Der Millionär William W. Kolderup ersteigert in San Francisco in einem Duell mit seinem Konkurrenten J. R. Taskinar aus Stockton für die Summe von 4.000.000 Dollar die Insel Spencer, die 862 km vor der Küste Kaliforniens liegt. Kolderup plant, seine sechzehnjährige Adoptivtochter Phina Halloney mit seinem ebenfalls bei ihm aufgewachsenen elternlosen Neffen Godfrey zu verheiraten. Bevor er eine Ehe eingeht, will Godfrey jedoch eine längere Weltreise machen und Abenteuer in der Art wie Robinson Crusoe erleben, da er bisher von der Welt eigentlich nur San Francisco kennt. Phina ist bereit, zwei Jahre auf Godfrey zu warten. Notgedrungen fügt sich William W. Kolderup dem Wunsch seines Neffen. Godfrey schifft sich in Begleitung seines braven Tanz- und Anstandslehrers Tartelett auf Kolderups als Schoner getakeltem Dampfer Dream unter dem Kommando von Kapitän Turcotte ein. Kapitän Turcotte steuert einen nicht sehr gradlinigen Kurs über den Pazifik, der das Schiff in Wirklichkeit nur langsam voranbringt. An Bord wird ein blinder Passagier entdeckt. Der Chinese Seng Vou plant, auf dem Schiff bis Schanghai mitzufahren. Elf Tage nach der Abreise bricht ein Sturm los, in dem der Schoner zu sinken droht.

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Die Schule der Robinsons
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LiteratureKapitel 1 In dem der Leser Gelegenheit haben wird, wenn es ihm beliebt, eine Insel zu erstehen
»Eine Insel zu verkaufen! Gegen Barzahlung mit Zuschlag der
Unkosten an den Meistbietenden abzugeben!« So wiederholte, ohne
Athem zu schöpfen, Dean Felporg, der Commissär der »Auction«,
welche zum Zwecke dieses eigenartigen Verkaufs veranstaltet
war.
»Insel zu verkaufen! Insel zu verkaufen!« erklang die noch
schärfer durchdringende Stimme des Ausrufers Gingraß, der sich
inmitten einer erregten Menge hier und dort hindrängte.
Wirklich erschien der geräumige Saal des »Auctionshotels«,
Sacramentostraße Nr. 10, vollgestopft mit Menschen. Hier bewegte
sich nicht allein eine gewisse Anzahl Amerikaner aus den Staaten
Californien, Oregon und Utah, sondern auch verschiedene Franzosen,
die einen nicht unbedeutenden Theil der dortigen Einwohnerschaft
bilden, neben Mexikanern in ihrer malerischen Sarape, Chinesen in
weitärmeligem Ueberkleide, spitzen Schuhen und konischen Mützen,
Canaquen aus Oceanien und einzelnen Schwarzfüßen, Dickbäuchen und
Plattköpfen, d. h. Vertretern noch vorhandener Indianerstämme, die
von den Ufern des Trinityflusses hierher gekommen waren.
Wir beeilen uns hinzuzufügen, daß obiger Vorgang in der
Hauptstadt von Kalifornien, in San Francisco, spielte, jedoch nicht
zu jener Zeit, wo die lohnende Ausbeutung
neuer Fundstätten – wie 1849 bis 1852 – Goldsucher aus der ganzen
Welt hier zusammenführte. San Francisco war schon nicht mehr, was
es früher gewesen, eine Karawanserei, ein Landungsplatz, eine
Herberge, wo die geschäftigen Leute, welche nach den Goldländereien
des westlichen Abhangs der Siera Newada strömten, für eine Nacht
schliefen – nein, seit einigen zwanzig Jahren hatte das alte und
bekannte »Gerba Buena« Platz gemacht einer in ihrer Art einzigen,
schon von 100.000 Seelen bevölkerten Stadt, die sich, wegen Mangels
an Raum auf dem flachen Vorlande, an der Lehne zweier Hügel
ausgebreitet hatte, welche ihr noch Raum zu weiterer Ausdehnung
gewährten – einer Stadt, welche Lima, Santiago, Valparaiso und alle
Rivalen an der Westküste der Neuen Welt raschen Schrittes
überflügelte und welche die Amerikaner zur Königin des Stillen
Oceans, zur »Perle der Westküste« zu erheben wußten.
Heute – man schrieb den 15. Mai – war es noch recht kalt. In
diesem, den Einwirkungen der Polarströmungen ausgesetzten Lande
erinnern die ersten Wochen dieses Monats mehr an die letzten Wochen
des März im mittleren Europa. In dem genannten Auctionslocale hätte
man davon übrigens blutwenig verspürt. Die unaufhörlich ertönende
Glocke desselben hatte eine übergroße Menge Publikum hierher
gezogen und eine wirkliche Sommertemperatur ließ auf Jedermanns
Stirn große Schweißtropfen hervortreten, welche die Kälte draußen
schnell aufgetrocknet hätte.
Nun möge aber Niemand glauben, daß diese Personen alle in
genanntem Saale erschienen wären mit der Absicht, das
Verkaufsobject zu erstehen; im Gegentheil, es waren meist nur
Neugierige. Wer, wenn er auch reich genug dazu war, hätte so
thöricht sein können, eine Insel im Stillen
Ocean zu kaufen, welche die Regierung ausgeboten hatte? Man sagte
sich vielmehr, daß aus dem Verkauf nichts werden und daß sich kein
Liebhaber würde hinreißen lassen, den geforderten Preis gar zu
überbieten. Daran wäre freilich der öffentliche Ausrufer nicht
schuld gewesen, denn dieser bemühte sich redlich, durch seine
Redefertigkeit, seine Gesten und die mit den verlockendsten
Metaphern geschmückten Lobpreisungen die Anwesenden zu
animiren.
Man lachte – aber es bot Keiner.
»Eine Insel! Eine Insel zu verkaufen! wiederholte Gingraß.
– Aber es kauft sie kein Mensch, antwortete ein Irländer, dessen
Tasche nicht soviel enthielt, um einen Strandkiesel damit zu
bezahlen.
– Eine Insel, welche nach Taxpreis kaum auf 6 Dollars per Acre
zu stehen käme! rief der Commissär Dean Felporg dazwischen.
– Und bringt nicht ein Viertel-Procent ein! bemerkte ein dicker
Farmer und gewiegter Kenner des Landbaues.
– Eine Insel, welche nicht weniger als 64 Meilen (120 Kilometer)
im Umfang und 225 000 Acres (90 000 Hektar) an Oberfläche
mißt.
– Ruht sie wenigstens auf solidem Grunde? fragte ein Mexikaner,
ein alter professioneller Besucher des Saales, dessen persönliche
Solidität in diesem Augenblick mehr als zweifelhaft erschien.
– Eine Insel mit jungfräulichen Wäldern, posaunte der Ausrufer,
mit Hügeln, Wiesen, Wasserläufen…
– Die auch garantirt sind? schrie ein Franzose dazwischen, der
etwas geneigt schien, auf den Köder anzubeißen.
– Die Wiesen, garantirt! versicherte der Commissär Felporg, der
viel zu lange Erfahrung in seinem Metier besaß, um sich von den
kleinen Scherzen des Publikums aus der Rolle bringen zu lassen.
– Auf zwei Jahre?
– Bis zum Ende der Welt!
– Und noch ein Bischen darüber!
– Eine Insel zum vollen Eigenthum! ließ sich der Ausrufer wieder
vernehmen. Eine Insel ohne jedes schädliche Thier, ohne Raubzeug,
ohne Reptilien! ..
– Auch ohne Vögel? fügte ein Bruder Lustig hinzu.
– Und ohne Insecten? setzte ein Anderer die Fragen fort.
– Eine Insel an den Meistbietenden! rief Dean Felporg in
ruhigstem Tone. Nun vorwärts, Bürger, die Taschen aufgeknöpft! Wer
wünscht sich eine Insel in tadellosem Zustande, kaum noch
gebraucht, eine Insel des Stillen Oceans, dieses Oceans der Oceane?
Ihre Taxe beträgt fast gar nichts? Elfhunderttausend Dollars (=
4,400.000 Mark)! Nun, findet sich kein Käufer zu 1,100.000
Dollars?… Wer spricht da?… Sie, mein Herr? Waren Sie's da unten?…
Sie, der den Kopf wie ein Porzellanmandarin bewegt?… Ich habe eine
Insel!… Hier ist eine Insel!… Wer wünscht sich eine Insel?
– Zurücklegen – ein ander Bild?« rief eine Stimme, als hätte
sich's um ein Bild oder eine alte Theemaschine gehandelt.
Der ganze Saal brach in helles Gelächter aus, doch ohne daß
Jemand auf die Taxe nur einen halben Dollar geboten hätte.
Wenn das Verkaufsobject inzwischen unmöglich von Hand zu Hand
gehen konnte, so hatte man doch den Plan der Insel in vielen
Exemplaren verbreitet. Die Liebhaber sollten vorher beurtheilen
können, was sie von diesem Stückchen des Globus zu erwarten hatten.
Hier war keine Ueberraschung, keine Enttäuschung zu befürchten.
Lage, Orientation, Vertheilung und Höhenverhältnisse des Bodens,
hydrographisches Netz, Klimatologie, Verkehrswege – über Alles
konnte man sich auf's Genaueste unterrichten. Man brauchte also
nicht die Katze im Sack zu kaufen, und der geneigte Leser darf
glauben, daß von irgend einer Betrügerei bezüglich des angebotenen
Verkaufsobjects gewiß nicht die Rede sein konnte. Uebrigens hatten
die unzähligen Journale der Vereinigten Staaten, ebenso die von
Californien, wie die Tagesblätter, die Halb-Wochen- und
Wochenblätter, die Halb-Monats- und Ganz-Monats-Zeitungen, die
verschiedenen Revuen, Magazine, Bulletins u.s.w. schon seit
mehreren Monaten nicht aufgehört, die öffentliche Aufmerksamkeit
auf diese Insel zu lenken, deren Licitation durch Congreßbeschluß
gutgeheißen worden war.
Es handelte sich dabei um die Insel Spencer, gelegen in
Westsüdwest der Bai von San Francisco, gegen 460 amerikanische
Meilen (= 862 Kilometer) von der Küste, unter 32° 15' nördlicher
Breite und 142° 18' westlicher Länge von Greenwich.
Eine isolirtere Lage hätte man sich freilich kaum vorstellen
können, außerhalb aller Seeverkehrswege und Handelsstraßen,
obgleich die Insel Spencer nur in verhältnißmäßig geringer
Entfernung und sozusagen noch in amerikanischem Gewässer lag. Hier
umschließen aber die schräg nach Norden und nach Süden verlaufenden
regelmäßigen Strömungen einen See mitruhigem
Wasser, den man zuweilen als das »Fleurieu'sche Becken« bezeichnen
hört.
Fast im Mittelpunkte dieser enormen Wasserfläche ohne deutlich
erkennbare Strombewegung liegt die Insel Spencer. In Sicht
derselben kommen auch nur wenige Schiffe vorüber. Die großen
Straßen des Stillen Oceans, welche die Neue Welt mit der Alten Welt
verbinden, und zwar die nach China ebenso wie die nach Japan,
durchschneiden eine weit südlichere Zone. Segelfahrzeuge würden auf
diesem Fleurieu'schen Becken endlose Windstillen antreffen und die
Dampfer, welche den geradesten Weg einschlagen, könnten keinen
Vortheil davon haben, wenn sie dasselbe passirten.
Infolge dessen nahmen weder die Einen noch die Anderen Kenntniß
von der Insel Spencer, welche sich gleich dem isolirten Gipfel
eines unterseeischen Berges des Großen Oceans erhebt. Für
Denjenigen, der sich dem Geräusch der Welt entziehen will, der die
Ruhe in der Einsamkeit sucht, hätte es in der That nichts Besseres
geben können als dieses mehrere hundert Meilen von der Küste
verlorene Land. Für einen freiwilligen Robinson wäre es ein Ideal
in seiner Art gewesen! Freilich hätte er den verlangten Preis
erlegen müssen.
Warum suchten die Vereinigten Staaten aber sich überhaupt dieser
Insel zu entledigen? Folgten sie dabei nur einer Laune? Nein. Eine
große Nation kann nicht nach augenblicklicher Laune handeln wie der
einzelne Mensch. Die wirkliche Ursache war folgende: Bei der Lage,
welche sie inne hatte, war die Insel Spencer seit langer Zeit eine
vollkommen unnütze Station gewesen. Sie zu colonisiren hätte keine
praktischen Erfolge haben können. Von militärischem Gesichtspunkte
bot sie kein Interesse, weil sie nur einen
durchwegs verlassenen Theil des Stillen Oceans beherrscht hätte.
Für den Handel erschien sie eben so belanglos, weil ihre Producte
weder für Hin- noch für Rückfahrt die Kosten gedeckt hätten. Um
darauf eine Strafcolonie zu etabliren, lag sie der Küste immer noch
zu nahe. Sie aus irgend welchen Rücksichten zu occupiren, wäre also
allemal eine nicht lohnende Mühe gewesen. So lag sie denn auch seit
über Menschengedenken völlig öde, und der aus »eminent praktischen
Männern« zusammengesetzte Congreß hatte deshalb beschlossen, die
Insel Spencer zur öffentlichen Versteigerung zu bringen – freilich
unter einer daran geknüpften Bedingung: daß der etwaige Ersteher
ein Bürger des freien Amerikas sei.
Für nichts und wieder nichts wollte man die Insel indeß nicht
weggeben; so war der Taxwerth derselben auf elfhunderttausend
Dollars festgesetzt worden. Für eine Actiengesellschaft, welche die
Urbarmachung und Ausbeutung derselben hätte betreiben können, wäre
das ja eine Bagatelle gewesen, wenn das Geschäft nur einigermaßen
günstige Chancen geboten hätte; doch man vermag gar nicht oft genug
zu wiederholen, daß davon gar keine Rede sein konnte. Alle
Sachverständigen legten auf dieses von dem Landcomplex der
Vereinigten Staaten losgerissene Stückchen Erde nicht mehr Werth,
als auf ein im ewigen Eise des Pols verlorenes Felsen-Eiland. Für
den einzelnen Particulier war die Summe immerhin eine bedeutende.
Man mußte schon reich sein, um sich eine Laune zu gestatten, welche
in jedem Falle
kaum 1/ 100Procent
von dem darauf verwandten Capital einbringen konnte. Man mußte
sogar ungeheuer reich sein, denn der Verkauf wurde nur gegen
Baarzahlung – »casch«, wie die Amerikaner sagen – abgeschlossen und
sicher sind auch in den Vereinigten Staaten
diejenigen Leute selten, welche 1,100.000 Dollars wie ein
Taschengeld in's Wasser werfen können, ohne die Aussicht, etwas
davon wieder zu sehen.
Und doch war der Congreß fest entschlossen, die Insel auch
keinen Deut unter dem Taxpreis zu veräußern. 1,100.000 Dollars!
Keinen Cent weniger, sonst blieb die Insel Spencer Eigenthum der
Union.
Man durfte also voraussetzen, daß kein Liebhaber so toll sein
werde, einen derartigen Preis daran zu wagen.
Uebrigens galt auch noch als Bedingung, daß der Eigentümer, wenn
je ein solcher gefunden wurde, nicht etwa als König der Insel,
sondern nur als Präsident der Republik daselbst auftreten dürfte.
Er hätte also niemals die Berechtigung erworben, Unterthanen zu
haben, sondern nur Mitbürger, die ihn für einen bestimmten Zeitraum
zu jenem Amte ernannten und dessen fortwährender Wiederwahl kein
Hinderniß im Wege stand. Auf jeden Fall blieb ihm verwehrt, einen
Stammbaum von Monarchen zu begründen. Niemals würde die Union die
Entstehung eines, wenn auch noch so kleinen Königreichs innerhalb
der amerikanischen Gewässer geduldet haben.
Diese Beschränkung war vielleicht geeignet, manche ehrgeizige
Millionäre abzuschrecken, welche gern mit den wilden Königen der
Sandwichsinseln, der Marquisen, Pomotus oder anderer Archipele des
Großen Oceans rivalisirt hätten.
Kurz, ob aus diesem oder einem beliebigen anderen Grunde – es
meldete sich Niemand. Die Zeit verrann; der Ausrufer überbot sich,
die Anwesenden zum Bieten zu bewegen, der Commissär strengte sein
Organ auf's Höchste an, ohne doch irgendwo eines jener leisen Zeichen mit dem Kopfe zu erhalten, welches
diesen ehrenwerthen Agenten doch niemals entgeht, und von dem
Kaufpreise sprach überhaupt fast Keiner.
Es soll hierbei nicht verschwiegen bleiben, daß der Hammer sich
immer und immer wieder über das Pult erhob, die summende Menge ließ
das jedoch unberührt. Wie vorher flogen Scherzworte herüber und
hinüber und boshafte Witze gingen von Mund zu Mund. Die Einen boten
zwei Dollars für die Insel, alle Unkosten inbegriffen: Andere
wollten gar noch Geld heraus haben, um dieselbe zu übernehmen.
Und immer rief, schrie und brüllte der Ausrufer weiter:
»Eine Insel zu verkaufen! Eine Insel zu verkaufen!«
Keiner Seele fiel es ein, zu kaufen.
»Garantiren Sie dafür, daß sich dort ›Flats‹ – das ist
goldhaltiger Alluvialboden – vorfinden? fragte der Specereihändler
Nunpy aus der Merchant Street.
– Nein, erklärte der Commissär, aber es ist nicht unmöglich, daß
sich dergleichen dort finden, und der Staat überläßt dem Erwerber
alle seine Ansprüche auf diese goldführenden Ländereien.
– Ist denn nicht wenigstens ein Vulcan da? erkundigte sich
Oeckhurst, der Schänkwirth aus der Montgomerystraße.
– Nein, ein Vulcan nicht, erwiderte Dean Felporg; da würde sie
auch theurer sein! Allgemeines Gelächter begleitete diese
Antwort.
– Insel zu verkaufen! Insel zu verkaufen! heulte Gingraß, dessen
Lungen sich vergeblich abquälten.
– Nicht einen Dollar, nicht einen halben Dollar, nicht einen
Cent unter der Taxe, sagte zum letzten Male der Auctionator; ich beginne also: Zum ersten!… Zum
zweiten!…
Todtenstille ringsherum.
– Wenn Niemand bietet, wird die Auction aufgehoben! Zum ersten!…
Zum zweiten!…
– Zwölfhunderttausend Dollars!«
Diese vier Worte erschallten aus der Mitte des Saales wie vier
Revolverschüsse.
Die ganze, einen Augenblick betäubte Versammlung drehte sich
nach dem Tollkühnen um, der es gewagt hatte, diese Zahl
hinauszurufen…
Es war William W. Kolderup aus San Francisco.
Kapitel 2 Wie William W. Kolderup mit J.R. Taskinar aus Stockton in Collision kommt
Es war einmal ein ungewöhnlich reicher Mann, der ebenso nach Millionen zählte, wie Andere nach Tausenden. Das war William W. Kolderup.
Man erklärte ihn für reicher als den Herzog von Westminster, dessen Revenuen sich auf 800.000 Pfund belaufen und der über 40.000 Mark den Tag, über 28-29 Mark in der Minute verfügen kann – für reicher als den Senator Jones von Nevada, welcher 35 Millionen Renten besitzt – selbst für reicher als Mackay, dem seine 2,750.000 Pfund Renten 6220 in der Minute, also fast 2 Mark in der Secunde abwerfen.
Wir sprechen gar nicht von den kleinen Millionären, den Rothschild's, Van der Bilt's, den Herzogen von Northumberland, den Stewarts; auch nicht von den Direktoren der mächtigen Bank von Californien und anderen in der Alten und Neuen Welt wohl accreditirten Persönlichkeiten, denen William W. Kolderup noch bequem hätte Almosen reichen können. Dieser hätte ohne sich zu bedenken, eine Million weggegeben, wie unsereins eine Mark.
Den soliden Grundstein zu seinem sich jeder Berechnung entziehenden Vermögen hatte dieser ehrenwerthe Speculant bei der ersten Ausbeutung der Golddistricte Californiens gelegt. Er war der Hauptgesellschafter des schweizerischen Capitän Sutter, auf dessen Terrain 1848 die erste Goldader entdeckt wurde. Seit dieser Zeit findet man ihn mit ebensoviel Glück wie Intelligenz betheiligt bei allen großen Unternehmungen beider Welten. Er warf sich kühn in allerlei Speculationen des Handels und der Industrie. Seine unerschöpflichen Mittel ernährten Hunderte von Fabriken; seine Schiffe exportirten deren Erzeugnisse nach dem ganzen Erdball. So wuchs sein Reichthum nicht allein in arithmetischer, sondern gleich in geometrischer Proportion. Man sagte von ihm, wie man gewöhnlich von jenen Milliardären zu sagen pflegt: daß er sein Vermögen gar nicht kenne. In Wirklichkeit kannte er es auf den Dollar, aber er machte kein Aufheben davon.
In dem Augenblick, wo wir den Leser mit all' der Ehrerbietung, welche ein Mann »von so großer Oberfläche« verdient, vorstellen, besaß William W. Kolderup zweitausend Comptoirs, vertheilt an allen Enden der Erde; vierundachtzigtausend Angestellte in den verschiedenen Bureaux Amerikas, Europas und Australiens; dreihunderttausend Correspondenten; eine Flotte von fünfhundert Seeschiffen, welche unausgesetzt für ihn unterwegs waren, und er gab jährlich nicht weniger als 1,000.000 für Stempelmarken und Briefporto aus. Er war mit einem Worte die Perle in der Krone des so reichen Frisco, ein Schmeichelname, den die Amerikaner im vertrauten Gespräch der Hauptstadt von Californien beilegen.
Ein von William W. Kolderup gethanes Gebot hatte man also unzweifelhaft das Recht für ernst gemeint zu halten; und als die Zuschauer der Auction Denjenigen erkannt, der den Taxpreis der Insel Spencer mit hunderttausend Dollars überboten hatte, entstand eine unwillkürliche Bewegung; die Witzeleien verstummten einen Augenblick, die Scherzworte wurden von Ausrufen der Bewunderung abgelöst und donnernde Hurrahs dröhnten durch den Saal.
Dann folgte dem Höllenlärmen das tiefste Schweigen; Aller Augen erweiterten sich, Aller Ohren richteten sich in die Höhe. Wären wir selbst gegenwärtig gewesen, wir hätten natürlich den Athem angehalten, um nichts von der aufregenden Scene einzubüßen, welche doch entstehen mußte, wenn irgend ein anderer Liebhaber gewagt hätte, mit William W. Kolderup concurriren zu wollen.
Doch war das zu erwarten oder überhaupt möglich?
Nein! Man brauchte nur William W. Kolderup anzusehen, um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß er bei einer Gelegenheit, welche seine finanzielle Bedeutung berührte, niemals einem Anderen weichen würde.
Er war ein großer, kräftiger Mann mit mächtigem Kopfe, breiten Schultern, wohlproportionirten Gliedern und mit solid verbundenem Knochengerüst von Eisen. Sein gutmüthiger, aber entschlossener Blick senkte sich nicht gerne zu Boden. Das in's Graue spielende, noch jugendlich volle Haar bildete einen wahren Busch um seinen Schädel, die geraden Linien seiner Nase ein geometrisch gezeichnetes, rechtwinkeliges Dreieck. Einen Schnurrbart trug er nicht. Der nach amerikanischer Mode geschnittene Bart ließ die Mitte des Kinnes frei, schloß sich mit zwei Spitzen an die Lippenenden an und endigte mit »Pfeffer- und Salzfarbe« an den Schläfen. Dazu hatte er weiße, symmetrisch am Rande eines feinen, geschlossenen Mundes vertheilte Zähne, ein richtiger Commodorekopf, der sich beim Sturm erhebt und dem Orcan das Gesicht zukehrt. Kein Unwetter hätte ihn beugen können, so sicher war derselbe auf dem ihm als Stütze dienenden Halse eingelenkt. Bei einem solchen Kampfe bedeutete jede Bewegung dieses Kopfes von oben nach unten nicht weniger als hunderttausend Dollars.
Aber hier war an keinen Kampf zu denken.
»Zwölfhunderttausend Dollars! Zwölfhunderttausend Dollars! rief der Commissär mit dem eigenartigen Accente eines Agenten, der endlich einen Lohn für seine Bemühungen winken sieht.
– Zu zwölfhunderttausend Dollars hat sich ein Käufer gemeldet! wiederholte der Ausrufer Gingraß.
– O, man könnte getrost mehr bieten, murmelte der Schänkwirth Oeckhurst, William W. Kolderup würde doch nicht nachgeben.
– Er weiß wohl, daß sich's Niemand erdreisten wird!« antwortete der Krämer aus der Merchant Street.
Vielfache »St!« ge...
Table of contents
- Kapitel 1 In dem der Leser Gelegenheit haben wird, wenn es ihm beliebt, eine Insel zu erstehen
- Kapitel 2 Wie William W. Kolderup mit J.R. Taskinar aus Stockton in Collision kommt
- Kapitel 3 Worin ein Gespräch zwischen Phina Hallaney und Godfrey Morgan auf dem Pianino begleitet wird
- Kapitel 4 In welchem T. Artelett, genannt Tartelett, dem Leser Ordnungsmässig vorgestellt wird
- Kapitel 5 In welchem man sich zur Abreise vorbereitet und gegen Ende auch wirklich unter günstigen Aussichten abfährt
- Kapitel 6 In welchem der Leser dazu kommt, die Bekanntschaft einer noch neuen Persönlichkeit zu machen
- Kapitel 7 Worin man sehen wird, daß Kolderup vielleicht nicht Unrecht daran gethan hatte, sein Schiff zu versichern
- Kapitel 8 Welches Godfrey zu recht traurigen Reflexionen über Reisewuth veranlaßt
- Kapitel 9 Wo es sich zeigt, daß das Geschäft als Robinson eben nicht viel Verlockendes hat
- Kapitel 10 Worin Godfrey thut, was jeder andere Schiffbrüchige in seiner Lage gethan hätte
- Kapitel 11 Worin die Frage wegen eines Unterkommens so gut wie gelöst wird
- Kapitel 12 Welches zur rechten Zeit mit einem prächtigen und glücklichen Blitzschlag endigt
- Kapitel 13 Worin Godfrey an einem anderen Punkte der Insel wieder leichten Ranch aufsteigen sieht
- Kapitel 14 In dem Godfrey eine Seetrift findet, welche er und sein Gefährte sich mit großem Vergnügen aneignen
- Kapitel 15 Worin etwas vorkommt, was jedem wirklichen und erdichteten Robinson in seinem Leben wenigstens einmal passirt
- Kapitel 16 In welchem sich ein Vorfall ereignet, der den Leser gar nicht verwundern kann
- Kapitel 17 In welchem die Flinte Tartelett's wahrhafte Wunder bewirkt
- Kapitel 18 Welches von der moralischen und physischen Erziehung eines einfachen Eingebornen des Stillen Oceans handelt
- Kapitel 19 In welchem die schon schwer erschütterte Situation sich noch weiter verschlimmert
- Kapitel 20 In welchem Tartelett in allen Tonarten wiederholt, daß er fort will
- Kapitel 21 Welches mit einer höchst überraschenden Bemerkung des Negers Carefinotu endigt
- Kapitel 22 In dem sich schließlich Alles aufklärt, was bisher völlig unerklärlich erschien
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