Im Frühjahr 1945 brach die Nazidiktatur endlich zusammen und die Amerikaner brachten den Menschen in Königshofen an der Heide ihre Freiheit zurück. Die letzten Wochen, Tage und Stunden waren aber noch einmal eine große Herausforderung. In diesem schmalen Band sind Zeitzeugenberichte von damals und heute versammelt, die erzählen wie es wirklich war in Königshofen 1945.

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Königshofen 1945
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Edition
1Subtopic
Political FreedomDie letzten Tage des
2. Weltkrieges in
Königshofen
Von Hans Greifenstein
Abschrift gefertigt von Pfarrer Erwin Günther im Juli 1954
Der zu Ende gehende zweite Weltkrieg hat seine Wogen auch in die Pfarrei Königshofen geworfen. Der Wellenschlag war nicht immer gleich. Aber an nicht wenigen Tagen gingen die Wellen sehr hoch. Man hätte diesen Wechsel eigentlich in einem Tagebuch festhalten müssen. Nachdem dies nicht geschehen ist, kann über die letzten Wochen der Kriegszeit nur ein zusammenfassender Bericht gegeben werden. Aber auch so mag es für später von Interesse sein, zu hören, wie sich das Geschehene der Kriegszeit im engen Raum eines fränkischen Dorfes ausgewirkt hat.
Der Berichterstatter war am Sonntag, den 18. März 1945, mit seiner Frau nach 17-stündiger Reise von Neuendettelsau hierher gekommen. Die Zerstörungen an der Eisenbahn hatten endlose Zugverspätungen zur Folge. So mußten wir unterwegs stundenlang auf den nächsten Zug warten und kamen erst in tiefer Nacht hier an. Bei dem zweiten Luftangriff auf Ansbach, am 23. Februar, war unsere Wohnung, Markgrafenring 13 p, durch eine Bombe zerstört und waren wir selbst schwer verschüttet worden. Erst nach vierstündiger harter Arbeit hatte man uns ausgegraben. Meine Frau und ich waren aber so mitgenommen, daß wir das Krankenhaus in Neuendettelsau aufsuchen mußten. Drei Tage nach unserer Verschüttung wurde Pfarrer Bauernfeind von Königshofen, der seine Tochter in Würzburg besuchen wollte, in der Nähe von Mörlbach durch Tiefflieger erschossen. Diese griffen den Zug, in dem er fuhr, mit Bordwaffen an. Die Passagiere, die teils unter dem Zug, teils links und rechts der Bahnstrecke Deckung suchten, wurden fast eine halbe Stunde lang beschossen. Pfarrer Bauernfeind hatte sich schon ca. 150 m vom Zug entfernt. Da traf ihn eine Maschinengewehrkugel in die Stirn und tötete ihn. Auf die Kunde vom Tod des Pfarrers von Königshofen beschlagnahmte der Landeskirchenrat in Ansbach 2 Zimmer des hiesigen Pfarrhauses für meine obdachlose Familie und veranlaßte meine zwei Töchter, die in der Zwischenzeit aus dem zerstörten Haus am Markgrafenring noch ziemlich viel Hausrat ausgegraben hatten, den Umzug hierher sofort durchzuführen. Ich hatte für uns andere Pläne gehabt. Aber ich erfuhr die Anordnung des LKR erst, als schon ein Teil unserer Habe nach K. gebracht war. Gleichzeitig wurde ich beauftragt, zu meiner Erholung einige Zeit hierzubleiben und die verwaiste Pfarrstelle zu versehen. So wurde ich für die Zeit des Kriegsausgangs ganz ohne mein Zutun Pfarrherr von Königshofen.
In der Zeit vom 18. März bis zum Ostersonntag ereignete sich nichts Besonderes. Der Feind war aber, zuerst im Norden, dann auch im Süden über den Rhein gedrungen und man spürte, wie die Front langsam näher rückte. Sie war aber doch noch so weit weg, daß man sich nicht eigentlich bedroht fühlte. Man merkte den näher kommenden Krieg nur an den immer mehr sich verschlechternden Verkehrsverhältnissen. Eine Fahrt von Bechhofen nach Ansbach kostete jetzt einen Tag von 20 und mehr Stunden. Der einzige Tageszug, der an die Stelle der 4 Zugpaare getreten war, fuhr schon früh 5 Uhr, um die Tiefflieger zu vermeiden. Unterwegs hatte man in Ansbach gewöhnlich ein paar Mal Fliegeralarm und mußte oft stundenlang im Keller sitzen. Der Abendzug hatte meist 1 – 3 Stunden Verspätung. Und oft wurde es Mitternacht, bis man wieder in Königshofen war. Einige Male kam der Abendzug auch erst am andern Früh gegen 6 Uhr nach Bechhofen.
Neben diesen Verkehrsverhältnissen waren es die Flieger, die uns täglich an den Krieg denken ließen. Tag um Tag flogen die feindlichen Bomber in großer Anzahl über unser Dorf. Sie flogen so, daß man ihre Pulks deutlich sehen konnte. Und ihr Dröhnen erfüllte stundenlang die Luft. Auch den Rückweg von ihren Zielen nahmen sie meist über K. Es waren fast immer an 1000 und mehr Maschinen. In einzelne Pulks aufgelöst, ihre todbringenden Lasen tragend, zogen sie in majestätischer Ruhe ihre Bahn, uns täglich von Neuem zum Bewußtsein bringend, wie wehrlos wir gegen jeden Angriff aus der Luft waren und wie aussichtslos der Kampf gegen die Alliierten. Wenn sich auch hier und da noch am Morgen, bevor die Angriffe der Feinde aus der Luft begannen, ein deutscher Torpedojäger von Katterbach oder einem der Flugplätze bei Nürnberg sehen ließ, sobald sich die großen Heerzüge der viermotorigen Bomber und der sie begleitenden und schützenden Jabos (Jagd-Bomber) sehen ließen, war kein deutscher Flieger mehr da und von Flugabwehr keine Rede mehr. Man konnte den feindlichen Maschinen nur erschüttert nachsehen und nach kurzer Zeit nach dem ferneren oder näheren dumpfen Einschlag der Abwurfbomben vermuten, welcher Ort wohl von ihnen heimgesucht und verheert worden war. In den ersten 14 Tagen unseres Hierseins waren es noch ferne Ziele, die die Bomber aufsuchten. Später aber lagen die Ziele schon nahe, wie man an der kurzen Flugzeit feststellen konnte, ohne daß immer genau auszumachen war, wo der Angriff stattgefunden hatte. Einmal ums andere Mal wurde Nürnberg angegriffen. Aber auch Gunzenhausen, Nördlingen, Oettingen und Crailsheim wurden bombardiert. Schlimmer für uns als die Viermotorigen, die nur durch ihre Motoren die Nerven erregten, aber über K. nichts abwarfen, waren die Jabos, die sich oft blitzschnell von einem Pulk ablösten und im Sturzflug unter heftigen Feuern mit Maschinengewehren und Bordkanonen auf ein Ziel, das sie reizte, herunterstürzten. Sie hatten schon seit langem als Tiefflieger die Bevölkerung erschreckt und die Frühjahrsbestellung der Äcker und Wiesen sehr behindert und aufgehalten. Sie hatten auch dem Eisenbahnverkehr durch Abschuß von Lokomotiven und Beschießen der Personenwagen schweren Schaden zugefügt. Die Strecke Dombühl – Nördlingen war von den Jabos schon im Sommer und Herbst 1944 wiederholt beschossen worden, während die Bomber die für den Verkehr und Transport wichtigen Bahnhöfe systematisch, einen nach den andern, zerstörten. In Würzburg, Ansbach, Treuchtlingen lagen die Bahnhöfe in Trümmern und es dauerte nach Kriegsende lange, bis in dem fürchterlichen Durcheinander von Steinen, Balken, Schienen und eingestürzten Unterführungen nur für 1 oder 2 Gleise Platz geschaffen war. Heute noch, 5/4 Jahr nach Abschluß der Kämpfe, ist der Ansbacher Bahnhof eine Stätte der Verwüstung, ringsum von den Ruinen der zerstörten Gebäude und Stellwerksbauten umgeben und nur behelfsmäßig für den starken Verkehr, der wieder eingesetzt hat, hergerichtet.
Die Tiefflieger wurden, je mehr es dem Ende zuging, immer angriffslustiger und so eine schwere Plage. Immer wieder gab es durch sie auf dem Feld oder auf den Landstraßen Tote. So wurden bei Colmberg ein LKW von ihnen verfolgt. Der Fahrer wurde in den Kopf geschossen. Zwei Ausländer, die hinten aufsaßen, wurden schwer verletzt. Die Menschen, die unten auf der Erde sich sehen ließen, waren Freiwild für diese „Soldaten“. Sie scheuten sich nicht, mit überlegener Feuerkraft wehrlose Menschen anzugreifen. Und die feindliche Heeresleitung, die jeden Verstoß des deutschen Heeres gegen das Völkerrecht für spätere gerichtliche Ahndung festhielt, hatte gegen diese Verstöße offenbar nichts einzuwenden. Man hört auch jetzt nicht, daß der Krieg aus der Luft, den die Sieger gegen die Nichtkombattanten in Deutschland führten und der unter der deutsch Zivilbevölkerung weit mehr Opfer forderte, als sie z. B. die englische Armee bringen mußte, unter den Gesichtspunkten von Recht und Menschlichkeit nachgeprüft und, wo es not ist, bestraft werden soll. Es bleibt eben auch heute bei der alten Wahrheit: Si duo idem faciunt non est idem (Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht das Gleiche.). In den letzten Wochen flogen die Jabos immer wieder das nahe Voggendorf an. Dort sollte zu allerletzt – auch ein Symptom der kopflosen Hast, in die die „geniale“ deutsche Kriegsführung durch den „Gefreiten des Weltkrieges“ schließlich ausgeartet war – ein Riesenflugplatz für V-Waffen aus dem Boden gestampft werden. Gegen 2000 Arbeiter wurden hergeschafft und in schnell aufgestellten Baracken untergebracht. Ein paar Bauernhöfe wurden enteignet und dem Erdboden gleich gemacht. Ein großer Wald wurde abgeschlagen, eine breite Straße wurde angelegt. Aber unter den ständigen Angriffen der Jabos und angesichts der immer näher rückenden Front wurde das Unternehmen schließlich wieder aufgegeben. „Ein großer Aufwand schrecklich war vertan.“ Bei einem der Angriffe der Jabos auf Voggendorf kam eine evangelische Luftwaffenhelferin ums Leben Sie wurde am 7. April durch den Pfarrer von Bechhofen in Arberg beerdigt.
Infolge der ständigen Bedrohung durch die Tiefflieger wurde es immer schwieriger, die Gottesdienste abzuhalten und die Toten zu beerdigen. Da die Flieger meist schon kurz nach 8 Uhr auftauchten, mußte der Gottesdienst am Sonntag schon früh um ½ 8 Uhr beginnen. Beerdigungen und Gedächtnisgottesdienste für Gefallene wurden teils früh um 7 Uhr, teils erst abends nach 6 Uhr abgehalten. Trotzdem wurde ein Leichenzug, der sich von Röttenbach aus nach K. in Gang gesetzt hatte, von Tieffliegern bemerkt. Als diese herabstießen, mußten die Leute ins Dorf zurück. Einmal gab es sehr unbehagliche Augenblicke, als bei einer anderen Beerdigung die vielen schwarz gekleideten Gestalten, die den Fliegern beste Sicht boten, auf dem Friedhof standen und man plötzlich ein paar Flieger heranbrausen hörte. Bei einem der Abendgottesdienste zuckte auch die ganze Gemeinde und der Pfarrer jäh zusammen, als ein Jabos ganz in der Nähe vorüberflog und auf eine Bewegung unten ihr Feuer abgab. Es war zu verstehen, wenn unter solchen Umständen ängstlichere Gemüter sich vom Gottesdienstbesuch abhalten ließen. Man darf aber feststellen, daß der Gehorsam gegen Gottes Gebot und das Verlangen nach Aufrichtung durch Gottes Wort größer war als die Angst und Sorge des Fleisches. Es war immer noch eine stattliche Gemeinde, die sich in der Kirche sammelte. Auch ihre Frühjahrsbeichte am Quasimodogeniti ließen sich die Königshöfer nicht nehmen. Es fanden sich, obwohl sie noch um 2 Uhr gehalten wurde, über 50 Beichtleute zu ihr ein. Am Ostermontag hatte ich die Predigt in Bechhofen übernommen. Als ich gegen ¾ 8 Uhr dort ei...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Königshofen 1945 - Zeitzeugen berichten
- Georg Bräuninger
- Hermann Bauernfeind
- Hans Greifenstein
- Erwin Günther
- Die letzten Tage des 2. Weltkrieges in Königshofen
- Lebenslauf von Oberkirchenrat i. R.Hans Greifenstein – Nürnberg
- Bericht über die Amtszeit von Pfarrer Hermann Bauernfeind 1936-1945
- Zwei Todesfälle in den letzten Kriegstagen
- Friedrich Heinrich Kunder
- Karl Fröller
- Nachwort
- Impressum
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