welch ein lächerlicher Name! Doch die Ältesten der Minoritengemeinde gestatteten ihm nicht, bei der Namensgebung mitzuwirken und wie bei einer Kindstaufe wurde das Wasser über dem Kopf des Unmündigen ausgegossen. Im Herzen blieb er jedoch der schwarz gelockte Jude Elias, hübsch anzusehen, aber durch und durch besitzlos und arm. Bis auf ein kleines Warensortiment, welches ihm einer der Taufpaten übereignet hatte, und den winzigen Edelstein, der sich für allerschlimmste Notzeiten in seinem Versteck befand. An diese allerschlimmsten Zeiten mochte er nicht einmal denken, aus Angst, sie könnten durch dunkle Kräfte unversehens herbeigerufen werden.
In der ersten Nacht im Harzwald war er auf einen Felsvorsprung geklettert und hatte sich dort, in seinen Mantel eingehüllt, auf den Boden gesetzt. Nach vielen durchwachten Stunden war er aufgesprungen und beim ersten Licht der Morgendämmerung durch einen alten Hohlweg gewandert, dessen Seitenwände hoch über ihm aufragten. Im Laufe von Jahrhunderten hatten die eisenbeschlagenen Wagenräder immer tiefere Rillen ins Schiefergestein gegraben und man konnte sehen, wie eingekerbte Abdrücke von Hufen den Zugtieren Halt boten, wenn sie die schwer beladene Fuhrwerke den Hang hinauf zerren mussten.
Den vergangenen Tag hatte Elias in Seesen am westlichen Ausläufer des Harzes verbracht. Die Stadt befand sich schon im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel und er wechselte dort einige Münzen. Obwohl die Stadt wohlhabend war, herrschte bei den wenigen Juden dort zumeist große Armut und so suchte Elias vergeblich nach einer Synagoge.
Schließlich gelang es ihm, den kleinen jüdischen Betsaal ausfindig zu machen und zufällig traf er dort den wohlhabenden Tuchhändler Isaak Hirsch. Der war viele Jahre als Händler und Geldwechsler im Oberharz unterwegs gewesen und versorgte seinen Gast mit zahlreichen guten Ratschlägen. Er riet ihm, gleich am folgenden Tag beim Stadtvogt von Seesen die benötigte Konzession einzuholen und in Lautenthal, einer nahen Bergstadt, von Tür zu Tür zu gehen. Flüsternd bot er ihm an, für diese Nacht unter dem Dach seines Hauses zu verweilen, bestand jedoch darauf, dass Elias ihn erst im Schutz der Dunkelheit aufsuchen dürfe, denn es war ihm nicht erlaubt, durchziehende Juden zu beherbergen.
Unter einem Baum sitzend wartete Elias die Dämmerung ab und schlich sich dann in das Haus des Kaufmanns. Dort erfuhr er, dass der scheinbar so gediegene Wohlstand von Hirsch längst brüchig geworden war und dass seine junge Frau den Lebensunterhalt durch den Handel mit Ellenwaren bestreiten musste. Mehrmals hatte der Alte große Summen Geldes an Christen verliehen und das Geld nur schleppend oder gar nicht zurückbekommen. Die vereinbarten Zinsen zu zahlen hielten die Schuldner ganz und gar für unnötig und so war das einst stattliche Vermögen des Händlers immer mehr zusammengeschrumpft, bis nur noch das zur Hälfte bezahlte Haus übrig geblieben war. Obwohl Elias gern länger bei dem freundlichen Mann mit der sanften Stimme geblieben wäre, schlich er sich vor Tagesanbruch wieder aus dem Haus. Im Rathaus erhielt er erst nach zähem Ringen vom Stadtschreiber die Konzession ausgehändigt. Nun durfte er im Oberharz Hausierhandel betreiben.
Dies war schon die zweite Reise in den Harz, die Elias in seinem Leben unternommen hatte. Die erste hatte er als Knabe mit dem Vater in einer Zeit angetreten, als die Familie über materielle Not nicht klagen konnte und für kurze Zeit ein gutes Auskommen hatte. Sie bereisten das Gebirge damals in einer Postdroschke und das Kind saß neben dem vor Schmerz immer wieder aufstöhnenden Vater. Beim Befahren der holprigen Wege wurden sie derart unsanft durchgerüttelt, dass ihm der weite und beschwerliche Gang auf eigenen Füßen angenehmer erschien, als die leidvolle Fahrt in der teuren Kutsche.
Seine Fähigkeit, in fremden Gegenden ohne gute Ortskenntnisse ans Ziel zu gelangen, war zwar gut entwickelt, dennoch hatte er sich bereits mehrere Male verirrt und zwischen stachligen Brombeeren und undurchdringlichen Schlehenhecken nur mit Mühe zu einem der zahllosen kleinen Pfade zurückgefunden. Verärgert über die verlorene Zeit sah er erfreut an einem sanft ansteigenden Berghang einen Hirten sitzen. Umgeben von seiner Rinderherde saß der noch junge Bursche im Gras und rauchte eine lange Pfeife. Unter einem breitkrempigen Filzhut lugten freundliche Augen hervor, blickten Elias forschend an und luden ihn schließlich zum Sitzen ein. Erschöpft ließ der sich ins Gras fallen.
Die Sonne stand tief, es war schon später Nachmittag und er hatte wegen der Umwege viel länger gebraucht, als erwartet. Nachdem sie einige Worte gewechselt hatten, nahm Elias die Aufforderung, mit ihm zu speisen, freudig an, denn alles, was der hagere Kerl im leuchtend blauen Leinenkittel ihm anbot, war so koscher wie frisch vom Himmel gefallenes Manna. Genussvoll verzehrte er Käse, goldgelbe Butter auf frischem Roggenbrot und während er würzige Milch aus einem Becher schlürfte, betrachtete er das rotwangige Gesicht des Hirten, der aussah, als wenn keine noch so gefährliche Krankheit ihm je etwas anhaben könne. Gesprächig war er zwar nicht, doch schien er die unerwartete Gesellschaft in der Waldeinsamkeit zu genießen und lauschte verschmitzt grinsend den fantasievoll ausgeschmückten Erzählungen seines Gastes.
An den Hälsen der braunroten Rinder hingen riesige Schellen, deren Klang sich zu einem melodischen Konzert zusammenfügte, das in der wunderbaren Stille des Waldes einem musikalischen Kunstwerk glich. Schweigend saßen die Männer nebeneinander im Gras und betrachteten die untergehende Sonne, die eine Kolonie von zartgrünen Fichtensetzlingen am gegenüberliegenden Berghang rotgolden einfärbte. Elias hatte wohl auf den Hüter der Harzkühe einen denkbar guten Eindruck gemacht, denn als die Dämmerung anbrach, wurde ihm ein Schlafplatz für die Nacht angeboten. Unter dem Dach eines steinernen Hirtenhäuschens...